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Ukrainische Rüstungschefin: Deutschland kann im Ernstfall auf unsere Abschreckung zählen

Fire Point CEO Iryna Terekh
Fire Point CEO Iryna Terekh Copyright  Fire Point
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Von Johanna Urbancik
Zuerst veröffentlicht am
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Kann die Ukraine Europas Lücke in der Raketenabwehr schließen? Fire-Point-Chefin Iryna Terekh spricht über Freyja, die Zusammenarbeit mit Deutschland und ukrainische Innovationen für Europas Sicherheit.

In der nordischen Mythologie ist Freyja als Göttin der Kriegsführung, Liebe und Schönheit bekannt. "Eine ungewöhnliche Kombination – bis man auf die Ukraine von heute blickt, wo all das gleichzeitig existiert", schreibt Iryna Terekh, Geschäftsführerin des ukrainischen Rüstungsunternehmens Fire Point, in einem Beitrag auf X.

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Diese "gemeinsamen Werte" verbänden den gesamten Kontinent "von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer", so Terekh weiter. Sie bezieht sich dabei auf die Gemeinsame Erklärung zur Gründung einer Integrierten Koalition für die Abwehr ballistischer Raketen, die vergangene Woche beim Treffen der "Koalition der Willigen" in Paris unterzeichnet wurde.

Das Herzstück der Initiative ist das Programm Freyja. Ziel ist es, ein günstigeres und modular aufgebautes Raketenabwehrsystem zu entwickeln, das die Kampferfahrungen der Ukraine mit europäischer Technologie und Produktionskapazitäten verbindet. Anders als bei klassischen Rüstungsprojekten soll das System nicht von einem einzigen Hersteller kommen. Stattdessen liefern die beteiligten Länder jeweils einzelne Bausteine – von Abfangraketen über Radare bis hin zu Führungs- und Kontrollsystemen.

Auf diese Weise soll eine integrierte europäische Raketenabwehr entstehen, die bestehende Systeme wie das US-Luftverteidigungssystem Patriot nicht ersetzten, sondern ergänzen soll.

Bundeskanzler Friedrich Merz, der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, der französische Präsident Emmanuel Macron und der britische Premierminister Keir Starmer in Paris
Bundeskanzler Friedrich Merz, der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, der französische Präsident Emmanuel Macron und der britische Premierminister Keir Starmer in Paris Teresa Suarez/Pool Photo via AP

Noch vor einem Jahr war Freyja kaum mehr als eine Idee, die Fire Point erstmals ins Spiel brachte. Bekannt wurde das ukrainische Rüstungsunternehmen vor allem durch seinen Marschflugkörper mit einer Reichweite von bis zu 3.000 Kilometern, FP-5 "Flamingo", den die Ukraine für weitreichende Angriffe auf Ziele tief im russischen Hinterland einsetzt.

Einen Tag nach der Unterzeichnung der gemeinsamen Erklärung in Paris am Montag vergangene Woche sprach Euronews mit Fire-Point-CEO und CTO Iryna Terekh. Kann sich Freyja trotz der oft langsamen europäischen Entscheidungsprozesse durchsetzen? Und welche Folgen hätte eine mögliche Produktion des Flamingo-Marschflugkörpers in Deutschland für die Abschreckung gegenüber Russland?

Euronews: Ich würde gern mit dem jüngsten Treffen der "Koalition der Willigen" und der Unterzeichnung der Freyja-Initiative beginnen, die von Fire Point angestoßen wurde. Wie wichtig war die Vereinbarung, und was bedeutet sie für die Zukunft des Programms?

Iryna Terekh: Ehrlich gesagt bin ich immer noch überwältigt. Ich hätte nie gedacht, dass aus einer Idee, die vor etwa eineinhalb Jahren entstand und zunächst auf einer Serviette skizziert wurde, einmal so etwas werden würde. Dass wir am Ende in einem Raum mit Staats- und Regierungsvertretern, Nationalen Sicherheitsberatern, Entscheidungsträgern, CEOs führender Unternehmen und all den Menschen sitzen würden, die diesen Wandel gemeinsam mit uns vorantreiben.

