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"Es ist ernst Leute!": Jens Spahn fordert Lockdown für Deutschland

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Von Alexandra Leistner
Corona-Patienten auf der Intensivstation in Eschweiler
Corona-Patienten auf der Intensivstation in Eschweiler   -   Copyright  AP Photo

Angesichts der dramatischen Infektionslage in Deutschland haben der geschäftsführende Gesundheitsminister und der RKI-Präsident Lothar Wieler im Rahmen der Bundespressekonferenz über die Situation und ihre neuen Erkenntnisse informiert.

Es müssten so viele Patienten wie noch nie verlegt werden, so Spahn und das werde nicht unbegrenzt so weiter gehen können.

Er selber könne nur Vorschläge unterbreiten, über einen Lockdown könne er selber nicht entscheiden. "Umso stärker man heute auf die Bremse steigt, desto besser ist das für die Lage in den kommenden Wochen und Tagen".

"Es ist so ernst wie noch zu keinem Zeitpunkt in der Pandemie", sagte Spahn. "Zu wenig passiert, zu oft, zu spät. Und der Weckruf ist noch nicht überall angekommen".

Die Welle werde sich auch in den anderen Bundesländern verbreiten, es sei falsch zu denken, dass die Lage sich mit den getroffenen Maßnahmen entspannen werde.

"Die Zahl der Kontakte muss runter. Deutlich runter." Deshalb forderte Spahn "mindestens" die Einführung von 2G+ und das Absagen von Veranstaltungen, Feiern und Feierlichkeiten.

Wir sind sehr besorgt.
Lothar Wieler
Präsident des Robert-Koch-Instituts

Wie gefährlich ist die neue Variante aus Südafrika?

Durch die Genomsequenzierung sei die Variante aufgefallen und analysiert worden, erklärte Spahn. Sie trage viele Mutationen, das sei keine gute Nachricht. Ob Impfstoffe gegen die Mutante wirken, werde derzeit getestet. Dazu seien die Institute und die WHO in Kontakt mit den Behörden in Südafrika.

Der Hersteller Biontech/Pfizer teilte mit, dass die Ergebnisse in zwei Wochen vorliegen sollten.

Es gebe Hinweise darauf, dass sich das Virus schneller verbreite, was die anderen Mutationen biologisch bedeuten, wisse man bisher nicht.

"Wir sind sehr besorgt" so Wieler, jetzt müsse man durch Reisebeschränkungen verhindern, dass die Variante sich in Europa verbreite.

Auch die EU werde Einreisebeschränkungen für Südafrika und Nachbarländer beschließen, erklärte Spahn. In Deutschland muss, wer aus Südafrika einreist, 14 Tage in Quarantäne. Der Flugverkehr ist eingestellt. Deutsche und Menschen mit ständigem Wohnsitz in Deutschland werden wohl eingeflogen.

Alle Personen, die vor der Einführung der Maßnahmen aus Südafrika in Deutschland gelandet sind, bat Spahn sich testen zu lassen. "Wir bitten sie besonders vorsichtig zu sein".

Muss es einen Lockdown geben?

Konkret müsse man darüber sprechen, was Lockdown bedeute, so Spahn. Zwischen den Bundesländern habe man viele unterschiedliche Regelungen, so etwa Weihnachtsmärkte, das "passt gerade nicht in die Zeit", so Spahn.

Man habe es in der Hand gehabt, und hätte zahlreiche Maßnahmen treffen können, das habe man aber nicht getan, so der Gesundheitsminister. Er forderte, die Ministerpräsident:innenkonferenz vorzuziehen. Das letzte Mal habe sie "drei Wochen zu spät" stattgefunden.

"Es ist ernst Leute", mahnte Spahn. Und das Verhalten von sich aus anzupassen, wie man das in den anderen Wellen gesehen habe, werde momentan nicht beobachtet. Das Kontaktverhalten müsse dringend angepasst werden, und das werde auch den Unterschied machen.

Rekorde bei den Impfbestellungen und Impfungen

Die Impfkampagne ziehe wieder an, in der vergangenen Woche seien 3,5 Mio Impfungen vergeben worden. Diese Woche und Montag und Dienstag würden insgesamt 18 Mio. Boosterdosen an die Arztpraxen verteilt, ein Rekord laut Spahn.

Jeder fünfte über 60-Jährige in Deutschland sei schon drittgeimpft, und fast 10 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Jetzt müsse noch das Verhältnis zwischen ausgelieferten Dosen und Impfungen ins Verhältnis gebracht werden, damit so wenig Impfstoff wie möglich verfällt.

