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Interview mit einem Opfer des Hackerangriffs: "Man kann ein Muster erkennen"

Interview mit einem Opfer des Hackerangriffs: "Man kann ein Muster erkennen"
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Unbekannte haben auf Twitter private Daten zahlreicher deutscher Politiker, Journalisten und Künstler veröffentlicht. Einer der betroffenen Journalisten ist Patrick Gensing von der Tagesschau_. Er selbst hat lediglich eine seiner veralteten Telefonnummern unter den Daten gefunden. Einige seiner Kollegen bei der_ Tagesschau hingegen hat der Datenklau härter getroffen. Von ihnen wurden Gesundheits- und Versicherungsdaten, private Fotos und Adressen veröffentlicht. Gemeinsam recherchieren sie intensiv, wer diese Daten geleakt hat. Im Interview hat er Euronews seine ersten Einschätzungen mitgeteilt.

Woher, denken Sie, stammen die Informationen?

Gensing: Im Falle unserer Daten glauben wir, dass jemand unser Handy gehackt hat und daher an all die Informationen gekommen ist, weil diese von verschiedenen Netzwerken stammen: Wir haben einige Chats von Twitter gefunden, aber auch von Facebook, Adressbücher und Bilder von Ausweisen. Eine unserer Kolleginnen hatte ein Foto von ihrem Pass auf dem Smartphone, das ist schon schwerwiegend.

Im Falle von Jan Böhmermann beispielsweise ist es etwas anders: Da scheinen es alte Daten zu sein, die an anderer Stelle schon einmal veröffentlicht wurden. Das sind persönliche Bilder von seinen Kindern, Verträge, Arbeitsverträge oder Bewerbungsschreiben. Hier sieht es eher so aus, als ob die Hacker einfach alles gesammelt hätten, was sie im Darknet finden konnten.

Warum glauben Sie das?

Gensing: Ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich allein derjenige war, dem der Twitter-Account gehört. Normalerweise organisiert sich das Trollnetzwerk über eine gemischte Community, junge Leute in der Gaming-Szene mit eher rechten Einstellungen. Sie sehen Trolling als Spiel an.

Wie glauben Sie, haben die Hacker ihre Opfer ausgesucht?

Gensing: Die meisten der Menschen, die ins Visier genommen wurden, hatten bereits viele Probleme mit Trollangriffen im Internet – insbesondere von der rechten Seite. So spielten alle Künstler, die unter den Opfern sind – Marteria, Casper, K.I.Z. und andere Bands – bei dem Chemnitzer Festival gegen Rechts im September.

Man kann ein Muster erkennen, nach dem die Opfer ausgewählt wurden. Jan Böhmermann beispielsweise startete die Bewegung Reconquista Internet, die das Internet sozusagen von rechten Trollen zurückerobern wollte, gegen Rassismus und Hassreden. Und er war deswegen schon vorher ins Visier genommen worden. Oder der Journalist Rayk Anders, der vor kurzem eine Dokumentation über rechtsradikale Trolle im Netz veröffentlichte, ist ebenfalls Opfer geworden. Vermutlich waren es solche Dinge, die die Leute zum Ziel machten.

Und für viele war es nicht das erste Mal, dass sie Opfer solcher Attacken wurden. Auch ein paar YouTuber oder Leute aus der Gaming-Szene sind betroffen. Und sie alle wurden vorher schon attackiert.

Wie, glauben Sie, sind Sie persönlich Opfer geworden?

Gensing: Ich widme mich hauptsächlich Themen, die mit Rechtsextremismus zu tun haben. Dann ist man automatisch ein potenzielles Ziel. Wir werden oft beschimpft, die Leute nennen uns „Lügenpresse“, das ist schon normal.

Und ich hatte schon einmal Probleme vor ein paar Jahren. Da wurde versucht, meine private Adresse herauszufinden und sie auf rechtsradikalen Seiten zu veröffentlichen.

Gibt es schon eine Lehre, die Sie aus dem Datenklau ziehen können?

Gensing: Es sieht so aus, als ob wir nicht über den Twitter-Chat kommunizieren sollten. Politiker und Journalisten sollten noch mehr aufpassen, wie sie kommunizieren.

Wie schlimm ist der Extremismus in Deutschland im Moment?

Gensing: Es gibt eine rechte Bewegung und Teile dieser Bewegung haben sich ziemlich radikalisiert. Vor allem im Internet werden sie radikaler und lesen nur, was sie lesen wollen. Es ist eine aggressive Atmosphäre. Das betrifft auch die politische Diskussion in Deutschland, die sich ein bisschen so entwickelt wie in den USA – nur einige Jahre später und fragmentierter. Die Leute wollen nicht miteinander sprechen und die AfD versucht, es noch schlimmer zu machen.

Welche Art von Maßnahmen werden Sie persönlich ergreifen?

Gensing: Ich werde mit meinen Daten im Internet vorsichtiger umgehen. Unsere Analysten versuchen herauszufinden, von wo die Informationen kamen.

Screenshot von der Webseite, auf der die Daten hochgeladen wurden.
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