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Kriegstraumata bis ins hohe Alter: Was hilft den Menschen aus der Ukraine?

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Von Sigrid Ulrich
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Kinder in Butscha bei Kiew in der Ukraine
Kinder in Butscha bei Kiew in der Ukraine   -   Copyright  Rodrigo Abd/Copyright 2022 The Associated Press. All rights reserved.

"Man hat gedacht, dass diese Zeiten, in der man Konflikte derart bestialisch, kriegerisch austrägt – dass diese Zeiten vorbei sind." Das sagt Elmar Brähler* vom Universitätsklinikum Leipzig. Der Professor für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie hat mit Kollegen aus Greifswald und Zürich posttraumatische Störungen untersucht - mithilfe von Daten von mehr als 8.000 Menschen in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.

Traumata entstehen demnach durch Bombardierungen und andere Gewalterfahrungen, aber auch durch Heimatverlust und dadurch, dass Kinder ohne Vater aufwachsen. Bei den Deutschen komme erschwerend hinzu, dass sich viele im Zweiten Weltkrieg schuldig gemacht haben.

Und auch bei der Beziehung der Deutschen zu Russland und zur Ukraine spielt im Zweiten Weltkrieg angehäufte Schuld laut Brähler eine Rolle.

Der Körper erinnert sich. Das ist sehr tief gespeichert.
Elmar Brähler
Professor für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie

"Kriegskinder" von heute würden für ihr Leben geprägt, mitunter auch deren Nachkommen. Und die Schrecken des Krieges würden "Kriegskinder" und ihre Familien in ihre Traumata zurückwerfen, etwa aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, den "Jugoslawienkriegen" oder dem Algerienkrieg. Elmar Brähler erklärt, dass schlimme Erinnerungen eigentlich das ganze Leben nachwirken und dass sie oft erst im Alter wieder bewusst werden: "Der Körper erinnert sich. Das ist sehr tief gespeichert. (...) Wenn eine alte Frau, die den Krieg erlebt hat, oder Vertreibung erlebt hat, im Bett liegt und ein Mensch das Zimmer betritt, ein Mann, der eine andere Sprache spricht. Dann kann sie in panische Ängste verfallen und sich unter dem Bett verstecken."

Die Welle der Solidarität für die Geflüchteten aus der Ukraine gebe Hoffnung.

Es gibt auch das posttraumatische Wachstum. Dass man nach einem solchen Ereignis auch wachsen kann, wenn man gute Erfahrungen macht.
Elmar Brähler
Professor an der Universität Leipzig

Die Forschung zeigt auf, was hilft - nämlich Solidarität zu erfahren. Der Professor sagt: "Es gibt auch das posttraumatische Wachstum. Dass man nach einem solchen Ereignis auch wachsen kann, wenn man gute Erfahrungen macht. Das andere wäre ja schrecklich, wenn man die Kriegsereignisse nimmt und sich dann vorstellt, dass das ganze Leben zerstört ist."

Positiv wirke sich zudem aus, wenn die Flüchtlinge in absehbarer Zeit wieder in ihre Heimat zurück und ihre Häuser wieder aufbauen können.

Tatsächlich mache der Krieg, von dem alle dachten, dass es ihn so nicht wieder geben würde, uns alle fragil.

Das gesamte Gespräch sehen Sie im oben eingebetteten Video. Und Sie können es hier nachlesen.

Euronews: "Laut UNICEF sind in der Ukraine rund 4,3 Millionen Kinder geflohen (bis Anfang April 2022), um der Unsicherheit und den Kämpfen zu entkommen – mehr als die Hälfte von insgesamt 7,5 Millionen. Sie haben mit Kollegen aus Greifswald und Zürich die Daten von mehr als 8.000 Menschen auf posttraumatische Belastungsstörungen ausgewertet. Was kommt auf diese Millionen Kinder zu?"

Professor Dr. Elmar Brähler: "Naja, auf diese Millionen Kinder kommt eigentlich eine lebenslange Last zu. Es ist ja so …. Schlimme Kindheitsereignisse – bei manchen wächst sich’s aus, aber bei den meisten wächst sich’s eben nicht aus. Und wir haben in Deutschland eine hohe Zahl der posttraumatischen Belastungsstörungen gehabt bei der Generation, die vor 1946 geboren ist. Das war zum Beispiel in der Schweiz nicht so. In der Schweiz waren die Zahlen sehr sehr viel niedriger.

Wir hatten ja da die Haupt-Einflussfaktoren untersucht. Das Eine waren Ausbombungen, was ein schwerer Punkt ist. Das Zweite war natürlich die Vertreibung, also der Heimatverlust. Und ein Drittes ist in Deutschland damals noch hinzugekommen, dass sehr viele vaterlos aufgewachsen sind. Von den Geburtsjahrgängen 1935/36 sind fast die Hälfte vaterlos aufgewachsen.