"Jede Impfung gibt Hoffnung dass dieser Winter doch nicht so dunkel wird wie er aktuell aussieht", so der Gesundheitsminister nachdem er Ärzt:innen und Helfer:innen dankte für ihren Einsatz.

Wieler: "Wie viele Menschen müssen denn sterben?"

Der RKI-Chef forderte die Gesellschaft auf, Kontakte massiv zu reduzieren. Die Lage in den Intensivstationen gingen "steil nach oben". Innerhalb von 7 Tagen wurden 2.000 Menschen in ITS aufgenommen. 85 Prozent der Patienten müssten beim Atmen unterstützt werden.

Hohe Impfquote und niedrige Inzidenz, diese beiden Maßnahmen seien der Schlüssel für den Schutz derer, die sich nicht impfen lassen können, so Wieler. Dazu müsse auch die Corona-Warn-App genutzt werden, sie sei so wichtig wie nie zuvor. Es sei wichtig, einen positiven Test dort zu melden und so Infektionsketten zu sprengen.

Mit der Cov-Pass-Check-App könne zudem die Echtheit des Zertifikats überprüft werden. Man habe jetzt die Möglichkeit die Pandemie zu beenden "als ob unser Leben davon abhinge" so Wieler.

Infektionslage in Deutschland heute, 26. November

Die Zahl der binnen eines Tages übermittelten Corona-Neuinfektionen hat in Deutschland wieder einen Höchststand erreicht. Die Gesundheitsämter meldeten laut Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) von Freitagmorgen 76 414 Fälle in 24 Stunden.

Vor genau einer Woche waren es 52 970 erfasste Neuinfektionen gewesen. Die Sieben-Tage Inzidenz gab das RKI mit 438,2 an - ebenfalls ein Höchstwert. Zum Vergleich: Am Vortag hatte der Wert bei 419,7 gelegen, vor einer Woche bei 340,7 (Vormonat: 113,0). Das geht aus Zahlen hervor, die den Stand des RKI-Dashboards von 03.32 Uhr wiedergeben.

Höchststand der Todesfälle

Deutschlandweit wurden den neuen Angaben zufolge binnen 24 Stunden 357 Todesfälle verzeichnet. Vor einer Woche waren es 201 Todesfälle. Das RKI zählte seit Beginn der Pandemie 5 650 170 nachgewiesene Infektionen mit Sars-CoV-2. Die tatsächliche Gesamtzahl dürfte deutlich höher liegen, da viele Infektionen nicht erkannt werden.

Die Zahl der in Kliniken aufgenommenen Corona-Patienten je 100 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen gab das RKI am Donnerstag mit 5,79 an (Mittwoch: 5,74). Der Wert spielt eine wesentliche Rolle für die Beurteilung des Infektionsgeschehens. Bei Überschreitung der Grenzwerte 3, 6 und 9 in den Bundesländern können dort jeweils schärfere Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie verhängt werden.

Die Zahl der Genesenen gab das RKI am Freitag mit 4 775 300 an. Die Zahl der Menschen, die an oder unter Beteiligung einer nachgewiesenen Infektion mit Sars-CoV-2 gestorben sind, stieg auf 100 476.

Luftwaffe hilft bei Verlegung von Intensivpatienten

Die Luftwaffe wird sich von Freitagnachmittag an mit einem Spezialflugzeug an der Verlegung von Intensivpatienten in der Corona-Pandemie beteiligen. Ein Airbus A310 MedEvac soll nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur um 14.00 Uhr auf dem bayerischen Flughafen Memmingen landen und Schwerkranke nach Münster-Osnabrück in Nordrhein-Westfalen fliegen.

Lockdown an Weihnachten?

Der CSU-Gesundheitspolitiker Stephan Pilsinger fordert sich angesichts der Verschärfung der Corona-Krise in den deutschen Krankenhäusern einen bundesweiten allgemeinen Lockdown zur Weihnachtszeit.

Um das schlimmste zu verhindern ist ein strenger Weihnachtslockdown für alle Bürger ähnlich wie letztes Jahr in Italien notwendig
Stephan Pilsinger
CSU-Gesundheitspolitiker

„Wir müssen unbedingt handeln, um zu verhindern, dass es Anfang nächsten Jahres einen völligen Kollaps des Gesundheitssystems wie zum Beispiel in Bergamo mit zehntausenden zusätzlichen Covid-Toten gibt“, warnte Pilsinger, der selbst als Arzt praktiziert.