Natürlich ist das unglaublich inspirierend. Ich bin überzeugt, dass die Zeit für diesen Wandel schon lange gekommen war. Umso mehr freuen wir uns, dass wir andere dazu bewegen konnten, den technologischen und doktrinären Wandel, den wir mit Freyja anstoßen wollen, nun tatsächlich umzusetzen.

Euronews: Ich komme aus Deutschland. Wir gelten als ziemlich bürokratisch – und bis zu einem gewissen Grad trifft das auch auf die EU zu. Die Ukraine musste wegen des Krieges dagegen viel schneller handeln. Nachdem sich nun neben der Ukraine neun europäische Staaten der Freyja-Initiative angeschlossen haben: Wie schnell kann dieser Wandel Ihrer Einschätzung nach tatsächlich umgesetzt werden?

Iryna Terekh: Das ist eine sehr gute Frage. Ich habe oft darüber nachgedacht, worin eigentlich der Unterschied zwischen versprochenen Sicherheitsgarantien und tatsächlich umgesetzten Sicherheitsgarantien besteht.

Deshalb steht auf der ersten Folie jeder Freyja-Präsentation der Satz: "Sicherheitsgarantien werden in Stahl geschrieben, nicht mit Tinte." Für mich ist das sogar wichtiger als das Budapester Memorandum.

Entscheidend ist am Ende die Umsetzung. Wir arbeiten aber bereits seit einiger Zeit auf Unternehmensebene mit unseren Partnern zusammen und sehen dort großes Engagement, viel Interesse und den klaren Willen, das Projekt voranzubringen. Deshalb bin ich überzeugt, dass wir mit der Unterstützung der politischen Führung bürokratische Hürden deutlich schneller überwinden können. Die wichtigste Aufgabe der politischen Entscheidungsträger ist es, genau diese Hindernisse aus dem Weg zu räumen.

Denn Bürokratie kann Prozesse verlangsamen – und damit letztlich dem Gegner in die Hände spielen.

Wir müssen verstehen, dass diese Gefahr nicht geringer ist als die Bedrohung durch Russland selbst. Sabotage in kritischen Abläufen kann enormen Schaden anrichten, sie kann sogar Menschenleben kosten. Deshalb erleben wir derzeit eine klare Unterstützung durch die politische Führung: Sie schafft die Voraussetzungen dafür, dass wir uns auf die technologische Entwicklung konzentrieren können, während sie die bürokratischen Hürden angeht.

Euronews: Ich höre oft das Argument, dass Europa noch in Friedenszeiten lebt und die Produktion von Panzern, Raketen und anderen Waffensystemen im Ernstfall einfach hochgefahren werden könne. Was halten Sie davon? Kann Europa es sich leisten, mit einem deutlichen Ausbau der Rüstungsproduktion zu warten, bis ein Krieg beginnt?

Iryna Terekh: Ich möchte vorweg sagen, dass es völlig normal ist, dass unser Gehirn unangenehme Gedanken lieber verdrängt. Ich habe vor Kurzem eine Statistik über menschliche Angst und den Umgang mit Bedrohungen gesehen.

Interessanterweise gilt: Je näher Menschen einer Bedrohung sind, desto ruhiger reagieren sie. Warum? Weil das Schlimmste bereits eingetreten ist. Man muss nicht mehr darüber nachdenken, sondern einfach handeln. Je weiter eine Bedrohung dagegen entfernt erscheint, desto größer ist die Versuchung, unangenehme Realitäten auszublenden und sich in der vermeintlichen Normalität des Alltags einzurichten.

Dafür kann niemand etwas – unser Gehirn funktioniert nun einmal so. Aber wir müssen uns dieses Mechanismus bewusst sein und ihn bei sicherheitspolitischen Entscheidungen berücksichtigen.

Eine ballistische Rakete braucht im Durchschnitt nur zwei bis fünf Minuten bis nach Kyjiw. Nach Warschau wären es etwa sieben Minuten, nach Berlin acht und nach Paris höchstens zwölf Minuten. Der Unterschied ist also gar nicht so groß. Es geht uns nicht darum, mit Bedrohungsszenarien Angst zu erzeugen. Unser Ziel ist es, ein ganzes Ökosystem aufzubauen, das auf Bedrohungen angemessen reagieren kann.