Und dann auch besonders gravierend: Die Beteiligung an Kriegshandlungen. Also diese Traumaarten – manche sind ja auch kombiniert aufgetreten – haben lebenslangen Einfluss, bis ins hohe Alter hinein.

Rodrigo Abd/Copyright 2022 The Associated Press. All rights reserved.
In Butscha bei Kiew stehr "Kinder" an der Wand geschriebenRodrigo Abd/Copyright 2022 The Associated Press. All rights reserved.

Wir haben auch in neuerer Zeit analysiert, wie es bei Geflüchteten und Arbeitsmigranten weltweit ist und da sieht man auch – vor allem bei den vor Kriegswirren Geflüchteten – einen sehr sehr hohen Grad an Belastungen. Und posttraumatischen Belastungsstörungen. Und diese Störungen wirken noch in die nächste Generation hinein. Nicht bei allen, aber bei sehr vielen. Und diese Erlebnisse wirken auch als Erzählungen in der Familie, als ganz wichtiger Punkt, was die Familiengeschichte ausmacht."

Euronews: "Wie und wann kommt denn das Erlebte wieder raus?"

Professor Dr. Elmar Brähler: "Das Erlebte…. Das kann sehr vielfältig sein. Das kann Flashbacks geben, wo man durch bestimmte Ereignisse erschüttert wird, zum Beispiel durch bestimmte Gerüche. Zum Beispiel bei Ausbombungen entsteht ein bestimmter Geruch. Und der wird verkoppelt mit einem ganz schrecklichen Erlebnis. Es betrifft aber selbst Ungeborene, die im Mutterleib noch waren und wo sich die Angst der Mutter übertragen hat. Und diese Auslöser sind dem bewussten Zugang meistens eher versperrt.

Da können sehr viele Auslöser entstehen – indem man ein Bild sieht, eine Situation sieht. Sehr viele werden durch die Bilder vom momentanen Krieg erinnert. Die Alten, also über 80jährigen, vielleicht noch aus eigener Anschauung, aber andere auch aus Erzählungen der Eltern."

Euronews: "Es ist als nicht der Kopf, der sich erinnert, sondern der Körper?"

Professor Dr. Elmar Brähler: "Der Körper erinnert sich. Das ist sehr tief gespeichert. Und viele haben ja auch die Traumata verdrängt, die sie gar nicht zulassen. Und wir wissen zum Beispiel von KZ-Opfern, dass das mit Herzerkrankungen verknüpft sein kann. Und dass oftmals Erinnerungen erst im Alter wiederkommen. Wenn bestimmte Situationen im Altersheim… wenn eine alte Frau, die den Krieg erlebt hat, oder Vertreibung erlebt hat, im Bett liegt und ein Mensch das Zimmer betritt, ein Mann, der eine andere Sprache spricht. Dann kann die in panische Ängste verfallen und sich unter dem Bett verstecken."

Euronews: "Wie reagieren die Leute? Haben Sie typische Reaktionen festgehalten?"

Professor Dr. Elmar Brähler: "Es gibt viele Reaktionen. Und vor allem wird ja bei beginnender Demenz auch die Kontrollfunktion ausgeschaltet. Und dann können - bei beginnender Demenz – ganz viele unter dem Deckel gehaltene Erinnerungen, die man nicht hat hochkommen lassen – plötzlich hochkommen. Es gibt ein Gedächtnis, was verschüttet sein kann, was aber auch wieder aktiviert werden kann. Und solche Traumata hinterlassen sehr starke Spuren.

Wir hatte nur einen positiven Effekt gehabt, zum Beispiel bei Vertriebenen, die noch Jahrzehnte später sehr viele Arztbesuche machen müssen, sehr viel mehr psychische Erkrankungen haben, EIN Positives gab es. Dass die soziale Unterstützung höher gewertet wird. Das heißt: So eine Solidarität erfahren in einer schwierigen Situation, kann auch etwas Gutes sein.

Es gibt auch das posttraumatische Wachstum. Dass man nach einem solchen Ereignis auch wachsen kann, wenn man gute Erfahrungen macht. Das andere wäre ja schrecklich, wenn man die Kriegsereignisse nimmt und sich dann vorstellt, dass das ganze Leben zerstört ist.

Man braucht auch irgendwelche positiven Seiten, die man vielleicht auch unterstützend aktivieren kann."

Euronews: "Wieso können Deutsche da so viel zur Forschung beitragen?"

