Euronews kann nicht mehr über Internet Explorer abgerufen werden. Der Browser wird von Microsoft nicht aktualisiert und unterstützt die neuesten technischen Entwicklungen nicht. Wir empfehlen Ihnen, einen anderen Browser wie Edge, Safari, Google Chrome oder Mozilla Firefox zu benutzen.

Eilmeldung

Eilmeldung

Marine Le Pen: „Hoffe, dass wir stärkste Kraft werden“

Marine Le Pen: „Hoffe, dass wir stärkste Kraft werden“
Schriftgrösse Aa Aa

Marine Le Pen von der französischen Rechtspartei Rassemblement National will bei der Europawahl im Mai an die Spitze. Ihrer Ansicht nach geht es bei der Abstimmung nicht nur um Europa, sondern in ihrem Land auch darum, Präsident Emmanuel Macron einen Denkzettel zu verpassen.

Le Pen setzt darauf, gemeinsam mit anderem Parteien des rechten Spektrums wie der italienischen Lega, der FPÖ in Österreich oder der AfD in Deutschland eine große Fraktion im künftigen Europaparlament zu bilden. Der Europäischen Union stellt sie ein schlechtes Zeugnis aus. Le Pen wirft der EU vor, nationale Unternehmen in Europa nicht zu schützen und weist der Europäischen Union die Verantwortung zu, dass Industriezweige wie EDV und künstliche Intelligenz ihrer Ansicht nach im weltweiten Vergleich in Europa nur eine kleine Rolle spielen. In Bezug auf die Einwanderung fordert sie stärkeres eigenständiges Handeln der EU-Länder und wirft der Europäischen Kommission vor: „Sie ist für die Einwanderung, das hat sich gesagt: Um unsere Renten zu sichern, braucht es Einwanderung. Um gegen den Geburtenrückgang anzugehen, braucht es Einwanderung“, meint Le Pen.

Und ihre eigene politische Zukunft? Tritt Marine Le Pen bei der französischen Präsidentschaftskandidat im Jahr 2022 an?

„Wir sind die führende Partei Frankreichs“

euronews: Die Europawahl ist nah. Hoffen Sie darauf, Ihr unglaubliches Ergebnis von 2014, 25 Prozent, diesmal zu verbessern?

Marine Le Pen: Die Situation in der französischen Politik ist mittlerweile ein bisschen anders. Es gibt jetzt eine weitere Partei, nämlich En Marche. Aber es gibt zwei Gründe, weshalb ich hoffe, dass wir stärkste Kraft werden: Zunächst wegen Europa, weil ich möchte, dass wir ein sehr großes Bündnis von Verteidigern der Nationalstaaten sind - und eine Opposition zu der Europäischen Union, die wir als Fehlschlag erachten, die gescheitert ist. Aber auch aus einem nationalen Grund: Ich bin der Meinung, dass Emmanuel Macron bei diesen Wahlen, die so etwas wie eine Abstimmung zur Mitte seiner Amtszeit sind, unbedingt besiegt werden muss. Damit er das Signal erhält, dass er in der zweiten Hälfte seiner Amtszeit nicht derart weitermachen kann, wie er in der ersten begonnen hat.

euronews: En Marche im Bündnis mit der Partei MoDem liegt in den Umfragen ein wenig vor Ihnen. Glauben Sie dennoch, dass Sie ein besseres Ergebnis erzielen können als dieses Bündnis?

Le Pen: Ja, ja, das glaube ich. Doch abgesehen davon sind wir die führende Partei Frankreichs. Es ist gut, dass Sie daran erinnern, dass die Liste En Marche in Wirklichkeit ein Bündnis mit den Parteien MoDem und Agir und auch mit Les Républicains ist. Denn Herr Juppé und Herr Raffarin, die nun wirklich nicht zu den unbekanntesten Politikern von Les Républicains gehören, haben En Marche ihre Unterstützung ausgedrückt. Dennoch glaube ich, dass wir bei der Europawahl auf dem ersten Platz stehen werden, denn wir stellen in Wirklichkeit eine Hoffnung für Europa dar. Dieses Europa hat die Menschen verzweifeln lassen - diese Europäische Union, die einem Gefängnis gleicht, mit ihren Erpressungen, ihren Drohungen und ihren Ergebnissen, die erneut sehr schlecht sind. Man kann aber ein anderes Europa schaffen. Um Europa zu retten, muss man sich von der Europäischen Union abwenden.

