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Feuerwehr im Flammeninferno: Was wir von Spanien lernen können

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Von Hans von der Brelie
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
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Kaum ein EU-Mitglied ist so gut gewappnet gegen Großbrände wie Spanien. Unser Reporter Hans von der Brelie hat sich vor Ort auf Teneriffa umgesehen, wo in den vergangenen Wochen sechs Prozent der Landesfläche verbrannt sind.

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Kanada, Griechenland, Spanien - in immer kürzeren Abständen fressen sich immer größere Feuer durch unsere Landschaften, verwüsten immer riesigere Flächen. Sicher, die allermeisten Waldbrände sind ganz direkt „made by Mensch“: Lagerfeuer, Zigarettenkippe oder Brandstiftung. Welchen Zusammenhang gibt es mit dem (ebenfalls menschengemachten) Klimawandel? Inwieweit bereiten Dürreperioden und Hitzewellen dem Feuerteufel seine höllische Spielwiese? Unser Reporter Hans von der Brelie hat sich vor Ort auf Teneriffa umgesehen, wo in den vergangenen Wochen sechs Prozent der Landesfläche verbrannt sind.

Badestrand und Löschhubschrauber

Teneriffa im August: eine Paradiesinsel im Flammeninferno. Die Klimakrise verwandelt die Kanaren in ein Pulverfass. Ein Funke genügt für ein Höllenfeuer außer Kontrolle. Die Flammen breiteten sich in wahnsinniger Geschwindigkeit aus. In wenigen Tagen verschlang der Megabrand 15.000 Hektar Wald. Der Katastrophenschutz evakuierte 13.000 Menschen. 

Polizisten sperrten das ehemals grüne Herz der Insel weiträumig ab – während unten am Meeresstrand der Tourismusbetrieb, Teneriffas wichtigster Wirtschaftszweig, quasi ungestört weiterlief: Baden und Ballermann, Singen und Saufen… während am roten Himmel über Teneriffa schwefelgelbe Löschhubschrauber und Canadair-Maschinen ihr verzweifeltes Ballett aufführten.

Das ist eine dieser Schnellstart-Reportagen. Da kommt die Meldung rein: Es brennt! Kurze Mail zur Chefredaktion: Es brennt! Wenige Stunden später: Ich bin vor Ort. Mal umsehen. Auf dem Rücken dieser sauschwere MoJo-Rucksack mit dem ganzen Metallkrempel fürs Filmen, Xaume als Begleiter – als Übersetzer und Helfer.

Oben in den Bergen, in einer Straßenkneipe, kommen wir mit ein paar Anwohnern ins Gespräch. 'Red mal mit Antonio', heißt es. Auch Antonio lebt von Touristen. In Puerto de la Cruz betreibt er mit seiner Frau Victoria ein gemütliches Restaurant, am Wochenende helfen die Söhne, ein echter Familienbetrieb – mit 1A-Speisekarte. Antonio und Victoria sind stolz darauf, ihren Gästen selbst angebaute Teneriffa-Kartoffeln, Gemüse und Früchte vom eigenen Stück Land vorsetzen zu können. Lokale Rezepte, lokaler Anbau, lokales Flair, das lief bislang recht gut.

Doch mit den Runzelkartoffeln vom eigenen Acker, mit Früchten aus dem eigenen Obstgarten ist es nun erst einmal vorbei. Antonio nimmt mich mit in die Berge. Zusammen mit Freund Fernando begutachtet Antonio den Schaden. Sie haben Wasser mitgebracht, denn das Feuer hat alle Leitungen zerstört. Riesenbehälter, vielleicht lässt sich ja doch noch der eine oder andere Obstbaum retten, hofft Antonio.

"Fatal, barbarisch, unvorstellbar"

Antonio schließt das Tor zu seinem Gelände am Waldrand auf. Schon auf dem Weg hierher ist alles schwarz. Entsetzt blickt sich Antonio um. Die Flammen verschlangen auch das Geflügelgehege. 16 Hühner verbrannten. Nur Pancho, der Hahn, und zwei seiner Lieblingshennen überlebten das Feuerinferno.

Man sieht Antonio seine Gespanntheit an. Steht seine Finca noch? Wir biegen um eine Ecke, Antonio atmet auf: Sein Haus am Waldrand blieb unversehrt, obwohl die Flammen direkt vor der Haustüre loderten. Feuerwehr sei Dank!

