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Die "neue Armut": Corona, das Brennglas für die Bruchstellen der Gesellschaft

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Von Hans von der Brelie  & Cristina Giner, Johannes Pleschberger, Sabine Sans
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Die "neue Armut": Corona, das Brennglas für die Bruchstellen der Gesellschaft
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Die wirtschaftlichen Folgen der COVID-Epidemie treiben Menschen, die bislang selbstständig für ihr Auskommen sorgen konnten, in die Armut. Wie gehen EU-Mitgliedstaaten wie Spanien und Österreich mit dieser Situation um? Unreported Europe geht auf Spurensuche in Wien und Barcelona.

Die "neue Armut" in Spanien

Barcelona – die Stadt der Unternehmer und Touristen, ein Ort, um Geld zu verdienen. Doch die spanische Küstenstadt hat auch Schattenseiten: Menschen in Not stehen Schlange vor Hilfsorganisationen. Sie haben nichts. Nur Hunger. Die wirtschaftlichen Folgen der COVID-Epidemie lassen die Schlangen der Bittsteller länger und länger werden. Eine "neue Armut" macht sich in Spanien breit.

"Auch Teile der Mittelschicht leiden mittlerweile unter den wirtschaftlichen Folgen der COVID-Krise", sagt euronews-Reporterin Cristina Giner. "Rund die Hälfte der Menschen in Not sind sogenannte 'neue Arme', Menschen, die sich das erste Mal in ihrem Leben in einer derartigen Lage befinden. Wir begleiten eine dieser Familien, eine Familie, die alles verloren hat."

Antonio und Cristina haben drei Kinder. Das COVID-Chaos trieb ihr kleines Tapas-Restaurant in die Pleite. Sie konnten ihre Miete nicht mehr bezahlen, verloren ihre Wohnung. Das Nötigste zum Leben bekommen sie von der Nachbarschaftshilfe DE VEÍ A VEÍ. Eine völlig neue Situation für Antonio Ruiz Lázaro:

"In meinem ganzen Leben habe ich mich noch nie in so einer Lage befunden, hätte ich sonst drei Kinder in die Welt gesetzt? Bislang ging es mir gut. Jetzt läuft alles schief in meinem Leben, jetzt muss ich sogar um etwas zu Essen bitten - klar, zunächst schämt man sich."

Im September, als die Familie auf der Straße stand, besorgte die Stadtverwaltung ihr eine leerstehende Touristenunterkunft - eine Bleibe bis zum Sommer. Tonis Frau Cristina stammt aus Rumänien. Ihre Beobachtung: die Armut nimmt zu - auch in Spanien.

"Bislang kannten viele Familien Einrichtungen wie die Caritas oder ähnliche Organisationen nur vom Hörensagen. Jetzt stehen sie an und bitten um Nahrungsmittel", so Cristina Moisé. "Es gibt eine Hemmschwelle, doch wenn man etwas zum Essen haben will, bleibt einem nichts anderes übrig. Und Dank der Tatsache, dass es solche Hilfsorganisationen gibt, müssen wir nicht im Müll nach Resten suchen oder stehlen."

Der Familienvater fasst ein trauriges Résumé: "Wir waren eine ganz normale Durchschnittsfamilie, nicht gerade reich, aber wir kamen über die Runden. Heute leben wir von 400 Euro Sozialhilfe, die meine Frau bekommt. Plus die Essenspakete. Wir haben einen Antrag eingereicht für dieses neue Grundeinkommen, aber noch keinen Bescheid bekommen. Ich bekomme noch nicht einmal Arbeitslosengeld. Nichts. Ich kann meinen Kindern noch nicht einmal ein kleines Eis spendieren."

Zeit, die kleine Lia von der Schule abzuholen, die liegt gleich gegenüber von Tonis ehemaliger Tapas-Bar. Covid und Schulden zwangen Toni, an chinesische Investoren zu verkaufen:

"Ich hatte mir das nach meinem Geschmack eingerichtet, es sah gut aus, war praktisch", erzählt Toni. "Außerdem ist die Schule gleich gegenüber, gelegentlich habe ich einen Blick rübergeworfen. Die Tapas-Bar war mein Lebenstraum, der ist nun kaputt, irgendwas ist schiefgelaufen und das tut verdammt weh."

