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"Esoterik und Rechtsextremismus sind einander näher als wir denken"

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Dana Buchzik ist Expertin für Radikalisierung und Verschwörungstheorien, sie beschäftigt sich mit dem Phänomen, das durch die Covid-19-Pandemie verschärft wurde. Warum finden Verschwörungstheorien solchen Anklang? Wer sind die Menschen, die daran glauben und was hat Donald Trump damit zu tun? Ein Interview.

Euronews: Wieso fühlen sich Menschen von Verschwörungstheorien angesprochen?

Dana Buchzik: Wenn wir im Leben mit furchtbaren Ereignissen konfrontiert werden, empfinden wir nicht nur Angst, sondern auch Zorn, und wer zornig ist, sucht nach Schuldigen. Das macht uns anfällig für Gerüchte und Verschwörungserzählungen.

Je emotionaler eine Erzählung ist, desto überlebensfähiger wird sie sein. Der Zufall, der ein Virus mutieren und die Artenbarriere überspringen lässt, taugt nicht zum Feindbild. Der Glaube an eine finstere Elite, die SARS-CoV-2 im Labor züchten ließ, aber schon.

Verschwörungstheoretiker und Populisten: Meister der kryptischen Andeutungen

Euronews: Wieso feiern viele Verschwörungstheoretiker Trump als Retter und Helden?

Dana Buchzik: Verschwörungsmythen und Populismus passen gut zusammen. Populisten lassen, genau wie Verschwörungserzähler, keine andere Deutung der Realität zu als ihre eigene. Sie diffamieren ihre Kritiker als Lügner und Kriminelle. Sie stellen demokratische Strukturen infrage und werben mit grandiosen Heilsversprechen. Und sie sind erfolgreich, gerade weil sie keine realistischen Lösungsansätze anbieten, sondern nur Stichwortgeber sind. Verschwörungstheoretiker und Populisten sind Meister der kryptischen Andeutungen. Ihre Sätze sind Einladungen. Die eigentliche Geschichte entsteht erst in den Köpfen derer, die diese Einladung annehmen.

Es ist eine Heldengeschichte: Der Gläubige wird zum heroischen Protagonisten, der sich einer korrupten Elite entgegenstellt und so die Welt rettet.
Dana Buchzik
Expertin für Verschwörungstheorien

Euronews: Bei den Querdenkern und Corona-Demos trifft man nicht nur auf Rechtsradikale, sondern auch Esoteriker und Hippies. Woher kommt dieser Mix und diese auf den ersten Blick seltsame Verbindung?

Dana Buchzik: Esoterik und Rechtsextremismus sind einander näher, als wir spontan denken würden. Beide Ideologien gehen von einer "naturgegebenen" Ordnung aus, die vor bösen Mächten beschützt werden muss, und in beiden Ideologien ist nicht jedes Leben gleich viel wert.

Esoterik und Rechtsextremismus sind einander näher, als wir spontan denken würden.
Dana Buchzik
Expertin für Verschwörungstheorien

Der Begründer der Anthroposophie zum Beispiel, Rudolf Steiner, verbreitete rassistische und antisemitische Stereotypen. Er bezeichnete die Demokratie als Mittel zur Ausbeutung der Menschheit. Er warnte vor der Presse, die den Alltag "beherrsche". Er behauptete, die Menschen hätten keinen "Wirklichkeitssinn", sondern seien "schläfrig", und die wenigen, die "aufwachten" würden systematisch ignoriert werden. Wie weit ist es von dort bis zur Systempresse? Zum Schlafschaf? Zur angeblichen politischen Unterdrückung der Wahrheit?

Corona-Infektion nur bei "falschem Mindset"

Esoteriker reden gern über Liebe. Sobald wir aber ihre Parolen zu Ende denken, zeigt sich Menschenfeindlichkeit. Esoterische Corona-Leugner behaupten unter anderem, dass Covid-19 nur der bekommt, der Angst hat. Der das falsche Mindset hat.

Genauer gesagt: Wer krank wird, wollte sich eben nicht erwecken lassen. Wer krank wird, hat die Krankheit gewählt und verdient kein Mitgefühl. Deswegen ist es für esoterische Corona-Leugner kein Problem, im Alltag keine Schutzmaßnahmen einzuhalten oder neben Rechtsextremisten und unter wehenden Reichskriegsflaggen zu marschieren: Die Menschenleben, die sie gefährden, sind die Leben von Ungläubigen und deswegen für sie nichts wert.

