Nach der Festnahme eines Archäologen verschärft Moskau die Kontrolle über Auslandsreisen von Wissenschaftlern. Einladungen aus "unfreundlichen Staaten" sollen künftig auf politische Risiken und Zweckmäßigkeit geprüft werden.
Forscher aus Russland sollen Auslandsreisen künftig enger mit Universitäten und Forschungszentren absprechen. Eine entsprechende Anweisung kam aus dem russischen Ministerium für Wissenschaft und Hochschulbildung.
Demnach sollen russische Universitäten, Forschungsinstitute und Forschungszentren für ihre Wissenschaftler keine Einladungen zu Reisen ins Ausland annehmen, ohne zuvor die Zweckmäßigkeit solcher Reisen zu prüfen.
In einem offiziellen Schreiben werde präzisiert, dass es sich um Reisen von Wissenschaftlern in Länder handelt, die von Russland als unfreundlich bezeichnet werden, weil sie sich den Sanktionen angeschlossen haben. Auf der Liste stehen 49 Länder, darunter EU-Mitglieder, Kanada, die USA, Singapur, Korea und Japan. Das berichtet die Zeitung Wedomosti unter Berufung auf Quellen in akademischen Kreisen.
Politik und Wissenschaft nicht vermischen?
In dem vom stellvertretenden Minister für Bildung und Wissenschaft, Konstantin Mogilevsky, unterzeichneten Schreiben heißt es, dass Einladungen an russische Wissenschaftler "auf eine mögliche Politisierung" überprüft werden.
Nach Angaben eines Gesprächspartners von Wedomosti wurden die für das Frühjahr 2026 geplanten Auslandsaufenthalte mehrerer Wissenschaftler einer föderalen Universität eingefroren, noch bevor die Anweisungen des Ministeriums verschickt worden waren.
Berichten zufolge haben zwei Institutionen bereit sseit 2024 damit begonnen, ihre Mitarbeiter von ihren üblichen Zielen für Auslandsaufenthalte in die Türkei, den Iran und nach Saudi-Arabien umzuleiten, obwohl dies nicht immer ihren Forschungsinteressen und Aufgaben entspricht. Dabei soll es sich um die Staatliche Universität Moskau und die Higher School of Economics handeln.
Offenbar betrifft dieser Wechsel vor allem Fachgebiete, die mit einer Sicherheitsüberprüfung verbunden sein können. Die Zeitung Wedomosti zitiert ihre Quellen in der Russischen Akademie der Wissenschaften und stellt fest, dass einige Geisteswissenschaftler im vergangenen Jahr weiterhin aktiv auf Geschäftsreisen nach Europa gingen und gemeinsame Artikel mit ausländischen Kollegen veröffentlichten.
Der Fall Butyagin
Die Entscheidung, die Zweckmäßigkeit von Auslandsreisen von Wissenschaftlern zu überprüfen, wurde in Moskau kurz nach dem öffentlichkeitswirksamen Fall von Alexander Butyagin getroffen. Der Archäologen und Antiquar der Eremitage ist auch Geschichtsvermittler und ein bekannter Dozent.
Er wurde im vergangenen Dezember in Polen festgenommen. Dort war Butyagin auf der Durchreise. Ursprünglich hatte er Vorträge in den Niederlanden gehalten.
Der Archäologe wurde auf der Grundlage eines von der Ukraine ausgestellten internationalen Haftbefehls verhaftet. Kyjiw wirft dem Wissenschaftler vor, nach der Annexion der Krim als Leiter der archäologischen Mirmekia-Expedition der Eremitage illegal Ausgrabungen am Kulturerbe der antiken Stadt Mirmekia in Kertsch durchgeführt zu haben - ohne eine ukrainische Genehmigung einzuholen.
Die Arbeiten wurden auch nach der großangelegten Invasion Russlands in die Ukraine im Jahr 2022 fortgesetzt. Die ukrainischen Behörden bemühen sich um die Auslieferung Butyagins, aber ein Warschauer Gericht hat ihn bisher bis zum 4. März in Polen belassen.
Alexander Butyagin leitet die Abteilung für antike Archäologie an der nördlichen Schwarzmeerküste der Eremitage. Er ist seit 1999 auf der Krim tätig. Im Sommer 2022 fand das russische Team unter seiner Leitung bei Ausgrabungen in der Siedlung Mirmekiy 30 Goldmünzen, von denen 26 den Namen Alexanders des Großen trugen.
Im Herbst 2024 machte die Ukraine ihren Verdacht gegen Butyagin öffentlich ("illegale Ausgrabungen ohne offizielle Genehmigung" und "Zerstörung des Denkmals" - Anm.). Daraufhin wurde er auf eine Fahndungsliste gesetzt.
"Er ist nicht der Einzige"
Butyagin war sich dieser Entscheidung bewusst. "Ich bin etwas überrascht, dass man in dem Moment, in dem das Schicksal der Ukraine auf dem Schlachtfeld entschieden wird, Zeit mit solchen Dingen vergeudet", sagte der Wissenschaftler in einem Kommentar für RIA Novosti.
Obwohl Kyjiw einen internationalen Haftbefehl ausgestellt hat, reiste er weiterhin ins Ausland.
Die russische Sozialanthropologin Alexandra Arkhipova, die wegen ihrer Antikriegshaltung zur "ausländischen Agentin" erklärt wurde und Russland verlassen musste, schrieb über Butyagin, er sei "ein hervorrager Historiker".
Ihrer Meinung nach war er ein Opfer des sogenannten "Elfenbeinturm-Syndroms". "Viele meiner Kollegen in der Russischen Föderation, hervorragende Wissenschaftler, leben in einem Elfenbeinturm. Sie sind überzeugt, dass man sich um sein Leben kümmern und sich nicht in die Politik einmischen sollte. Und die Politik wird sich nicht in Ihr Leben einmischen", so Arkhipova. Und sie fügt hinzu: "Butyagin ist nicht der Einzige, der so denkt."