euronews: Darüber werden wir gleich sprechen. Können Sie uns einige Punkte Ihres Programms preisgeben? Die drei wichtigsten Punkte. Das Programm wurde offiziell noch nicht vorgestellt. Können Sie uns hier bei euronews drei wichtige Punkte aus Ihrem Programm nennen?

Le Pen: Drei wichtige Punkte - da ist zunächst die Rückkehr zum Schutz. Schutzmaßnahmen sind zuallererst Sache der Nationalstaaten, also der Abbau des Schengen-Raums, das ist klar. Wir müssen dringend die Kontrolle über unsere Grenzen zurückerlangen. Man könnte sich da eine Struktur wie Frontex vorstellen: Internationale Küstenschützer, die aber nur eingreifen, wenn es einen Antrag der Nationalstaaten gibt, die einem großen Zustrom von Migranten gegenüberstehen. Wir müssen die Kontrolle über unsere Grenzen zurückerlangen. Zweitens: Wir müssen mit dem unlauteren internationalen Wettbewerb aufhören, das heißt: Güter, die in der Europäischen Union nicht hergestellt werden dürfen, können nicht in die EU eingeführt werden. Damit soll der unlautere internationale Wettbewerb verhindert werden. Und drittens: Mit den Freihandelsabkommen muss Schluss sein, denn das ist genau das Gegenteil eines umweltverträglichen Modells. Wir müssen eine echte Lokalpolitik mit einer nahegelegenen Produktion erreichen. Das wird unsere Regionen und unsere Erde schützen. Es gäbe noch viele andere Themen, aber das sind die wichtigsten.

„Die EU als supranationale Struktur hat nur Schwächen hervorgebracht“

euronews: Kommen wir noch einmal zum letztgenannten Punkt: Glauben Sie nicht, dass ein gemeinsames Europa insbesondere im internationalen Handel sehr viel stärker ist, um Blöcken wie China oder den USA die Stirn zu bieten? Wäre man als demnächst 27 Nationalstaaten nicht schwächer?

Le Pen: Entschuldigen Sie, aber diese Theorie kennen wir zur Genüge. Dieser Theorie waren wir in den vergangenen 25 Jahren ausgesetzt. Die Europäische Union als supranationale Struktur hat nur Schwächen hervorgebracht. Der Euroraum hat weltweit die geringsten Wachstumszahlen, es gibt einen riesigen Rückgang der Industrialisierung in unseren Ländern, die Arbeitslosigkeit steigt, die Armut wächst, die Sicherheit in Sachen Gesundheit schwindet aufgrund riesiger Importe. Es reicht also nicht, diese Theorie anzuführen. Ganz im Gegenteil: Wenn sich Nationalstaaten entscheiden, zusammenzuarbeiten und nicht gegen ihre Interessen dazu gezwungen sind, sondern es tun, weil sie es wollen und einen Nutzen darin sehen, Projekte durchzuführen - das ist unsere Vision. Wie bei Airbus, wie bei Ariane. Das funktioniert.

euronews: Aber ich glaube nicht, dass die französische Landwirtschaft ohne die gemeinsame Landwirtschaftspolitik überleben könnte...

Le Pen: Nun, sie hat jahrhundertelang ohne überlebt...

euronews: Ja, aber wir befinden uns jetzt in einem ganz anderen Wirtschaftsmodell. Ohne die Finanzhilfe für die französischen Bauern - neun Milliarden, davon sieben Milliarden an unmittelbarer Hilfe - könnten die französischen Bauern nicht überleben.

Le Pen: Aber dieses Geld wird nicht in irgendeinem EU-Keller gedruckt. Herr Juncker hat keine Höhle mit einer Gelddruckmaschine. Dieses Geld wird den Franzosen aus der Tasche gezogen. Tatsächlich haben wir...

euronews: Aber alle Europäer, jeder gibt und bekommt etwas...

