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Vorsorgeverbot: Fischen in der Arktis dank Klimawandel attraktiv

Vorsorgeverbot: Fischen in der Arktis dank Klimawandel attraktiv
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Die arktische Region erwärmt sich fast doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt, was zu einer Veränderung der Größe und Verteilung der Fischbestände führt. Durch den Klimawandel werden arktische Gewässer zugänglicher für Schiffe. Infolgedessen wird die arktische Hochsee mittel- bis langfristig für die kommerzielle Fischerei attraktiver. In Grönland wie in der gesamten Arktis schmilzt das Meereis. Die globale Katastrophe des Klimawandels gefährdet die Tierwelt und bedroht die Küstengemeinden. Europa hat die Welt zusammengebracht, um die Arktis zu schützen - vorerst. Wie kann die Wissenschaft dazu beitragen, in den kommenden Jahrzehnten das richtige Gleichgewicht zwischen Profit und Schutz zu finden? Wie kann man das arktische Ökosystem vor der Bedrohung schützen? Das ist das Thema in dieser Folge von Ocean.

Klimawandel macht Fischen in der Arktis zur Goldgrube

Grönland wird wärmer. Das bedeutet unter anderem eine längere Fischfangsaison. Zwischen den Eisbergen von Ilulissat ist es wie zu Zeiten des Goldrauschs. Die Fischerboote, die mit modernen Maschinen ausgestattet sind, ziehen täglich Hunderte Kilogramm Fang aus dem Wasser.

"Hier wird viel zu viel gefischt - es ist so profitabel, dass wir jetzt, wo es keine großen Fische mehr gibt, die kleineren Fische fangen", erzählt Martin Jørgensen, ein Fischer aus Ilulissat.

Um näher am Kunden zu sein, ziehen die Fischer von den Küstendörfern in die Städte. Die Bevölkerung von Oqaatsut, einer Inuit-Siedlung an der grönländischen Westküste, fiel unter 30 Einwohner. In vielen Gemeinden sinkt auch die Zahl der Schlittenhunde, die traditionell zum Eisfischen und Jagen eingesetzt werden. Bei dem warmen Klima sind Boote nützlicher als Hunde.
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"Früher begann man die Schlittenfahrt im Oktober, aber weil es nicht mehr so viel Eis gibt, können wir das ganze Jahr über Boote benutzen"_, erzählt Steen Gabrielsen, Fischer aus Oqaatsut.

Im wärmeren Meer finden neue Fischarten ihren Weg an die Küsten Grönlands - wie Makrele, Hering, atlantischer Blauflossenthun und Kabeljau. Aber nicht jeder ist glücklich darüber. Laut den Fischern ist ihr profitabelster Fang - der Heilbutt - in der wärmeren Jahreszeit immer schwieriger zu finden.

"Der Heilbutt mag kaltes Wasser", erklärt Niels Gundel, Fischer aus Ilulissa. "Wenn die Sommer wärmer und länger werden, zieht er dorthin, wo das Wasser kühler ist."

Arktis - Epizentrum des Klimawandels

In Zukunft können das Abschmelzen des Meereises und Veränderungen in den Fischbeständen kommerzielle Fischereiflotten in die ungeschützten internationalen Gewässer um den Nordpol führen. Wissenschaftler schlagen Alarm: Die unregulierte Fischerei könnte das wenig untersuchte Ökosystem im zentralen Nordpolarmeer zerstören, wo der Fischbestand zu dünn und zu wichtig für das Überleben anderer Tiere ist.

_"Um die unmittelbare Bedrohung zu verhindern, hat die Europäische Union alle wichtigen Parteien hier in Ilulissat zusammengeführt, um die kommerzielle Fischerei in der arktischen Hochsee für mindestens 16 Jahre zu verbieten"_, so euronews-Reporter Denis Loctier. "Dieses historische internationale Abkommen wurde von der EU, Kanada, China, Dänemark - in Bezug auf Grönland und die Färöer-Inseln -, Island, Japan, Südkorea, Norwegen, Russland und den Vereinigten Staaten unterzeichnet. Zusammen machen diese Parteien etwa 75 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts aus."

Verbot der kommerziellen Fischerei in der Arktis

Nach diesem rechtsverbindlichen Abkommen wird die Region der arktischen Hochseegebiete, die etwa so groß wie das Mittelmeer ist, für Fischereiflotten tabu bleiben - zumindest so lange, bis Wissenschaftler bestätigen, dass dort nachhaltige Fischerei möglich ist.

An der Arktischen Universität Norwegens in Tromsø leitet Professor Tore Henriksen das Norwegische Zentrum für Seerecht:

"Diese Vereinbarung spiegelt den Vorsorgeansatz wider, dass man, wenn man wenig oder sehr unzureichende Informationen hat, vorsichtig handeln sollte", erklärt der Jurist. "Und man sollte die Regelung nur nach vorliegenden Informationen regulieren und anpassen. Früher hat man erst gefischt und dann den Bestand reguliert. In diesem Stadium könnte es bereits zu spät sein."

Größte Arktis-Forschungsexpedition aller Zeiten

Ob das Verbot verlängert wird, hängt von den Ergebnissen der größten Arktis-Forschungsexpedition aller Zeiten ab: Auf einem Eisbrecher, der ein Jahr eingefroren im Nordpolarmeer driftet, erforschen Wissenschaftler aus 17 Nationen im Rahmen der MOSAiC-Expedition unter Leitung des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) die Arktis im Jahresverlauf:

"Wenn sich ein Eisbrecher durch das Eis bewegt, erhält man normalerweise keine guten akustischen Daten, weil das Schiff zu viele Geräusche macht. Im Eis festsitzend haben wir ein Jahr lang traumhafte Bedingungen für die Akustik", freut sich Pauline Snoeijs Leijonmalm, Professorin für Meeresökologie an der Universität Stockholm.

Wissenschaft auf dem deutschen Forschungsschiff Polarstern, das vom Alfred-Wegener-Institut betrieben wird.Quelle: Alfred-Wegener-Institut / Martin Kuensting

Neben der Verwendung eines Sonars werden die von der EU unterstützten Forscher mit einer Tiefsee-Unterwasserkamera Videos aufnehmen, DNA-Proben in verschiedenen Tiefen nehmen und erstmals Fische aus der zentralen Arktis fangen, um die gesamte Nahrungskette in der Polarregion besser zu verstehen:

"Wir können seinen Mageninhalt, seine stabilen Isotope, seine Fettsäuren analysieren, das wird uns etwas über die Gesundheit der Fische sagen, wo sie herkommen, ihre Wanderrouten. Der gefangene Fisch verrät uns eine Menge", so Pauline Snoeijs Leijonmalm.

Die Ergebnisse dieser und zukünftiger Expeditionen werden zeigen, ob die Fischerei im zentralen Nordpolarmeer nachhaltig betrieben werden kann - oder ob die arktische Hochsee für die kommenden Jahrzehnte unberührt bleiben soll.