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Sea-Eye: Die Lage auf dem Flüchtlingsrettungsschiff Alan Kurdi ist "sehr bedrückend"

Sea-Eye: Die Lage auf dem Flüchtlingsrettungsschiff Alan Kurdi ist "sehr bedrückend"
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REUTERS/Darrin Zammit Lupi
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Die Lage auf dem deutschen Rettungsschiff Alan Kurdi wird immer bedenklicher. Seit einer Woche liegt das Schiff vor Malta und wartet darauf, in einen Hafen einfahren zu dürfen.

Lebensmittel und Trinkwasser sind knapp. Die maltesische Regierung hat nun einer Versorgungsfahrt zugestimmt. Doch die Lage auf dem Schiff wird dadurch nur gering verbessert. Euronews hat mit Sea-Eye-Sprecherin Carlotta Weibl über die aktuelle Situation gesprochen.

Euronews: Können Sie kurz schildern, wie die Lage auf dem Schiff aktuell aussieht?

Weibl: "Aktuell befindet sich das Schiff in internationalen Gewässern außerhalb von Malta, etwa auf 12 Meilen. Wir haben jetzt noch 63 Menschen an Bord. Gestern musste eine Frau schon aus medizinischen Gründen evakuiert werden. Die restlichen Verbliebenen sind soweit stabil, aber gut geht es ihnen auch nicht. Sie sind jetzt seit einer Woche an Bord. Sie mussten schon schweres Unwetter durchleben und sind teilweise auch von Seekrankheit geprägt.

REUTERS/Darrin Zammit Lupi

Man muss sich vorstellen, wenn man schon seit Wochen, sogar Monaten, auf der Flucht ist und die libyschen Lager überstanden hat, dann ist man körperlich und psychisch in einem schwachen Zustand. Jeder, der schon mal seekrank war, kann sich vorstellen, wie schlimm sich das anfühlt.

Es ist natürlich immer noch sehr, sehr eng. Es sind nicht ausreichend sanitäre Einrichtungen für so viele Menschen vorhanden. Das Schiff ist auch einfach nicht für so viele Menschen ausgelegt. Das heißt, die Lage ist sehr bedrückend."

Euronews: Für wie viele Menschen ist das Schiff denn ausgelegt?

Weibl: "Offiziell dürfen wir 20 Personen an Bord haben. Das ist die festgelegte Kapazität. Wenn es einen Seenotfall gibt, ist man natürlich rechtlich dazu verpflichtet, diese Menschen zu retten - egal, ob das die Kapazität des Bootes übersteigt. Das ist bei uns an Bord dann sicherer als auf einem Schlauchboot. Das heißt, wir machen uns damit nicht strafbar. Aber natürlich wirkt sich das auf die Zustände aus, unter denen die Menschen jetzt schon seit einer Woche ausharren müssen."

Euronews: Und gibt es Neuigkeiten zu der Frau, die evakuiert wurde?

Weibl: "Ich gehe davon aus, dass sie direkt in ein Krankenhaus gebracht wurde. Aber wir sind nicht im ständigen Kontakt, was die weitere Behandlung angeht."

Euronews: Wie steht es um die Gesundheit der Menschen, die noch an Bord sind?

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Weibl: "Das ist schwierig. Gerade haben wir keinen akuten Notfall. Aber wie schon gesagt, ist es trotzdem kein Zustand für lange. Die Trinkwasser- und Nahrungsvorräte werden knapp. Wir haben zum Glück die Genehmigung, jetzt heute einen Transport zu machen. Das hat die maltesische Regierung uns erlaubt. Das heißt, wir werden mit einem kleinen Boot auf die 12 Meilen rausfahren und Nachschub bringen. Auch ein paar medizinische Utensilien, damit die Menschen weiter versorgt werden können."

Euronews: Was wird an Versorgung genau gebracht? Wer bringt die Sachen?

