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Panik wegen zu viel Fernsehen? Wie man sich als Covid-Patient in Russland fühlt

Seit Dienstag ist das Tragen von Gesichtsmasken und Handschuhen im öffentlichen Raum in Russland Pflicht.
Seit Dienstag ist das Tragen von Gesichtsmasken und Handschuhen im öffentlichen Raum in Russland Pflicht.   -   Copyright  Dmitri Lovetsky/AP
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Mit insgesamt 242.271 erfassten Coronavirus-Infektionen hat Russland in dieser Woche alle anderen europäischen Länder überholt.

Da sich die Pandemie mit dem Epizentrum in Moskau rasant ausbreitet, melden die russischen Behörden, dass die Zahlen auf die große Menge durchgeführter Tests zurückzuführen sind.

In sozialen Netzwerken berichten russische Bürger jedoch, dass sie seit Wochen auf Testergebnisse warten und selbst mit einer bestätigten Diagnose oft nicht die notwendige Behandlung erhalten. Das ist wohl hauptsächlich auf ein überlastetes Gesundheitssystem und den Mangel an Spezialisten zurückzuführen.

Euronews hat mit mehreren Coronavirus-Patienten in Russland gesprochen, die von Unsicherheit, Undurchsichtigkeit und Vernachlässigung in Krankenhäusern berichten.

"Sie entschuldigten sich dafür, versehentlich die Wahrheit gesagt zu haben"

Nach Anruf eines Krankenwagens, drei Besuchen von Mitarbeitern der Bezirksklinik und 11 Tagen Wartezeit versuchte Inna, eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern, einen Coronavirus-Test durchführen zu lassen. Es war unmöglich. Trotz des Fiebers, der Schmerzen im Schulterblatt und der Atembeschwerden, die mehr als eine Woche lang anhielten.

"'Sie haben zu viel ferngesehen und sind deswegen panisch', sagte mir der Arzt und riet mir, Mutterkrauttee zu trinken", sagte Inna. "Am nächsten Tag brach die Hölle los: Ich konnte meine Augen nicht bewegen - ich musste mich übergeben, ich fühlte mich wie im Rausch - alles drehte sich, sogar im Bett".

Der Arzt, der sie behandelte, hatte nur eine Einwegmaske als Schutzausrüstung. So auch der Kollege, der am nächsten Tag kam. DerArzt habe sie nicht einmal untersucht, sondern ihr ein Antibiotikum verschrieben. Ihr Zustand verschlechterte sich.

Vier Tage später rief Inna die Klinik an und man bot ihr eine CT-Untersuchung ihrer Lungen an. Sie musste auf eigene Faust zum Zentrum kommen. Nach vierstündigem Warten auf die CT-Untersuchung, das Elektrokardiogramm, ein Abstrich und Bluttests erhielt sie die Diagnose: beidseitige Lungenentzündung, 25 % jeder Lunge waren betroffen.

Für den Fall "positiver" Ergebnisse versprachen sie, sich innerhalb von zwei Tagen mit Ihnen in Verbindung zu setzen. Die Benachrichtigung über den Virenfund ging am siebten Tag per E-Mail ein, gefolgt von einem Brief mit "Entschuldigung für die Unannehmlichkeiten, dass die Testergebnisse fälschlicherweise an Sie geschickt wurden". Es handelte sich also nicht um ein "falsches" Ergebnis. Sie entschuldigten sich dafür, versehentlich die Wahrheit gesagt zu haben".

Sie haben zu viel ferngesehen und sind deswegen panisch.
Arzt in Russland

"Das Ergebnis kam erst nach 11. Tagen in der Bezirksklinik an. Aber innerhalb von 11 Tagen können Sie sterben." Während infizierte Menschen wie sie auf einen CT-Scan und dann einen Test warten, können tödliche Komplikationen in Form einer Lungenentzündung auftreten, sorgte sich Inna.

Ihr 14-jähriger Sohn lag zu diesem Moment schon mit einer Covid-19-Erkrankung im Krankenhaus. Die Familie war nicht in der Lage, von den Freiwilligen der Stadt Hilfe zu erhalten. In einem Moskauer Callcenter der Regierung zu Fragen im Zusammenhang mit der Ausbreitung der Coronavirus-Infektion bestätigte man gegenüber Euronews, dass es "keine Informationen über Unterstützung für alleinerziehende Mütter, die an COVID-19 erkranken, haben".