Direkt vor und neben der Finca stehen zwei verkohlte Baumruinen. Antonio seufzt: „Der Kastanienbaum hier wurde von meinem Urgroßvater gepflanzt. Der Baum ist bestimmt um die dreihundert Jahre alt. Und mein Vater hat mir erzählt, dass der andere Baum so etwa 450 bis 480 Jahre alt ist. Mit denen ist es nun vorbei!“

Das Feuer konnte nur deshalb so apokalyptische Ausmaße annehmen, weil so viel Land brachliegt.
Antonio Aguiar
Landbesitzer und Restaurant-Betreiber

Bereits Antonios Urgroßvater betrieb hier auf Teneriffa Landwirtschaft. Das Feld am Waldrand vererbte sich über Generationen. Antonio erinnert sich noch genau: Als kleiner Bub im Alter von sechs Jahren durfte er erstmals mit anpacken. Harte Arbeit, auf die er stolz war und immer noch ist.

Was bleibt? Antonio sieht sich um: Verbrannte Erde! „Schrecklich, egal wie man es betrachtet, einfach nur schrecklich, alles geht in Rauch auf“, murmelt er zu Fernando. „Die Folgen sind fatal, barbarisch, unvorstellbar." Fernando bemüht sich, seinem Kumpel Mut zuzusprechen, zumindest die Pinien würden sich doch rasch wieder erholen, die könnten mit Feuer umgehen. Doch Antonio weiß, hier geht es nicht nur um Pinienwälder, hier geht es um ein komplexes Ökosystem, um Fauna und Flora, die viele lange Jahre benötigen werden, um den Schaden halbwegs wieder gut zu machen, den dieser Megabrand angerichtet hat.

60 % unbewirtschaftete Brachflächen auf Teneriffa

Antonio liebt sein Stück Land am Waldrand. Doch heute wolle kaum noch jemand Landwirt werden, meint er, die Arbeit sei zu hart – und die Jugend träume vom schnellen Geld im Tourismusgewerbe. Und genau das sei mit ein Faktor für die Freude des Feuerteufels. Denn auf brachliegenden Feldern und in nicht bewirtschafteten Wäldern sammelt sich pulvertrockenes Unterholz an: ein gefundenes Fressen für die Flammen.

Antonio Aguiar: „Niemand hätte gedacht, dass das Feuer bis hierher kommt. Doch dann kam es so plötzlich, so brutal, mit so einer Kraft… die Flammen waren wohl 40 bis 50 Meter hoch ... das einzige, was ich retten konnte, war der Hund.“ Dann versucht er zu analysieren, zu erklären: “Also, was ist hier los bei uns in dieser Gegend? Das Feuer konnte nur deshalb so apokalyptische Ausmaße annehmen, weil so viel Land brachliegt, glauben wir. Überall brachliegendes Land… Ich denke, dass auf der Insel 60 Prozent der (land- oder forstwirtschaftlich nutzbaren) Fläche brachliegen.“

Als die Flammen immer näher an mein Haus kamen, die waren nur noch 300 Meter entfernt, musste ich mich übergeben.
Juan Aguilar Hernández
Hausbesitzer auf Teneriffa

Hinter Antonios Feld dreht sich immer noch eine Rauchsäule in den Himmel. In der Bar „La Curva“ treffen sich die Nachbarn und beobachten die Löschhubschrauber. Unter ihnen auch Juan und Miguel, beide haben schon den einen oder anderen Grappa intus, Hilfe gegen den Schock, die Feuernächte, die Flammenwoche.

Juan Aguilar Hernández ist froh, dass er seine Esel retten konnte. Mit großen Gesten erzählt er: “In der Nacht habe ich immer versucht, mein Haus mit Wasser abzukühlen. Und ich sag Dir was: Als die Flammen immer näher an mein Haus kamen, die waren nur noch 300 Meter entfernt, musste ich mich übergeben." Auch Juans Haus konnte gerettet werden. Die Feuerwehrleute leisteten richtig gute Arbeit, trotz schwierigster Bedingungen: Teneriffa, das ist kein Pfannkuchenland, nein, hier geht’s rauf und runter, hier steht Spaniens höchster Berg, die Landschaft ist zerklüftet, Schluchten und unzugängliche Täler prägen die Insel. Kurz: ein Horror für jeden Feuerwehreinsatzleiter!

