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"Einen Ort der Freiheit erhalten": Amsterdamer Schwulenbar wird zu IKEA

Steven Koudijs und Tomas Adamer vor der seit 1978 bestehenden Spijkerbar, Amsterdam
Steven Koudijs und Tomas Adamer vor der seit 1978 bestehenden Spijkerbar, Amsterdam   -   Copyright  Sarah Tekath
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Im Stadtzentrum von Amsterdam gibt es jetzt auch einen IKEA. Zumindest dem Namen nach, denn zwischen den schiefen Grachtenhäusern, überfüllten Fahrradständern und Brücken hätte eine Filiale des schwedischen Möbel-Giganten wohl kaum Platz. Das typisch blau-gelbe Schild hängt stattdessen an der Spijkerbar, der ältesten Schwulenbar der Hauptstadt. Und soll ein Zeichen setzen.

Am 1. März 2020 übernehmen Steven Koudijs und Tomas Adamer die seit 1978 bestehende Bar. Zwei Wochen später verkündete Ministerpräsident Mark Rutte den harten Lockdown und die Spijkerbar musste schließen.

Nur im Sommer ein paar Wochen geöffnet

„Wir hatten noch einen Monat der Übergabe mit dem vorherigen Besitzer geplant und wollten zum 1. April starten. Wir hatten also gar keine Chance, überhaupt zu öffnen. Aber auf dem Kaufvertrag steht offiziell der 1. März. Seither sind Kosten entstanden und zu diesem Zeitpunkt ist auch der Mietvertrag offiziell auf mich übergegangen“, sagt Koudijs beim Gespräch in der leeren Bar Ende Dezember 2020. „Also dachten wir uns, wir legen noch etwas Geld oben drauf für Umbau und Renovierungen, weil die Bar ziemlich heruntergekommen war.“

Mitte 2020 von Juni bis Oktober sei es möglich gewesen, für ein paar Wochen zu öffnen. Allerdings auch nur mit limitierter Gästezahl. „Gemäß der Fläche der Bar waren 20 bis 25 Personen gestattet. Wir haben von der Gemeinde Amsterdam die Erlaubnis bekommen, unsere Terrasse draußen zu vergrößern. Das hat die Begrenzung etwas kompensiert. Aber für den Innenraum mussten wir einen Türsteher einstellen, der die Anzahl der Gäste im Auge behält und die Menschen zur Not abweist“, sagt Koudijs.

Bis zu 12.000 Euro Verlust im Monat

Seit Mitte Oktober ist die Bar wieder geschlossen und die Kosten sammeln sich. „Die Miete beträgt schon 5.500 Euro monatlich“, so der Eigentümer. „Dann haben wir auch noch das Darlehen für den Kauf im Wert von 200.000 Euro, das mit 6 Prozent Zinsen innerhalb von fünf Jahren zurückgezahlt werden muss.“ So ergäben sich pro Monat zwischen 10.000 und 12.000 Euro Fixkosten. „Lange halten wir das nicht durch“, sagt er. „Januar und Februar werden schon richtig knapp und danach muss einfach irgendetwas passieren.“

Um staatliche Unterstützung in Corona-Zeiten beantragen zu können, ist allerdings die Vorlage der bisherigen Einkünfte des jeweiligen Lokals nötig. Aufgrund der Übernahme wenige Tage vor dem Lockdown stehen Koudijs derartige Zahlen jedoch nicht zur Verfügung. „Vielleicht könnte ich die Zahlen des vorherigen Eigentümers nutzen, aber der ist nicht mehr im Land und auch nicht zu erreichen“, erklärt er.

Namensänderung IKEA als Protestaktion

Um Aufmerksamkeit für ihre Notlage zu erreichen, kleben Koudijs und Adamer im Dezember 2020 das IKEA-Logo auf das Schild ihrer Bar. Gleichzeitig läuft eine Crowdfunding-Aktion an, bei der aktuell knapp 15.000 Euro der angepeilten 60.000 Euro gespendet wurden.

Sarah Tekath
Besitzer vor der Spijkerbar in AmsterdamSarah Tekath

Es sei ihnen nicht darum gegangen, mit der Namensänderung den Lockdown zu umgehen. Stattdessen wollen sie mit dem IKEA-Logo Aufmerksamkeit schaffen. „Als wir das Schild aufgehängt haben, war nur das Gastgewerbe geschlossen. Große Geschäfte wie IKEA waren aber geöffnet mit zahlreichen Kunden ohne Einhaltung des Sicherheitsabstands. Ich missgönne es den Besitzern nicht, aber wenn man der Meinung ist, dass ein Lockdown etwas bringt, dann muss er auch für alle gelten“, sagt Koudijs.

„Der zweite Grund ist, dass sich das Straßenbild hier im Stadtzentrum ohnehin schon zum Negativen verändert, weil immer mehr Nutella-Geschäfte oder Filialen von Kommerz-Ketten hinzukommen. Ich würde es schrecklich finden, wenn es nicht gelingen würde, so gemütliche, besondere Orte wie die Spijkerbar zu schützen.“ Angst vor rechtlichen Konsequenzen vonseiten IKEA habe er allerdings nicht. „Einem schon gerupften Huhn kann man ohnehin keine Federn mehr ausreißen“, zitiert er eine niederländische Redewendung.

Einen Ort der Freiheit erhalten

„Es wird keine rechtlichen Konsequenzen vonseiten der Stadt Amsterdam geben“, sagt Sprecherin Eva Plijter Anfang Januar 2021. „Alle nichtessenziellen Geschäfte sind mittlerweile geschlossen. So auch IKEA. Die Namensänderung eines Cafés ermöglicht ohnehin nicht das Umgehen der Lockdown-Regeln. Take-away ist jedoch möglich. Wir fühlen mit den Gastronomiebesitzern, die sich gerade in einer sehr schwierigen Lage befinden und verstehen ihre Frustration.“

Das Take-away-Konzept nützt der Spijkerbar nach Meinung von Koudijs allerdings wenig. „Unsere Gäste kommen zu uns wegen der Kontakte, um ein Bier zu trinken und Billard zu spielen. 80 Prozent sind einheimische Stammgäste. Die Spijkerbar ist ihr Wohnzimmer und hierherzukommen macht einen großen Teil von ihrem Sozialleben aus“, erklärt Koudijs.

Dass die Spijkerbar erhalten bleibt, ist dem Unternehmer eine Herzensangelegenheit. „Seit 1978 ist diese Bar ein Symbol für Freiheit. Hier kommen Grachtenhausbesitzer, Künstler und Prostituierte zusammen und alle haben die Freiheit, so zu sein, wie sie sein wollen, ohne Angst vor Ausgrenzung oder Zurückweisung haben zu müssen. Jetzt wünsche ich mir die Freiheit, diese Tradition weiterführen zu dürfen. Und ich bin optimistisch, dass wir das auch schaffen. Selbst wenn Corona noch ein Jahr dauert, wir kriegen das schon irgendwie hin.“