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Euronews: Wie gehen Querdenker und andere Corona-GegnerInnen vor, um neue Anhänger für ihre Bewegung zu mobilisieren? Was macht diese Bewegung so zugänglich, dass Zehntausende auf die Straße gehen?

Dana Buchzik: Hier wirkt ein grundlegender menschlicher Reflex: Wenn wir unseren Alltag nicht mehr als stabil erleben, wenn sich ständig die Regeln ändern, wie es auch in der globalen Pandemie der Fall ist, wächst in manchen Menschen ein so genannter "Need for closure". Das bedeutet, dass sie sich eine sofortige Klärung und Auflösung der schwierigen Lebenssituation wünschen und eine starke Abneigung gegen Mehrdeutigkeiten entwickeln.

Radikalisierung: ein langwieriger Prozess

Auf der Suche nach einem "Anbieter" für Klärung wenden sie sich dem zu, was sie kennen. Das erklärt zum Einen die gestiegenen Umfragewerte für die Union und das erhöhte Interesse am Journalismus im ersten Quartal 2020, denn die Mehrheitsgesellschaft ist nicht radikal. Sie orientiert sich in Krisenzeiten an den demokratischen Institutionen, denen sie auch vorher vertraut hat.

Der "Need for closure" erklärt aber auch die Querfront-Proteste und das starke Wachstum der Verschwörungs-Communities. Radikalisierung ist ein komplexer und langfristiger Prozess. Wir können davon ausgehen, dass die große Mehrheit der Menschen, die jetzt gegen die staatlichen Maßnahmen protestieren, eben nicht "plötzlich" radikal geworden sind, sondern schon lange vor Ausbruch der Pandemie radikale Meinungen hatten.

Euronews: Wie passt die Bemühung von Kriegsmetaphern, die von vielen Querdenkern oder auch Reichsbürgern genutzt wird und das ständige Bestehen auf Frieden und friedvolle Demonstrationen zusammen? Was soll damit bewirkt werden?

Verschwörungstheoretiker: Botschafter für eine bessere Welt?

Radikalisierte Menschen wollen sich das eigene Leben unbedingt als Heldengeschichte erzählen. Wer aber als Held in die Geschichte eingehen will, dem nutzt Frieden nichts. Wer Held sein will, braucht einen Krieg. Radikalisierte Menschen nutzen Kriegsmetaphern, um ihren Alltag aufzuwerten. Sie erleben sich dabei nicht als feindselig, sondern tatsächlich als Botschafter für eine bessere Welt. Den Krieg haben ihrer Meinung nach die anderen begonnen; sie setzen sich bloß zur Wehr. Das heroische Ziel rechtfertigt dabei alle Maßnahmen, im extremsten Fall auch Gewalt.

Wer aber als Held in die Geschichte eingehen will, dem nutzt Frieden nichts. Wer Held sein will, braucht einen Krieg.
Dana Buchzik
Expertin für Verschwörungstheorien

Euronews: Woher kommt es, dass Verschwörungstheoretiker und Radikalisierte an widersprüchliche Theorien glauben? Nehmen Sie als Beispiel den Vegan-Koch Attila Hildmann: Er propagiert die geplante Ausrottung der Weltbevölkerung und gleichzeitig spricht er von deren Versklavung...

Dana Buchzik: Verschwörungserzählungen bedeuten anfangs eine große Erleichterung: Endlich gibt es einen offensichtlichen Grund für das eigene Unwohlsein, endlich gibt es einen konkreten Schuldigen. Diese Erleichterung ist aber nicht von Dauer. Das scheinbare Wissen um eine gefährliche globale Elite verstärkt Wut, Angst und die Überzeugung, jetzt und sofort die Welt retten zu müssen. Das führt zu aggressiven Missionierungsversuchen im Umfeld, die in den meisten Fällen scheitern. Also suchen Verschwörungsgläubige verstärkt Anschluss in radikalen Online-Communities. Dort werden ihre Ansichten weiter verschärft.

