Eilmeldung
This content is not available in your region

Corona im Winter: Gefahr neuer Wellen und weiterer Lockdowns

euronews_icons_loading
Skifahrer in Österreich Ende Oktober
Skifahrer in Österreich Ende Oktober   -   Copyright  JOE KLAMAR/AFP or licensors
Schriftgrösse Aa Aa

Über den harten Lockdown in Österreich haben wir mit Prof. Dr. Michael Wagner, Mikrobiologe von der Uni Wien, gesprochen, der den Gurgeltest an österreichischen Schulen durchgeführt hat. Er warnt davor, das Coronavirus zu verharmlosen und vor dem Zyklus "Lockerungen-Lockdowns".

Euronews: Haben Sie die österreichische Regierung beraten und sind Sie mit allen Maßnahmen, die getroffen wurden, einverstanden?

Michael Wagner: Ich berate nicht direkt die Regierung. Das Einzige, was wir tun, das ist aber - glaube ich - sehr wertvoll, wir liefern über die Schulsstudie - und WIR, das sind vier Universitäten: die Medizinische Uni in Graz, in Innsbruck, in Linz und eben die Uni Wien - Daten über das Infektionsgeschehen an Schulen. Das kann eine Grundlage sein für politische Entscheidungen.

Schulschließungen sind der letzte Schritt, den man machen soll, aufgrund dieser vielen Schäden, die man dadurch auslöst. Wir haben mehr als 10.000 Gurgelproben genommen an über 200 Schulen in ganz Österreich. Die erste Runde ist abgeschlossen, Testphase 1 war bis Ende Oktober. Das ganze Schuljahr über werden die Schulen überwacht.

Schulstudie: Kein Unterschied zwischen SchülerInnen und LehrerInnen

Euronews
Prof. Dr. Michael Wagner, Uni WienEuronews

Michael Wagner: Wir haben 0,4 Prozent Prevalenz, jeder 250. - SchülerIn oder LehrerIn - war infiziert. Wir sehen keinen Unterschied zwischen jungen Kindern und älteren Kindern. Und es gibt auch keinen signifikanten Unterschied zwischen LehrerInnen und SchülerInnen. Es wird oft spekuliert, dass jüngere Kinder weniger stark von der Pandemie auch von den Infektionszahlen betroffen wären, das können wir nicht bestätigen. Wir sehen da ziemlich gleiche Zahlen.

Höhere Infektionszahlen in Brennpunkt-Schulen

Spannend war auch, dass wir in sogenannten Brennpunkt-Schulen, wo viele Kinder eher sozial benachteiligt sind, deutlich höhere Infektionszahlen sehen. Das Risiko, dort jemanden zu finden, der infiziert ist, ist über drei Mal so hoch wie an anderen Schulen.

An solchen Brennpunktschulen gibt es viel mehr Infizierte, dafür gibt es verschiedene Erklärungsmöglichkeiten: es kann sein, dass man mit den Maßnahmen nicht so durchdringt: es können Sprachbarrieren sein, es kann sein, dass die Familie in anderen Arbeitsverhältnissen ist, in denen man sich leichter ansteckt, oder dass man Kinder nicht so leicht zu Hause halten kann, auch wenn sie doch Symptome haben.

Zu Beginn der zweiten Runde der Schulstudie - das ist noch nicht ausgewertet -, aber da sind die Zahlen deutlich nach oben gegangen. Da tut sich etwas an den Schulen.

Die Zahlen in Österreich sind sehr beunruhigend

Euronews: Halten Sie die Infektionszahlen in Österreich für besorgniserregend?

Michael Wagner: Die Zahlen in Österreich sind sehr beunruhigend. Wir kommen an die Kapazitätsgrenze in den Krankenhäusern. Es werden schon Operationen verschoben. Ohne Lockdown wären oder vieleicht werden die Kapazitäten Ende der kommenden Woche erschöpft. Wenn es keine Krankenhausbetten mehr gibt, betrifft das auch andere Patienten.

Deutschland hat diesmal früher reagiert

Euronews: Sehen Sie die Situation in Deutschland sehr anders?

