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R-Wert steigt in Deutschland auf 1,01 - Ausweg durch Plan gegen den Jo-Jo-Effekt?

Vor der Alten Oper in Frankfurt in Coronazeiten
Vor der Alten Oper in Frankfurt in Coronazeiten   -   Copyright  Michael Probst/Copyright 2021 The Associated Press. All rights reserved
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Am Mittwoch hatte das Robert Koch-Institut den R-Wert noch mit 0,85 angegeben. An diesem Samstag liegt der Reproduktionswert des Coronavirus in Deutschland bei 1,01. Das bedeutet, dass 100 Menschen, die sich mit SARS-CoV-2 infiziert haben, rechnerisch 101 weitere Menschen anstecken. Und es ist ein Zeichen dafür, dass die Virus-Varianten die Pandemie schneller verbreiten.

Binnen 24 Stunden meldeten die Gesundheitsämter in Deutschland dem RKI 9.164 Neuinfektionen. Das sind 9,7 Prozent mehr als im Vergleich zum Samstag vergangener Woche, als 8354 Neuinfektionen registriert wurden. Außerdem wurden 490 weitere Todesfälle innerhalb von 24 Stunden im Zusammenhang mit dem Coronavirus gemeldet.

RKI-Präsident Lothar Wieler hatte am Freitag erklärt, der Anteil der Virusvariante B 1.1.7 steige in Deutschland rasant an. "Wir stehen möglicherweise erneut an einem Wendepunkt. Der rückläufige Trend der letzten Wochen setzt sich offenbar nicht mehr fort", sagte Wieler.

Wissenschaftler:innen stellen Plan gegen Jo-Jo-Effekt vor

Ein Team um die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek und Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut Göttingen hat eine Strategie vorgestellt, mit der ein ständiges Hin- und Her zwischen Lockdown und Lockerungen - der sogenannte Jo-Jo-Effekt - vermieden und eine langfristige Strategie angeboten werden soll. "Wir möchten damit eine Zukunftsperspektive für jeden Einzelnen wie für Gesellschaft und Wirtschaft aufzeigen", schreiben die Forscher:innen in einem auf ZEIT ONLINE veröffentlichten Artikel. Der Plan versucht auch, die aufgeheizte Debatte zu beruhigen. Die Forscher:innen meinen, dass eine transparente Kommunikation nötig sei, damit die Menschen anhand veröffentlichter Zahlen verstehen, warum wie Einschränkungen notwendig sind.

Die Physikerin Viola Priesemann hatte im vergangenen Dezember zusammen mit anderen Expert:innen gemeinsame Maßnahmen in ganz Europa gefordert.

Transparente, regionale Stufenpläne

Die Forscher:innen schreiben jetzt in Bezug auf Deutschland: "Wir brauchen gut durchdachte Stufenpläne, die transparent aufzeigen, welche Teile des öffentlichen Lebens in welcher Reihenfolge und auf Basis welcher Überlegungen geöffnet werden können. Das grundlegende Ziel muss dabei klar sein: Erst wenn ein stabiles und sicheres Inzidenzniveau erreicht ist, kann zielgerichtet, intelligent und regional abgestuft gelockert werden. Unser Vorschlag zielt mittelfristig auf eine Wocheninzidenz von 10 pro 100.000 Einwohner, wo immer möglich auch darunter. Die bekannten Werte von 25, 35 oder 50 stellen hier harte Obergrenzen dar, zu denen ein ausreichender Sicherheitsabstand angestrebt werden sollte. Ein Überschreiten der Inzidenz von 50 heißt etwa, dass zeitnah gravierende Lockdown-Maßnahmen nötig sind."

"Eine liberale Gesellschaft lässt sich nicht komplett steuern"

Dabei erklären die Wissenschaftler:Innen verschiedener Bereiche, dass auch die Corona-Müdigkeit der Menschen beachtet werden müsse und die Tatsache, dass nicht alle die Regeln befolgen. Sie wollen einen flexiblen Ansatz. In dem Strategie-Papier steht: "Eine liberale Gesellschaft lässt sich nicht komplett steuern, weder bei niedrigen noch bei hohen Inzidenzen – das wäre auch nicht wünschenswert. Deshalb, nicht trotzdem, halten wir am ambitionierten Ziel niedriger Inzidenzwerte fest. Anders als oft behauptet, steht diese Strategie nicht der Freiheit der Bevölkerung entgegen. Im Gegenteil: Sie will für erreichbare Ziele motivieren und dadurch Freiheit gewinnen."

Schnelltests für alle

In dem Strategiepapier steht auch: "Öffnungen sollten durch Tests begleitet werden, insbesondere Schnelltests können Infektionsketten früh entdecken. Damit die Kontaktnachverfolgung greift und Personen isoliert werden können, bevor es zu Ansteckungen kommt, müssen positive Ergebnisse meldepflichtig werden. Die weitere Digitalisierung der Gesundheitsämter kann hier helfen. Ohne diese Folgemaßnahmen entfalten Schnelltests nicht ihr Potenzial. Dabei dürfen diese Tests für niemanden eine finanzielle Hürde sein."

Erarbeitet haben den Plan Sandra Ciesek, Virologin am Uni-Klinikum Frankfurt am Main, Thomas Czypionka, Gesundheitsökonom an der London School of Economics, Armin Nassehi, Soziologe an der LMU München, Iris Pigeot, Statistikerin am Leibniz-Institut für Präventionsforschung, Barbara Prainsack, Politikwissenschaftlerin an der Uni Wien, Viola Priesemann, Physikerin am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen und Anita Schöbel, Mathematikerin an der TU Kaiserslautern.