Genau darum geht es bei Freyja: Das Programm steht für ein grundlegendes Umdenken bei der Luftverteidigung. Das System und die Technologie müssen politische Wahlzyklen und Regierungswechsel überdauern. Wenn ein System richtig aufgebaut ist, ist es widerstandsfähig. Genau ein solches resilientes Verteidigungsökosystem wollen wir schaffen.

Deutsche Soldaten feuern das Patriot-Waffensystem auf der NATO-Raketenabschussanlage in Chania, Griechenland, ab.
Deutsche Soldaten feuern das Patriot-Waffensystem auf der NATO-Raketenabschussanlage in Chania, Griechenland, ab. Sebastian Apel/U.S. Department of Defense, via AP

Euronews: Seit Beginn der Vollinvasion und dem US-israelischen Krieg gegen den Iran hört man immer häufiger von den niedrigen Beständen des US-Abwehrsystems Patriot. Welche Rolle haben diese Engpässe bei der Entwicklung von Freyja gespielt?

Iryna Terekh: Eine sehr große Rolle. Ich bin ein großer Fan des Patriot-Systems. Aus technischer Sicht beeindruckt es mich als Ingenieurin enorm. Es ist ein hervorragendes System und definitiv ein Vorbild.

Allerdings wurde es nie dafür entwickelt, in dem Ausmaß eingesetzt und verbraucht zu werden, wie wir es in der Ukraine erleben. Deshalb müssen wir ein System entwickeln, das auf die Bedrohung zugeschnitten ist, mit der wir tatsächlich konfrontiert sind.

Euronews: Vor einigen Wochen haben das deutsche Rüstungsunternehmen Diehl Defence und Fire Point ihre Zusammenarbeit bei einer möglichen Produktion des Marschflugkörpers Flamingo in Deutschland angekündigt. Können Sie etwas zum Stand der Gespräche sagen?

Iryna Terekh: Ich kann nur allgemein darauf antworten. Die Gespräche laufen auf mehreren Ebenen – sowohl mit verschiedenen deutschen Unternehmen als auch mit der Bundesregierung. Ziel ist es, eine industrielle Zusammenarbeit aufzubauen, bei der wir unsere ukrainischen Erfahrungen einbringen und Deutschland dabei helfen können, kostengünstige und in großen Stückzahlen produzierbare Waffensysteme herzustellen.

Euronews: Welche Rolle spielt Deutschland aus Ihrer Sicht derzeit? Frankreich und Großbritannien haben innerhalb der "Koalition der Willigen" zuletzt eine Führungsrolle übernommen.

Iryna Terekh: Am Ende sind es immer Menschen, die miteinander sprechen. Wie in jedem anderen Land gibt es auch in Deutschland Unternehmen und Entscheidungsträger, die unsere Sichtweise teilen – und andere, die das nicht tun. Diese Unterschiede sehen wir übrigens auch innerhalb der Ukraine. Das ist in jedem Land so. Grundsätzlich verstehe ich, dass es gerade für Deutschland schwierig ist, sich von dem Leitgedanken "Nie wieder" zu lösen.

Krieg gilt dort als etwas zutiefst Negatives, das sich niemals wiederholen darf. Das unterstütze ich vollkommen – solange man nicht selbst Ziel eines völlig ungerechtfertigten Angriffs wird.

Freyja ist kein offensives System, sondern eindeutig ein Verteidigungssystem. Es geht um Verteidigung – und das ist eine völlig andere Ausgangslage. Dadurch fällt es vielen leichter, den Ansatz zu unterstützen. Letztlich kommt es darauf an, Menschen zu finden, die dieselben Werte teilen. Dann lässt sich auch gemeinsam am besten arbeiten.

Euronews: Kommen wir noch einmal auf den Marschflugkörper Flamingo zurück. Innerhalb der europäischen NATO wird häufig von einer sogenannten "Deep-Strike-Lücke" gesprochen. Die Ukraine scheint diese Fähigkeit mit dem Flamingo entwickelt zu haben. Ist der Flamingo aus Ihrer Sicht genau die Abschreckungsfähigkeit, die Europa braucht? Vor allem mit Blick auf Deutschland, wo bis zuletzt unklar war, ob die USA hier Tomahawk-Langstreckenraketen stationieren werden.

