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Corona-Impfungen: Deutschland und Niederlande erwägen spätere zweite Impfung

Eine Pflegefachkraft zieht eine Spritze mit dem Corona-Impfstoff in London auf, 5.8.2020
Eine Pflegefachkraft zieht eine Spritze mit dem Corona-Impfstoff in London auf, 5.8.2020   -   Copyright  Kirsty Wigglesworth/AP Photo
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Deutschland und die Niederlande prüfen, inwieweit man die Verabreichung der zweiten Impfdosis gegen das Coronavirus hinauszögern kann. Auf diese Weise sollen schneller mehr Menschen geimpft werden können.

Empfehlungen der Europäische Arzneimittelagentur (EMA) zufolge sollte die zweite Dosis des Impfstoffs innerhalb von sechs Wochen nach der ersten verabreicht werden, um einen maximalen Impfschutz zu gewährleisten.

Einige Länder wollen diesen Zeitraum jedoch verlängern. Sie wollen möglichst schnell so viele Menschen wie möglich impfen, besonders aus Risikogruppen.

Wirkt sich die Verzögerung bei der Verabreichung der 2. Impfdosis negativ auf den Impfschutz aus?

Auf Anfrage von Euronews erklärte das deutsche Gesundheitsministerium, dass man das Robert-Koch-Institut um eine Expertenmeinung gebeten habe, ob eine zweite Dosis des zugelassenen Impfstoffs von BioNTech gegen Coronaviren mehr als drei Monate nach der ersten Dosis verabreicht werden kann, ohne dessen Wirksamkeit und Sicherheit zu beeinträchtigen.

Eine ähnliche Anfrage stellte das niederländische Gesundheitsministerium an Experten, wie es gegenüber Euronews bestätigte. Es wird ebenfalls geprüft, ob man die zweite Dosis des Vakzins später als eigentlich vorgesehen impfen kann.

Hintergrund ist, dass Großbritannien angekündigt hatte, die zweite Dosis bis zu 12 Wochen nach der ersten Dosis zu verabreichen, um so mehr Menschen eine erste Dosis des Impfstoffs zu ermöglichen- ein Ratschlag, der eine wissenschaftliche Debatte über das Thema angeheizt hat.

Pfizer und BioNTech warnten, dass die Sicherheit und Wirksamkeit des Impfstoffs nicht in verschiedenen Dosierungsschemata getestet worden war. Sie wiesen daraufhin, dass die Mehrheit der Studienteilnehmer die zweite Dosis innerhalb von drei Wochen erhalten habe.

US-Gesundheitsbehörde rät von Experimenten ab

Die US-Gesundheitsbehörde FDA, die Arzneimittel zulässt, widersprach den britischen Behörden und erklärte, dass "diese Diskussionen über die Änderung des Dosierungsschemas oder der Dosen auf der Annahme beruhten, dass eine Änderung des Dosierungsschemas oder der Dosen helfen kann, den Impfstoff schneller an die Öffentlichkeit zu bringen".

Die FDA resümiert, dass "solche Änderungen, die nicht durch ausreichende wissenschaftliche Beweise gestützt werden, letztlich kontraproduktiv für die öffentliche Gesundheit sein können."

Wissenschaftler in Großbritannien erklärten hingegen, dass die verlängerte Zeitspanne die Reaktion des Immunsystems nach der zweiten Dosis wahrscheinlich nicht verändern wird.

"Die meisten Immunologen würden zustimmen, dass die Verzögerung einer zweiten 'Booster'-Dosis eines Protein-Antigen-Impfstoffs (wie die beiden zugelassenen COVID-19-Impfstoffe) um acht Wochen wahrscheinlich keinen negativen Effekt auf die gesamte Immunantwort nach dem Booster hat", heißt es in einer Erklärung der britischen Gesellschaft für Immunologie.

Ziel: Kurzfristig viele gefährdete Menschen vor einer COVID-19-Erkrankung schützen

Und weiter: "Da die Zahl der Fälle und Todesfälle weiterhin stark ansteigt, müssen wir kurzfristig so viele gefährdete Menschen wie möglich vor einer schweren COVID-19-Erkrankung schützen."

Experten in Großbritannien gehen davon aus, dass es ein geringes Risiko gibt, eine Auffrischungsimpfung zu verzögern, und dass mehr Menschen inmitten einer katastrophalen epidemischen Situation ein wenig mehr Schutz geboten werden könnte.

"Die Regierung geht davon aus, dass die zur Verfügung stehenden Impfstoffe in den nächsten drei Monaten mehr werden und dass die Verabreichung der zweiten Dosis niemandem die erste Dosis vorenthalten wird", sagte Eleanor Riley, Professorin für Immunologie und Infektionskrankheiten an der Universität von Edinburgh.

"Der Nutzen für die öffentliche Gesundheit wird am größten sein, wenn alle hochgefährdeten Menschen mindestens eine Dosis in den nächsten 12 Wochen erhalten können."

Die EU wurde unterdessen für die langsame Einführung des COVID-19-Impfstoffs kritisiert, und angesichts des Aufkommens einer noch leichter übertragbaren Variante des Coronavirus, hoffen viele darauf, eine größere Anzahl gefährdeter Erwachsener zu impfen.

"Das Hauptrisiko einer Verzögerung ist, dass einige Menschen nicht zur zweiten Dosis kommen. Je länger man es hinauszögert, desto mehr 'kommt das Leben in die Quere' - die Leute können umziehen, einen neuen Job anfangen, eine andere Krankheit bekommen, ihr Handy verlieren und nicht erreichbar sein", sagt Riley.

"In normalen Zeiten ist das Intervall zwischen den Dosen also ein pragmatisches Gleichgewicht zwischen der besten Impfstoffwirksamkeit und dem besten Impfschutz."

Sie betonte aber, dass die Behörden auf jeden Fall sicherstellen müssen, dass jeder seine zweite Coronavirus-Impfdosis erhält.