Trotz anfänglicher Widerstände sah auch Inna schließlich ein, dass auch sie im Krankenhaus behandelt werden müsste. "Ich musste erstmal organisieren, wo ich mein jüngstes Kind lassen konnte, keiner hat mir geholfen. Aber es will sich ja niemand anstecken, zumal das Kind in Quarantäne bleiben musste. Ich suchte also einen Kamikaze, der sich bereit erklärt, 14 Tage lang in meiner verseuchten Wohnung zu leben", sagt sie.

Doch soweit kam es nicht: Der nächste Scan zeigte, dass der Heilungsprozess begonnen hatte, und Inna nicht ins Krankenhaus musste. Man riet ihr, "sich durchzubeißen", gab ihr eine Einwegmaske und schickte sie in einem Taxi nach Hause.

"Wir werden per WhatsApp behandelt"

"Immer mehr Mitarbeiter werden krank. Wir werden von allen im Stich gelassen, nicht nur von unseren Direktoren, sondern auch vom Staat. Aber ich habe nichts zu verlieren", sagt Oksana Bratischtschewa, Anästhesiekrankenschwester in der Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin des Oblastkrankenhauses in der Großstadt Balaschicha.

Alles begann am 26. April, als Oksana auf ihrer Facebook-Seite schrieb, dass Mitarbeiter mit Coronavirus-Infektion nicht die notwendige medizinische Versorgung erhielten.

Ihr zufolge erkrankten am 6. April dieselbe Krankenschwester und zwei weitere Ärzte aus ihrem Team. Die Symptome: Fieber, Muskel- und Gelenkschmerzen und ein seltsamer trockener Husten. Bald verschwand ihr Geruchssinn und ihre Nasen waren verstopft. Kurz zuvor hatten sie Patienten behandelt, bei denen der Verdacht auf Covid-19 bestand und die zuvor in Frankreich und Indien gereist waren.

Oksana alarmierte die Behörden. "Sie sagten mir, ich solle zu Hause bleiben und mich behandeln lassen und dass ich nach drei Tagen untersucht werden würde. Ich blieb zwei Wochen lang zu Hause. Weder meine Kollegen noch ich haben einen Coronavirus-Abstrichtest oder einen Bluttest gemacht. Am 24. April ließ ich einen Lungenscan in einem medizinischen Zentrum durchführen, von meinem eigenen Geld bezahlt.

Das Testergebnis zeigte eine 20-25%ige Infektion in den unteren Teilen der Lunge auf beiden Seiten, erklärt sie. "Die Ärzte haben eine Probe genommen, aber ich habe immer noch kein Ergebnis."

Mittlerweile sei bei 11 der 26 Ärzte ihrer Abteilung eine Lungenentzündung diagnostiziert worden. Oksana ist sich sicher, dass dies eine "Komplikation des Virus" ist. Die Mitarbeiter haben am Arbeitsplatz Plaquenil (ein Malariamedikament) in Tablettenform erhalten und werden online und über WhatsApp behandelt.

Oksana hatte selbst nur mit einem Arzt telefonischen Kontakt: Die Kliniken sind überfüllt. "Die Patienten werden von ambulanten Diensten empfangen: Sie kommen mit normalen Masken und Handschuhen, blauer Einwegkleidung, Hüten und Schuhüberzügen", sagt sie. "Gleichzeitig haben die Mitarbeiter des Gesundheitswesens, diejenigen, die irgendwie in Balaschicha mit medizinischer Versorgung in Verbindung stehen, keinerlei Schutz."

AP
Das Tragen von Gesichtsmasken und Latexhandschuhen ist in öffentlichen Verkehrsmittel in Moskau benutzen, Pflicht. Dienstag, 13. Mai 2020.APAlexander Zemlianichenko

Das örtliche Gesundheitsministerium teilte Euronews mit, dass das Personal des Krankenhauses, in dem Oksana arbeitet, "regelmäßig auf eine Coronavirusinfektion getestet wird".

