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Keine Zukunft: Warum junge Menschen Tunesien verlassen wollen

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Von Anelise Borges
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Schlange vor Impfzentrum nahe Tunis
Schlange vor Impfzentrum nahe Tunis   -   Copyright  FETHI BELAID / AFP
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Seit zwei Wochen gilt der politische Ausnahmezustand in Tunesien und noch immer hat Präsident Kais Saied keinen neuen Regierungschef ernannt oder einen klaren Kurs skizziert. Derweil verlassen immer mehr junge Menschen, die die Zukunft gestalten könnten, das Land.

"ich spring mit ins Boot, wenn noch Platz ist!"

Am Strand von Kelibia treffen wir Bilal Weld Hasna. Er meint halb scherzhaft: "Ich helfe ihnen, nicht nur bei der Flucht, ich spring mit ins Boot, wenn noch Platz ist! Kommen Sie mit?"

Bilal ist an der tunesischen Küste geboren und aufgewachsen. Von dort aus hat er die gefährliche Überfahrt über das Mittelmeer schon öfter gewagt.

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Am Strand von Kelibia treffen wir BilalEuronews

"12-mal habe ich es versucht, seit 2011. Das letzte Mal war 2017. Manchmal habe ich es zwei- bis dreimal pro Jahr versucht."

Bilal glaubt, dass junge Leute auch weiterhin versuchen werden, Tunesien zu verlassen aus Mangel an Möglichkeiten. Präsident Saieds jüngste Machtergreifung habe keine zusätzliche Massenflucht verursacht.

"Ich schwöre, es ist kein Putsch"

"Im Gegenteil. Die Menschen sind froh und denken weniger über illegale Immigration nach. Gut gemacht, Kais Saied. Ich schwöre, es ist kein Putsch. Er hätte das schon lange tun sollen, um den Menschen zu helfen, sonst würden alle gehen. Das Land hätte gebrannt und alle wären gegangen, Männer, Frauen, Kinder und Alte."

Die tunesischen Behörden haben eine andere Erklärung für den Exodus. Jugendliche würden dafür bezahlt, das Land illegal zu verlassen, behauptete Präsident Saied kürzlich. Ziel sei es, Tunesien von innen auszuhöhlen und die Beziehungen zur EU zu beeinträchtigen.

In die Schweiz, um Fußballer zu werden

Ein junger Mann, den wir nahe des Hafens treffen, nennt uns einen anderen Grund für die Flucht. "Es gibt keine Zukunft hier in Tunesien."

Noch in der Nacht hofft er, nach Italien überzusetzen - und dann bis in die Schweiz zu gelangen, wo er Fußballspieler werden will - an Bord eines Lasters oder eines Containers, die von hier aus nach Europa verschifft werden.

- "Ist das nicht gefährlich?"

- "Nein, viele Bekannte haben diesen Weg bereits gewählt, ich mache mir keine allzu großen Sorgen."

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Mehdi zeigt ein Foto eines Freundes, der im Kühlcontainer erfroren istEuronews

Tod im Kühlcontainer

Die größte Gefahr ist der Tod. Mehdi Nefzi, der in Tunis lebt, berichtet von seinem 20-jährigen Nachbarn, der sich in einem Kühlcontainer versteckt hatte. Sein erfrorener Körper wurde gefunden, als das Schiff in Italien anlegte. "Sie denken, Europa ist das Paradies".

Mehdi weiß, dass das nicht der Fall ist und sagt, dass er nirgendwo hingehen wird. Er hat einen Job, eine Freundin, eine Familie, um die er sich kümmern muss und kann nur hoffen, dass ein neues Tunesien eines Tages allen Menschen hier bessere Chancen bieten wird - und die Gewissheit, im Land bleiben zu können.