Michael Wagner: Deutschland hat in der ersten Welle später reagiert als Österreich, dieses Mal hat Deutschland deutlich früher reagiert, wenn man auf die Infektionszahlen pro Einwohner blickt - und da machen ein paar Tage viel aus. Das liegt, glaube ich, daran, dass wir im Sommer verharmlost haben.

Wir haben schon gesehen, dass die Zahlen steigen, aber auch Experten haben von einem "Test-Tsunami" gesprochen. Die Solidarität hat seit dem Frühjahr stark abgenommen. Obwohl die Zahlen hochgingen, hat man das im Sommer ignoriert und dann erst nur einen halbherzigen Lockdown eingeführt, der wenig Effekt hatte. Jetzt greift man zum harten Lockdown, der in Israel sehr effizient funktioniert hat.

In Deutschland wurde Verharmlosern weniger Bühne geboten

Euronews: Sind die Menschen in Deutschland verantwortungsbewusster?

Michael Wagner: Ich habe das Gefühl, dass die Politik schneller reagiert hat und dass den Verharmlosern, die es in Deutschland auch gibt, etwas weniger Bühne geboten wurde. In Österreich gab es ganze Fernsehsender, die sich darauf spezialisiert haben, Verharmlosern eine Bühne zu geben.

Euronews: Sie sind optimistisch, dass die harten Maßnahmen in Österreich wirken und was sehen Sie für die Zeit danach, f¨ür Weihnachten?

Die Gefahr ist ein Zyklus aus Lockerungen und Lockdowns

Michael Wagner: Ich glaube schon, dass dieser Lockdown jetzt helfen wird, einfach aus der Erfahrung in anderen Ländern heraus, wenn die Leute sich daran halten. Das ist auch der Aufruf an alle, sich daran zu halten. Die wirklich kritische Zeit kommt danach. Wir haben wirklich schönes Wetter gehabt in Österreich im November. Coronaviren sind saisonal. Die Herausfoderung ist, wenn die ersten Kälteperioden kommen. Die Gefahr besteht, dass man wieder verharmlost. Es kommen das Weihnachtsgeschäft, die Weihnachtsferien und der Wintertourismus in Österreich. Dann sind wir Ende Jänner oder Januar wieder im Lockdown.

Euronews: Wird es dann wieder neue Lockdowns geben?

Michael Wagner: Wir müssen in Österreich jetzt die Zeit nützen während des Lockdowns, anders über die Pandemie zu kommunizieren. Im März war es sehr eindringlich. Über den Sommer hat man den Eindruck bekommen, dass die Pandemie weniger ernst genommen wurde. Ich habe mit vielen Leuten gesprochen, die gesagt haben: 'Covid ist vorbei'. Das haben jetzt die meisten kapiert, dass das ein Fehler war, aber ich hoffe, dass wir diesen Fehler nicht wiederholen. Das heißt, entweder wir verstehen und lernen aus den Fehlern oder wir sind dazu verdammt zu wiederholen - nämlich diesen Zyklus aus Lockerungen und Lockdowns.

Euronews: Sehen Sie, dass andere Staaten besser reagiert haben?

Michael Wagner: Besser reagiert haben für mich Länder wie Taiwan, wie Neuseeland, wie Australien, wie Südkorea, wie Vietnam, wie China. Es gibt schon viele Beispiele international.

Jeder muss sein Leben durchforsten und sich zurücknehmen

Es hat auch viel mit gesellschaftlicher Realität zu tun und mit dem Sich-selbst-ein-Stück-Zurücknehmen. Es wird nicht funktionieren in der Pandemie, wenn wir weiterhin in Restaurants gehen und in Fitness-Studios, in Chören singen. So eine Welle baut sich langsam auf. Jeder muss einsehen, dass er sich ein bisschen zurückzunehmen muss. Solange wir nicht einsehen, dass jeder verzichten muss, wird es nicht funktionieren. Jeder muss sein Leben durchforsten und sich fragen: Wo kann ich mich zurücknehmen?, um einen Beitrag zum großen Ganzen zu leisten.

Das spiegelt ganz gut wieder, wohin wir uns entwickelt haben in ganz Europa - in eine auf das Individuum fokussierte Gesellschaft, wo keiner zurückstecken mag.