COVID treibt Menschen in die Armutsfalle

COVID treibt die Zahl der von Armut bedrohten Menschen nach oben: plus eine Million "neue Arme" gibt es in Spanien (Quelle: Oxfam). Vor COVID gab es geschätzt 12 Millionen Arme - jetzt sind es 13 Millionen. Warum trifft es ausgerechnet Spanien so brutal hart, wollen wir vom Präsidenten der Nachbarschaftshilfe "DE VEÍ A VEÍ" wissen:

"Wir haben die Ausmaße des informellen Sektors unterschätzt", so Rafael Martinez Buñuel. "Jetzt ist uns klar geworden, dass enorm viele Menschen schwarz gearbeitet haben. Wegen COVID fällt das nun alles weg. Das waren gewissermaßen unsichtbare Arbeit, unsichtbare Einkommen, unsichtbare Armut. Vor COVID haben wir pro Monat zweieinhalb Tonnen Hilfsgüter an etwas 130 Menschen verteilt. Allein in den vergangenen acht COVID-Monaten, haben wir bereits hundert Tonnen Nahrungsmittel ausgegeben!"

Seit der Coronakrise hat der kleine Verein rund 2.000 verschiedenen Menschen geholfen, darunter etwa 400 Familien, die sie mit "Einkaufskörben" zu stabilisieren versuchen. Darüber hinaus geben sie von Montag bis Samstag warme Mahlzeiten aus.

Von Nachbar zu Nachbar

"De Veí a Veí" bedeutet auf Katalanisch "Von Nachbar zu Nachbar". Antonio, 45 Jahre alt, Vater von drei Kindern (Lia 6, Antonio 4, Sofia 2) besaß eine Bar im Viertel Sant Antonio in Barcelona. Die Bar lief vor der Pandemie nicht besonders gut, aber sie hielten am Geschäft fest. Dann kam die Pandemie und der Lockdown. Er verkaufte seine Hamburger- und Tapas-Bar an eine chinesische Familie. Er hat Schulden in Höhe von ca. 70.000 Euro und kann sie nicht bezahlen - weil es kein Einkommen wegen COVID gibt.

Antonios Familie wurde Mitte September aus ihrer Wohnung geräumt, weil sie die Miete nicht mehr zahlen konnten. Die Stadtverwaltung von Barcelona gab ihnen ein leerstehendes Touristenappartement, als vorübergehende Notlösung. Von der emotionalen Seite her sagt Antonio, dass es "sehr schwer ist, manchmal kann ich nachts nicht schlafen". Zu der Erfahrung, als sie das erste Mal nach Essen fragen mussten, sagte er: "Natürlich schämt man sich, aber entweder das oder man stiehlt." Er spricht auch über seine gesundheitlichen Probleme wegen des Stresses, den die Pandemie verursachte: Er hat 20 Kilo abgenommen, bekam stressbedingte Diabetes.

Cristina Moisé, seine Frau aus Rumänien (35), konnte nicht arbeiten, weil sie sich um die drei kleinen Kinder kümmerte. Sie wartet darauf, dass der Jüngste eingeschult wird und dass die Covid-Krise vorbei ist, um sich eine Arbeit zu suchen.

Um Menschen wie Antonio und Cristina zu helfen, hat Spanien in der ersten Jahreshälfte 2020 ein Grundeinkommen eingeführt. Viele Millionen Spanier sind anspruchsberechtigt. Doch es hapert mit der Auszahlung, die Verwaltung kommt offenbar mit der Menge der Anträge nicht zurecht.

Die "neue Armut" in Wien

Wien – die Stadt der Unternehmer und Touristen, ein Ort, um Geld zu verdienen. Doch Wien hat auch Schattenseiten: Menschen ohne Obdach. Sie haben nichts. Nur Hunger. Die "Volkshilfe Wien" bestätigt: die wirtschaftlichen Folgen der COVID-Epidemie sind brutal. Die "neue Armut" macht sich auch in Österreich breit.

"Über ein Dutzend dieser Lebensmittelsäcke warten darauf, an das Wiener Obdachlosenheim Nordlicht geliefert zu werden", erklärt euronews-Reporter Johannes Pleschberger. "Denn zerstörte Existenzen wegen der CORONA-Krise gibt es auch in Österreich. Hier, im sechstreichsten Land der Europäischen Union, landen eigentlich erfolgreiche Menschen plötzlich auf der Straße."

