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Gerettet oder verschleppt? Von "Massendeportation" aus der Ukraine und Filtrationslagern Russlands

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Von Euronews  mit AP, iNews
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Aus Mariupol in der Ukraine evakuierte Frau, die jetzt in Russland ist
Aus Mariupol in der Ukraine evakuierte Frau, die jetzt in Russland ist   -   Copyright  Alexander Zemlianichenko/Copyright 2022 The Associated Press.

Jelena Krilowa, eine Fabrikarbeiterin aus Mariupol, die nach langem Warten evakuiert wurde, ist jetzt in einem Zimmer im Sanatorium Sosnowy Bor (auf Deutsch: Kiefernwald) in der Nähe von Gawrilow-Jamin der Region Jaroslawl etwa 240 km nordöstlich von Moskau.

Die Ukrainerin hat es mit ihrem Mann und ihrem Sohn aus Mariupol herausgeschafft. "Wir waren froh, einfach wegzukommen. Wir haben nicht gefragt, wohin wir gehen, wo wir sein werden. In diesem Moment war das alles gleichgültig. Wir mussten weg", sagt die Frau, die jetzt in Russland in einer Fabrik arbeiten soll. Und sie erzählt: "Die Separatisten aus Donezk waren da bei uns, sagten uns, ihr habt 5 Minuten, um euer Zeug zu packen. Wir haben kaum etwas eingepackt. Hauptsache weg." 

Die Familie rechnet auch damit, bald die russische Staatsbürgerschaft zu erhalten. Valeriya Storozh - auch aus Mariupol - sagt: "Wir warten auf die russische Staatsbürgerschaft, dann können wir uns ein neues Leben aufbauen. Unser Leben in Mariupol gibt es nicht mehr."

Andere Frauen berichten der Agentur AP, dass sie es wegen der ständigen Bombardierungen im Keller nicht mehr aushalten konnten. Olga Zabelinaund ihre Mutter Lyudmila Alfyorova sagen, dass sie einfach mit dem erstbesten Auto mitgefahren sind, auf dass sie in ihrem Viertel in Mariupol gestoßen sind.

Nach eigenen Aussagen nimmt Russland Flüchtlinge aus der Ukraine mit offenen Armen auf und kümmert sich gut um sie. Tatiana Moskalkova , zuständig für die Sozialdienste, sagte, mehr als eine halbe Million Menschen - die meisten aus dem Osten der Ukraine - seien bereits in Russland. Ihnen fehle es an nichts. Russisch sprächen sie ohnehin, die Kinder gingen bereits in die Schule.

Die Ukraine stellt die Verhältnisse anders dar. So sollen pro Tag mindestens 20.000 Menschen aus der Ukraine gewaltsam nach Russland gebracht werden. Dort sollen sie in Lagern untergebracht sein, wo sie auf ihre Gesinnung geprüft würden, ob sie Russland-freundlich seien oder nicht.

Der Präsident der Ukraine, Wolodymyr Selensky spricht von "Massendeportationen". Er sagt: "Dann versuchen sie alle kaputt zu machen, die nationale Gefühle für die Ukraine haben. Mehr als 500.000 Menschen sind aus der Ukraine nach Russland verschleppt worden. Stellen Sie sich das mal vor."

Russland weist die ukrainische Version als komplett unwahr zurück und weist darauf hin, dass

Waisenkinder aus der Ukraine von russischen Familien adoptiert würden.

Befragungen in Filtrationslagern - vor Neuansiedlung in Russlands abgelegenen Regionen

Einem Bericht der britischen iNews zufolge sind Bewohnerinnen und Bewohner von Mariupol in sogenannten "Filtrationslagern" befragt und dann nach Russland gebracht worden. Einigen wurde offenbar versprochen, sie bekämen dort ihr eigenes Land. Besonders junge Männer würden stundenlang verhört und die Befragungen - bei denen es vor allem um die ukrainische Armee gehe - auf Video aufgezeichnet.

Nachdem sie befragt, fotografiert und ihre Fingerabdrücke genommen wurden, seien die Menschen in Bussen an die russische Grenze gebracht worden.

Ein junger Mann berichtet iNews, dass seine 75 und 67 Jahre alten Eltern in ein Lager gebracht wurden, nachdem ihnen russische Soldaten 30 Minuten Zeit gegeben hatten, ihren Bunker in Mariupol zu verlassen. Er sagte: "Fast alle werden nach dem Filtrationslager mit Bussen auf russisches Gebiet gebracht. Es gibt ein weiteres Lager an der Grenze. Von dort werden die Leute weiter in die Russische Föderation verteilt. Ich weiß von einigen Fällen, in denen alte Menschen ihre Kinder aus russischen Städten, die sehr weit von der Grenze entfernt sind, kontaktiert haben."

Die Befragungen werden offenbar von Sicherheitskräften der Volksrepublik Donezk durchgeführt, aber es gibt Gerüchte, dass einige vom FSB sind.

Augenzeugen haben laut iNews berichtet, dass Tausende Ukrainer in abgelegene Gegende Russlands wie Sibirien, den Nordkaukasus und den Fernen Osten geschickt werden, in denen die Bevölkerungszahlen stark zurückgegangen sind. So sollten die Evakuierten aus Mariupol nicht in Städte wie Moskau oder St. Petersburg gebracht werden, sondern nach Murmansk im hohen Norden oder in die Kaukasus-Regionen Tschetschenien, Inguschetien undd Dagestan.

Schon vor Tagen hatte die Botschafterin der USA bei UN von den sogenannten Filtrationslagern gesprochen und erklärt, die Welt dürfe nicht wegschauen. Linda Thomas-Greenfield beklagte, dass Russland die Menschenrechte immer weniger einhalte.

Filtrationslager gab es schon in den Tschetschenien-Kriegen

Den Begriff "Filtrationslager" gab es schon in der UdSSR während des Zweiten Weltkriegs. Dieselbe Bezeichnung wurden im Ersten und im Zweiten Tschetschenien-Krieg von den russischen Sicherheitskräften gebraucht.

Allerdings berichteten NGOs von wahllosen Festnahmen und Internierungen. Nach Angaben der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial wurden etwa 200.000 Menschen - von 1 Millionen, die in Tschetschenien leben - in solchen Internierungslagern inhaftiert oder zumindest befragt. Viele von ihnen wurden gefoltert. Im Bericht der Organisation Human Rights Watch wird ein Lager in Tschetschenien, das heute eine Strafkolonie ist, als "Hölle" bezeichnet.