Newsletter Newsletters Events Veranstaltungen Podcasts Videos Africanews
Loader
Finden Sie uns
Werbung

Euroviews. Europa muss aufrüsten

Bundeswehrsoldaten während der Militärparade zum 105. Jahrestag des litauischen Militärs am Tag der Streitkräfte in Vilnius, Litauen, 25. November 2023
Bundeswehrsoldaten während der Militärparade zum 105. Jahrestag des litauischen Militärs am Tag der Streitkräfte in Vilnius, Litauen, 25. November 2023 Copyright  AP Photo/Mindaugas Kulbis
Copyright AP Photo/Mindaugas Kulbis
Von Karl-Heinz Paqué, Vorsitzender des Vorstands der Friedrich-Naumann-Stiftung
Zuerst veröffentlicht am
Teilen Kommentare
Teilen Close Button
Die in diesem Artikel geäußerten Meinungen sind die der Autoren und stellen in keiner Weise die redaktionelle Position von Euronews dar.

Die EU hat in den letzten Monaten schwerste diplomatische Niederlagen einstecken müssen. Dies wird sich in der Zukunft nur ändern lassen, wenn die Mitgliedsländer mehr militärische Macht besitzen, schreibt Karl-Heinz Paqué in einem Gastbeitrag für Euronews.

Es war ein Bild des Jammers und der Demütigung für die Europäische Union. Ursula von der Leyen und Donald Trump stellten Ende Juli 2025 in Schottland das Ergebnis ihrer sogenannten Zollverhandlungen vor: Amerikanische Zölle in Höhe von 15 Prozent und Zusagen riesiger Investitionssummen der Europäer für die USA im Gegenzug für nichts – außer der Zusage, die Drohung noch viel höherer Zölle, die Donald Trump ausgesprochen hatte, nicht Wirklichkeit werden zu lassen.

Also: eine schlichte Erpressung, aber kein wirkliches Ergebnis von Verhandlungen auf Augenhöhe.

Trump und von der Leyen am 27. Juli 2025 auf dem Trump Turnberry Golfplatz in Turnberry, Schottland
Trump und von der Leyen am 27. Juli 2025 auf dem Trump Turnberry Golfplatz in Turnberry, Schottland Jacquelyn Martin/Copyright 2025 The AP. All rights reserved

Inzwischen könnten sich weitere Niederlagen der Europäer anbahnen.

So etwa in der "Causa Grönland": Trump droht schlicht damit, ohne Rücksicht auf das Völkerrecht die riesige Insel zu annektieren, zu kaufen oder den Grönländern ein derart schmackhaftes finanzielles Angebot zu machen, dass die konkurrierenden Dänen nicht mithalten können.

Und Europa ist solidarisch empört über die Vereinigten Staaten des Donald Trump.

Aber es braucht nicht viel Phantasie sich vorzustellen, dass die NATO-Mitglieder der EU, die gegenüber Dänemark natürlich eine militärische Beistandspflicht haben, diese nicht erfüllen würden, wenn die Amerikaner einfach auf Grönland vollendete Tatsachen schaffen und ihre Flagge mit "Stars and Stripes" auf den grönländischen Eismassen hissen.

Laute Proteste würde es sicherlich geben, aber einen Krieg innerhalb der NATO würden die Europäer wegen eines solchen Vorfalls nicht lostreten.

Wo liegt das Kernproblem?

Die Antwort ist simpel: Es fehlt den europäischen NATO-Mitgliedern einfach die nötige Macht, eine einseitige Aggression der Amerikaner mit entsprechenden Drohungen schon im Vorfeld zu verhindern – ganz zu schweigen von einer Korrektur im Nachhinein durch einen militärischen Gegenschlag.

Analoges gilt für den wirtschaftlichen Bereich: Würde die EU den USA mit einem harten Handelskrieg drohen, könnten die Vereinigten Staaten jederzeit ihre NATO-Sicherheitsgarantien in Frage stellen, mit verheerenden Konsequenzen für die Sicherheitslage Europas gegenüber Putins Russland.

Da nützt die geballte ökonomische Kraft Europas nichts mehr, denn im Zweifelsfall ist die Sicherheit wichtiger als der Handel.

Kurzum: Europa ist permanent erpressbar.

