Taylor Swift ist nicht die einzige, die mit einem Privatjet fliegt. Funktioniert der Kohlenstoffausgleich für Promis?

Links der Microsoft-Gründer Bill Gates, in der Mitte der US-Popstar Taylor Swift und rechts Harry und Meghan, der Herzog und die Herzogin von Sussex.
Links der Microsoft-Gründer Bill Gates, in der Mitte der US-Popstar Taylor Swift und rechts Harry und Meghan, der Herzog und die Herzogin von Sussex. Copyright Gates: Markus Schreiber/AP; Swift: George Walker IV/AP; the Sussexes, Martin Meissner/AP
Von Andrea CarloAndreas Rogal
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Dieser Artikel wurde im Original veröffentlicht auf Englisch

Da eine ganze Reihe von Prominenten wegen ihrer Emissionen in die Kritik geraten sind, greifen viele zu Kompensationsmaßnahmen. Aber ist diese Praxis wirksam im Kampf gegen den Klimawandel?

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Hollywood ist in Aufruhr.

Während viele der größten Stars ihre Stimme und ihr Gesicht für den Kampf gegen den Klimawandel einsetzen, sind andere zu lebendigen Symbolen für verschwenderischen Lebensstil und ungeregelte Emissionen geworden.

Seit Jahren führen die A-Promis die Liste der Privatjet-Nutzer an und liefern sich dort ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Oligarchen und Ölmagnaten.

Doch jetzt haben Prominente eine Lösung gefunden, um den Umwelt- (oder mindestens den PR-)Schaden einzudämmen: Sie kaufen Gutschriften zum Ausgleich ihrer Emissionen.

Die Kompensation wird immer beliebter. Ist sie der richtige Weg zu einer grüneren Welt? Oder ein Weg, Klimasünden zu vertuschen? Euronews Green geht der Frage nach.

Wie kompensieren Prominente ihre Emissionen?

Seit den Anfängen der Luftfahrt haben Prominente und ihre Geldgeber das exklusivste Verkehrsmittel gewählt - den Privatjet -, um nur ja nicht mit dem gemeinen Volk in Berührung zu kommen.

Es überrascht daher kaum, dass die reichsten Menschen der Gesellschaft einen unverhältnismäßig hohen Anteil an den Kohlendioxidemissionen haben. Eine Studie des Institute for Policy Studies (IPS) hat gezeigt, dass in den USA etwa 50 Prozent der luftfahrtbedingten Emissionen auf die ein Prozent der reichsten Personen entfallen.

Privatjets - das bevorzugte Transportmittel der Reichen und Berühmten.
Privatjets - das bevorzugte Transportmittel der Reichen und Berühmten.MIKE MCCLEARY/AP

Doch während das 1 Prozent größtenteils aus anonymen Wirtschaftsmagnaten und Hedgefonds-Babys besteht, gehören zu dieser Untergruppe auch viele unserer beliebtesten Stars, was eine noch heftigere Reaktion hervorruft.

Die amerikanische Sängerin und Songwriterin Taylor Swift, die nach ihrer rekordverdächtigen Eras Tour eine beispiellose Erfolgsphase erlebt, führt die Liste 2022 an.

Laut der Nachhaltigkeits-Marketingfirma Yard soll sie allein in diesem Jahr 8 300 Tonnen an Emissionen verursacht haben (das 1 184-fache des "Fußabdrucks" einer durchschnittlichen Person) - eine Behauptung, die ihr Team bestreitet. Obwohl ihre Emissionen im Jahr 2023 zurückgegangen sein sollen, wird sie von einigen Quellen immer noch als eine der größten Privatjet-Nutzerinnen des Jahres aufgeführt.

Swift ist jedoch bei weitem nicht der einzige Prominente, der davon betroffen ist.

In einer von der britischen Zeitung The Guardian durchgeführten Studie wurde festgestellt, dass 200 Prominente und Tycoons allein im Jahr 2023 durch 44 739 Privatjetreisen schätzungsweise 415 518 Tonnen CO2 verursachten - das entspricht den Emissionen von etwa 40 000 Briten in einem durchschnittlichen Jahr.

Daran beteiligt sind eine Reihe bekannter Persönlichkeiten, vom Tesla-Gründer Elon Musk bis zu den britischen Rockveteranen The Rolling Stones.