Auch Juans Kumpel Miguel hat aus seinem Erfahrungsschatz einiges mitzuteilen. Einer seiner Vorfahren war Eishauer. Hoch oben auf dem Berg, dort holte er mit seinen Maultieren Eisblöcke aus den Höhlen, brachtet sie runter zum Hafen um das damals neu entdeckte Penizillin zu kühlen. Eis auf Teneriffa?, wage ich zu zweifeln und wische mir den Schweiß von der Stirn. Doch, doch, bekräftigt Miguel. Doch die Zeiten haben sich geändert, insbesondere im Bereich der Landnutzung. 

Problem auf Teneriffa: Zersiedelung

Miguel Salazar Jacinto: “Ein Riesenwandel. Früher gab es kein Gas zum Kochen, Du hast keine Wahl gehabt, alle haben mit Holz gekocht. Deshalb waren früher die Wälder viel aufgeräumter, auch weil Vieh dorthin getrieben wurde. Früher gab es hier einen Viehbestand von über 3.000 Tieren, schätz ich mal, jetzt haben wir noch nicht einmal 100 Kühe hier vor Ort.“

Der Erkundungsflug des Katastrophenschutz-Hubschraubers früh am nächsten Morgen bringt heute zur Abwechslung einmal eine gute Nachricht: Das Feuer ist unter Kontrolle – weitgehend. Doch immer noch gibt es offene Brandherde im grünen Herzen der Insel.

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Ich bekomme ausnahmsweise Zugang zum vorgeschobenen Kommandozentrum am Rande des Dorfes Arafo. Über eine schmale Leiter darf ich in den mobilen Container des Lagezentrums steigen, hier drängen sich die Planer und Entscheider Schulter an Schulter um einen mit Generalstabskarten bedeckten Tisch. Nervöse Blicke auf einlaufende Meldungen von der Feuersfront, Finger auf Landkarten, Türen klappen auf und zu, man kann die Konzentration quasi mit Händen greifen. 

Die operativen Leiter von Katastrophenschutz, Feuerwehr, Polizei und Militär setzen weiter auf vollen Lufteinsatz. Sie wollen den letzten Brandherden massiv an den Kragen, dem Feuer keine Chance lassen, in irgendeinem Berg- oder Talwinkel doch noch zu überleben. Das Problem ist – neben dem launischen Wind - die Zersiedelung: überall stehen Häuser, ganz nah am brennenden Wald.

Auch Spaniens Umweltministerin sieht das so. Die hat sich zu einem Überraschungsbesuch angekündigt. Die Zersiedelung der Insel, die sich auflösenden Grenzen zwischen Dorf/Stadt einerseits und Land/Wald andererseits, die teilweise wilde Bebauung, hoch die Hänge hinauf oder in die Täler hinein - das rächt sich nun. Es bindet Kräfte. Denn die Leute müssen Prioritäten setzen, Menschen und Behausungen zuerst. Wollte man ehrlich sein, so müsste man klar sagen: Teneriffa bräuchte einen neuen Flächennutzungsplan.

Spanien ist gut gegen Großbrände gewappnet

Andererseits gilt europaweit kaum ein EU-Mitglied als so gut gewappnet gegen Großbrände wie ausgerechnet Spanien. Das Land gibt richtig Geld aus, was das Material – Löschflugzeuge, Hubschrauber, Ausrüstung – betrifft. Was kann Europa von Spanien lernen? Wie sollen die Mega-Feuer der Zukunft bekämpft werden?, will ich von der Ministerin wissen.

Umweltministerin Teresa Ribera Rodríguez: „Wir müssen in Antizipation und Frühwarnsysteme investieren. Wir müssen in Fähigkeiten und Professionalismus investieren, denn bei jedem Waldbrand müssen komplizierte Herausforderungen gemeistert werden.“ Es geht um das Zusammenspiel der Kompetenzen, hört sich vielleicht abstrakt an, ist aber was durch und durch Handfestes. Da gibt es lokale Feuerwehren und Waldbrand-Spezialkräfte (BRIFOR), spezielle Unterstützungseinheiten mit solider Waldbauernerfahrung, Wurzelhacken, Muskeln und Motorsägen (EIRIF), die Armee steuert Feuersoldaten bei (UME), der Katastrophenschutz hat Listen mit Profis, die was können und kurzfristig mobilisierbar sind (112), Drohnenpiloten sind ausgerüstet mit fliegenden Wärmebildkameras.