Der Grund ist das transatlantische Ungleichgewicht der militärischen Macht, Ergebnis einer jahrzehntelangen Unterinvestition der europäischen Länder in ihre Verteidigungsfähigkeit.

Dies erwies sich so lange für Europa als erträglich, wie das Vertrauen in den Bündnispartner USA stabil hoch war.

Donald Trump – das ist seine historische "Leistung" in seiner zweiten Amtszeit – hat dieses Vertrauen in kurzer Zeit zerstört. Er hat die Nachkriegszeit, die 1946 mit dem Kalten Krieg begann, endgültig beendet. Er ist zurückgekehrt in die traditionelle Philosophie amerikanischer Außen- und Sicherheitspolitik des 19. Jahrhunderts, zur berüchtigten Monroe Doktrin.

Damit ist klar: Europa kann sich auch innerhalb der NATO nicht mehr auf die USA verlassen.

Die Konsequenz kann nur lauten: Europa muss massiv aufrüsten.

Die beim NATO-Gipfel 2025 festgelegte Benchmark von fünf Prozent des BIP für Verteidigung ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Nato-Generalsekretär Mark Rutte, US-Präsident Donald Trump und Großbritanniens Premier Keir Starmer beim Nato-Gipfel in Den Haag, 25. Juni 2025
Nato-Generalsekretär Mark Rutte, US-Präsident Donald Trump und Großbritanniens Premier Keir Starmer beim Nato-Gipfel in Den Haag, 25. Juni 2025 Ben Stansall/Pool Photo via AP

Aber machen wir Europäer uns nichts vor: Der Abstand zu den USA wird noch Jahre oder Jahrzehnte lang gewaltig bleiben, einfach weil der gigantische Investitionsrückstau sich über mindestens drei Dekaden aufgebaut hat. Im atomaren Bereich ist im übrigen noch gar nicht zu erkennen, wie die Lücke politisch geschlossen werden könnte.

Es kommen wirtschaftliche Engpässe hinzu: Zum einen ist der europäische Verteidigungsmarkt – anders als der amerikanische – noch lange nicht integriert.

Die klassischen Vorteile der Arbeitsteilung in der Herstellung von Waffensystemen kommen deshalb noch nicht zum Tragen. Auch dies ist Ergebnis fehlenden Vertrauens, und zwar zwischen den europäischen Partnern, die sich nicht aufeinander verlassen wollten und im Übrigen kleinklarierte technologische Sonderinteressen verfolgten.

Das muss sich ändern.

Zum anderen hat Europa – und vor allem Deutschland – einen latenten ökonomischen Konkurrenznachteil: Die Wirtschaft wächst hierzulande systematisch langsamer als die amerikanische, und es wird deshalb gesellschaftlich und sozial immer schwieriger, jene Ressourcen aus der volkswirtschaftlichen Leistung herauszupressen, die für Verteidigung reserviert werden müssen.

Fünf Prozent eines stagnierenden BIP vom Konsum abzuzweigen fällt eben sehr viel schwerer als fünf Prozent von einem dynamisch wachsenden BIP. Es braucht also dringend radikale wirtschaftliche Reformen in Europa – und allemal in Deutschland, um das militärische Ziel zu erreichen.

Fazit: Europa steht vor den schwierigsten politischen Herausforderungen seit Jahrzehnten

Der Dank dafür geht an die Adresse von Donald Trump.

Allerdings dürfen sich die Europäer nicht beklagen, denn sie haben auch unter Trumps Vorgängern und in Trumps erster Amtszeit die durchaus erkennbaren Verhärtungen der amerikanischen Position lässig ignoriert.

Sie müssen deshalb einen besonders hohen Preis zahlen. Ob sie bereit und fähig dazu sind, wird sich in der Zukunft zeigen.

Und die Zukunft beginnt in diesem Jahr 2026. Eine Zeitenwende. Es gibt kein Zurück.

Karl-Heinz Paqué ist Vorsitzender des Vorstands der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und Präsident der Liberalen Internationale

Zu den Barrierefreiheitskürzeln springen
Teilen Kommentare

Zum selben Thema

55 Beschuldigte, 9 Entlassungen: Bundeswehr greift bei Fallschirmjägern durch

Unterwasserspionage für Russland: Wie deutsche Hochtechnologie illegal exportiert wurde

Das ist das Unwort des Jahres in Deutschland