So ging es auch Regina M. aus Hessen. Die 61-jährige arbeitet überall in Europa, als Zimmermädchen in Hotels, sie kann kochen, Betten beziehen, hat einen guten Draht zu Gästen. Diesen Sommer arbeitete sie auf Mallorca. Mit einer festen Job-Zusage für den Winter reiste sie mit ihren beiden jungen Hunden nach Österreich. Mit der zweiten COVID-Welle war der Job weg. Sie erzählt:

"Ich habe mir ein Pensionszimmer genommen, das habe ich vier Wochen gehalten, dann habe ich gemerkt, das Geld wird immer weniger, die Hunde wollen essen, ich will essen. Wenn es hier kein Essen und Trinken gäbe, dann wüsste ich auch nicht, dann müsste ich irgendwie betteln gehen. Ich war noch nie in so einer Situation, wie ich gerade jetzt bin. Du weißt nicht nach vorne, weißt nicht zurück. Und ich bin nur eines von Tausenden oder von Millionen von Schicksalen. Tut mir leid, aber ich bin im Moment auch ziemlich unten. Meine Nerven flattern gerade so ein bisschen, denn ich mache mir halt auch viele Sorgen um mich."

Im Obdachlosenhosenheim Nordlicht der Wiener Volkshilfe bekommt Regina nun ein Bett und warme Kost. Ihr Antrag auf Arbeitslosengeld wurde abgelehnt - es fehlen ihr 127 Arbeitstage, und die österreichische Verwaltung tut sich schwer, Reginas Arbeitszeiten in Spanien anzurechnen.

Die Helfer im Heim sind für Regina eine Art zweite Familie. Regina M. meint: "Das ist so eine Art Kuscheleffekt, da kann ich Witze machen, auch mal weinen." Claudia, eine Mitarbeiterin der Volkshilfe Wien-Nordlicht sagt: "In erster Linie leisten wir Beziehungsarbeit. Und alles andere ist drumherum. Wie in einer Familie."

Die in der "Armutskonferenz" zusammengeschlossenen Vereine und Organisationen schlagen Alarm: COVID treibt Alleinerziehende, Solo-Selbstständige, kleine Gewerbetreibende und Saisonarbeiter in die Armut.

Tanja Wehsely, Direktorin der Volkshilfe Wien, sagt:

„Die Coronakrise, ist wie ein Brennglas, das auf die Bruchstellen in einer Gesellschaft hindeutet. Wir haben einen Zulauf von über 70 Prozent mehr Menschen, die zu uns kommen, um Soforthilfe, Lebensmittelhilfe bitten. Es stehen Menschen in den Schlangen, die sich nie gedacht haben, dass sie einmal ein Lebensmittelpaket für ihre Familie beziehen werden."

(Weitere Auszüge des Interviews mit Tanja Wehsely im Bonus-Interview.)

Regina gibt nicht auf. Ihre 48. Bewerbung übergab sie der Präsidentin der Österreichischen Hoteliersvereinigung, Michaela Reitterer, persönlich. Reitterer ist die Gründerin und Besitzerin des umweltfreundlichen Wiener Boutique-Hotels Stadthalle - das während des Lockdowns schließen musste.

Anfang des Jahres, nur wenige Wochen bevor COVID Österreich heimsuchte, investierte Michaela Reitterer rund 720.000 Euro, um ihr Hotel zu modernisieren, "nun, das wird jetzt einige Zeit dauern, bis ich das investierte Geld zurückverdiene", erzählt sie euronews, immer noch lächelnd, "aber nun, das ist das Risiko unseres Berufs und vielleicht die eigentliche Definition von Unternehmertum: manchmal geht es aufwärts, manchmal geht es abwärts... und dann wieder aufwärts" - ein weiteres Lächeln.