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Rafa, Romero, David und Ferinto nehmen mich mit im Einsatzfahrzeug der Waldbrand-Brigade EURIF. Die Männer sind von einer Nachbarinsel eingeflogen worden. Seit sieben Tagen kämpfen sie gegen das Feuer-Monster. Gestern haben sie einen Eukalyptus-Wald gelöscht. Heute suchen die Männer im Nachgang nach versteckten Brandnestern, ein echter Knochenjob.

Das Feuer kriecht quasi über unsere Verteidigungslinie, oder unter ihr hindurch, es glimmt weiter und der Wind kann das Feuer zwei oder drei Tage später neu entfachen.
Rafael
EIRIF-Brigadechef

Wir klettern einen steilen Hang empor. Ich blicke mich um: Ein super Eukalyptus-Wald - und genau das ist das Problem, denn wenn es hier brennt, dann so richtig. Und vor allem: so richtig lange. Denn die Wurzeln sind lang – und sie brennen und glimmen oft unterirdisch weiter und weiter und immer weiter, bis die Flammen dann Stunden oder Tage später an ganz anderer Stelle erneut aufzüngeln.

Ein Knacken und Knirschen kommt aus einer der Baumgruppen mit geschwärzten Stämmen. Dann ein lauter Schrei: „Vorsicht – der fällt!“ Ein riesiger Eukalyptus-Baum geht krachend zu Boden, Rafa evakuiert seine Männer aus der Gefahrenzone und fordert Luftunterstützung an. Das hört sich einfacher an, als es ist. Rafa kämpft mit Frequenzen und Empfang: er und Teamchef David jonglieren mit mehreren Funkgeräten und mobilen Telefonen gleichzeitig, gehen mal nach links, mal nach rechts – auf der Suche nach der besten Verbindung zum Hubschrauberpiloten. Rafa wirkt genervt. Wie solle er den Piloten, der nur eine begrenzte Sicht hat - das Blätterdach ist trotz Brand immer noch dicht - auf den Meter genau an die kritische Stelle lotsen?

Der Boden ist immer noch brennend heiß. Jede einzelne Flamme muss niedergekämpft werden. Doch wenn die Temperatur zu hoch ist, können die Männer der Brigade nicht arbeiten. Klare Sache: Kühlung muss her, die Bodentemperatur muss gedrückt werden, sonst geht hier nichts vorwärts.

Ein erster Hubschrauber röhrt und flappt durch die heiße Luft des Berghangs, der rote Behälter unter ihm öffnet sich, tausende Liter Wasser schwappen heraus, der Wind trägt sie weiter, ins Grüne, an die falsche Stelle. Rafa spricht hektisch in seine Geräte. Ein zweiter Hubi kommt, diesmal wird das kühlende Nass etwas genauer abgeworfen, auf die verkohlte, heiße Erde. Dann geht es Schlag auf Schlag, Hubschrauberladung um Hubschrauberladung. Nun können Rafas Männer hacken und schlagen, Flammen ersticken, glühende Wurzeln rausholen, Erde auf Brandnester häufeln.

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EIRIF-Brigadechef Rafael meint: „Hier auf dem Gebiet, wo wir arbeiten, gibt es auf und im Boden jede Menge organisches Material, das brennt sehr langsam weiter. Das Feuer kriecht quasi über unsere Verteidigungslinie, oder unter ihr hindurch, es glimmt weiter und der Wind kann das Feuer zwei oder drei Tage später neu entfachen.“

Der Wind ist der größte Feind der Brandbekämpfer

Ja, der Wind, der ist Rafas größter Feind, noch vor dem steilen, unübersichtlichen Gelände. Der Mann wirkt frustriert. Ja, gibt er zu, es sei halt schon schwierig, das auszuhalten: Er und seine Männer geben alles was sie geben können, voller Einsatz. Jeden Tag. Jede Nacht. Jede Stunde. Jede Minute. Doch kaum hat die Brigade im Schweiße ihres Angesichts eine Verteidigungslinie gegen den Feuerteufel gezogen, dreht sich schon wieder der Wind – und alles war umsonst. Und Rafas Männer müssen ganz von vorne anfangen. Wieder einmal. So geht das hier auf Teneriffa seit vielen, vielen Tagen.

