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Ist eine nachhaltige Wende in der Textilindustrie möglich?

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Von Cyril FournerisSabine Sans
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
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In dieser Folge von "The Road to Green" geht Euronews-Reporter Cyril Fourneris auf die Reise nach Italien und Litauen. Er recherchiert, wie nachhaltige Kleidung entsteht und er geht nachhaltig shoppen.

Die Textilindustrie gehört zu den umweltschädlichsten Industrien der Welt. Sie floriert, angepriesen in Kettenläden. Mode zum kleinen Preis, Fast Fashion. Die Produktion ist weltweit explodiert – samt ihren giftigen Emissionen. Gekauft wird immer mehr Kleidung, die immer weniger lang hält. Sie landet oft auf Mülldeponien, weit weg von Europa und aus dem Blick. 

Ist eine nachhaltige Wende noch möglich?

Euronews-Reporter Cyril Fourneris geht auf die Reise, um Antworten zu finden. Erster Stopp Italien: "Wir sind in Prato, in der Toskana, in der Nähe von Florenz, die Stadt ist seit dem Mittelalter ein europäisches Textilzentrum." 

In Prato liegt das größte Textilzentrum Europas, eine Hochburg der Kreislaufwirtschaft. 15% der weltweit recycelten Textilien werden dort hergestellt.

Comistra ist führend im Wollrecycling. Das 100 Jahre alte Unternehmen gibt Tonnen von gebrauchten Stoffen, die jeden Tag in diesem Lager ankommen, ein neues Leben.

"60 % der Materialien sind für die Wiederverwendung bestimmt", erklärt Alice Tesi, Leiterin Marketing und Kommunikation bei Comistra. "Etwa 35 % werden recycelt und etwa 5 % werden weggeworfen oder thermisch verwertet. Die Kleidung kommt in diesen Beuteln an und wird von Hand sortiert, so entscheiden wir, was wiederverwendet oder recycelt wird."

Nachdem die Wolle nach Farben sortiert wurde, wird sie in Fasern zerlegt und von diesen Maschinen aufgearbeitet. An diesem Morgen in Schwarz. 

"Die zerschredderte Faser, die Sie vorhin gesehen haben, wurde in Primärmaterial umgewandelt. Das verwendete Wasser wird recycelt", erklärt Tesi weiter.

Der magische Kreis der Kreislaufwirtschaft

Diese Wollfaser mit geringeren Auswirkungen auf die Umwelt wird mit anderen Fasern gemischt, gewebt und in Mänteln oder auf Laufstegen getragen. Die Kreislaufwirtschaft steht im Mittelpunkt der Textilstrategie der Europäischen Union, die die Verwendung von Recyclingfasern vorschreiben und Ökodesign fördern will. Ein wichtiger Wert für den Geschäftsführer des Unternehmens: 

"Wenn man ein Kleidungsstück entwirft, muss es so konzipiert sein, dass es am Ende seiner Lebensdauer leicht repariert, recycelt und wiederverwendet werden kann", sagt Fabrizio Tesi. "Das ist der magische Kreis der Kreislaufwirtschaft. Heute haben wir eine große Chance. Der Green Deal und Europa zeigen uns den Weg. Das Material in die Wiederverwertung zu geben, verschafft vielen Menschen Arbeit."

Aber nachhaltige Kleidung muss auch gekauft werden. Um Greenwashing entgegenzuwirken, wird in Europa an einem digitalen Produktpass in Form eines QR-Codes gearbeitet. Er soll Angaben zur Wiederverwertbarkeit und den Umweltauswirkungen enthalten. 

Wo liegen die Grenzen der Branche?

Der Gründer von Rifo, einem Startup, das Naturfasern wie Baumwolle oder Wolle verarbeitet, meint, dass die Geschichte des Kleidungsstücks und nicht der Preis den Kauf leiten sollte. Und Stoffe aus nur einem Material, die wiederverwertbar sind. 

