Die Finanzierung der Hamas: Woher stammt das Geld der Terrororganisation?

Hamas-Kämpfer präsentieren ihre Waffen während einer Kundgebung zum 27. Jahrestag der Gruppe am 14. Dezember 2014 in Gaza.
Hamas-Kämpfer präsentieren ihre Waffen während einer Kundgebung zum 27. Jahrestag der Gruppe am 14. Dezember 2014 in Gaza. Copyright Khalil Hamra/AP
Von Verónica Romano
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Dieser Artikel wurde im Original veröffentlicht auf Englisch

Die verhängten US-Sanktionen gegen Unterstützer der Hamas betreffen nur einen geringen Teil der Finanzierung der Terrororganisation. Woher der Großteil des Geldes stammt, erklärt ein Experte.

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Nach den Anschlägen auf Israel am 7. Oktober hat das US-Finanzministerium in den letzten zwei Wochen zwei Sanktionsrunden gegen Verbündete der Hamas und Finanznetzwerke verhängt.

Mit den Maßnahmen soll die Finanzierung der Hamas getroffen werden. Dazu gehöre auch ein geheimes Investitionsportfolio, erklärt Jonathan Schanzer, ehemaliger Finanzanalyst für Terrorismusbekämpfung des US-Finanzministeriums. Dabei handele es sich um eine Reihe von Investitionen, die größtenteils aus Beteiligungen an Immobiliengesellschaften im arabischen Raum bestehen. Hamas-Unterstützer fungieren für die Investitionen als Mittelmänner, erklärt Schanzer.

Diese Mittelmänner überweisen die Gewinne "unter der Hand" an die Terrororganisation, so Schanzer, der jetzt stellvertretender Präsident für Forschung bei der Foundation for Defense of Democracies ist.

Wir haben diese Aktivitäten [die externe Finanzierung der Hamas] mehr als ein Jahrzehnt lang ignoriert.
Jonathan Schanzer
Ehemaliger Finanzanalyst für Terrorismusbekämpfung im US-Finanzministerium

Die US-Sanktionen zielen darauf ab, die Transaktionen der involvierten Unternehmen und Einzelpersonen zu blockieren, um den Geldfluss an die Hamas zu unterbinden. Wenn die USA solche Sanktionen verhängen, schließen sich andere Länder in der Regel an.

Schanzer bezweifelt jedoch, dass diese Sanktionen tatsächlich der Finanzierung der Hamas schaden. Es gebe einen erheblichen Zustrom von Geldern aus anderen Ländern.

Andere Regierungen finanzieren die Hamas massiv

Die sanktionierten Einnahmequellen der Hamas sind beträchtlich und belaufen sich Schätzungen zufolge auf einen zweistelligen Millionenbetrag.

"Als Prozentsatz des Gesamtbudgets der Terrorgruppe ist es jedoch viel wichtiger, sich in erster Linie auf den Iran und Katar zu konzentrieren", so Schanzer.

Nach Angaben des ehemaligen Finanzanalysten für Terrorismusbekämpfung verfügt die Hamas über ein jährliches Budget von rund einer Milliarde Dollar (938 Millionen Euro).

"Etwa 200 Millionen Dollar davon kommen aus dem Iran. Weitere 100 bis 200 Millionen Dollar kommen aus Katar", so Schanzer weiter.

So wird die Hamas finanziert.
So wird die Hamas finanziert.Euronews

Es wird angenommen, dass die Türkei seit der Machtübernahme durch Präsident Erdoğan im Jahr 2002 die Hamas finanziell unterstützt.

Im Gegensatz zu vielen ihrer NATO-Verbündeten und der EU stuft die Türkei die Hamas nicht als terroristische Vereinigung ein und beherbergt Mitglieder der Gruppe auf ihrem Hoheitsgebiet.

"Die Hamas ist keine terroristische Organisation, sondern eine Befreiungsgruppe, 'Mudschahedin' [arabische Bezeichnung für Muslime, die für ihren Glauben oder ihre Gemeinschaft kämpfen], die einen Kampf zum Schutz ihres Landes und ihres Volkes führt", erklärte Erdoğan kürzlich vor Abgeordneten seiner Partei.

In der Türkei leben einige der führenden Köpfe der Organisation. Außerdem sitzen dort Unternehmen, die illegal die Hamas finanzieren.

Schanzer betrachtet die Haltung der türkischen Regierung mit "ernster Besorgnis", da das Land Teil der NATO sei und gleichzeitig illegale Finanzierungen auf seinem Territorium zulasse.

Nach Angaben des US-Finanzministeriums beherbergen auch andere Länder wie Iran, Katar, Sudan und Algerien wichtige Hamas-Mitglieder, -Akteure und -Finanziers.

"Sie sind dort als Gäste der Regierungen. Es gibt keine Bemühungen, sie zu kontrollieren, aufzuhalten oder zu verhaften", so Schanzer.