Pause. Rafa und sein Team sind erschöpft. Sie lassen sich auf der rötlichen, staubigen Erde nieder, essen eine Kleinigkeit, einen Apfel, einen Pfirsich, eine Brotzeit, trinken Wasser. Viel Wasser. Wir kommen ins Reden, über Berufswahl, Ausbildungswege. Jeder in der Brigade hat eine spezifische Aufgabe, der eine kann perfekt mit der Motorsäge umgehen, der andere ist zuständig für das Herbei-Lotsen der Löschpiloten – ein gut eingespieltes Team.

Rafa, Romero, David, Ferinto und die anderen säubern ihre Taschenmesser, recken und strecken sich, gleich geht es weiter mit der Flammen-Hackerei. Da kommt Brigitte um die Ecke. Seit 36 Jahren lebt die Französin schon auf Teneriffa. Sie will den müden Männern Mut machen, ihnen danken. Denn sie haben ihre Finca am Waldrand gerettet.

Die brennende Borke gleitet dann durch die Luft, die Rinde ist ja geformt wie ein Flieger (...) Das da ist ein Riesen-Zünder, die Mutter aller Flugzünder.
Federico Grillo
Branddirektor von Gran Canaria

Warum wurde das Feuer so schnell so groß? Klare Sache: In den Bergschluchten liegt zu viel Totholz. Plus Hitzeglocke. Plus Wind. Plus niedrige Luftfeuchtigkeit. Gleich Riesenfeuer. Katastrophenschutz-Chefin Montserrat Román erklärt, dass das Feuer zudem sein eigenes Mikro-Klima schuf: Eine sechs Kilometer (!) hohe Rauchsäule schleuderte tagelang (!) Funken in alle Richtungen. Zwar kennen die Brandexperten und Feuerwehrleute derartige Rauchfunkensäulen von anderen Waldbränden, doch die drehen sich üblicherweise ein paar Stunden auf der Stelle – nicht ein paar Tage.

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Montserrat Román Casamartina weist darauf hin, dass sich das Feuer am Anfang irrsinnig schnell verbreitete, in unterschiedliche Richtungen, der Feuerteufel sprang hin und her, mal in die eine, dann urplötzlich wieder in die andere Himmelsrichtung. Hinzu kommt: „Wir haben zunehmend häufiger langanhaltende Hitzewellen mit hohen Temperaturen und Dürre-Bedingungen. Wir denken, dass der Klimawandel offensichtlich eine Rolle spielt bei der Intensität und Schwere dieser Brände.“

Lokale Brandexperten von der Insel und Kanaren-Politiker sind sich weitgehend einig in ihrer Schlussfolgerung: Es wäre gut, könnte sich Spanien dazu durchringen, permanent Löschflugzeuge auf der Inselgruppe zu stationieren, das könnte im Falle eines erneuten Brandes wertvolle Zeit sparen und verhindern, dass aus einem kleinen Feuer erneut ein Mega-Ding wird.

Das „Teneriffa-Manifest“ fordert eine „Mosaik-Nutzung“

Zurück im Straßen-Café “La Curva“ treffe ich Federico Grillo. Der Branddirektor von Gran Canaria versucht, eine Strategie gegen den Feuerteufel zu entwickeln. Grillo nimmt mich mit in das Sperrgebiet. „Wir müssen nun die Strom- und Telefonleitungen instandsetzen“, sagt Grillo und deutet beim Vorbeifahren auf ein Reparaturteam, das sich mit schwerem Gerät von Mast zu Mast entlangarbeitet. „Die angerichteten Schäden müssen so schnell wie möglich beseitigt werden.“

Profis von der Insel warnen: Das Schlimmste kommt erst noch. Tausende Experten, Naturschützer, Landwirte, Vereins- und Verbandssprecher haben ein „Teneriffa-Manifest“ verfasst, das Behörden und Politikern indirekt ein Armutszeugnis ausstellt. Man solle künftig auf „Mosaik-Nutzung“ setzen, also Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Naturschutz und Tourismus so verzahnen, dass sich kein Totholz mehr ansammeln kann.