Weibl: "Wir haben eine Agentin vor Ort auf Malta, die das Schiff organisiert. Dann hauptsächlich Leute von uns oder von befreundeten NGOs, wir sind ja auch eng vernetzt. Ich bin mir nicht sicher, ob von Sea-Watch jemand mitfährt.

Gebracht werden vor allem Wasser und Nahrungsmittel. Alles, was wir gut in Menge kochen können, was wir sowieso schon an Bord haben. Das ist vor allem Reis und Couscous, etwas das man eben für viele Menschen auf einmal kochen kann. Da kann man sich aber genauso vorstellen, nach einer Woche Couscous ist es halt auch irgendwann... wir versuchen dann manchmal noch ein bisschen Gemüse zu kochen. Aber, es ist jetzt auch nicht die nährreichste, vitaminreichste Kost, die wir da zur Verfügung stellen können. Das wirkt sich dann natürlich auch weiterhin auf den gesundheitlichen Zustand aus."

Euronews: Wie sieht es mit Kleidung aus? Viele Menschen haben ja gar keine Wechselkeidung dabei?

Weibl: "Genau, das ist auch ein Problem. Decken haben wir zum Glück einige an Bord. Aber es kann gut sein, dass wir da noch einmal was mitschicken. Wir bekommen zum Glück manchmal auch Spenden. In Palma haben wir zum Beispiel von vielen aus der Bevölkerung Spenden bekommen. Damit versuchen wir natürlich die Menschen gut möglichst auszustatten, aber mit so vielen Menschen geht auch das dann irgendwann zu Ende."

Euronews: Wie sieht die Kommunikation mit den Küstenwachen aus?

Weibl: "Jetzt gerade kommunizieren wir schon. Wir haben noch keine Genehmigung zum Einlaufen in die Gewässer, aber im Prinzip ist man schon im Kontakt.

Wenn wir vor der libyschen Küste sind, gibt es eine Art Nachrichtensperre. Früher war es so, dass beim Großteil der Rettungsaktionen, die wir durchgeführt haben, uns das Boot gemeldet wurde. Hauptsächlich von der Leitstelle in Rom. Die hat dann gesagt, wir haben einen Seenotfall, auf den und den Koordinaten, bitte fahrt da hin und rettet. Dann hat man die Menschen an ein Küstenwachschiff übergeben und sie wurden an Land gebracht. Wir haben die Menschen früher selbst nie nach Sizilien oder so gebracht. Wir waren wirklich nur Ersthilfe vor Ort.

REUTERS/Darrin Zammit Lupi

Wir beobachten jetzt, dass wir so gut wie gar keine Informationen mehr bekommen aus Rom, aus Malta sowieso auch nicht. Das wird von denen dann eher direkt an die libysche Küstenwache gemeldet und wir sind da außen vor.

Man kann sich vorstellen, dadurch, dass wir jetzt nur noch als einziges Rettungsschiff vor Ort waren in so einem riesen Gebiet, da kann man nicht alles abdecken. Wir haben manchmal das Glück, dass unsere Kollegen mit der Moonbird oder der Kolibri, den Suchflugzeugen, fliegen können. Das ist natürlich eine große Unterstützung, weil die einfach viel mehr Fläche abdecken können. Aber trotzdem sind wir uns sicher, dass viele Boote ungesehen tatsächlich untergehen."

Euronews: Woran liegt es, dass die Kommunikation nicht mehr stattfindet?

Weibl: "Das ist ganz klar darauf zurückzuführen, wie die ganze Politik im Mittelmeer momentan gemacht wird. Es wird alles an die libysche Küstenwache ausgelagert. Die Leute sollen gar nicht erst aus den libyschen Gewässern rauskommen mit ihren Booten. Das heißt, Rom meldet die Koordinaten direkt an Libyen und die holen die Leute dann zurück nach Libyen. Es wird ja alles dafür getan, um diese Menschen daran zu hindern, dass sie sich Europa auch nur nähern."