Autos und Gebäude sind nach einem Raketenangriff der Hamas auf Tel Aviv am 7. Oktober zerstört.
Autos und Gebäude sind nach einem Raketenangriff der Hamas auf Tel Aviv am 7. Oktober zerstört.Moti Milrod/AP

"Einer der Gründe, warum die Hamas in der Lage war, den Anschlag am 7. Oktober zu verüben, ist, dass die USA und andere amerikanische Verbündete ihr erlaubt haben, an diesen Orten zu operieren", betont Schanzer.

"Wir haben mehr als ein Jahrzehnt lang die Augen vor diesen Aktivitäten verschlossen", fügt er hinzu.

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Laut Schanzer sind die Mittel der USA trotz ihres großen Budgets zur Terrorismusbekämpfung begrenzt.

Jedoch gehe es auch manchmal darum, Prioritäten abzuwiegen:

"Es wurden Entscheidungen getroffen, die Hamas-Finanziers in den USA in den letzten fünf bis zehn Jahren zu ignorieren, weil diese Leute als Quellen für den IS oder andere direkte Bedrohungen für das Heimatland dienten (...), eine Entscheidung, die nur für eine gewisse Zeit klug ist", sagt Schanzer.

"Finanzielle Selbstmordattentäter"

Zusätzlich zu den Steuern, die die Hamas von den 2,1 Millionen Einwohnern des Gazastreifens eintreibt, nutzt die Organisation laut Elliptic, einem britischen Unternehmen, das Transaktionen mit virtuellen Währungen analysiert, seit mindestens 2019 auch Kryptowährungen zur Finanzierung.

Kryptowährungs-Wallets, die mit der Hamas in Verbindung stehen und von israelischen Behörden beschlagnahmt wurden, umfassten zwischen 2020 und 2023 mehr als 40 Millionen US-Dollar, wie das Wall Street Journal unter Berufung auf Daten des in Tel Aviv ansässigen Krypto-Analyseunternehmens BitOK zuerst berichtete.

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Auch der Schmuggel von Geld, Waffen und anderen Gütern spielt eine wichtige Rolle. Die israelischen Streitkräfte erklärten letzte Woche, dass die Hamas im Vorfeld des Angriffs vom 7. Oktober Waffen und Munition durch Tunnel unter der Grenze zwischen Ägypten und dem Gazastreifen geschmuggelt habe.

Ein palästinensischer Schmuggler transportiert Ende Oktober 2010 Kühlschränke durch einen Tunnel von Ägypten in den Gazastreifen.
Ein palästinensischer Schmuggler transportiert Ende Oktober 2010 Kühlschränke durch einen Tunnel von Ägypten in den Gazastreifen.Eyad Baba/AP

Während seiner Zeit beim US-Finanzministerium habe es Schanzer immer wieder mit "finanziellen Selbstmordattentätern" zu tun gehabt.

Gemeint seien Geschäftsleute, die für angebliche unternehmerische Tätigkeiten Kredite aufnehmen, das Geld an die Hamas weitergeben und daraufhin mit der Rückzahlung der Schulden in Verzug geraten würden, erklärt Schanzer.

Als letzte Geldquelle der Hamas nennt Schanzer NGOs, also Nichtregierungsorganisationen.

Als Beispiel führt er die Holy Land Foundation (HLF) an. Die 1989 gegründete Stiftung mit Hauptsitz in Texas galt als größte muslimische Wohltätigkeitsorganisation der USA.

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Im Dezember 2001 stuften die USA die HLF als terroristische Organisation ein, beschlagnahmten ihr Vermögen und lösten sie auf. Seit 1995, als die Finanzierung der Hamas in den USA verboten wurde, soll die Organisation nach Angaben des US-Justizministeriums 12,4 Millionen Dollar, umgerechnet rund 11,6 Millionen Euro, an die Terrororganisation gezahlt haben.

Auch in Europa, insbesondere in Großbritannien, sowie in Südafrika gebe es vergleichbare Organisationen, die die Hamas finanziell unterstützen, erläutert Schanzer.

Interpal, ein palästinensischer Hilfs- und Entwicklungsfonds, ist eine in London ansässige Wohltätigkeitsorganisation, die 1994 gegründet wurde, um Palästinenser:innen zu helfen. Im Jahr 2003 wurde sie von den USA wegen angeblicher Unterstützung der Hamas als terroristische Vereinigung eingestuft.

Nach drei Untersuchungen durch die britischen Behörden befand das Oberste Gericht in London im Jahr 2010 jedoch, dass die Behauptung, Interpal unterstütze die Hamas, verleumderisch sei. Die Wohltätigkeitsorganisation ist daher weiterhin von der britischen Hauptstadt aus tätig.

"Es gibt viele Organisationen, die entweder verdächtigt werden oder denen sogar von einer Regierung nachgewiesen wird, dass sie die Hamas finanzieren. Aber in anderen Ländern gelten andere Beweisstandards, so dass diese Netzwerke weiter funktionieren", so Schanzer.

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