Radikalisierung konfrontiert uns als Gesellschaft mit den eigenen Bruchstellen.
Dana Buchzik
Expertin für Verschwörungstheorien

Radikalisierung bedeutet, um es mit dem Extremismusforscher Daniel Köhler zu sagen, eine Ent-Polarisierung. Irgendwann kreist das eigene Leben nur noch um die radikale Ideologie. Wenn die Ideologie aber ein so grausames Bild von der Welt zeichnet, wie es bei Verschwörungsmythen der Fall ist, erzeugt das massiven Stress. Stress wiederum beeinträchtigt unsere Fähigkeit, logisch zu denken. Deswegen fällt es Verschwörungsgläubigen nicht auf, wenn sie an widersprüchliche Erzählungen glauben.

Euronews: Was kann man gegen Radikalisierung und Verschwörungstheorien tun? Kann die Politik ihren Teil dazu beitragen, einer weiteren Radikalisierung den Riegel vorzuschieben? Sollte sie etwa Demonstrationen verbieten? Welche Rolle spielen dabei die Medien?

Dana Buchzik: Radikalisierung konfrontiert uns als Gesellschaft mit den eigenen Bruchstellen. Auf politischer Ebene konfrontiert sie uns mit den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise, mit intransparenter Kommunikation und gebrochenen Wahlversprechen. Auf gesellschaftlicher Ebene konfrontiert sie uns mit der Abwertung von Menschen, die wir als "auffällig" erleben.

Der Reflex, Radikale als denkfaul, dumm oder psychisch krank abzuwerten, ist nicht nur sachlich falsch, sondern gießt auch Öl ins Feuer.
Dana Buchzik
Expertin für Verschwörungstheorien

Und nicht zuletzt wirft Radikalisierung uns auf Bruchstellen auf sozialer Ebene zurück. Eine internationale Studie zu terroristischen Einzeltätern hat ergeben, dass in fast 64 Prozent der Fälle Familienmitglieder oder Freunde von den gewaltvollen Plänen wussten. Wie viel höher wird dieser Prozentsatz ausfallen, wenn es "nur" um verschwörungsmythische Erweckungserlebnisse geht? Um Demokratiefeindlichkeit, Rassismus oder eine private Waffensammlung?

So wie bei jedem komplexen Problem müsste sich die Gesellschaft ändern, um eine nachhaltige Lösung zu ermöglichen. Anders gesagt: Wir alle können - und müssen - etwas tun. Die Radikalisierungsforschung zeigt, dass Angehörige und Freunde die mächtigste Allianz gegen Radikalisierung sind. Wir brauchen deutschlandweite professionelle Beratungsangebote, und zwar nicht nur im Bereich Islamismus und Rechtsextremismus. Psychologische Unterstützung und kommunikative Schulungsangebote könnten viele Eskalationen verhindern. Und sie können dabei helfen, Heldengeschichten zu entwickeln, für die der demokratisch-humanistische Boden nicht verlassen werden muss.

Löschung von Profilen auf Sozialen Netzwerken löst nicht das grundlegende Problem

Euronews: Wie beurteilen Sie das Vorgehen von Facebook, Twitter, Youtube, etc. User-Profile einfach zu löschen? Ist das hilfreich oder befeuert es im Gegenteil noch mehr die Radikalisierung?

Dana Buchzik: Das Löschen von Profilen trägt, ebenso wie organisierte Gegenrede, die oft von deutschen NGOs empfohlen wird, kurzfristig zu einem Verstummen von Hass und Verschwörungserzählungen auf der jeweiligen Plattform bei. Das bietet Entlastung für alle, die zur Zielscheibe von radikalen Personen oder Gruppen geworden sind. Das Problem selbst wird so nicht gelöst. Radikale werden auf weniger regulierte Plattformen wie Telegram oder Discord ausweichen und sich dort deutlich schneller und stärker radikalisieren, weil jedes Korrektiv wegfällt.

Radikalisierung als Gefahr für die Gesellschaft

Euronews: Wie schnell können Verschwörungstheoretiker gefährlich werden?

Dana Buchzik: Mehrere Attentäter der jüngeren Vergangenheit, darunter der Pittsburgh-Schütze, der 2018 elf Menschen in einer Synagoge tötete, der Attentäter von Halle und der Attentäter von Hanau glaubten bzw. glauben an antisemitische Verschwörungserzählungen. Auch die Forschung zeigt, dass verschwörungsgläubige Gewalt häufiger als legitime Ausdrucksform bewerten. Es ist höchste Zeit, diese Menschen nicht mehr als "Spinner" abzuwerten und zu verspotten, sondern Radikalisierung als Gefahr für unsere Gesellschaft ernst zu nehmen.