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Tausende muslimische Kinder entführt? Schweden kämpft gegen Fake News

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Von Euronews  mit afp
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"Hört auf, unsere Kinder zu kidnappen": Mit diesem Schlachtruf demonstrieren Muslime in Stockholm.
"Hört auf, unsere Kinder zu kidnappen": Mit diesem Schlachtruf demonstrieren Muslime in Stockholm.   -   Copyright  ADAM IHSE/TT NEWS AGENCY/AFP

“Hört auf, unsere Kinder zu kidnappen” – mit diesem Schlachtruf demonstrierten Anfang Februar Dutzende Menschen in Schwedens Hauptstadt Stockholm. Ihr Vorwurf: Das schwedische Sozialamt würde muslimischen Familien die Kinder wegnehmen, um sie vom Islam fernzuhalten.

"Krieg gegen den Islam"

"Kinder sind keine Ware, und in Artikel 35 der Kinderrechtskonvention ist eindeutig festgelegt, dass jeder Staat gegen Entführungen und Kinderhandel vorgehen sollte", rief eine Demonstrantin in ein Mikrofon.

Kinder sind keine Ware
Demonstrantin in Stockholm

Die schwedischen Behörden wehren sich, sprechen von einer massiven und gezielten Fake-News-Kampagne. Alles begann Ende 2021 auf einer islamistischen Webseite: Dort tauchten Videos auf, in denen Sozialarbeitende weinende Kinder von ihren Eltern trennten. 

Ohne Hintergrundinformationen, aber dafür begleitet von heftigen Anschuldigungen gegen die Sozialdienste: Schweden führe einen „Krieg gegen den Islam“, bringe die Kinder bei Pädophilen unter, zwinge sie "Schweinefleisch zu essen und Alkohol zu trinken". Arabische Social-Media-User und einige Medien griffen die Behauptungen auf.

Medien und Imame verbreiten Fake News weiter

Die schwedische Journalistin Julia Agha hat sich intensiv mit dem Fall beschäftigt. Sie sagt: "Diese Kampagne findet nicht nur auf YouTube und in den sozialen Medien statt, das Thema wird auch von internationalen Medien weiterverbreitet, wie Al Jazeera, Al Arabiya, Orient News, TRT. Sie kamen teils sogar nach Schweden, um über die Proteste zu berichten."

Internationale Medien greifen die Desinformationskampagne aus den sozialen Medien auf.
Julia Agha
Journalistin

Aus dem Kontext gerissene Fälle, Übertreibung, Polarisierung: Davon lebt die Desinformationskampagne. Einen wahren Kern gibt es aber – tatsächlich wurden in den vergangenen Jahren laut Statistik mehr Einwandererkinder ohne Zustimmung der Eltern in staatlich angeordnete Betreuung gebracht als Kinder gebürtiger Schwedinnen und Schweden.

Mehr Kinder mit Migrationshintergrund in staatlicher Betreuung

Migrationsminister Anders Ygeman erklärt, dafür gebe es Erklärungen: "Menschen, die vor Krieg und Verfolgung geflohen sind, sind leider oft in einer schlechteren finanziellen Situation als andere und daher häufiger mit familiären Problemen konfrontiert. Und nach Jahren der relativ hohen Zuwanderung war diese Überrepräsentation von Kindern mit Migrationshintergrund in den Sozialdiensten zu erwarten."

Nach Jahren der relativ hohen Zuwanderung war eine Überrepräsentation von Kindern mit Migrationshintergrund in den Sozialdiensten zu erwarten.
Anders Ygeman
Schwedischer Migrationsminister

Ein weiterer Grund: Manche Einwandererfamilien seien weniger bereit, die Hilfe von Sozialarbeitenden zu akzeptieren. Deshalb müsse man öfter eingreifen. Doch die Nachricht von den massenhaften „Entführungen“ sei frei erfunden. Radikale Imame verbreiteten sie weiter, um zu spalten.

Die Fälle werden nun überprüft. Kritiker:innen mahnen, in der hitzigen Debatte Emotionen beiseite zu lassen und mögliche wirkliche Probleme mit den Sozialämtern nicht zu ignorieren.