Le Pen: Jeder gibt und jeder bekommt etwas, aber manche geben viel mehr als sie bekommen...

euronews: Ihrem Bruttoinlandsprodukt und ihrer Wirtschaft entsprechend...

Le Pen: Das ist in Frankreich der Fall...

euronews: Das ist das Prinzip der Solidarität.

Le Pen: Ach ja? Wir haben in 20 Jahren 100 Milliarden bezahlt. 100 Milliarden!

euronews: Über die Zahlen kann man streiten. Es gibt unterschiedliche Berechnungsmethoden, auch wegen der Zollgebühren.

Le Pen: Wir haben in 20 Jahren 100 Milliarden netto gezahlt. Also haben wir nur einen kleinen Teil dessen bekommen, was wir bezahlt haben. Das ist doch nur legitim. Wenn man sich die Ergebnisse der gemeinsamen Landwirtschaftspolitik im Vergleich zu ihren Aufgaben ansieht: Sind Sie sicher, dass die französischen Bauern Grund zur Freude haben? Ich stelle fest, dass Familienbetriebe verschwinden. Ich stelle fest, dass Bauern einer unlauteren Konkurrenz ausgesetzt sind, die nicht die Regeln beachtet, die ihnen auferlegt sind. Ich stelle fest, dass Schutzmaßnahmen wie die Milch- oder Zuckerquoten Stück für Stück verschwunden sind. Ganz ehrlich: Man kann nicht behaupten, dass diese gemeinsame Landwirtschaftspolitik ihre Aufgaben erfüllt hat, vor allem wenn man bedenkt, dass es Pläne gibt, sie um fünf Prozent zurückzufahren.

euronews: Ja, und das haben Sie auf der Pariser Landwirtschaftsmesse beklagt. Brauchen wir die Europäische Union also oder nicht?

Le Pen: Das ist unser Geld. Die gemeinsame Landwirtschaftspolitik ist das derzeitige Landwirtschaftsmodell in Europa. Ich bin dagegen, wenn ich höre, dass wir noch weniger bekommen sollen als ohnehin schon. Damit macht man den Bauern Schwierigkeiten, wenn sie von ihrer Arbeit nicht leben können. Ich will, dass wir so viel wie möglich von unserem Geld zurückbekommen, das wir an die EU gezahlt haben. Oder dass wir weniger zahlen. Aber wir können nicht weiterhin so viel verlieren, das ist unmöglich.

Blickrichtung Europawahl

euronews: Sprechen wir über diesen wichtigen Punkt: Die Zeit nach der Europawahl. Der Wille, eine noch größere Fraktion zu bilden, als jene, die sie nicht 2014, dann aber 2015 gebildet haben. Angesichts des Aufstiegs nationalistischer Bewegungen in Europa, hoffen Sie darauf, diese Gruppe zu vergrößern. Werben Sie bereits um die Neuen, Vox zum Beispiel?

Le Pen: Wir sprechen mit allen. Matteo Salvini...

euronews: Natürlich, er gehört ja bereits dazu.

Le Pen: Matteo Salvini haben wir beauftragt, in die europäischen Hauptstädte zu reisen, um zu versuchen, neue Verbündete zu finden. Wir werden uns vergrößern, das ist sicher, natürlich wollen wir uns ausbreiten. Und wir haben das Ziel oder zumindest den Traum - das verheimliche ich nicht - eine große Fraktion aufzustellen - mit denjenigen, die die Nationalstaaten verteidigen, in der wir einen Großteil der EU-Fraktionen EKR, EFDD und ENF versammeln. Das wäre etwas sehr Aussagekräftiges.

euronews: Aber stören Sie die undemokratischen Ausfälle einiger möglicher Verbündeter nicht? Ich denke da an Vox, das neu auf der politischen Bühne ist und bei der Regionalwahl in Andalusien seinen Durchbruch hatte. Das ist eine Partei, die auf sexistische Thesen baut, die das Gesetz gegen Gewalt an Frauen ändern will, die die Abtreibung und die Hilfen bei Abtreibungen abschaffen will. Wie positionieren Sie sich als Parteivorsitzende und Frau angesichts eines solchen Verbündeten?

