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Als wäre nichts? Schweden hält an umstrittenem Management der Covid-19-Krise fest

Ein Päarchen umarmt sich auf der Terrasse eines Restaurants in Stockholm, 4. April 2020
Ein Päarchen umarmt sich auf der Terrasse eines Restaurants in Stockholm, 4. April 2020   -   Copyright  Andres Kudacki/AP
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Rentner trinken draußen Kaffe und Gruppen junger Menschen treffen sich in Stadtparks - Schwedens Herangehensweise an die Coronavirus-Pandemie ist in Europa fast einzigartig.

Das skandinavische Land hat für seinen Umgang mit der Gesundheitskrise Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Den Behörden wurde sowohl international als auch im Land selber vorgeworfen, das Leben der Bürger zu gefährden, weil die ergriffenen Maßnahmen nicht streng genug sein.

Die Regierung setzt in ihrer Strategie gegen die Ausbreitung des Coronavirus auf die Kooperation der Bürger.

Ministerpräsident Stefan Löfven hat die Bürger des Landes aufgefordert, sich "wie Erwachsene" zu verhalten und keine "Panik oder Gerüchte" zu verbreiten.

Eine in der medizinischen Fachzeitschrift "The Lancet" veröffentlichte Studie zeigte, dass "die anfänglich langsame Reaktion von Ländern wie Großbritannien, den USA und Schweden auf immer weniger Verständnis treffen".

Großbritannien hatte seinen "flexiblen" Ansatz aufgegeben, als klar wurde, dass das Virus sich unkontrolliert verbreitete und Infektions- und Todeszahlen rapide anstiegen.

Am Montag stellte die Regierung des Landes einen Plan vor, um mehr Befugnisse zur Umsetzung von Maßnahmen ohne vorherige Zustimmung des Parlaments, umsetzen zu können.

Auf einer Pressekonferenz am Montag gab die Gesundheitsbehörde keine weiteren Einschränkungen bekannt.

TT NYHETSBYRON/Erik Simander
Kollektivsport in Stockholm - in den meisten europäischen Ländern ist das derzeit verboten.TT NYHETSBYRON/Erik Simander

Der Epidemiologe Anders Tegnell bekräftigte, dass die Ausbreitung der Infektion auf ältere Einwohner Schwedens ein großes Problem sei, und fügte hinzu, dass "wenn ich mit meinen nordischen Kollegen spreche, haben sie dort nicht das gleiche Problem".

Die schwedische Gesundheitsbehörde hat besondere Risikogruppen von COVID-19 identifiziert, darunter die über 70-Jährigen und diejenigen mit Grunderkrankungen.

Allerdings wissen man noch nicht genug über das neue Virus und welche Gruppen ein Risiko für schwere Erkrankungen hätten.

In einer Erklärung an Euronews sagte die Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass sie eine Reihe von Maßnahmen empfiehlt, die die Länder während der COVID-19-Pandemie befolgen sollten.

Dazu gehören "Tests, physische Distanzierung, Isolierung positiver Fälle und qualitativ hochwertige Krankenhausversorgung für diejenigen, die sie benötigen".

"Jedes Land entscheidet über die zu ergreifenden Maßnahmen auf der Grundlage seiner eigenen Situation und der verschiedenen Phasen des Ausbruchs, mit denen es konfrontiert ist", sagte ein Sprecher der WHO für Europa.

"Bei diesen Entscheidungen müssen viele Faktoren berücksichtigt werden, darunter Ressourcen und Kapazitäten sowie das Engagement und Vertrauen der Gemeinschaft.

Business as usual?

Schweden hat wie Deutschland auch keine Quarantäne über seine Bevölkerung verhängt - allerdings gibt es auch keine Kontaktsperre.

Stattdessen hat die Regierung die Bürger aufgefordert, "Verantwortung zu übernehmen" und den Empfehlungen der Gesundheitsbehörden zu folgen.

"Wir machen in Schweden nicht "business as usual"," sagte Gesundheitsministerin Lena Hallengren am Donnerstag auf einer internationalen Pressekonferenz.

Menschen über 70 und solche, die als "gefährdet" gelten, werden ermutigt, zu Hause zu bleiben, und die seit Mitte März geschlossenen Schulen und Universitäten werden ermutigt, Fernkurse anzubieten.

Am Montag sagte Anders Tegnell, dass die Arbeitgeber in Schweden den Mitarbeitern die Möglichkeit bieten sollten, von zu Hause aus zu arbeiten, "wenn sie die geringsten Symptome haben".

Die Behörden haben wiederholt empfohlen, dass Menschen mit Symptomen des Virus sich isolieren sollten.

Andres Kudacki/AP
Jugendiche treffen sich in Stockholm: Schulen und Unis sind geschlossen, ein Kontaktverbot wie in Deutschland gibt es aber nicht.Andres Kudacki/AP

Zu den bisher strengsten Maßnahmen in Schweden gehören ein Versammlungsverbot für mehr als 50 Personen und ein Besuchsverbot in Altersheimen.

Per Bergfors Nyberg sagte in einem Interview mit Euronews, dass "die Reaktion der Regierung darauf ausgerichtet ist, die Ausbreitung auf ältere Menschen zu verhindern".

"Schweden will keine allgemeine Abschottung, weil es 20-25% der Mitarbeiter im allgemeinen Gesundheitswesen verlieren würde, die so dringend gebraucht werden".

"Dies hat dazu geführt, dass viele Menschen aus dem Ausland nach Schweden zurückgekehrt sind, um ein normales Leben zu führen".

Schweden hat bisher offiziellen Angaben zufolge 7.700 Infektionen und fast 600 Covid-19 Tote erfasst.

Die Zahl der diagnostizierten Fälle spiegelt jedoch möglicherweise nur einen Bruchteil der tatsächlichen Zahl der Infektionen wider, da in Schweden nur schwere Fälle und Mitarbeiter des Gesundheitswesens getestet werden.