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Auf Kollisionskurs: Flieger gegen Vögel - Flughafenstreit auf Albanisch

Von Hans von der Brelie
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Auf Kollisionskurs: Flieger gegen Vögel - Flughafenstreit auf Albanisch
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Vögel haben es schwer in Albanien. Das Land ist ein Paradies für Wilderer. Doch nicht nur Gewehrschüsse und schnelle Autos bedrohen das Leben der Zugvögel, die in der Narta-Lagune und ihren Salinen Rast machen. Europas Vogelforscher warnen: Albaniens Tourismus-Entwicklung gerät außer Kontrolle.

„Albanien liegt an einer der wichtigsten Vogelzugrouten zwischen Europa und Afrika. Jetzt soll hier, mitten im Schutzgebiet, ein internationaler Flughafen gebaut werden. Kommen Sie mit auf eine Recherche-Tour durch die Feuchtgebiete Albaniens“, sagt euronews-Reporter Hans von der Brelie.

Weitere Informationen zur Vogelwelt in Albanien...

Mit dabei im Team ist Arian Mavriqi, ein Naturfotograf aus dem benachbarten Kosovo. In dem Landschaftsschutzgebiet kennt er sich aus wie kein Zweiter. Viele Wochen schon hat er hier mit seinen Tele-Objektiven auf Lauer gelegen.

Seit Generationen wird die Narta-Lagune von örtlichen Fischern genutzt, Viktor Mocka ist einer von ihnen. Gegen den Bau eines internationalen Flughafens hat er nichts einzuwenden, ganz im Gegenteil.

Wie viele seiner Mitbürger hofft er auf das große Geschäft, das mit den Touristen Einzug halten soll in die verarmte Gegend.

„Der Flughafen ist gut für unsere Dörfer und Städte, er ist gleich hier in der Nähe – und wir müssen nicht mehr zum weit entfernten Flughafen der Hauptstadt Tirana fahren“, so Mocka. „Außerdem soll eine Straße direkt zum Strand hier gebaut werden und eine Menge Hotels. Das schafft Arbeitsplätze“, meint der Fischer.

Der Masterplan der Regierung zeigt, dass hier nicht nur ein Flughafen gebaut werden soll, sondern auch Hotels, Jachthäfen und Wohnanlagen für Touristen.

Für Wissenschaftler wie Erald Xeka von der Albanischen Ornithologischen Gesellschaft und Zydjon Vorpsi, Projektleiter des Naturschutzvereins PPNEA, sind die Pläne ein Albtraum. Der Flughafen soll in eines der größten und wichtigsten Feuchtgebiete Albaniens, ja des gesamten Mittelmeerraumes geklotzt werden.

Xeka sagt: „Die Vögel nutzen diesen Abschnitt der Adria-Zugroute intensiv. Wenn wir diesen Ort hier zubauen, ist das wie eine Barriere für die Zugvögel.“

„Diese Flughafenpläne verletzen nationales und internationales Recht. Albanien will Mitglied der Europäischen Union werden. Doch diese Pläne missachten die Habitat- und Vogelschutzrichtlinien der EU. Wir können uns den Luxus nicht erlauben, ein derartiges Juwel wie die Narta-Lagune zu verlieren“, betont Vorpsi.

Albanien hat das internationale Abkommen zum Erhalt der Wasser-Zugvögel unterschrieben. 92 der durch dieses Abkommen geschützten Arten machen hier in der Narta-Lagune Halt.

Flamingos haben schlechte Karten in Albanien. Bald wird gewählt. Sowohl Regierungs- wie auch die größten Oppositionsparteien wollen das Flughafenprojekt vorantreiben.

Alle träumen vom Tourismus-Bauboom und vom großen Geldverdienen an der albanischen Adria. Albanien ist eines der ärmsten Länder Europas und hat einen Wirtschaftsaufschwung dringend nötig.

Der Bürgermeister von Vlora, Dritan Leli, nennt seine Stadt stolz „die künftige Königin des Mittelmeers“. Die Argumente der Vogelschützer entkräftet er mit dem Hinweis, dass es an der Lagune vor der Stadt schon immer einen Flughafen gegeben habe.

„Der Flughafen soll in einem Gebiet gebaut werden, wo es über viele Jahre hinweg, bis zu den Neunziger Jahren, einen Militärflughafen gab“, sagt Leli. „Das Ziel meiner Arbeit als Bürgermeister ist es, die wirtschaftliche Entwicklung dieser Stadt durch den Bau des Flughafens zu beschleunigen und daran glaube ich fest. Das sollte so schnell wie möglich geschehen“, meint der Bürgermeister.

Xeka und Vorpsi zeigen uns das frühere und künftige Flugfeld. Heute ist es ein Landschaftsschutzgebiet – und offiziell als wichtiger Lebensraum für Vögel ausgewiesen.

Über 200 Wildvogelarten konnten Ornithologen hier beobachten, nicht wenige überwintern. Bodenbrüter schätzen die Salzwiesen und ziehen hier ihre Küken auf. Das Argument „Einmal-Flugplatz-Immer-Flugplatz“ sei falsch, meinen Xeka und Vorpsi.