Le Pen: Vox ist eine Abspaltung der spanischen Volkspartei. Ich weiß nicht, von welcher Form von Extremismus sie abstammt. Niemanden hat es gestört, als über diese Ideen in der Volkspartei gesprochen wurde. Man sieht, dass wir noch eine Vision haben, die wieder einmal ideologisch ist. Ich bin Souveränistin, ich bin Demokratin.

euronews: Jeder macht es auf seine Weise.

Le Pen: Ganz genau.

euronews: Aber Sie wollen dennoch gerne mit Vox in einer Fraktion sein.

Le Pen: Entschuldigen Sie, das entscheidet die spanische Bevölkerung. Und wenn Vox bei den Wahlen einen spektakulären Aufstieg hinlegt, liegt das wohl daran, dass die Partei die Sorgen der Spanier ausspricht. Ich mische mich nicht in die spanischen Angelegenheiten ein. Das ist eher das Problem der Europäischen Union, die den Staaten ein Modell aufdrücken wollte, die aber nun mal verschieden sind, die unterschiedliche Kulturen und Geschichten haben. Gewiss haben wir auch eine gemeinsame europäische Kultur, aber jeder von uns hat seine Eigenheiten, eine Identität, manchmal gar eine wirtschaftliche Identität, Stärken und Schwächen. Gott sei Dank, denn man sagt ja: Vereint in der Vielfalt. Aber wo ist die Vielfalt in einer Europäischen Union, die will, dass alle gleichgemacht werden?

euronews: Glauben Sie nicht, dass es - ob EU oder nicht - einen Sockel mit grundlegenden Rechten gibt, die respektiert und die respektabel sind?

Le Pen: Das sagen Sie, das sind Ihre Worte, Ihre Meinung. Aber ich sehe nichts in dem, was vorgeschlagen wurde.

euronews: Nein, das ist die Meinung einer Demokratin und ich gehe davon aus, dass Sie wie ich eine Demokratin sind.

Le Pen: Ich habe noch nie etwas in dem gesehen, was Vox gesagt oder getan hätte, was mir erlauben würde, sie als antifeministisch einzustufen.

euronews: Das steht im Parteiprogramm.

Le Pen: Aber was steht im Programm?

euronews: Dass das Gesetz zum Schutz von Frauenrechten und gegen Gewalt an Frauen abgeschafft werden soll. Das steht im Programm.

Le Pen: Was soll das heißen, abschaffen?

euronews: Änderungen vornehmen, damit es weniger Schutz gibt.

Le Pen: Wenn Sie Vox diese Fragen stellen, wird man Ihnen sagen: Nein, aus dem und dem Grund. Wir sind der Ansicht, dass das Gesetz schlecht gemacht ist. Ich glaube nicht eine Sekunde daran, wenn mir Journalisten solche Fragen stellen, denn ich gehe davon aus, dass das Gesetz in Wirklichkeit ganz anders ist.

euronews: Das ist nicht die Meinung einer Journalistin, sondern von jemandem, der das Parteiprogramm gelesen hat. Und wir haben gerade eine Reportage über Vox gemacht.

Le Pen: Mag sein, den Spaniern scheint es jedenfalls zu gefallen.

euronews: Das ist eine kleine Minderheit. Sprechen wir über die Allianz für das Europa der Nationen. Sie wollen die EU nicht oder zumindest nicht in der derzeitigen Form. Was bedeutet das, eine Allianz für das Europa der Nationen?

