Eilmeldung
This content is not available in your region

Liliana Segre: "Die Erinnerung an Auschwitz ist nie verblasst"

euronews_icons_loading
Liliana Segre: "Die Erinnerung an Auschwitz ist nie verblasst"
Copyright
euronews
Schriftgrösse Aa Aa

Die italienische Holocaust-Überlebende Liliana Segre, 89 Jahre alt, lebt seit November vergangenen Jahres unter Polizeischutz, weil sie Morddrohungen erhalten hatte. Ein Beispiel für den wachsenden Extremismus in Italien. Segre hat sich ihren Lebensmut behalten. Sie hat Mitleid mit Menschen, die voller Hass sind. Sie ist nicht in den sozialen Medien aktiv, sodass sie Hassbotschaften letztlich keine Aufmerksamkeit schenkt. Die Menschen um sie herum haben das Bewusstsein für das Problem geschärft - an einem einzigen Tag erhielt sie etwa 200 dieser Botschaften.

Im Alter von 13 Jahren wurde Segre 1944 als eines von 776 italienischen Kindern nach Auschwitz deportiert. Nur 25 überlebten. 45 Jahre lang war sie nicht in der Lage, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Mit 60 Jahren begann sie, sich zu öffnen. Seitdem hat sie viel Zeit in Schulen verbracht, um mit Jugendlichen über die Schrecken des Holocaust zu sprechen. 2018 wurde sie in Italien zur Senatorin auf Lebenszeit ernannt.

Euronews-Reporterin Cecilia Cacciotto:
75 Jahre nach der Befreiung Europas von Faschismus und den Nazis - wie war es für Sie, als Überlebende über Auschwitz zu sprechen?

Liliana Segre:
Nach der Rückkehr aus Auschwitz konnten fast alle Überlebenden lange Zeit nicht über die Geschehnisse sprechen. Es war zu schwierig, in Worte zu fassen, was man gesehen und erlitten hatte. Diejenigen, die das Leiden nicht erlebt hatten, konnten unmöglich verstehen, was wir ertragen mussten, was es hieß, nach diesen schrecklichen Jahren zu einem normalen Leben zurückzukehren. Natürlich gab es selbst unter uns im Lager große Unterschiede. Es gab gebildete Menschen wie den Schriftsteller Primo Levi, die darüber sprechen und sogar schreiben konnten. Er beschrieb Dinge, die - wie er selbst sagte - unaussprechlich waren. Ich war ein dummes junges Mädchen, ich bin nach meiner Rückkehr 15 Jahre alt geworden. Ich war so anders als meine Altersgenossen und die wenigen Familienmitglieder, die noch übrig waren. (Liliana Segre verlor fast die ganze Familie in Auschwitz, Anm. d. Reporterin). Ich entschied mich für das Schweigen. Eine schwere Stille. Es war nicht einfach, aber es war besser, nicht zu reden, als zu reden und nicht verstanden zu werden.

Euronews:
Was führte dann dazu, das Schweigen zu brechen?

Liliana Segre:
Diese schweren Erinnerungen zu verarbeiten, darüber zu sprechen, ohne zu schreien, zu weinen oder zu stocken ist nicht einfach. Dafür muss man an sich selbst arbeiten. Ich habe viele, viele Jahre gebraucht, und dann ist etwas in mir passiert. Ich glaube, es war einfach die Freude am Leben. Ich wurde Großmutter. Endlich konnte ich darüber sprechen: Es war ein langer und schwieriger Weg, aber heute bin ich sehr glücklich darüber. Es war wie ein Erbrechen - das es ist zweifellos ein unschönes Wort, aber es drückt aus, was ich fühlte. Es war wie Bauchschmerzen zu haben, die nicht weggehen, und dann schließlich...

Euronews:
Worte als Therapie.

Liliana Segre:
_Worte können einen hart treffen, sie können schwierig zu finden sein, schwierig zu verstehen. Aber mir haben sie geholfen - auch heute noch.
_

Euronews:
Liliana Segre, inwieweit bestimmt Auschwitz ihren Alltag?

Liliana Segre:
Jeden Morgen, wenn ich dusche, sehe ich die Tätowierung auf meinem Arm, die ein Teil von mir ist. Diese Tätowierung ist ebenso ein Teil von mir wie meine Nase. Ein Teil von mir, das ich nicht vergessen kann. Diese Erinnerung ist nie verblasst, das bin ich.