„Das alte Flugfeld war kein echter Flughafen. Das war eine Landepiste für kleinere Militärübungsflüge“, so Xeka. „Was die jetzt vorschlagen, ist ein internationaler Flughafen mit vielen Flugzeugen in der Luft. Wir sind nicht prinzipiell gegen einen Flughafen, wir sind gegen den Ort, den sie sich hierfür gewählt haben“, sagt der Vogelkundler.

Vorpsi vom Naturschutzverein PPNEA erläutert: „Das ist eine echte Gefahr für das gesamte Netzwerk unserer Schutzgebiete. Wenn wir erst einmal einen Präzedenzfall haben, dass man eine als strategisch wichtig deklarierte Investition bauen darf, wo es einem passt, selbst in einem Schutzgebiet, dann wird das anschließend auch in anderen Gebieten so ablaufen.“

Um die Bevölkerung vor Ort umzustimmen, starten die Vogelschützer Aktionen wie diese: Jeder der mag, kann ausgestopfte Vögel gegen tolle Fotos tauschen.

Der Besitzer der Freundschafts-Taverne findet einen neuen Flughafen gut - aber nicht mitten im Schutzgebiet.

„Ich denke, das Beste wäre, den Flughafen ein Stück weiter weg zu bauen. Hier würde er die Narta-Lagune beeinträchtigen, die ist super-nahe. Das ganze Ökosystem mit seinen vielen Tierarten, die hier leben, wäre gestört. Man sollte den Flughafen anderswo bauen“, findet Gastwirt Arsen Llambro.

Saline, Salzwiesen und Feuchtgebiete sind Lebensraum für Pelikane, Reiher und Flamingos: Großvögel in großen Schwärmen über einem Großflughafen - das hört sich nicht gut an.

Überall entlang der albanischen Adriaküste wird betoniert. Das Land setzt massiv auf den Ausbau seiner Tourismusindustrie. Dabei werden Brutgebiete zerstört.

Heute arbeitet Xeka mit Kollegen aus Ungarn, seit sechs Jahren läuft das Forschungsprojekt bereits. Um belastbare Daten über die Vogelzugrouten zu erhalten, werden starke männliche Vögel mit solargetriebenen Sendern beringt.

Trotz der soliden Ergebnisse machen Albaniens Politiker blindlings weiter mit ihren Flughafenplänen.

Während Xeka auf der Suche nach Vögeln zum Beringen die Netze im Ried abgeht, werfen wir einen Blick in den Länderbericht Albanien der Europäischen Kommission. Mit Sorge - so heißt es da ganz undiplomatisch und direkt - sehe man das Gesetz zu strategischen Investitionen. Das sei ein Einfallstor für Großprojekte in Schutzgebieten und gefährde Europas Artenvielfalt.

„Wenn wir das alles so umsetzen, gehen diese Habitate Lebensräume für Vögel verloren. Die Zugvögel brauchen diese Standorte als Zwischenstopp, um Futter zu suchen, Energie zu tanken um weiterfliegen zu können – bis zum nächsten Kontinent! Und wieder zurück! Wir müssen diese Biotope schützen – und zwar JETZT!“, so Xeka.

Hier, in der albanischen Hauptstadt Tirana, entscheidet sich das Wohl und Wehe der europäischen Zugvögel. Es besteht das reale Risiko, dass die gefährdeten Wasservogel- und Bodenbrüterbestände auf eine Mauer politischen Unverständnisses prallen und eines Tages nur noch in den Glasvitrinen des Naturkundemuseums zu sehen sein werden.

Vogelschützer Xherri Xhemal betrachtet kummervoll den ausgestopften Säbelschnäbler (recurvirostra avosetta). „Das ist eine der Arten, die dort in der Gegend an der Narta-Lagune brüten. Wenn der Flughafen gebaut wird, ist es vorbei mit dem Brüten“, sagt er.

Der Tag über der Narta-Lagune geht zur Neige. Als Kind fand Arian Mavriqi einen verletzten Stelzvogel. In seinem Dorf gab es keinen Tierarzt, also brachte er den Vogel ins Krankenhaus. Doch der Doktor verweigerte die Behandlung, hielt das Ganze für einen Scherz. Der kleine Arian war traurig, wütend – dann traf er die Entscheidung seines Lebens: sich dem Vogelwohl zu widmen.

„Ich kann bezeugen, dass es hier in der Narta-Lagune Unmengen von Vögeln gibt“, so Mavriqi. „Ich mache hier gute Fotos. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich das auch weiterhin tun kann, wenn es hier einen Flughafen geben sollte. Ich hoffe, dass die Vogelschützer die Regierung überzeugen kann, hier keinen Flughafen zu bauen. Nie! Niemals!“, sagt er.

Vogelaufnahmen von Arian Mavriqi: https://500px.com/p/wildlifealbanianphotographers/galleries/arian-mavriqi

Albanien möchte Mitglied der Europäischen Union werden. Als Beitrittskandidat ist das Land verpflichtet, EU-Gesetze zu beachten – also auch die europäischen Habitat- und Vogelschutzrichtlinien. Sonst wird das wohl nichts mit dem EU-Beitritt.