Professor Dr. Elmar Brähler: "Also die Forschung mit Kriegsereignissen ist international sehr dünn gesät gewesen, und ich glaube, in Deutschland, als es die erste Berliner Altersstudie gab, vor 30 Jahren etwa, die hat sich noch nicht mit Kriegstraumata befasst. In Deutschland gab es in den 90er Jahren eine Initiative von dem kürzlich verstorbenen Kollegen Radebold (Hartmut Radebold u.a.: "Kindheiten im Zweiten Weltkrieg: Kriegserfahrungen und deren Folgen aus psychohistorischer Perspektive", Weinheim, 2006) der sich sehr darum verdient gemacht hat, in Deutschland die Forschung zu aktivieren. Und ich erinnere mich, dass er mich vor 30 Jahren schwer ins Gebet genommen hat, dass ich sowas beforschen müsste und sollte. Ich glaube, da trägt er einen maßgeblichen Anteil dran. Er hat ja dann auch 2 Tagungen veranstaltet – Weltkrieg II – Kindheiten in Frankfurt, die damals sehr eindrücklich waren.

Bei den Deutschen ist das aber auch noch kompliziert, weil sie auch Täter waren. Und im Zweiten Weltkrieg – nicht alle, aber sehr viele waren auch Täter. Und da kann man auch sagen, dass die Täter auch nicht ungestraft davonkamen. Auch bei Tätern brennt sich das Geschehen sehr ein. Und vielleicht gibt es ein paar Hartgesottene, die… was mir bei der Wehrmacht-Ausstellung aufgefallen ist – so Panzergeneräle, die uralt wurden. Die haben nichts an sich rankommen lassen. Aber sehr viele, die auch in Kriegshandlungen verwickelt waren, leiden - da leiden auch die Täter später noch drunter."

Euronews: "Was kann man denn dagegen machen, dass wieder mindestens eine Generation schwer belastet wird durch diesen aktuellen Krieg?"

Professor Dr. Elmar Brähler: "Es ist ja jetzt viel passiert. Es ist aber auch schon vorher passiert. Wenn man sich Tschetschenien anschaut, oder auch die Kriegsführung in Syrien. Das war auch vergleichbar. Nur jetzt, die Situation liegt uns näher. Es geht um die Ukraine, der eigentliche Kriegsteilnehmer ist Russland. Und damit ist ja in Deutschland eine lange Geschichte verbunden. Und bei den Kriegsopfern im Zweiten Weltkrieg waren ja auch schon sehr sehr viele Ukrainer dabei gewesen. Und ich glaube, das steckt bei vielen in Deutschland auch (mit drin) - die zerreißt es innerlich und sie müssen sich auch erst mal damit auseinandersetzen. Man hat ja die ganze Zeit den freundlichen Umgang mit Russland gepflegt, auch aus einem schlechten Gewissen heraus, mit der Verantwortung für Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs.

Und jetzt wird das ganz kompliziert, dass Russland Ukrainer überfällt, die genauso Opfer waren, das ist sehr schlimm. Aber ich glaube, ich bin von Ihrer Ausgangs-Fragestellung abgedriftet - Sie fragen, was man da tun kann.

Ich glaube, dass nicht die Generationen jetzt, die junge Generation – dass man da die schlimmen Folgen des Krieges mildern kann. Ich glaube, ganz wichtig ist, was ja momentan auch passiert, ist die Solidarität in den Nachbarländern. Aber auch die Solidarität in Deutschland. Dass man sehr Anteil nimmt und sich um die Geflüchteten kümmert. Ich glaube, das ist erst mal schon ein ganz wichtiger Punkt.

Wichtig wird natürlich auch sein, ob eine Rückkehr möglich ist. Die Rückkehr sieht ja teilweise schrecklich aus. Die Häuser sind zerbombt. Aber dennoch bedeutet Heimat ja - sein Umfeld, wo man gewohnt hat – wäre schon optimal, wenn dieses Umfeld in geschütztem Rahmen wieder aufgebaut werden könnte."

Euronews: "Was macht diese millionenfache Flucht denn mit dem Bewußtsein in Europa? Man hat ja den Krieg als etwas Vergangenes ad acta gelegt. Und sich gefreut über mindestens eine Generation Frieden."

Professor Dr. Elmar Brähler: "Ja, das ist für viele eine völlig neue und überraschende Erfahrung. Wir haben ja Punkte, die die Gesellschaft oder auch die jüngere Generation sehr beschäftigt haben wie der Klimawandel, der ja uns bedroht, oder auch Covid-19, was über uns hergefallen ist. Das ist jetzt alles zurückgetreten. Weil – ich glaube auch sehr viele – elementare Angst haben. Es ist ein Zivilisationsbruch, eigentlich. Man hat gedacht, dass diese Zeiten, wo man Konflikte derart bestialisch, kriegerisch austrägt – dass diese Zeiten vorbei sind.