Iryna Terekh: Sagen wir es so: Deutschland kann auf uns zählen, wenn es um Deep-Strike-Abschreckung geht.

Im Moment haben natürlich die Bedürfnisse der Ukraine oberste Priorität. Aber wir werden nie vergessen, wer uns in unserer schwersten Zeit unterstützt hat – genauso wenig wie wir die negativen Erfahrungen vergessen werden. Sobald unsere Produktionskapazitäten es zulassen, können wir auch Deutschland unterstützen.

Mit dem Flamingo und der modernisierten Version des FP1 haben wir zuletzt einen neuen Reichweitenrekord von 3.000 Kilometern aufgestellt. Damit denken wir das Konzept des "Deep Rear", also des vermeintlich sicheren Hinterlands, völlig neu und schreiben militärische Begriffe gewissermaßen neu. Für unseren Gegner gibt es derzeit kein wirklich sicheres Hinterland mehr. Und das ist aus unserer Sicht eine gute Entwicklung.

Arbeiter prüfen am 14. August 2025 in einer geheimen Fabrik von Fire Point in der Ukraine "Flamingo"-Raketen.
Arbeiter prüfen am 14. August 2025 in einer geheimen Fabrik von Fire Point in der Ukraine "Flamingo"-Raketen. AP Photo/Efrem Lukatsky

Euronews: Vergangenes Jahr wurde der Flamingo als "Wunderwaffe" und als möglicher Gamechanger bezeichnet. Konnten diese Erwartungen erfüllt werden?

Iryna Terekh: Ich glaube grundsätzlich nicht an das Konzept einer "Wunderwaffe". Wenn man ein Ergebnis nicht zuverlässig und immer wieder reproduzieren kann, verändert man den Kriegsverlauf nicht nachhaltig. Man kann damit taktische Erfolge erzielen – aber das allein verändert nicht das Gesamtbild.

Heute starten jede Nacht mindestens 300 ukrainische Drohnen in Richtung russisches Territorium, tagsüber noch einmal ähnlich viele.

Entscheidend ist also nicht die eine spektakuläre Waffe, sondern die Fähigkeit, solche Einsätze jeden Tag verlässlich durchführen zu können.

Der Flamingo ist natürlich ein sehr wichtiges System und in gewisser Weise auch ein Gamechanger. Der eigentliche Unterschied liegt aber darin, dass wir die Produktion kontinuierlich ausbauen, die Präzision ständig verbessern und das System damit zu einem starken Argument machen. Letztlich ist der Flamingo für uns gewissermaßen der Stift, mit dem wir unsere Bedingungen für künftige Friedensverhandlungen schreiben.

Einsatz der Flamingo-Rakete
Einsatz der Flamingo-Rakete Fire Point

Euronews: Bei unbemannten Systemen heißt es oft, dass die Entwicklung so schnell voranschreitet, dass Drohnen alle paar Wochen angepasst werden müssen. Es gibt inzwischen Aufnahmen vom Einsatz des Flamingo. Wird der Marschflugkörper nach jedem Einsatz weiterentwickelt?

Iryna Terekh: Im Moment ist das ein kontinuierlicher Kreislauf. Nach jedem einzelnen Kampfeinsatz nehmen wir Änderungen vor und passen das System an, um es noch effizienter zu machen.

Man kann sagen: Das passiert praktisch täglich oder zumindest wöchentlich. Vor allem die "Head Unit", also die Steuer- und Leiteinheit mit der eigentlichen Rechenleistung, wird angepasst. Die Software selbst passt weiterhin in dieses kleine Modul – unabhängig davon, ob sie in einer Drohne oder in einem Marschflugkörper eingesetzt wird.

Euronews: Gilt das auch für andere Marschflugkörper? Oder nimmt die Ukraine hier eine Sonderrolle ein?

Iryna Terekh: Ich glaube, das ist vor allem eine ukrainische Besonderheit. Wir können uns diese Geschwindigkeit zumindest aus bürokratischer Sicht leisten. Ob westliche Waffensysteme ähnlich häufig angepasst werden, kann ich nicht beurteilen. Aber der bürokratische Aufwand hinter jeder einzelnen Änderung ist enorm. Deshalb bezweifle ich, dass dort ähnlich schnell weiterentwickelt werden kann, aber genau weiß ich es nicht.

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