Verkohlte Schriftrolle aus Antike mit KI entschlüsselt

Für das menschliche Auge ist auf dem verkohlten Papyrus nichts mehr zu erkennen.
Für das menschliche Auge ist auf dem verkohlten Papyrus nichts mehr zu erkennen. Copyright Euronews
Von Luca Palamara/Euronews
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Forschern ist es mit KI-Unterstützung gelungen, eine Passage einer verkohlten, zerbrechlichen Papyrusrolle aus der Antike lesbar zu machen. Damit haben sie Hoffnungen geweckt.

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Aristoteles, Sokrates, Platon. So bekannt manche antike Denker auch sein mögen, von der Literatur aus ihrer Epoche ist nur ein sehr kleiner Bruchteil erhalten. Mehr als eintausend Schriftrollen lagerten in einer Villa in der Stadt Herculaneum und wurden beim Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 vor Christus unter Kohle und Asche begraben.

Forschern ist es im Rahmen eines Wettbewerbs nun gelungen, eine Passage aus einer verkohlten Schriftrolle lesbar zu machen - und zwar mit Hilfe von künstlicher Intelligenz.

KI unterscheidet zwischen Tinte und verkohltem Papyrus

Ein Teil der zerbrechlichen Schätze wird in der Nationalbibliothek in Neapel aufbewahrt. Hier hat die Entschlüsselung das Interesse der Papyrologin Federica Nicolardi geweckt. "Die Vesuvius-Challenge hat zum ersten Mal das Problem vollständig gelöst, diese verkohlten Schriftrollen virtuell zu entrollen und sie lesbar zu machen, ohne sie zu berühren", erklärt Nicolardi. "Dabei handelt es sich um extrem komprimierte Rollen, die verkohlt sind. Sie sind also sehr kompakt und gleichzeitig sehr zerbrechlich."

Zunächst wurde eine Stelle des Papyrus mit sehr sensibler Computertomographie gescannt. Dann ging es darum, die schwachen Signale der Tinte vom Papyrus zu unterscheiden. Dazu entwickelte der Biorobotik-Forscher Youssef Nader von der Freien Universität Berlin ein KI-Modell, das er zusammen mit einem Studenten aus Zürich optimierte. Zusammen schafften sie es, die Buchstaben durch virtuelle Mustererkennung zu extrahieren.

Die KI könne verstehen, wie Tinte aussieht, auch wenn sie nicht sichtbar ist, sagt Nader im Euronews-Interview. "Aber es gibt trotzdem Muster auf der Oberfläche des Papyrus, sodass die KI in der Lage ist, dies zu erkennen und Vorhersagen zu treffen."

Zerstört geglaubte Werke könnten neu entdeckt werden

Durch den Erfolg ist es erstmals möglich, die kostbaren Schriftrollen zu lesen, ohne sie dafür berühren zu müssen. An den Moment, als er das erste erfolgreiche KI-Ergebnis sah, erinnert sich Nader gut: "Als ich zum ersten Mal begriff, dass wir tatsächlich komplexe Sätze aus dem Inneren der Schriftrolle erhalten und einen Teil der Transkription sehen, war ich voller Demut. Man fühlt sich sehr glücklich, Teil dieses ganzen Prozesses zu sein."

In der Nationalbibliothek von Neapel befindet sich die Officina dei Papiri Ercolanesi, ein Labor für die Konservierung und Erforschung der einzigen erhaltenen antiken Bibliothek der Welt, einer Bibliothek mit 1.840 Artefakten, darunter Schriftrollen und Fragmente, die in der Villa dei Papiri in Herculaneum gefunden wurden. Bei den Forscherinnen und Forschern in Neapel wie Federica Nicolardi haben die Ergebnisse des Wettbewerbs gewissermaßen hungrig gemacht. "Sie wecken natürlich große Erwartungen, auch in Bezug auf die anderen Teile der Sammlung. Denn es besteht die Hoffnung, 250-300 Werke völlig neu zu entdecken."

Die neue Technik könnte die Geschichtsforschung also erheblich voranbringen. Und womöglich wird demnächst im bislang nicht ausgegrabenen Teil der Villa südöstlich von Neapel nach weiteren verkohlten Schriftrollen gegraben.


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