Tourismus erbringt über sieben Prozent der österreichischen Wirtschaftsleistung. Normalerweise fehlt es der Branche an Arbeitskräften. In den vergangenen Jahren startete die Branche immer wieder großangelegte Werbe- und Marketingaktionen, insbesondere in Mittel- und Osteuropa, um Küchenhilfen, Zimmermädchen, Kellner, Rezeptionisten und anderes Personal zu finden. Nun hat COVID die Situation auf den Kopf gestellt, die allermeisten Hotels sind zu. Das Hotelgewerbe rechnet mit sechs Milliarden Euro weniger Einnahmen in diesem COVID-Jahr 2020.

"Als es dann im September, Ende September zur deutschen Reisewarnung kam, das war dann die tatsächliche Katastrophe. Deswegen - und das ist das Traurige für die Regina - sind die Kollegen im Moment sehr zurückhaltend, weil sie ja auch nicht wissen, gibt es einen schon vielzitierten Lockdown. Ich habe ihr versprochen, dass ich ihr helfen werde mit meinen Kontakten, sie in Österreich irgendwo unterzubringen", so Hotelierverbandspräsidentin Michaela Reitterer.

Bis Mitte Herbst wurden europaweit knapp 14 Milliarden Euro aus dem Kohäsionsfonds ausgezahlt, damit mildert die Europäische Union die schlimmsten Folgen der CORONA-Krise ab. Von diesen 13,5 Milliarden Euro, die aus den "Fonds für die Kohäsionspolitik" verwendet wurden, hat der "Europäische Sozialfonds" ESF 1,4 Milliarden Euro an direkter Unterstützung für bedürftige Menschen, soziale Dienste und gefährdete Gruppen bereitgestellt (EU-Datenquelle veröffentlicht Mitte Oktober 2020). Für die kommenden Monate stehen weitere Soforthilfen bereit. Europa bedeutet auch: Solidarität.

Aktueller Nachtrag: Heute, Mitte Dezember, hat Regina leider immer noch keine Arbeit gefunden. Die 61-Jährige aus Hessen verdiente sich bislang ihren Lebensunterhalt durch Arbeit in Hotels oder Restaurants während der Saison in Spanien, Deutschland und Österreich. Im Sommer ist sie mit der Arbeit auf Mallorca vertraut, im Winter arbeitet sie oft in Österreich. Sie hat zwei erwachsene Kinder, die im Ausland leben, und - seit ein paar Monaten - zwei junge Hunde. Im August zog sie - wie schon so oft - von Spanien nach Österreich. In Wien angekommen wurden feste Job-Zusagen von Hotels kurzfristig abgesagt - wegen der Corona-Krise. Normalerweise wohnt Regina vor Ort - Hotels stellen ihren Aushilfs- und Saisonkräften gelegentlich eine bescheidene Wohnung oder ein Zimmer zur Verfügung, in dem sie während ihrer Beschäftigungszeit leben können. Als sie die kurzfristige "Corona-Job-Absage" erhielt, hatte Regina ein echtes Problem: Plötzlich war sie nicht nur ohne Arbeit, ohne Einkommen - sondern obendrein auch ohne Bleibe. Einige Wochen lang konnte sie in einer billigen Pension unterkommen, doch danach war von ihren mageren Ersparnissen nichts mehr übrig. Zum Glück bekam sie eine Notunterkunft bei der Volkshilfe, einer österreichischen Sozialorganisation, die Menschen in Not hilft.

Wer Regina M. unterstützen will, beispielsweise mit einem konkreten Jobangebot, kann sich bei der Volkshilfe Wien via E‑Mail unter R.Bartl@volkshilfe-wien.at oder mitgliederservice@volkshilfe-wien.at oder telefonisch unter 00 43 (0)1 360 64 20 melden.

Wer die Volkshilfe Wien mit einer Spende unterstützen möchte:

Bank Austria IBAN: AT25 1200 0006 6910 0000 | BIC: BKAUATWW

P. S. K. IBAN: AT55 6000 0000 0154 9900 | BIC: BAWAATWW

Erste Bank IBAN: AT05 2011 1800 8048 0000 | BIC: GIBAATWW

Weitere Quellen • Journalisten: CRISTINA GINER, JOHANNES PLESCHBERGER; Kamera: ANDREA LOLICATO, JOHANNES PLESCHBERGER Schnitt: François Rudolf; PRODUCER: HANS VON DER BRELIE; Produktionsleitung: SOPHIE CLAUDET; Produktion: GERALDINE MOUQUET, YOUCEF KOLIAI