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Wollen die Russen den Ukraine-Krieg wirklich? Das sagen die Umfragen

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Von Andrey Poznyakov
Polizei blockiert wegen Demonstrationen gegen den Ukraine-Krieg eine U-Bahn-Station in St. Petersburg,
Polizei blockiert wegen Demonstrationen gegen den Ukraine-Krieg eine U-Bahn-Station in St. Petersburg,   -   Copyright  Dmitri Lovetsky/Copyright 2022 The Associated Press. All rights reserved

"Das ist nicht der Krieg des russischen Volkes, dies ist der Krieg von Präsident Putin", sagte der estnische Präsident Alar Karis auf einer Kundgebung zur Unterstützung der Ukraine. Dies wurde auch von US-Regierungschef Joe Biden wiederholt betont: "Ich glaube nicht, dass Russland einen blutigen, zerstörerischen Krieg gegen die Ukraine will, ein Land und ein Volk, mit dem es so tiefe verwandtschaftliche, historische und kulturelle Bindungen hat." Derartige Erklärungen wurden auch von anderen Politikern aus westlichen Ländern abgegeben.

Inzwischen haben sowohl die Befürworter des Krieges als auch einige Kritiker Russlands festgestellt, dass die Invasion in der Ukraine in der Tat breite Unterstützung in der russischen Bevölkerung genießt. Dies geht aus einer Umfrage des russischen Markt- und Meinungsforschungsinstituts WZIOM hervor. Anfang März sprachen sich mehr als 70 Prozent der Befragten für die Durchführung einer "speziellen Militäroperation" (wie es in der Umfrage heißt) aus, 21 Prozent waren dagegen.

Diese Zahlen unterscheiden sich nicht wesentlich von den Ergebnissen einer ähnlichen Umfrage des Lewada-Zentrums, einem renommierten Meinungsforschungsinstitut, das von den russischen Behörden als "ausländischer Agent" bezeichnet wird. Lew Gudkow, Forschungsdirektor des Lewada-Zentrums sagte im Gespräch mit Euronews, dass das man beschlossen habe, die Daten nicht zu veröffentlichen, "um den Krieg nicht zu legitimieren".

Wer ist für den Krieg?

Zwei Drittel der vom Lewada-Zentrum befragten Menschen befürworten ein militärisches Vorgehen in der Ukraine. Etwas mehr als ein Viertel verurteilte die Invasion. Gleichzeitig ist die Stimmung in der Gesellschaft, wie Gudkow betont, sehr komplex:

"Fast die Hälfte ist stolz auf das Handeln der Armee und generell auf die Entscheidung der russischen Führung, eine Militäraktion durchzuführen. Knapp 40 Prozent empfinden Scham, Empörung, Wut, Depression und so weiter. Diese Meinungen sind fast gleichmäßig verteilt".

Gudkow weist daraufhin, wie unterschiedlich Vertreter:innen verschiedener sozialer Gruppen die Fragen der Soziolog:innen beantworten:

"Die Menschen, die diesen Krieg unterstützen, sind vor allem die weniger Gebildeten, die Älteren und die Bewohner ländlicher Regionen und der kleinen und mittelgroßen Städte. Dies ist die "soziale Peripherie", die von den offiziellen Informationskanälen abhängig ist, vor allem vom Fernsehen, das im Allgemeinen zu einem Instrument der aggressiven falschen Demagogie und Propaganda geworden ist."

Dem Soziologen zufolge sind die jüngeren Menschen, die ihre Informationen nicht aus dem Fernsehen, sondern aus den sozialen Netzwerken beziehen, gegen den Krieg. Und die meisten Unzufriedenen gibt es in Moskau:

"Die Diskrepanz ist sehr hoch. Knapp 60 Prozent der Moskauer lehnen den Krieg ab, und etwa 70 Prozent der Land- und Stadtbevölkerung billigen die Maßnahmen. Polare Meinungen unterscheiden sich je nach Informationsquelle. Aber das ist verständlich, denn seit einigen Jahren findet eine massive Gehirnwäsche der Bevölkerung statt, insbesondere über die Fernsehkanäle, die Kanäle der staatlichen Propaganda.

Die Menschen sind bereit und akzeptieren die Versionen, die ihnen vom Staat angeboten werden: dass ein faschistischer Putsch in der Ukraine stattgefunden hat, der von den Vereinigten Staaten inspiriert wurde, dass Nazis an die Macht gekommen sind und das die Bedingungen für einen Völkermord im Süden und Osten der Ukraine geschaffen hat. Sie haben keine anderen Informationsquellen als das Fernsehen, also akzeptieren sie es und glauben, dass die russische Führung, trotz aller Angst und Abneigung gegen den Krieg, das Richtige getan hat.

Die besser informierten Russen, so der Direktor des Lewada-Zentrum des Lewada-Zentrums, sind entsetzt, beschämt und deprimiert. Gudkow stellt fest, dass unter ihnen eine besonders weit verbreitete "Stimmung der Hilflosigkeit" herrscht, das Gefühl, dass nichts getan werden kann, und die Bereitschaft, in Panik aus Russland zu fliehen, bei denen, die die Möglichkeit dazu haben.

Kann man Umfragen überhaupt glauben?

