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Nach Eisberg-Abbruch: "Polarstern"-Forscher entdecken große Artenvielfalt am Meeresboden

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Von Euronews mit dpa
Die "Polarstern" zwischen Brunt-Eisschild und dem Eisberg A47
Die "Polarstern" zwischen Brunt-Eisschild und dem Eisberg A47   -   Copyright  Ralph Timmermann/Alfred-Wegener-Institut / Ralph Timmermann
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Ende Februar löste sich der Eisberg A74 vom Antarktischen Eisschild. Das gibt Forschern die einmalige Gelegenheit, in den entstehenden Spalt zwischen dem Brunt-Schelfeis der Antarktis und dem 1270 Quadratkilometer großen Eisberg zu befahren und den Meeresboden, der seit Jahrzehnten mit einer dicken Eisschicht bedeckt war, genauer zu untersuchen.

Das deutsche Forschungsschiff "Polarstern" hatte sich kurz nach dem Abbruch in die Region begeben, allerdings mussten sich die Forscher an Bord wegen der Wetterbedingungen vor Ort länger gedulden, bevor sie den Eisberg umrunden- und das Gebiet erkunden konnten. Die Wissenschaftler gehören unter anderem zum Alfred-Wegener-Institut und dem Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) und deren internationalen Partnern. Ihre Beobachtungen sorgen für Begeisterung, nicht nur an Bord.

Alfred-Wegener-Institut/Christian R. Rohleder
Der riesige Eisberg A74 kalbte vom Brund-Eisschild der AntarktisAlfred-Wegener-Institut/Christian R. Rohleder

Unterwasserkameras dokumentieren florierendes Ökosystem

Mit Unterwasserkameras gelang es dem Team, einmalige Aufnahmen des Meeresbodens zu machen, Sediment- und Wasserproben zu nehmen und geochemische Messungen durchzuführen - kurz: wertvoll Daten zu sammeln. So berichten die Forscher von einer erstaunlichen Lebensvielfalt am Meeresgrund, die in der vorgefundenen Schlammwelt gedeihen. So konnten die Teams zahlreiche Tiere beobachten, die auf Steinen festsaßen, aber auch Seegurken, Seesterne und andere Weichtiere. Wie sie sich ernähren, bzw. wie sie ihre Energie gewinnen, ist nun auch Gegenstand der Forschung. Neben Weichtieren wurden auch fünf Fisch- und zwei Tintenfischarten entdeckt.

"Es ist ein Glücksfall, dass wir flexibel reagieren und das Abbruchgeschehen am Brunt-Schelfeis aktuell so detailliert erforschen konnten", erklärt Expeditionsleiter Hartmut Hellmer, der auch physikalischer Ozeanograph am AWI ist. Hautnah mitzuerleben, was passiert, wenn ein Gebiet erstmals mit Sonnenlicht in Kontakt kommt, ist bislang kaum erforscht. Es ist eine seltene Momentaufnahme, die die Wissenschaftler vor Ort beobachten und dokumentieren können. Ein Eisberg, der die doppelte Größe von Berlin hat, bricht rund alle zehn Jahre ab.

Alfred-Wegener-Institut / AWI OFOBS team PS124, CC-BY 4.0
Leben auf dem antarktischen Meeresboden, dort wo sich zuvor Eisberg A74 befandAlfred-Wegener-Institut / AWI OFOBS team PS124, CC-BY 4.0

Polarforschung und Datensammeln gegen den Klimawandel

Die Mission wird auch vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. In diesem Zusammenhang unterstrich Bundesforschungsministerin Anja Karliczek, dass die Polarforschung entscheidend mit dazu beitrage, "den Klimawandel und seine Folgen für unsere Erde besser zu verstehen und vorauszusehen. Wir brauchen dieses Wissen, um beim Klimawandel wirksam gegensteuern zu können." Die Auswirkungen des Klimawandels unter anderem in der Antarktis seien besorgniserregend, so die Ministerin.

Der Klimawandel konnte bislang vor allem in der Westantarktis beobachtet werden, in der Ostantarktis - dort, wo die "Polarstern" gerade verweilt, hat sich die Erderwärmung noch nicht ausgewirkt. Folgt man aktuellen Klimamodellen, dürfte die Lufttemperatur in diesem Jahrhundert auch im östlichen antarktischen Weddellmeer ansteigen - und sich negativ auf das Meereis auswirken.

Das AWI sammelt schon seit den 1980er Jahren Daten aus den vom Klimawandel betroffenen Regionen - relevante Daten zum Meeresboden, Ozean, Eis und Atmosphäre. Auf deren Grundlage entstehen Modellrechnungen, wie die Eisschilde auf einen Klimawandel reagieren werden. "So können wir mit größerer Sicherheit prognostizieren, wie schnell der Meeresspiegel zukünftig ansteigen wird – und Politik und Gesellschaft verlässliche Daten liefern, um notwendige Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel zu treffen", erklärt Hellmer weiter.

Seit Anfang Februar ist die "Polarstern" im Weddellmeer unterwegs. Wegen der Corona-Pandemie mussten die Forscher übrigens auf den Falklandinseln starten - dorthin hatte die Lufthansa die Crew mit dem längsten Nonstop-Passagierflug ihrer Geschichte gebracht.

Weitere Quellen • AWI