Le Pen: Das ist einfach. Man hat immer Europa und die Europäische Union vermischt. Wenn man über die EU spricht, spricht man von Europa. Ich trenne die beiden. Es ist ein bisschen so, als ob mir jemand sagt, dass man gegen die Luftfahrt ist. Nein, ich bin für die Luftfahrt. Ich finde, es ist ein großes menschliches Abenteuer, aber ich bin gegen die Fluggesellschaft. Die Europäische Union ist die Fluggesellschaft. Also wechsele ich die Fluggesellschaft. Ich möchte, dass es eine europäische Organisation gibt. Ich möchte, dass sich die Nationen in mehreren Bereichen einigen. Nicht alle von ihnen werden heute von der Europäischen Union aufgegriffe. Ich möchte nicht, dass Gesetze von einem Ausschuss gemacht werden, der sich aus Personen zusammensetzt, die nicht gewählt sind, die sich vor niemandem rechtfertigen müssen und denen ich den Willen abspreche, dass sie unsere Interessen verteidigen, insbesondere die Interessen Frankreichs.

Es gibt einen Europäischen Rat, ein Europäisches Parlament. Das sind demokratische Strukturen. Die Kommission muss ein Amt sein, das verwaltet, und nicht dieser große Häuptling, der sie geworden ist. Sie hat Macht angehäuft, die sie nicht haben sollte. Bei vielen Themen haben wir die großen Veränderungen des 21. Jahrhunderts verpasst. Wegen der Europäischen Union haben wir bei der künstlichen Intelligenz den Zug verpasst. Da kommt von der EU nichts. Der Schutz unserer nationalen Unternehmen in Europa: Da kommt nichts! Schutz der europäischen Unternehmen gegen die Ausbreitung des US-Rechts: Nichts!

euronews: Aber es gibt Subventionen für künstliche Intelligenz. Nun gut, wir werden da nicht ins Detail gehen.

Le Pen: Das ist nicht effizient. Da wird unser Geld für nichts ausgegeben.

euronews: Nein, das ist so nicht richtig. Es gibt da Untersuchungen.

Le Pen: Wahrscheinlich würden wir das besser machen. Sagen Sie mir nicht so was! Wir sind in Sachen EDV von den USA und China kolonisiert worden. Sagen Sie mir nicht so was, denn vor 20 Jahren war Europa mit Nokia und anderen großen Unternehmen der Vorreiter. Wir waren weltweit der Vorreiter. Die EU hat dafür gesorgt, dass wir diesen Vorteil verloren haben, denn sie mischt sich in alles ein, was sie nichts angeht. Aber sie mischt sich nicht in die Sachen ein, an denen sie arbeiten müsste.

„Frankreich kann's allein"

euronews: Glauben Sie, dass es Frankreich allein mit China und den USA aufnehmen könnte?

Le Pen: Aber Frankreich hat es ganz allein geschafft, Weltkonzerne aufzubauen. Diese Weltkonzerne sind nach und nach untergegangen. Ja, ich glaube, dass Frankreich das allein kann. Aber das ist nicht meine eigentliche Aussage: Frankreich kann's allein, aber ich glaube, Frankreich sollte das gemeinsam mit Italien, mit Ungarn, mit Österreich, mit Polen tun - mit den Ländern, die bestrebt sind, das Thema anzugehen und die bestrebt sind, unsere Unternehmen und unsere Souveränität zu schützen. Und die bestrebt sind, unsere Länder vor der Masseneinwanderung zu schützen, die heutzutage ein Problem ist.

euronews: Ich war überrascht, dass Sie das nicht als einen der hervorstechenden Punkte Ihres Programms genannt haben.

Le Pen: Ich habe mit Ihnen über Schengen und Grenzen gesprochen. Das ist das Grundlegende.

euronews: Und an eine abgestimmte, konstruktive europäische Einwanderungspolitik glauben Sie nicht? Muss jeder damit allein zurechtkommen?

Le Pen: Ich werde Ihnen sagen, warum ich daran nicht glaube. Warum sollte ich der Europäischen Kommission die Aufgabe anvertrauen, die Einwanderung zu bekämpfen? Die Europäische Kommission ist für die Einwanderung, das hat sie gesagt: Um unsere Renten zu sichern, braucht es Einwanderung. Um gegen den Geburtenrückgang anzugehen, braucht es Einwanderung.

euronews: Es gibt souveräne Staaten, die so denken. Wie Deutschland.

Le Pen: In Ordnung, aber die sind souverän...

euronews: Ich glaube nicht, dass die Europäische Kommission den EU-Mitgliedsländern vorschreibt, Migranten ins Land zu holen, um ihre Renten zu finanzieren.