Die Ergebnisse von Umfragen in Russland sind in den letzten Jahren immer wieder auf Misstrauen gestoßen, vor allem bei politischen Aktivist:innen. Nach Ansicht von Aleksei Minyailo, einem ehemaligen Moskauer Geschäftsmann, spielen Angst und die mangelnde Bereitschaft der Russen, auf harte Fragen ehrlich zu antworten, eine Rolle.

Lew Gudkow ist überzeugt, dass den Ergebnissen von Meinungsumfragen vertraut werden kann:

"Das Gerede, die Leute hätten Angst zu antworten, ist nicht wahr. Die Menschen haben keine Angst zu antworten. Diejenigen, die eine solche Meinung vertreten, stehen den Behörden kritisch gegenüber und rechtfertigen auf diese Weise ein wenig ihre Angst, da sie nicht verstehen wollen, wie stark die Prozesse der Restauration des Totalitarismus in Russland sind.

Es gibt eine enorme Gehirnwäsche des Massenbewusstseins, und Institutionen wie die politische Polizei, Zensur, Macht, Propaganda und einfach ein System der Einschüchterung sind am Werk. Es gibt neue Gesetze, die Menschen für jede Meinung bestrafen, die von der offiziellen Meinung abweicht. Das hinterlässt einen sehr starken Eindruck.

Außerdem werden viele Menschen entlassen, die gegen den Krieg sind und einen Aufruf gegen den Krieg unterzeichnet haben. Sie sind auch dem Druck der Polizei ausgesetzt."

Gudkow weist darauf hin, dass das Lewada-Zentrum die Antworten der Befragten überprüfen kann, da die Umfragen mit Tablets durchgeführt und die Antworten aufgezeichnet werden: "Man kann sehen, wie die Leute reagieren, mit welchem Tonfall, mit welcher Empörung, und sehr oft schaltet man einfach auf harsche Sprache um, wenn man das Geschehen bewertet." Nach Angaben des wissenschaftlichen Leiters des Zentrums verheimlicht nur ein kleiner Teil der Befragten seine Meinung, indem er die Antwort verweigert oder die Option "Schwierig zu beantworten" wählt.

Negative Reaktionen, wenn Tod russischer Soldaten bekannt wird

Die Soziologen des Lewada-Zentrums sehen keine signifikanten Schwankungen in der Bewertung der russischen Regierung durch den Ausbruch des Krieges in der Ukraine. "Wir erwarten keine solche Welle patriotischer, chauvinistischer Euphorie, wie wir sie 2014 nach der Annexion der Krim erlebt haben, und es ist unwahrscheinlich, dass sie sich wiederholen wird", sagt Gudkow. Er stellt fest, dass Sanktionen und die Erwartung einer wirtschaftlichen Katastrophe die Stimmung in der Bevölkerung nur langfristig beeinträchtigen werden:

"In den Provinzen (es sind immer noch mehr als die Hälfte der Bevölkerung, etwa 60 %) lebt ein armer, sehr deprimierter Teil der Bevölkerung, der kaum von irgendwelchen Sanktionen abhängig ist. Ihr Einkommen erlaubt es ihnen nicht, importierte Waren zu verwenden. Dieser Teil der Bevölkerung hat sehr eingeschränkte Ansprüche."

"Es wird einige Zeit, etwa zwei bis drei Monate, dauern, bis diese Welle von Inflation, Arbeitslosigkeit und nachlassender Wirtschaftskraft sie erreicht, bevor die Menschen die kausale Beziehung zwischen den politischen Ereignissen und ihren Auswirkungen auf ihr tägliches Leben erkennen. Es wird geschehen, aber es braucht Zeit."

Gudkow hält die Informationen über den Tod russischer Soldaten während des Krieges in der Ukraine für einen wichtigen Faktor. Wenn das tatsächliche Ausmaß der Verluste bekannt wird, wird dies nach Ansicht des Soziologen eine negative Reaktion in der Gesellschaft hervorrufen.

"Im Moment hat die Zensur diese Daten über Verluste praktisch blockiert, so dass die Menschen verwirrt und verunsichert sind. Man hat keine Ahnung, was dort vor sich geht. In der Tat befindet sich Russland nun in einem Zustand der informationellen Isolation. Die sozialen Netzwerke sind vollständig zensiert, und nur wenige Menschen haben einen wirklichen Überblick über das, was vor sich geht."

Seit dem 4. März gibt es in Russland ein Gesetz, das die Verbreitung von "bewusst falschen Informationen" über den Einsatz der Streitkräfte des Landes verbietet. Die Regierung hat die offiziellen Berichte der russischen Regierungsstellen zur einzig wahren Informationsquelle erklärt. Auf die Veröffentlichung anderer Informationen über den Krieg steht eine Strafe von bis zu 15 Jahren Gefängnis. Für "öffentliche Aktionen, die darauf abzielen, das russische Militär zu diskreditieren", sowie für Aufrufe, die Armee nicht einzusetzen, bis zu fünf Jahre.

Die Berichterstattung über die russische Invasion in der Ukraine war ein offizieller Grund für die Sperrung einer Reihe von russischen Medien, von denen einige liquidiert wurden oder sie gezwungen waren, ihren Betrieb eingzustellen. Die Androhung strafrechtlicher Verfolgung wegen ihrer umfangreichen Berichterstattung über den Krieg hat viele russische und ausländische Medien gezwungen, ihre Tätigkeit im Land einzustellen.