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Ukraine im Siegestaumel: "ESC eines Tages in Mariupol oder auf Krim"

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ESC 2022 in Turin, Italien
ESC 2022 in Turin, Italien   -   Copyright  MARCO BERTORELLO/AFP
Von Euronews  mit dpa

Die Ukraine feiert ihren Sieg beim diesjährigen Eurovision Song Contest, der wegen des russischen Kriegs in der Ukraine so politisch wie selten war.

Der Sänger des Kalush-Orchesters nutzte den Auftritt für einen dramatischen Appell: "Heft der Ukraine, Mariupol, helft Asowstal", sagte er vor fast 200 Millionen Zuschauer:innen.

In dem Asow-Stahlwerk haben sich rund 1000 Verteidiger von Mariupol verschanzt, die auf ihre Rettung warten. Psjuk bittet auch bei einer Pressekonferenz nach seinem Sieg um internationale Vermittlung, die zwar läuft, aber bisher keinen Durchbruch bringt.

Positives Omes für die Schlacht

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj nahm den Erfolg als positives Omen: "Ich bin überzeugt, dass unser siegreicher Akkord in der Schlacht mit dem Feind nicht mehr fern liegt", schrieb er auf Telegram und versprach alles zu tun, damit der Wettbewerb eines Tages in Mariupol stattfinden kann.

In der Ukraine sollte der nächste ESC 2023 aber in jedem Fall stattfinden, so der ukrainische Präsident zuversichtlich: "Unser Mut beeindruckt die Welt, unsere Musik erobert Europa. Im nächsten Jahr empfängt die Ukraine den Eurovision!." Normalerweise richtet jeweils das Siegerland den nächsten Musikwettbewerb aus. Weil dort derzeit Krieg herrscht, wäre eine Austragung, Stand jetzt, aber nicht möglich. 

Der Moderator des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, Timur Miroschnytschenko, weinte vor Glück, ihm brach  die Stimme weg beim Reden. "Wir siegen an der musikalischen Front, und wir siegen auch an dieser jenen Front. Streitkräfte der Ukraine, dieser Sieg ist für Euch, für jeden, der heute unser Land verteidigt", schluchzt er. "Haltet die Emotionen nicht zurück. Wenn Ihr weinen wollt, weint."

Kiewer: "Nächster ESC sollte in Mariupol oder auf der Krim stattfinden"

In Turin, wo der ESC 2022 stattfand, feierten Fans aus ganz Europa die nach Freiheit strebende Ukraine. "Ich kann gar nicht sagen, wie stolz ich bin, Ukrainerin zu sein", sagte eine Frau. "Ich bin stolz auf mein Land und auf das Kalush-Orchester, das die ganze Welt und Europa daran erinnert, dass wir uns an die Menschen erinnern müssen, die gerade sterben." "Unser Herz ist in der Ukraine", so eine Familie aus den Niederlanden. 

Die Euphorie war auch in der Ukraine selbst zu spüren, wo zum Zeitpunkt des ESC-Finales und der Siegerehrung schon wieder Sperrstunde wegen des Kriegs herrschte. Ein Zug der ukrainischen Eisenbahn soll künftig "Stefania" heißen, nach dem Siegersong.

"Jeder kleine Sieg ist wichtig für jeden Ukrainer, für unsere Ukraine, für jeden von uns", meint die Kiewerin Svitlana Nekrutenko. Oleksiy Shmuratko, ebenfalls aus Kiew, sagt lachend, das der nächste Eurovision Song Contest in Mariupol oder auf der Krim stattfinden sollte.

2004 gewann die ukrainische Sängerin Ruslana mit "Wild Dances"; 2016 siegte Jamala mit dem Song "1944", ebenfalls ein politisches Lied, schon damals sah sich die Ukraine mit Russland im Krieg um den Osten des Landes. Aber seit fast drei Monaten ergreift das Blutvergießen nun weite Teile des Landes. Vergessen ist das Leid der Menschen bei Party und Show nicht. Aber für die Ukraine ist der neue ESC-Sieg auch Grund, sich als mächtige europäische Musiknation zu feiern. Da das osteuropäische Land erst seit 2003 teilnimmt und auch mal aussetzte, gilt es als erfolgreichster Teilnehmer überhaupt.

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