Euronews: Diese Nummer - was haben sie darüber ihren Kindern und Enkeln erzählt?

Liliana Segre:
Ich habe mit meinen Kindern und Enkeln nie so darüber gesprochen, wie ich es mit Ihnen tue. Meine Kinder haben bemerkt, dass die anderen Mütter keine Tätowierung hatten, und in den sechziger Jahren war das ja auch nicht so in Mode. Trotzdem fingen sie schon in jungen Jahren an, mich um Erklärungen zu bitten. Ich habe immer geantwortet: Wenn Sie etwas älter sind, werde ich es Ihnen sagen. Ich kann nicht sagen, ob ich diesen Punkt nie erreicht habe, oder ob sie sich anderswo informiert haben. Wir sind zusammen reifer geworden.

Euronews:
Es gibt Leute, denen es Spaß macht, Hassbotschaften im Internet zu schreiben. Was sind das Ihrer Meinung nach für Leute, was ist das für eine Gesellschaft, in der so etwas passiert?

Liliana Segre: Ehrlich gesagt tun mir diese Leute ein bisschen leid. Denn wenn jemand nicht besseres mit seinem Leben anfangen kann, als einer fast 90-Jährigen eine Todesdrohung zu schicken - nun, was soll ich sagen, diese Leute sollten ihre Zeit besser nutzen: Fernsehen, spazieren gehen, ein Kind küssen, ein Buch lesen - und dann lieber einer 90-Jährigen eine Todesdrohung schicken (zuckt die Schultern)?

Euronews:
In Europa ist der Antisemitismus zurück, er ist ein beherrschendes Thema.

Liliana Segre:
Entschuldigung, er steht wieder auf der Tagesordnung, weil man darüber redet. Aber ich glaube, diese Art von Hass war schon immer da. Am 25. April 1945 (Italienischer Tag der Befreiung vom Nazifaschismus) gaben alle Antisemiten vor, nicht mehr antisemitisch zu sein. Der sehr große und wichtige Unterschied besteht darin, dass wir heute darüber reden können.

"Ich habe kein Rezept gegen diese Übel, die immer wieder auftreten können. Ich glaube sowohl an die Möglichkeit der Wiederkehr als auch an einen Neuanfang."
Liliana Segre
Holocaust-Überlebende

Euronews:
_Gibt es Ihrer Meinung nach Ähnlichkeiten mit der Vergangenheit, gibt es die Gefahr eines Rückfalls? _

Liliana Segre:_
Auf keinen Fall, nicht in der Art und Weise, wie ich es erlebt habe. Ich schließe aus, dass sich dieser Horror wiederholen kann. Die meisten europäischen Staaten leben in einer Demokratie und ich hoffe, es gibt mehr Gerechte als ungerechte Menschen.
_

"Wir alle haben Angst vor dem Tod. Für mich kann ich sagen, dass ich das Leben vorziehe und bis zum letzten Moment genießen will."
Liliana Segre
Holocaust-Überlebende

Euronews:_
Wie kann sich eine Gesellschaft davor schützen?_

Liliana Segre:
Ich habe kein Rezept gegen diese Übel, die immer wieder auftreten können. Ich glaube sowohl an die Möglichkeit der Wiederkehr als auch an einen Neuanfang.

Euronews:
Vor 75 Jahren waren Sie dem Tod so nahe. Macht Ihnen der Tod heute noch Angst?

Liliana Segre:
Wir alle haben Angst vor dem Tod. Für mich kann ich sagen, dass ich das Leben vorziehe und bis zum letzten Moment genießen will.

Euronews:
Ein Leben vor allem in Freiheit.

Liliana Segre:
Frei und in Frieden.

Euronews:
Liliana Segre, danke, dass Sie mit uns gesprochen haben - euronews wünscht Ihnen noch ein langes Leben.

Liliana Segre:
Vielen Dank für die guten Wünsche. Ich habe noch viel vor in meinem Leben.

Euronews kann nicht mehr über Internet Explorer abgerufen werden. Der Browser wird von Microsoft nicht aktualisiert und unterstützt die neuesten technischen Entwicklungen nicht. Wir empfehlen Ihnen, einen anderen Browser wie Edge, Safari, Google Chrome oder Mozilla Firefox zu benutzen.