Miserables Waldmanagement und Bevölkerungsdruck haben die Kanaren in ein Pulverfass verwandelt. Ab jetzt muss alles neu gedacht und neu geplant werden, angefangen bei Landnutzung, Waldnutzung, Flächennutzung.

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Doch noch einmal zurück in den verbrannten Wald, zu Branddirektor Federico Grillo. Der interessiert sich für ein handtellergroßes, verkohltes Stück Pinienrinde: „Wenn es brennt und die Flammen einen Baum angreifen, dann besteht eine der Verteidigungsstrategien des Baumes darin, dass Teile der schützenden Borke vom Stamm abgesprengt werden“, erklärt mir Grillo. „Die brennende Borke gleitet dann durch die Luft, die Rinde ist ja geformt wie ein Flieger, und wenn die dann auf was Trockenes, Brennbares fällt, dann zündet das. Wir haben hier auf Teneriffa Entfernungen von über 15 Kilometern gemessen, die solche Funken-Flieger zurücklegen. Das da ist ein Riesen-Zünder, die Mutter aller Flugzünder.“

Alexander von Humboldt würde weinen

José García Casanova steht an der Spitze der Umweltschutzorganisation „Ben Magec - Ecologistas en Acción“. Wir haben uns auf einem Autobahnparkplatz verabredet. Von hier aus hat man einen perfekten Blick auf Teneriffas Landschafts-Panorama. Klar kann man mit bloßem Auge die Vegetationszonen erkennen, die Zersiedelung, die Rauchsäulen, das Hubschrauber-Ballett, das auch an diesem Tag unermüdlich seine Runden dreht.

„Als Alexander von Humboldt (im Jahre 1799) hier auf Teneriffa ankam, weinte er Tränen der Freude, denn er sah seine Theorie der Vegetationszonen bestätigt“, sagt José García Casanova. Der Doktor der Biologie und perfekte Kenner der Biodiversität Teneriffas zieht einen Vergleich zur heutigen Zeit: „Käme der Naturforscher jetzt erneut zu Besuch, würde er erneut Tränen vergießen, aber aus einem ganz anderen Grund: denn das Megafeuer bedroht die Artenvielfalt der Insel.“ Auch mehrere endemische Arten, also Arten, die es hier und nur hier gibt, seien nun noch stärker vom Aussterben bedroht. Der Wissenschaftler und Naturschützer zählt einige Pflanzennamen auf. Und fordert: „Jetzt muss gehandelt werden, Pflanzen-Samenbanken müssen angelegt werden, wir brauchen eine Renaturierung.“

Spaniens Regierungs-Chef, auch er kam zu einer kurzen Katastrophen-Visite auf die Insel, hat bereits Unterstützung zugesagt. Auch er will, dass das verkohlte Herz Teneriffas wieder ergrünt. Nur: Das sagt sich leider leichter, als es sich umsetzen lässt. Und zwischen halboptimistischen Prognosen einiger Brandleute („Die Pinienwälder sind in zwei, drei Jahren wieder grün und wohlauf!“) und der düsteren Einschätzung des Biologen José García Casanova („Die Wiederherstellung der Biodiversität in all ihrem Reichtum wird sehr viele Jahre in Anspruch nehmen!“) liegen Welten.

Der Doktor erläutert kurz die 30/30/30-Regel: „Die grundlegenden Faktoren für so ein Feuer sind: hohe Temperaturen über 30 Grad Celsius, relative Luftfeuchtigkeit unter 30 Prozent und eine Windgeschwindigkeit über 30 Stundenkilometern. Kommt all das zusammen, dann breitet sich ein Feuer, ganz egal ob Brandstiftung oder Blitzschlag, rasch aus.“ José García Casanova weiter: „Und mit den neuen Umweltbedingungen, die ganz unzweifelhaft durch den Klimawandel geschaffen wurden, muss man von Russisch Roulette sprechen, aber mit mehr als nur einer Kugel im Revolver.“

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Fehlentwicklung, Klimakrise und Brandstifter arbeiten Hand in Hand. Das Megafeuer auf Teneriffa ist vorbei. Doch das nächste kommt bestimmt.

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