Kylie Jenner und ihre Schwester Kim gehören zu den größten Privatjet-Nutzern.
Kylie Jenner und ihre Schwester Kim gehören zu den größten Privatjet-Nutzern.Evan Agostini/AP

"Die Temperatur auf der Erde wird immer höher und heißer. Der Meeresspiegel steigt, die Eisschilde schrumpfen", sagte Reality-Megastar Kim Kardashian kürzlich in einer augenzwinkernden Kampagne für ihre neue Dessous-Linie. Aber wenn man nach ihren Transportgewohnheiten geht, tragen sie und ihre milliardenschwere Halbschwester Kylie Jenner auch ihren Teil dazu bei, da sie beide zu den größten Nutzern von Privatjets gehören.

In einer Zeit, in der ein großer CO2-Fußabdruck als Schandfleck für den Ruf einer Person des öffentlichen Lebens gilt, haben die Hollywood-Stars große Anstrengungen unternommen, um ihren "Kondensstreifen zu reinigen" - und die breite Öffentlichkeit davon in Kenntnis zu setzen.

Swifts Privatjet-Nutzung wurde besonders intensiv unter die Lupe genommen. Ihr Team erklärte daraufhin, sie habe "mehr als doppelt so viele Emissionsgutschriften gekauft, wie für den Ausgleich aller Tourneereisen erforderlich wären".

Amazon-Gründer Jeff Bezos auf der Vanity Fair Oscar Party, März 2023.
Amazon-Gründer Jeff Bezos auf der Vanity Fair Oscar Party, März 2023.Evan Agostini/Invision/AP

Der Tech-Gigant Bill Gates und der Amazon-Gründer Jeff Bezos haben sich auf den Kohlenstoffausgleich berufen, als sie im Jahr 2021 für eine verschwenderische Superyacht-Geburtstagsfeier kritisiert wurden, bei der die Gäste mit Hubschraubern eingeflogen wurden.

Und 2019 behauptete der britische Sänger und Songwriter Elton John, eine Reise von Harry und Meghan, dem Herzog und der Herzogin von Sussex, kompensiert zu haben, um "sein Engagement für die Umwelt zu unterstützen".

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Einige, wie die britische Band Coldplay, haben versucht, das Problem an der Wurzel zu packen, indem sie ihren ökologischen Fußabdruck ganz reduzieren. Auf ihrer "Music of the Spheres"-Tournee im Jahr 2023 konnten sie ihre Kohlenstoffemissionen direkt um 47 Prozent senken - doch der Ausgleich scheint inzwischen die gängige Praxis zu sein.

Sänger Chris Martin von der britischen Band Coldplay im Parken Stadion in Kopenhagen, Dänemark, Juli 2023.
Sänger Chris Martin von der britischen Band Coldplay im Parken Stadion in Kopenhagen, Dänemark, Juli 2023.Mads Claus Rasmussen/Ritzau Scanpix/AP

Von erneuerbaren Energien bis zur Wiederaufforstung: Kohlenstoffausgleich und "Credits", erklärt

Taylor Swift mag dazu beigetragen haben, den Kohlenstoffausgleich ins Rampenlicht zu rücken, aber diese Praxis gibt es schon seit Jahrzehnten. Die Geschichte der Kompensation reicht sogar bis in ihr Geburtsjahr zurück, als 1989 in Guatemala das erste Agraraufforstungsprogramm ins Leben gerufen wurde.

Bei der Kompensation geht es traditionell um den Kauf von Gutschriften, die von einer angesehenen (staatlichen oder unabhängigen) Stelle zertifiziert werden, um verschiedene Initiativen zur Verringerung des CO2-Ausstoßes zu finanzieren.

Dazu gehören Investitionen in erneuerbare Energien wie Solar-, Wasser- und Windkraft, Aufforstung und Naturschutz sowie Projekte, die verarmten Gemeinden helfen, ihre Emissionen zu reduzieren, z. B. durch die Bereitstellung von sauberem Wasser für Familien in Äthiopien.

Wahrscheinlich sind Sie selbst schon darauf gestoßen; Einzelpersonen haben beispielsweise bei Fluggesellschaften oft die Möglichkeit, ihre Flugmeilen zu kompensieren (obwohl nur 1 bis 3 Prozent der Passagiere dieses Angebot wahrnehmen). Auch Unternehmen setzen auf Kompensationen, um ihren ökologischen Fußabdruck zu verkleinern, sowie auf das "Insetting", bei dem die emissionsmindernden Maßnahmen intern durchgeführt werden.