"Heutzutage gibt es viele Stoffe auf dem Markt, die billig gekauft werden und nicht recycelbar sind, und das ist ein Problem", meint Rifò-Gründer Niccolò Cipriani. "Der beste Weg, ein Produkt rentabel zu machen, ist die Mischung von natürlichen und synthetischen Fasern. Es gibt bereits Technologien, die eine Trennung der Fasern ermöglichen, aber noch nicht in industriellem Maßstab. Irgendwann wird man ein Kriterium für die Wiederverwertbarkeit einführen müssen. Dann kann man sagen: Wer recycelbare Kleidung herstellt, zahlt eine bestimmte Steuer, und wer nicht vollständig recycelbare Kleidung herstellt, muss eine andere Steuer zahlen."

Die Reform der EU-Abfallrahmenrichtlinie sieht vor, dass umweltverschmutzende Industrieunternehmen für die getrennte Sammlung von Alttextilien zahlen müssen. Ab 2025 sieht sie eine verpflichtende getrennte Textilsammlung für alle Mitgliedstaaten vor. In Prato entsteht 2024 ein neues Zentrum für Textilsortierung, um die Menge der gesammelten Stoffe zu verdoppeln und die Recyclingbranche zu modernisieren.

Ist weniger Kleidung kaufen eine Lösung?

Während der Dreharbeiten hört der Reporter immer wieder: Die Priorität sei, weniger neue Kleidung zu kaufen. Ist das überhaupt möglich? Eine Recherche in Litauen. 

Vilnius, die Hauptstadt Litauens soll das Mailand oder Paris der baltischen Staaten sein. Der Reporter trifft eine Modejournalistin, die ihmTipps für nachhaltiges Shopping gibt.

Modejournalistin Deimantė Bulbenkaitė sagt: "Fast Fashion gibt vielen Menschen die Möglichkeit, sich modisch zu kleiden. Auf der einen Seite macht es also Sinn. Aber auf der anderen Seite ist diese riesige Menge an Kleidung ziemlich katastrophal, weil viel mehr produziert wird, als man tragen kann oder sollte."

Eine billige Alternative mit guter Qualität ist gebrauchte Kleidung. Im Secondhandladen Humana gibt es alles für 4 Euro. Und man findet sehr schöne Sachen, so die Modejournalistin:

"Niemand braucht etwas Neues. Die Menge an Kleidung, die es auf diesem Planeten gibt, ist mehr als genug für jede einzelne Person. Wie viele Menschen sind wir jetzt? 8 Milliarden? Wir können das tragen, was es bereits gibt! 

Die Modejournalistin shoppt immer noch am liebsten bei Vinted. Die Second-Hand-App, die vor 15 Jahren in Vilnius gegründet wurde, hat 50 Millionen Nutzer. 

Laut Eigendarstellung beteiligt sich Vinted daran, die Überproduktion von Kleidung zu stoppen. Das Unternehmen führte vor Kurzem eine Befragung unter seinen Kunden durch, so Adam Jay, der Geschäftsführer von Vinted Marketplace:

"Von den Hunderten Millionen Transaktionen, die über Vinted abgewickelt wurden, ist bei 40 % kein neues Produkt gekauft worden. Das bedeutet, dass es nicht produziert werden muss. Aber nur 14 % der Mode-Transaktionen sind aus zweiter Hand. Wir haben also noch einen langen Weg vor uns, um Second Hand zum Standard für den Einkauf zu machen."

Zum Ende der Reise eine Einladung zu einem besonderen Abend: eine nachhaltige Modenschau: Eine litauische Marke, die sich auf Upcycling spezialisiert hat, stellte ihre neue Kollektion vor. "Behind Curtains" getragen von einem punkigen Designerinnen-Duo:

"Wir haben einen Anzug mit einer Sportjacke kombiniert", erklärt Monika Vaisova, Designerin  "Behind Curtains". "So kann man ins Büro gehen und später auf eine Party! Es gibt zu viel Mode für die Massen, das wächst sehr stark und wir brauchen sie nicht. Man kann die Sachen wiederverwenden."

Deimantė Bulbenkaitė ist begeistert: _"_Sie machen einen super guten Job, denn ihre Hauptbotschaft lautet: Keine Fast Fashion mehr, kauft etwas, das recycelt werden kann."

Weitere Quellen • Kamera: Matthieu Bacques; Schnitt: Guillaume Carrolle.

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