Le Pen: Aber wenn die Deutschen sich entscheiden, eine Million Migranten zu empfangen, ist das ihr Problem.

euronews: Die Deutschen haben übrigens ein größeres Wachstum als Frankreich.

Le Pen: Das hat mit Einwanderung nichts zu tun. Entschuldigen Sie, aber vermischen Sie bitte nicht alles.

euronews: Es gibt Länder, die sich für Einwanderung entscheiden, wie Kanada. Eine ausgewählte Einwanderung, die auf Diplomen und dem Bildungsstand basiert. Die Kanadier haben Erfolg damit.

Le Pen: Das ist ihre Entscheidung. Wir reden später noch mal darüber. Denn die Deutschen beißen sich heute in die Finger, und gerade Frau Merkel, nachdem sie eine Million von ihnen begrüßt hat, zieht jetzt alle Schrauben an. Aber es ist mir egal, das ist ihr Problem. Schlecht ist nur: Wenn Frau Merkel eine Million Menschen empfängt, wie viele hunderttausend von ihnen landen dann in Frankreich? Damit habe ich ein Problem. Sehen Sie, jedes Land muss sich seine eigene Einwanderungspolitik aussuchen. Aber noch einmal, die Kommission, die für die Einwanderung ist, mit der Aufgabe zu betrauen, die Einwanderung zu regeln: Nein!

„Frontex erfüllt seine Ziele, seine Aufgaben, die es anvertraut bekommen hat, nicht.“

euronews: Aber eine europäische Grenzschutztruppe, so etwas wie Frontex: Sind Sie davon überzeugt? Sollte es so etwas nicht geben?

Le Pen: Warum nicht, wenn Frontex zum Grenzschutz durch jedes Land und zur Steuerung der Einwanderungspolitik durch jedes Land hinzukommt. Wenn Griechenland morgen vor einem riesigen Zustrom von Migranten steht, schützt es seine Grenzen selbst und kann sich auch an Frontex wenden, so wie Mali die französische Armee um Hilfe gebeten hat, als es in Schwierigkeiten war. Warum nicht? Aber was ist Frontex heute? Das ist das Einwanderungsempfangspersonal. Frontex tut nichts, um die Einwanderung zu verhindern, Frontex bringt keine illegalen Einwanderer in ihre Länder zurück. Frontex besteigt die Boote nicht, bringt diese nicht in ihr Abfahrtshäfen zurück. Frontex ist wie ein Gastgeber, verwaltet die Migrantenlager und organisiert all das. So wie es derzeit ist, erfüllt Frontex seine Ziele, seine Aufgaben, die es anvertraut bekommen hat, nicht.

euronews: Sprechen wir über die internationale Politik, über Ihre internationalen Verbindungen. Man weiß, dass Sie Steve Bannon nahestehen. Sie haben sich mit ihm getroffen. Er hat eine Gruppierung gegründet. Sie haben sich dagegen entschieden, dieser beizutreten. Warum? Bannons Bewegung will die populistischen Gruppierungen und Parteien in Europa zusammenbringen und wird vor der Europawahl ein großes Treffen veranstalten. Nehmen Sie daran teil?

Le Pen: Wir haben nicht gesagt, dass wir daran nicht teilnehmen werden.

euronews: Sie gehören dieser Bewegung nicht an, einige Parteien sind dabei.

Le Pen: Wir warten ab, bis etwas über die Form und den Umfang dieser Gruppierung bekannt gegeben wird. Die Idee einer Bewegung, in deren Rahmen man diskutiert und sich italienische, französische und österreichische Fachleute austauschen, unterstütze ich.

euronews: Und es stört Sie nicht, dass ein Amerikaner dahintersteckt?