Und das führt ja auch völlig neuen politischen Positionen bei den Protagonisten verschiedener Parteien, welcher Richtung auch immer. Das ist ein SCHOCK für alle in der Bevölkerung. Und dieser Schock muss auch verarbeitet werden. Und man muss ja auch Hoffnungszeichen haben, wie es denn weitergehen könnte."

Euronews: "Es ist also unvorhersehbar, wie sich das auswirkt? Enrtweder, die Leute werden solidarischer oder sie gehen noch mehr aufeinander los…"

Professor Dr. Elmar Brähler: "Das weiß ich nicht, ob die innerhalb jedes Landes aufeinander losgehen. Die Frage ist: Solidarität mit den Geflüchteten kann den Geflüchteten helfen und kann auch - das ist ein wichtiger Punkt für die Helfer - dass sie da tätig werden. Aber wie es weitergehen wird - ob es zu einem - das hoffen ja alle - dass es bald zu Verhandlungen kommt…. Aber auch wenn es zu einem Waffenstillstand kommt, zu welchen Bedingungen auch immer, bleibt die große Angst: Das kann jederzeit wieder passieren, wir sind nicht davor gefeit. Die Welt ist ganz fragil geworden.

Wir hatten ja – ich erinnere mich – die atomare Bedrohung, die ja in der Welt war, in der wir auch mehrfach Katastrophen entgangen sind. Da glaubte man 1990, dass das nun überwunden sei und dass wir in eine bessere Zukunft gehen. Aber das ist nun momentan nicht der Fall. Und diese elementare Bedrohung ist wieder zurück."

Euronews: "Sehr viele Leute, auch in Frankreich, entdecken jetzt ihre Wurzeln in Armenien oder Polen - kann das auch eine neue europäische Identität ergeben?"

Professor Dr. Elmar Brähler: "Nun gut, das haben ja sehr viele Menschen aus anderen Ländern, sowohl in Frankreich als auch in Deutschland erlebt. Nicht zu vergessen – es gibt auch große muslimische Minderheiten in Frankreich und in Deutschland.

Und dass man sich jetzt erinnert - die Frage ist, alle hätten sich doch erinnern müssen an die .. schon länger erinnern müssen an diese vielen Bezugspunkte, die wir haben. Wir haben ja auch schon Millionen Geflüchtete hier leben, die Schlimmes durchgemacht haben. Aber die sind ja eher unter anderem Blickwinkel (teilweise) betrachtet worden. Weil sie unserer Kultur fremd sind. Da hat man deren Leiden nicht so an sich rangelassen."

Euronews: "Also, was kann der Einzelne tun? Erst mal tolerant sein, wenn Leute bisschen bizarre Verhaltensweisen zeigen? Und solidarisch?"

Professor Dr. Elmar Brähler: "Solidarität ist ganz wichtig. Dann die Hilfe. Die Menschen brauchen auch die Hilfe. Und wenn ihnen geholfen wird, ist das ein Zeichen von Solidarität. Und wenn diese Zeichen von Solidarität in Europa .. wenn übergreifend Solidarität geübt wird, ist das schon ein gutes Zeichen für Europa. Europa war ja irgendwie… nicht in einer guten Verfassung. Und ein solidarisches Europa kann auch zu positiven Werten finden. Ich glaube, das ist etwas Optimistisches, was man daraus ziehen kann."

Euronews: "Was kann man den armen Russen sagen, die jetzt vielleicht auch traumatisiert sind?"

Professor Dr. Elmar Brähler: "Also man kann ja die Regierung nicht mit der Bevölkerung gleichsetzen. Die „armen Russen“ - Russland ist ja auch ein Vielvölkerland mit sehr vielen Ethnien. Das Problem ist ja, dass für die Russen vermehrt die Informationskanäle einseitig werden und dass sie nicht gut an Informationen kommen. Informationen wären immer noch gut für die Bevölkerung in Russland. Und es gibt viele Russen, die auch sicherlich nicht auf Seiten Putins stehen. Da kann man nicht die ganze Bevölkerung dafür haftbar machen.

Da entsteht eher Scham. Die Organisationsstruktur der russischen Armee ist nicht auf Teilhabe ausgerichtet."

Sigrid Ulrich

*Prof. Dr. rer. biol. hum. habil. Elmar Brähler studierte Mathematik und Physik. Nach Promotion und Habilitation in Psychotherapieforschung bzw. Medizinischer Psychologie leitete er von 1994 bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand im April 2013 die Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig.