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Analyst im russischen TV nennt Ukraine-Krieg "Generalprobe für einen größeren Konflikt"

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Von Alexandra Leistner  & Mihhail Salenkov
Putin bei einem Treffen mit seinem Verbündeten, dem belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko in Sotschi, 23. Mai 2022
Putin bei einem Treffen mit seinem Verbündeten, dem belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko in Sotschi, 23. Mai 2022   -   Copyright  Ramil Sitdikov/Sputnik via AP

Seit dem Einmarsch Russlands in der Ukraine vor genau drei Monaten konzentriert sich der Westen auf den Schutz der ukrainischen Zivilbevölkerung und versucht gleichzeitig, Russland keinen Vorwand zu geben, auch NATO-Staaten anzugreifen.

So wurde in Deutschland die zögerliche Lieferung schwerer Waffen an Kiew zunächst mit der Angst begründet, Moskau könne dies als Eintritt in den Krieg ansehen und Deutschland als aktive Kriegspartei sehen.

Könnte es Putin auf diese Eskalation abgesehen haben? Wenn man dem russischen Politikberater Alexei Fenenko Glauben schenkt, dann sieht Russland in dem Krieg in der Ukraine eine Art Generalprobe für einen größeren Konflikt.

Im russischen TV-Sender Rossija 1 sprach Fenenko von einer "Lernerfahrung für einen zukünftigen Konflikt", in dem die russische Armee die Waffen der NATO "auf dem Schlachtfeld" testen und mit den eigenen vergleichen wolle.

Fenenko hat einen Doktortitel in Politikwissenschaften, ist außerordentlicher Professor der Abteilung für internationale Sicherheit der Fakultät für Weltpolitik der Staatlichen Universität Moskau und ist unter anderem Experte der russischen Denkfabrik Russian International Affairs Council (RIAC).

Den Mittschnitt des Auftritts Fenenkos vom vergangenen Donnerstag teilte die US-amerikanische Russland-Expertin Julia Davis auf Twitter. 

Fenenko ist nicht der erste Kommentator, der im Sender Rossija 1 die russische Propaganda, wonach Russland die Ukraine von Neonazis befreit und dort eine "Sonderoperation" durchführt, wiederholt. Westliche Expert:innen glauben, dass die wahren Folgen des Krieges in Russland verschwiegen werden.

So wartet die Ukraine seit Beginn des Krieges vor drei Monaten auf einen Antrag Moskaus auf Rückführung der in der Ukraine getöteten russischen Soldaten. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte, Russland sei mit mobilen Krematorien angereist, um die Leichen sofort zu verbrennen.

Ende April hatte Alexei Fenenko mit der Aussage Aufsehen erregt, wonach Polen seit 2014 eine Invasion der Ostukraine plane. "Seit 2014 kursiert die Idee, dass die Regierung aus Kiew in letzter Minute dorthin fliehen und ein Fragment der ehemaligen Ukraine schaffen kann, das der Westen zunächst als legal anerkennt, und dann Polen und Ungarn einen Teil der Gebiete wegnehmen kann", so der Experte.

Wird die Situation für Russland "schlimmer"?

Doch nicht alle Experten halten sich an die russische Rhetorik: In der vergangenen Woche hatte der Militärexperte und Ex-General Michail Chodarenok im russischen Staatsfernsehen ein ungewöhnlich offenes Statement zum Krieg in der Ukraine abgegeben. Er sagte, Russland sei geopolitisch isoliert. Bei den Berichten, wonach das ukrainische Militär schwächer werde, handele es sich um russische Propaganda.

"Die Situation für uns wird eindeutig schlimmer werden... wir befinden uns in geopolitischer Isolation... die Situation ist nicht normal", so Chodarenok.

Nach Angaben der Vereinten Nationen sind in dem Krieg auf ukrainischer Seite, mindestens 3.838 Menschen getötet worden, darunter fast 200 Kinder. Die eigentlichen Zahlen lägen aber vermutlich sehr viel höher, so die UN. Vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos sagte der ukrainische Präsident am Montag, jeden Tag kämen an der Ostfront bis zu 100 Menschen ums Leben.

Von russischer Seite gibt es seit Wochen keine Angaben zu Toten oder Verletzen.

Weitere Quellen • Julia Davis