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"Die Hütte brennt": Weltärzte-Chef fordert Durchgreifen in Coronakrise

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Von Andrea Büring
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Interview mit Frank Ulrich Montgomery, Präsident des Weltärztebundes
Interview mit Frank Ulrich Montgomery, Präsident des Weltärztebundes   -   Copyright  Euroenws

Die Coronalage in Deutschland hat sich in den vergangenen drei Wochen dramatisch zugespitzt: Neuinfektionen sind auf einem Höchststand, die Lage in vielen Krankenhäusern ist angespannt.Eine Situation, auf die RKI-Chef Lothar Wieler zuletzt reagierte mit den Worten: "Wir werden ein wirklich schlimmes Weihachtsfest haben, wenn wir nicht gegensteuern". Steuert die deutsche Politik angemessen gegen? "Wir haben keine Zeit für Parteienstreit", ergänzt der Präsident des **Weltärztebundes**, Frank Ulrich Montgomery, im Euronews-Interview.

Andrea Büring, Euronews:

"Sehen Sie auch schwarz, wenn Sie an Weihnachten denken?"

Frank Ulrich Montgomery, Präsident des **Weltärztebundes**:

"Mir ist verdammt mulmig vor Weihnachten, weil das Vertrackte an dieser Erkrankung ist, dass keine dieser Maßnahmen, die wir heute in der Hand haben, sofort wirken. Das wird mindestens drei bis vier Wochen dauern und das ist dann die Zeit kurz vor Weihnachten, bis wir überhaupt merken, ob unsere Gegenmaßnahmen wirken.

Impfen, neu impfen kommt sowieso jetzt zu spät, weil zwei Impfungen im Abstand von vier Wochen und dann noch mal zwei Wochen Zeit, das sind sechs Wochen. Der Impfschutz wirkt erst deutlich nach Weihnachten. Also von daher wird mir wirklich mulmig, wenn ich an die Weihnachtszeit denke."

Andrea Büring, Euronews:

"Wie konnte sich die Lage in Deutschland in den letzten Wochen dermaßen verschlechtern?"

Frank Ulrich Montgomery, Präsident des Weltärztebundes:

"Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zum ersten: Die Politik hat in der Vergangenheit der Bevölkerung in vielen Punkten keinen reinen Wein eingeschenkt, sondern hat die Risiken runtergespielt. Sie hat die Impfkampagne nicht intensiv genug gefahren, hat das ganze banalisiert, wie wir es ja auch heute sehen: Das Aufheben der pandemischen Notlage ist das völlig falsche Signal - auch wenn man das durch das Infektionsschutz-Gesetz zum Teil wieder aufhebt. Aber das Signal an die Bevölkerung ist dann: Die Pandemie ist vorbei. Das ist Blödsinn, die Pandemie ist nicht vorbei, die Pandemie läuft schlimmer denn je.

Schließlich gibt es dann das Problem, dass wir ein Vakuum in der Regierung haben und dieser Parteienstreit ist in diesem Kontext komplett unerträglich.

Darüber hinaus gibt es die alten Probleme mit dem Föderalismus - also der Konflikt zwischen Bund und Ländern. Ich hoffe, dass die Teilnehmer auf der Konferenz zwischen Bund und Ländern heute Lösungen zustandekriegen, die uns irgendwie helfen werden."

Andrea Büring, Euronews:

"Wie effektiv ist denn der deutsche Föderalismus, wenn es um Pandemiebekämpfung geht?"

Frank Ulrich Montgomery, Präsident des **Weltärztebundes**:

"Die Pandemie ist ein nationales Problem und sollte national gleich angegangen werden. Deswegen halte ich es für ziemlich ineffektiv, was wir uns mit dem Föderalismus leisten.

Damit Sie mich richtig verstehen: Die Frage, ob ein Gesundheitsamt einen Stadtbezirk unter Quarantäne stellt, ist natürlich nicht eine Frage, die in Berlin entschieden werden muss. Aber das Kriterium, wann das sein muss, das muss zentral entschieden werden. Das muss immer gleich sein. Die Umsetzung muss dann vor Ort geschehen.

Die Ministerpräsidenten haben sich aber in der Vergangenheit eine Kakophonie geleistet, indem sie nach langem Streit sich auf irgendwelche windelweichen Formulierungen geeinigt haben, um dann sofort danach wieder dagegen zu verstoßen. Das können wir uns im Moment nicht mehr leisten. Die Hütte brennt. Die Krankenhäuser sind übervoll und Weihnachten brennt der Weihnachtsbaum - und nicht nur die Kerzen."

Andrea Büring, Euronews:

"Der Bundestag hat die neuen Corona-Maßnahmen der Ampel-Parteien durchgewunken. Halten Sie deren Kurs für richtig?"

Frank Ulrich Montgomery, Präsident des **Weltärztebundes**:

"Ich denke, dass die Ampel-Parteien schon eine ganze Reihe von vernünftigen Vorschlägen gemacht haben, die im Grunde genommen auf dasselbe herauslaufen, was man vorher mit der einfacheren Lösung der pandemischen Notlage als Gesetz hatte. Wissen Sie, das ist alles Gesetzesschwobelei.

Worauf es ankommt ist, dass es am Ende Gesetzesdurchgriffsmöglichkeiten gibt. Wenn man diese durch das Infektionsschutzgesetz und die Ampelkoalition erreicht, dann soll mir das recht sein. Ich finde, wir haben jetzt keine Zeit für Parteienstreit, wir haben keine Zeit für rechtliche Auseinandersetzungen, wir müssen epidemiologisch-medizinisch handeln."

Andrea Büring, Euronews:

"Was muss Ihrer Meinung nach nun passieren, um schnell das Ruder herumzureißen?"

Frank Ulrich Montgomery, Präsident des **Weltärztebundes**:

"Zuallererst müssen wir all die "Nie im Leben"-Sätze zurücknehmen - wie: Mit mir wird es nie im Leben eine Imfppflicht geben. Oder: Es wird nie im Leben wieder einen Lockdown geben.

Wir müssen uns einfach mal klar machen: Eine lokale Kontaktbeschränkung für Menschen ist das effektivste Mittel, was bisher immer am schnellsten gewirkt hat. Und da, wo wir sehr hohe Inzidenzen haben, werden wir über solche lokalen Kontakbeschränkungen nachdenken müssen.

Dann müssen wir impfen, impfen impfen und wir müssen die Menschen erreichen, die wir bisher nicht erreicht haben. Sei es, dass wir durchaus auch Druck auf sie ausüben, indem wir über eine Impfpflicht reden. In vielen Bereichen, wo uns Menschen anvertraut sind - also im medizinischen Bereich, aber auch bei Lehrern - haben wir eine Garantenpficht gegenüber dem uns Anempfohlenen. Da müssen wir selber frei von Risiken sein. Deswegen glaube ich, wir müssen viel mehr Druck machen beim Impfen.

Und das Letztere, das wissen Sie auch alles schon, ist testen, testen, testen. Damit wir jede Infektion so schnell wie möglich entdecken und verhindern, dass sie weiter ansteckt."