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Albin Kurti: Eine Föderation des Kosovo mit Albanien ist möglich

Wahlsieger Albin Kurti
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Der Wahlsieger und sehr wahrscheinliche nächste Ministerpräsident des Kosovo Albin Kurti hat sich im Interview mit Euronews für den Zusammenschluss seines Landes mit Albanien ausgesprochen, wenn ein Referendum über den Beitritt seines Landes zum Nachbarland abgehalten würde.

Über 90% der 1,8 Millionen Menschen im Kosovo sind ethnische Albanerinnen und Albaner. Die Aussicht auf eine Union zwischen den beiden Nationen ist sowohl im Kosovo als auch in Albanien populär.

Albin Kurties Parti Vetëvendosje - was soviel wie Selbstbestimmung bedeutet - hat die Parlamentswahlen am 14. Februar 2021 mit deutlichem Vorsprung gewonnen.

Bei der Wahl wurden die beiden Parteien abgestraft, die das Kosovo seit dem Ende des Krieges gegen Serbien im Jahr 1999 dominiert haben. Die Demokratische Liga des Kosovo (LDK) und die Demokratische Partei des Kosovo (PDK) kamen nur auf 13% bzw 17% der Stimmen.

Albin Kurti war schon als Student politisch engagiert, in den 1990er Jahren war er wegen seiner Zusammenarbeit mit der Kosovo-Befreiungsarmee (UCK) inhaftiert. 2015 machte Kurti international Schlagzeilen, als er im kosovarischen Parlament Tränengas einsetzte, um gegen ein Abkommen zur Grenzziehung mit dem benachbarten Montenegro zu protestieren. Auch danach wurde er festgenommen.

In den folgenden Jahren hat sich Vetëvendosje von einer sozialen Basisbewegung zu einer politischen Kraft im Kosovo entwickelt, die sowohl bei jungen Kosovaren als auch in der kosovarischen Diaspora an Zuspruch gewonnen hat.

Visar Kryeziu/Copyright 2021 The Associated Press. All rights reserved.
Albin Kurti am 14. Februar 2021Visar Kryeziu/Copyright 2021 The Associated Press. All rights reserved.

Er sprach mit Euronews über die Aussicht auf eine Wiederaufnahme des Dialogs mit Serbien, eine Föderation mit Albanien, seinen politischen Kurs und den Weg des Kosovo zur Mitgliedschaft in der Europäischen Union.

Die Antworten wurden aus Gründen der Länge und Klarheit bearbeitet.

euronews: Sie haben keine eigene absolute Mehrheit, aber Sie haben eine Koalition mit der PDK und der LDK ausgeschlossen.

Albin Kurti: PDK und LDK sind zwei Parteien des Ancien Régime, und der erdrutschartige Wahlsieg, den wir errungen haben, zeigt, dass wir mit einem Teil der Abgeordneten aus den Minderheiten und diesen beiden großen, alten Parteien weitermachen sollten. Und groß waren sie bis gestern, alt mit Sicherheit, dass sie sich reformieren sollten.

Wir haben die dritte Welle der Begeisterung in der jüngeren Geschichte unseres Landes aufgebaut. Die erste war die Befreiung im Jahr 1999. Die zweite war die Unabhängigkeit im Jahr 2008. Jetzt wollen wir Arbeitsplätze und Gerechtigkeit, das heißt, wir wollen die Abwanderung der Jugend durch Beschäftigung ersetzen, und wir wollen die Korruption bekämpfen.

Albin Kurti zu Covid-19 und Impfstoffen aus Serbien

euronews: Ihre letzte Amtszeit als Ministerpräsident endete während der COVID-19-Pandemie. Was ist das erste, was Sie als Ministerpräsident tun wollen, um die Pandemie im Kosovo zu bekämpfen?

Albin Kurti: Wir planen, angemessene Mittel für Impfungen bereitzustellen und ein Prioritätenprogramm für die sozialen Gruppen zu erstellen, um festzulegen, in welcher Reihenfolge sie geimpft werden sollten. Wir planen, in Zusammenarbeit mit der EU in diesem Jahr bis zu 60 Prozent der Bevölkerung impfen zu lassen.

Als ich am 3. Juni vergangenen Jahres aus dem Amt schied, hatten wir nur 30 Todesfälle, und die Zahl der Genesenen war dreieinhalbmal höher als die der aktiven Fälle. Seit ich aus dem Amt ausgeschieden bin, hatten wir mehr als 1.500 Todesfälle.

euronews: Haben Sie darüber diskutiert, Impfstoffe aus Serbien zu akzeptieren, wie es Nord-Mazedonien getan hat?

Albin Kurti: Wir planen, diese Frage mit unseren Partnern zu diskutieren, mit Ländern, die uns anerkannt haben, und insbesondere mit der EU.

euronews: Ist das ein Nein zu Impfstoffen aus Serbien?

Albin Kurti: Wir werden keine Impfstoffe aus Serbien bekommen, das Impfstoffe aus Russland und China bekommt. Sowohl von den Werten als auch von den Interessen her haben wir uns immer am Westen orientiert.

euronews: Man könnte es als einen Weg sehen, Brücken zu Belgrad zu bauen.

Albin Kurti: Wir wollen die EU und die USA nicht durch irgendwelche östlichen, nicht-demokratischen Mächte ersetzen, denn es hat sich gezeigt, dass es zum einen keine Sicherheit in Bezug auf die Qualität gibt, und zum anderen sind immer Bedingungen in Form von geopolitischen Spielen daran geknüpft.

Kosovo, die EU und der Dialog mit Serbien

euronews: Sie haben gesagt, dass Ihre Regierung den Kandidatenstatus der Europäischen Union beantragen wird, aber die EU hat wiederholt geantwortet, dass der Eintritt des Kosovo in die EU davon abhängt, dass der Dialog zwischen Belgrad und Pristina wieder aufgenommen wird. Haben Sie vor, ihn wieder aufzunehmen?

Albin Kurti: Nun, ich denke, dass Serbien sich seiner eigenen Vergangenheit stellen sollte. Sie haben vier Kriege im ehemaligen Jugoslawien verursacht und es scheint, dass es innerhalb des Staates kein Bedauern, keine Reue darüber gibt. Es ist wichtig, dass sich in Serbien etwas ändert, besonders wie sie das Kosovo sehen.

Ich bin bereit, mich auf einen Dialog einzulassen, bei dem die Menschen die Nutznießer sind. Aber ich denke, es ist für niemanden im Kosovo akzeptabel - mich natürlich eingeschlossen -, einen Dialog zu führen, bei dem wir den Staat Serbien für den Verlust dieses Staates zu Zeiten von Milosevic entschädigen sollen. Serbien hat im Kosovo einen Völkermord begangen.

Wir müssen nicht in Geschichtsbüchern lesen oder auf unsere Großväter hören. Wir haben das erlebt. Ich denke, es ist sehr wichtig, sich mit der verzögerten und verweigerten Gerechtigkeit auseinanderzusetzen, die auf der Vergangenheit basiert, um langfristig mehr Frieden, Sicherheit, Stabilität und Versöhnung zu haben.

euronews: Wollen Sie immer noch eine vollständige Entschuldigung, Anerkennung und Wiedergutmachung von Serbien?

Albin Kurti: Ich denke, das ist notwendig. Was soll Serbien sonst tun, versuchen, uns wieder anzugreifen? Ich denke, sie sollten sich von der Russischen Föderation und von China lösen, und sie sollten versuchen, das so schnell wie möglich zu tun. Sie müssen sich vom Kosovo befreien. Wir haben den Kosovo von Serbien befreit. Ich denke, dass Serbien sich vom Kosovo befreien sollte.

euronews: Wie erreichen Sie eine Versöhnung zwischen Serben und Kosovaren im Kosovo?

Albin Kurti: Eine Versöhnung mit den Serben im Kosovo ist nicht notwendig, weil wir nicht mit ihnen gekämpft haben. Wir haben gegen Belgrad gekämpft, das gegen uns war und im Frühjahr 1999 einen Völkermord begangen hat, und dazu muss sich Serbien seiner Vergangenheit stellen, sich selbst im Spiegel sehen und Kosovo nicht mit einem militärischen Fernglas betrachten. Sie sollten unsere Unabhängigkeit anerkennen und etwas Reue für die Verbrechen des Regimes zeigen. Ich denke, was Serbien braucht, ist ein serbischer Charles de Gaulle, der erklärt, so wie Charles de Gaulle sagte: 'Frankreich ist groß ohne Algerien', so ist Serbien groß ohne Kosovo.

euronews: Sie wurden als Nationalist bezeichnet, wenn auch als linker Nationalist, was halten Sie von dieser Bezeichnung?

Albin Kurti: Ich bin ein Sozialdemokrat, und wenn Sie einige nationalistische Züge in mir sehen, dann kommt das von der Geschichte des Kosovo und hat einen antikolonialen, befreienden Charakter. Um Gleichheit zwischen den Menschen und Nationen zu erreichen und nicht um jemand anderen zu dominieren. Wir könnten sagen, dass alle drei Nationalisten waren - Charles de Gaulle, Marine Le Pen und Franz Fanon (Vordenker der Entkolonialisierung), aber wenn man diese drei in einen Topf wirft, macht man einen großen Fehler.

euronews: Sie haben einmal gesagt, dass Sie eine große Union mit Albanien unterstützen würden, ist das immer noch der Fall?

Albin Kurti: Wir glauben an die Stärkung des Staates Kosovo als souveräne und unabhängige Republik und in unserer Verfassung steht der Artikel 1.1 im Widerspruch zum Artikel 1.3. Artikel 1.1 besagt, dass das Kosovo ein souveräner, unabhängiger Staat ist, und Artikel 1.3 besagt, dass das Kosovo sich keinem anderen Staat anschließen kann. Also glaube ich, dass volle Unabhängigkeit auch bedeutet, Unabhängigkeit von der Unabhängigkeit, also könnten wir einer Föderation mit Albanien oder einer EU-Föderation beitreten.

Zwei Volksabstimmungen in der Zukunft könnten dies lösen, in Albanien und im Kosovo, aber niemals durch Verletzung unserer Verfassung. Die Verfassung müsste zuerst geändert werden und nur dann, wenn dies eines Tages auf friedliche und demokratische Weise geschehen kann.

euronews: Wie würden Sie bei diesem Referendum abstimmen?

Albin Kurti: Sobald wir eine Stärkung des Staates im Kosovo hätten. Sobald wir das auf friedliche und demokratische Weise tun können. Ich denke, ich würde mit Ja stimmen. Ja.

euronews: Haben Sie eine Botschaft für Europa?

Albin Kurti: Europa sollte sich selbst reformieren und nicht nur sein Erweiterungsziel verfolgen. Die Westbalkan-Sechs und die EU sind füreinander sehr wichtig. Und ich denke, dass die EU mit den Westbalkan-Sechs eine Übereinstimmung mit Europa als Kontinent erreichen wird, und das sollten wir nie vergessen und nie aufgeben.