"Alle Mitarbeiter des Gesundheitswesens in den anderen Abteilungen des Krankenhauses in der Provinz Balaschicha werden, wenn sich ihr Gesundheitszustand verschlechtert oder wenn sie Anzeichen einer akuten Virusinfektion in den Atemwegen zeigen, einer vollständigen medizinischen Untersuchung mit der erforderlichen klinischen und labortechnischen Überwachung unterzogen", sagte die Abteilung.

Oksana sagt, dass die Rückkehr an den Arbeitsplatz nach dieser Krankheit sich wie ein "Gang zur Guillotine" angefühlt habe. Das Management habe ihr klar gemacht, dass sie im Falle einer Entlassung "wahrscheinlich nicht in der Lage sein wird, woanders hinzugehen".

"Sie vermieden eine Antwort. Sie sagten, sie seien Gynäkologen, keine Infektiologen"

Zweieinhalb Monate mit Fieber, 23 Tage in einem Krankenhausbett. Die Journalistin Anna Krylowa traf Mitte April im Krankenhaus ein. Die Diagnose lautete Rippenfellentzündung.

"Ich hatte erst keine Symptome des Coronavirus. Die erste Erkältung war wahrscheinlich vor Neujahr, dann war es im Februar und März sehr kalt. Eine weitere Erkältung im März mit Stimmverlust. Die ersten beiden Tests waren negativ, der dritte dann positiv", erklärt Anna.

Während der gesamten ersten Woche ihres Krankenhausaufenthaltes hatte sie keine CT-Untersuchung.

Alle Bettnachbarn hatten die gleiche Diagnose: "Lungenentzündung".

"Niemand wusste, ob er mit dem Coronavirus infiziert war, bis sie ihn aus dem Raum brachten. Niemand wusste, wohin." Anna sagt, dass sie später Gerüchte hörten, dass sie in das Neugeborenenkrankenhaus Balaschicha geschickt werden sollten, das in eine Coronavirus-Station umgewandelt worden war.

Ich bekam intravenös Fluimucil gegen den Husten, aber ich hatte keinen Husten.
Anna Krylowa
Journalistin und Covid-Patientin

Am 24. April wurde bei einem ihrer Zimmergenossen Covid-19 diagnostiziert. Am 29. April wurde auch bei Anna die Infektion bestätigt. Sie wurde verlegt. Zunächst in einen gynäkologischen Untersuchungsraum. Jetzt ist sie auf einer Coronavirus-Station: Ihre Nachbarin hat eine bilaterale Lungenentzündung mit 52% Lungenschäden. Anna selbst hat Rückenschmerzen, fühlt sich schwach und Fieber.

"Infusionen sollten alle 8 Stunden gewechselt werden. Das wird nicht eingehalten. Ich bekam intravenös Fluimucil gegen den Husten, aber ich hatte keinen Husten. Es gibt eine Knopf, um eine Krankenschwester zu rufen, aber da kann man lange warten. Ich fürchte, dass ich meine Zeit verschwende, dass sie nicht alles tun, um mir zu helfen. Ich hoffe auf ein Wunder und eine Heilung."

Eine der Patientinnen, eine der dort arbeitenden Krankenschwestern, beschloss, das Krankenhaus "auf der Suche nach einer wirksameren Behandlung" zu verlassen. Es ärgerte sie, dass die Dynamik der Behandlung während der 11 Tage, die sie im Krankenhaus verbrachte, nicht überwacht wurde.

Während dieser Zeit erhielt sie keine CT-Untersuchung, und als sie erklärte, dass es ihr immer schlechter ging, und sie um mehr Behandlung bat, "zuckten die Ärzte nur mit den Schultern und vermieden eine Reaktion, indem sie sagten, sie seien Gynäkologen und keine Infektionsmediziner".

Die Krankenhausleitung bestätigte Euronews gegenüber, dass es einen Fachkräftemangel gibt.

"Tatsächlich sind unser Hauptrückgrat Geburtshelfer-Gynäkologen, Neonatologen. Es gibt mehrere Spezialisten, die zu uns gekommen sind, aber sie reichen nicht aus, so wie es auch nicht genügend Krankenschwestern gibt. Es gibt nur zwei Pfleger für 60-70 Patienten", sagt Denis Aksenov, Leiter der Neugeborenenabteilung.

"Wir hoffen, dass etwas entschieden wird, aber wann - das kann ich nicht sagen."