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"Angstzustände": Russische Bevölkerung spürt Auswirkungen des Ukraine-Kriegs

Ein Straßenarbeiter reinigt Pflastersteine auf dem Roten Platz in Moskau (Archivbild)
Ein Straßenarbeiter reinigt Pflastersteine auf dem Roten Platz in Moskau (Archivbild) Copyright AP Photo
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Von Joshua Askew
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Dieser Artikel wurde im Original veröffentlicht auf Englisch

Eine neue Umfrage zeigt, dass Russinnen und Russen angesichts der Folgen des Angriffskriegs gegen die Ukraine Zukunftssorgen haben. Doch Teile der Bevölkerung bleiben offenbar standhaft.

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Rund 80 Prozent der Russinnen und Russen machen sich Sorgen um ihr finanzielles Wohlergehen. Das gab das Forschungszentrum Open Minds Insitute (OMI), das sich mit Desinformation und Propaganda befasst,in einer aktuellen Umfrage bekannt.Die Zahl bedeutet einen deutlichen Anstieg um 30 Prozentpunkte seit der letzten Umfrage im Mai.

In einer Erklärung an Euronews vom vergangenen Montag sagte der Gründer und Geschäftsführer von OMI, Sviatoslav Hnizdovskyi, dass der Anstieg "auf einen Trend hinweisen könnte, bei dem die Kühlschrankrealität die TV-Propaganda übertrifft". Das könne zu einer wachsenden Unzufriedenheit in der russischen Bevölkerung führen könnte, wenn sich dies fortsetzte.

"Es könnte schwieriger sein, mit einer wütenden und hungrigen Menge umzugehen als mit einer kleinen Gruppe von Demonstranten, die die Maßnahmen der Regierung aus moralischen Gründen ablehnen", so Hnosdovskyi, "genau wie in der Russischen Revolution von 1917, als Brotmangel und andere Lebensmittelknappheiten in Verbindung mit Misserfolgen an der Front eine der entscheidenden Rollen bei den sozialen Unruhen spielten".

AP/1917 AP
Russische Revolution (undatiertes Archivbild)AP/1917 AP

Nur die Hälfte der vom OMI befragten Personen "glaubt, dass der Durchschnittsbürger über alle Mittel verfügt, um in Russland ein gutes Leben zu führen", heißt es in der Studie.

Die Forscher des Instituts, das mit fünf Universitäten in den USA und Großbritannien zusammenarbeitet, stellten jedoch fest, dass die Ansichten der Russinnen und Russen über ihre täglichen Herausforderungen und die Zukunft von ihren allgemeinen politischen Überzeugungen beeinflusst werden.

Die Forscher unterteilten die russische Bevölkerung anhand ihrer Einstellung zum Status quo in vier verschiedene Gruppen: Hardliner, Loyalisten, Gemäßigte und Liberale.

Genau 84 Prozent der Befragten wollten in Russland bleiben, 53 Prozent der so genannten "Liberalen" wollten ins Ausland gehen. Etwas mehr als drei Viertel der letztgenannten Gruppe, die das herrschende Regime ablehnen, seien besorgt über mögliche Beschränkungen beim Verlassen des Landes, heißt es weiter.

"Die Kriegsbefürworter in Russland sind trotz der bestehenden Probleme überwiegend zufrieden mit ihrem Leben", so die Forscher. Unter den so genannten "Loyalisten", d.h. denjenigen, die im Allgemeinen mit den Zielen der Regierung einverstanden sind, aber deren Mittel in Frage stellen, sind jedoch "Ausbrüche von Unruhe" zu beobachten.

Medienberichten zufolge könnte die Zahl der Russen, die seit dem Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022 aus dem Land geflohen sind, in die Hunderttausende gehen, obwohl genaue Zahlen schwer zu bestimmen sind. Euronews hat im Juni mit russischen Emigranten in Europa gesprochen. Ein Befragter aus St. Petersburg, der in seiner Heimat gegen den Krieg protestiert hatte, sagte, er sei wegen der starken Repressionen geflohen.

Die OMI-Studie, für die mehr als 1000 Personen innerhalb Russlands befragt wurden, lieferte auch einige Ergebnisse, die der Argumentation westlicher Beobachter widersprechen. Die Sanktionen, die nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine verhängt wurden, scheinen keine nennenswerten Auswirkungen zu haben, abgesehen von einigen Problemen beim Herunterladen von Apps und bei Zahlungen mit Visa und MasterCard, erklärte Dr. Jade McGlynn, die mit dem OMI zusammenarbeitet, gegenüber Euronews.

Trotz des sinkenden Wertes des Rubels zeigten sich nur 45 Prozent der Befragten besorgt über die Abwertung ihrer Währung, so McGlynn. Die Auswirkungen der gegen Russland verhängten westlichen Sanktionen werden heiß diskutiert. Die russische Wirtschaft hat sich als widerstandsfähig erwiesen und wird voraussichtlich bis 2023 wachsen - im Gegensatz zu einigen anderen großen europäischen Volkswirtschaften, darunter Deutschland.

Dennoch sagte der Chef der EU-Außenpolitik, Josep Borrell, im August, dass die Sanktionen Zeit brauchen, um zu wirken. In einem Euronews-Bericht aus demselben Monat wurde festgestellt, dass es viele blinde Flecken, Schlupflöcher und Risse in den westlichen Sanktionsregelungen gibt, die es Moskau ermöglichen, Milliarden zu scheffeln.

Es ist schwierig zu verstehen, inwieweit die Russinnen und Russen den Krieg wirklich unterstützen. Der Kreml geht rigoros gegen Kriegsgegner vor. Kritiker der "Spezialoperation", wie der Angriffskrieg vom Kreml bezeichnet wird, wurden mit hohen Geldstrafen, Verhaftungen, auch mit Gewaltanwendung, bestraft. So wurde ein russischer Vater verhaftet, weil seine Tochter in der Schule angeblich Antikriegszeichnungen gemalt hatte.

Elena Konewa, eine Forscherin des russischen Meinungsforschungsinstituts ExtremeScan, zitierte im Mai Umfragen, die eine 50/50-Teilung zwischen Kriegsbefürwortern und Kriegsgegnern zeigen. Andere Umfragen zeigen, dass sogar zwei Drittel der Bevölkerung den Krieg unterstützen.

Auf seiner Website weist das OMI darauf hin, dass es sich "der möglichen Einschränkungen durch das derzeitige politische Regime in Russland und die angespannte gesellschaftliche Atmosphäre bewusst ist, die die Genauigkeit und Zuverlässigkeit der Umfrageergebnisse beeinflussen können". Es wird jedoch behauptet, die Umfrage sei eine "zuverlässige Informationsquelle", da die Teilnahme freiwillig sei und online durchgeführt werde, so dass sich die Befragten "sicherer" fühlten.

In einer schriftlichen Stellungnahme erklärte OMI-Gründer Hnizdovskyi, dass die Umfragen auch durch eine "umfassende Analyse von Social-Media-Daten" untermauert würden, die die Untersuchung von 900 russischen Websites, Foren und bekannten Social-Media-Plattformen sowie die Überprüfung von mehr als 140.000 Kommentaren umfasse.

Russland gibt jedes Jahr Milliarden für Propaganda aus, was den Konflikt erheblich verschärft, indem es die Sichtweise der russischen Gesellschaft prägt und sogar Menschen in anderen Ländern erreicht, so das OMI.

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