Le Pen: Aber nein, denn das ist keine europäische, sondern eine weltweite Vereinigung. Wir müssen mit den Russen sprechen können, wir müssen mit den Amerikanern sprechen können. Schon morgen werden wir am Ende der wilden Globalisierung angelangt sein und darüber freue ich mich. Doch man muss sich Gedanken machen. Der internationale Handel: Machen wir mit dem freien Handel weiter oder werden wir - so wie wir uns das wünschen - einen gerechten Handel einführen? Kehren wir zum intelligenten Protektionismus zurück, so wie ich mir das wünsche, oder setzen wir die vollständige Deregulierung fort? All das sind Dinge, die wir auf weltweiter Ebene besprechen müssen.

euronews: Sie gehen also zu Bannons Treffen, das vor der Europawahl stattfinden soll?

Le Pen: Jedes Mal, wenn man miteinander sprechen kann und jede Möglichkeit, über all das zu diskutieren, ist interessant und wichtig.

euronews: Ganz zügig, Frau Le Pen, leider haben wir nicht mehr viel Zeit: Sie haben über Russland gesprochen. Sie haben doch bereits sehr enge Beziehungen zu Russland?

Le Pen: In der Tat habe ich gute Beziehungen zu den USA und zu Russland. Ich glaube, ich bin genau...

euronews: Herr Bannon ist nicht die USA.

Le Pen: Nein, aber das ist immerhin der Berater von Donald Trump.

euronews: Das ist er nicht mehr. Er ist eher in Ungnade gefallen.

Le Pen: Dessen bin ich mir nicht so sicher. Passen Sie auf, was Sie sagen. Bei all den Falschmeldungen muss man aufpassen, was man sagt.

euronews: Bei euronews versuchen wir das zu vermeiden.

Präsidentschaftskandidatin 2022: Nicht sicher, so Le Pen

Le Pen: Wie dem auch sei: Ich wünsche mir gute Beziehungen zu den USA, zu Russland, zu Indien und nebenbei auch zu China, denn ich glaube, dass das die Rolle Frankreichs ist.

euronews: Haben Sie deshalb Thierry Mariani auf den dritten Listenplatz gesetzt? Er steht Russland sehr nahe und ist oft in Russland.

Le Pen: Nein, ich habe Herrn Mariani auf die Liste gesetzt, weil er der Gründer der Vereinigung La Droite populaire ist.

euronews: Ein Überläufer von Les Républicains...

Le Pen: Er drückt das aus, was ich mir gewünscht habe.

19:01 euronews: Er hat viele Verbindungen zu den Russen.

Le Pen: Ja, er hat sehr gute Beziehungen zu den Russen, das ist sehr gut. Ich habe auf meiner Liste auch Leute, die sehr gute Beziehungen zu den USA haben. Umso besser, denn noch einmal: Frankreich nimmt eine besondere Stellung in dieser Welt ein und muss sich seine besondere Stimme bewahren. Frankreich muss eine Macht des Ausgleichs sein. Das ist in dieser vielschichtigen Welt, von der ich hoffe, dass sie wieder entsteht und sie wird entstehen, etwas Grundlegendes.

euronews: Die Frage, die ich Ihnen unbedingt stellen muss, ist: Treten Sie bei der französischen Präsidentschaftswahl 2022 an?

Le Pen: Ich habe keine Ahnung.

euronews: Wirklich.

Le Pen: Aber ja, wirklich.

euronews: Wollen Sie sich denn nicht bei Herrn Macron revanchieren?

Le Pen: Nein, nein, ich habe keine Rachegefühle. Übrigens gucke ich nie auf die Vergangenheit, ich blicke eher auf die Zukunft. Es sind die Anhänger des Rassemblement National, die zu gegebener Zeit entscheiden werden, wer derjenige ist, der unsere Ideen am besten vertritt. Wenn ich das bin, bin ich dabei. Wenn ich das nicht bin, mache ich ohne Weiteres Platz.

euronews: Wem könnten Sie Platz machen?

Le Pen: Ich habe keine Ahnung. Ich weiß noch nicht, wer Kandidat sein könnte. Ich möchte, dass wir gewinnen, ganz egal, wer diesen Sieg herbeiführt. Ich wünsche mir, dass wir gewinnen, weil ich finde, dass es meinem Land schlecht geht, dass es schwächer wird und dass dringend die Richtung gewechselt werden muss.