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Ein Setzling steht hoch am Ufer eines Flusses in Jaque, in der abgelegenen Provinz Darien im Südosten Panamas.
Ein Setzling steht hoch am Ufer eines Flusses in Jaque, in der abgelegenen Provinz Darien im Südosten Panamas.Arnulfo Franco/AP

Da die tödlichen Auswirkungen des Klimawandels immer sichtbarer werden, hat sich der Emissionsausgleich zu einem lukrativen Geschäft entwickelt, das im Jahr 2022 auf 306,9 Milliarden Euro geschätzt wird. Der Markt wächst weiter und wird Schätzungen zufolge bis 2028 über 1,4 Billionen Euro erreichen.

Europa ist inzwischen führend auf dem Gebiet der Kompensationsgeschäfte, denn das EU-Emissionshandelssystem (ETS) hat sich zum weltweit größten Marktplatz für Emissionsgutschriften entwickelt.

Kompensationen: Greenwashing oder die Antwort auf eine grünere Welt? Experten äußern sich dazu

Die Emissionen der Prominenten mögen ein Ausmaß annehmen, das wir uns nicht vorstellen können, aber ihr Lebensstil ist lediglich eine Verstärkung unseres eigenen: Jeder von uns hat seinen Fußabdruck und trägt zur anhaltenden Klimakrise bei.

Ist der Kohlenstoffausgleich also der Weg in die Zukunft?

Die meisten Klimawissenschaftler:innen scheinen davon nicht besonders überzeugt zu sein.

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Das Hauptproblem ist, dass trotz der potenziellen Vorteile vieler Methoden, die beim Kohlenstoffausgleich eingesetzt werden, das Problem letztlich nicht an der Wurzel gepackt wird.

Die Wiederaufforstung beispielsweise mag zwar hilfreich sein, aber es gibt keine Garantie dafür, dass die neu gepflanzten Bäume auch erhalten bleiben - vor allem in Ländern mit unbeständiger politischer Landschaft.

Darüber hinaus ist es schwierig abzuschätzen, wie viel CO2 in einem bestimmten System tatsächlich absorbiert wird, was den Ausgleich laut WWF zu einer "letzten Option" macht.

"Es ist schwer zu beweisen, dass Kompensationen tatsächlich funktionieren", sagt Dr. James King, Klimawissenschaftler an der Universität von Sheffield in Nordengland, gegenüber Euronews Green. "Die Vorschriften sind lückenhaft, und die Wissenschaft zeigt, dass es wichtiger ist, Emissionen zu vermeiden oder zu reduzieren, als zu versuchen, sie nachträglich auszugleichen.

"Das Beste ist, die fossilen Brennstoffe im Boden zu lassen", fügt er hinzu. "Wir müssen zwar Kohlendioxid aus der Atmosphäre entfernen, aber diese Aufgabe wird schwieriger, wenn mehr Kohlendioxidemissionen zu bewältigen sind."

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Die EU hat bereits Maßnahmen ergriffen, um Unternehmen daran zu hindern, sich durch Greenwashing in der Gunst der Öffentlichkeit zu profilieren. Im Januar hat die Europäische Union beschlossen, Unternehmen zu verbieten, sich allein aufgrund von Kompensationen als "klimaneutral" zu bezeichnen.

Es wird immer deutlicher: Der beste Weg, den Klimawandel zu bekämpfen, ist, die Emissionen von vornherein zu reduzieren. Prominente sind sicherlich nicht allein für ein strukturelles Problem wie den Klimawandel verantwortlich - und ihre Versuche, ihre Emissionen auszugleichen, sind zumindest ein Schritt in die richtige Richtung.

Aber sie sollten wohl ihre Plattform nutzen, um einen emissionsärmeren Lebensstil zu predigen (und zu praktizieren!), anstatt einen relativ faulen Ausweg zu unterstützen.

"Angesichts der Tatsache, dass das reichste ein Prozent der Weltbevölkerung für ebenso viele Emissionen verantwortlich ist wie die ärmsten sechs Prozent, sollten prominente Persönlichkeiten, die mit gutem Beispiel vorangehen wollen, zeigen, wie sie ihre Emissionen direkt reduzieren", sagt King.

"Nicht, indem sie erst die Umwelt verschmutzen und dann danach versuchen, das Problem zu lösen."

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