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Internationaler Roma Tag: Werden die 12 Mio Roma in Europa als letzte gegen Corona geimpft?

Roma-Lager in Frankreich, 11/2020
Roma-Lager in Frankreich, 11/2020   -   Copyright  AFP/ Lionel Bonaventure
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Gemeinnützige Organisationen fordern die Länder der Europäischen Union auf, die Bemühungen zur Impfung der Roma-Community zu verstärken, die als besonders gefährdet im Bezug auf Covid-19 gilt.

Die europäische Impfstrategie aus Brüssel sieht vor, Gruppen mit chronischen Krankheiten, Komorbiditäten, Behinderungen vorrangig zu impfen. Weiterhin sollen "gefährdete sozioökonomische Gruppen" als "mögliche Prioritätsgruppen" eingestuft werden.

In Europa gibt es etwa 12 Millionen Roma, von denen die Hälfte EU-Bürger sind. Damit ist die Gemeinschaft die größte ethnische Minderheit des Kontinents.

Doch die Slowakei ist derzeit das einzige der 27 EU-Länder, das seine 500.000 Menschen starke Roma-Community in seiner Impfkampagne ausdrücklich als Risikogruppe anerkennt, obwohl sie - im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung - ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, schwere Behinderungen, Erkrankungen der Atemwege und des Bewegungsapparates, Diabetes, Asthma, Bronchitis, Lungenentzündung und Krankheiten im Zusammenhang mit Übergewicht haben.

Wie ein Bericht der EU-Kommission aus dem Jahr 2014 zeigt, leidet in Rumänien die Hälfte der Roma-Bevölkerung über 45 Jahren an gesundheitlichen Einschränkungen oder chronischen Krankheiten.

In einem kürzlich erschienenen Reuters-Artikel erklärte ein Aktivist aus Ungarn, dass die Roma "wie die Fliegen sterben" würden - niedergemäht durch das Coronavirus. Es gibt jedoch keine zuverlässigen Statistiken über die Anzahl der Infektionen, Krankenhausaufenthalte und Todesfälle bei dieser Minderheit, weder auf nationaler-, noch auf EU-Ebene.

Ein Mitglied der Roma-Gemeinschaft, das von der Nachrichtenagentur interviewt wurde, verglich die Pandemie in seiner kleinen ungarischen Stadt mit einer Bombenexplosion. In einigen serbischen Gemeinden liegt die Sterblichkeit durch Covid-19 laut einer Studie bei bis zu 26 Prozent.

Roma gesellen sich zu den Millionen der Vergessenen der Corona-Impfkampagne: Obdachlose, Menschen ohne Dokumente oder Aufenthaltsgenehmigung, EU-Bürger mit einem irregulären Status, Staatenlose.

Allein in Italien sind es nach Schätzungen der Organisation Il Sole 24 Ore 500.000 "Unsichtbare". Sie sind die Menschen, die am meisten von schweren oder tödlichen Folgen bedroht sind, sollten sie sich mit der Krankheit infizieren.

"Ich befürchte, dass sie die Letzten sein werden, die in Betracht gezogen werden, wenn es bis dahin eine Herdenimmunität gibt", sagte Carlo Stasolla, Präsident der Vereinigung 21. Juli, die Menschen in extremer Ausgrenzung hilft, gegenüber Euronews.

LAURENT EMMANUEL/AFP or licensors
Obdachlose, Menschen ohne Papiere oder Aufenthaltsgenehmigung, Staatenlose, Roma und Sinti: Wie werden sie Zugang zu Corona-Impfstoffen erhalten?LAURENT EMMANUEL/AFP or licensors

Beschränkungen der Impfkampagne

In Italien gibt es etwa 20.000 Roma. Laut Nazareno Guargneri, Präsident der Fondazione Romani Italia, "sind 60-70 Prozent der Roma italienische Staatsbürger und haben daher keine Probleme, den nationalen Gesundheitsdienst zu nutzen. Aber 20-30 Prozent leben in illegalen Camps, und ihre Papiere sind nicht in Ordnung".

Es ist unmöglich, Zahlen darüber zu bekommen, wie viele geimpft worden sind, insbesondere in illegal errichteten Unterkünften. Stasolla, der viele Roma und Sinti kennt, erklärt, er habe noch nie jemanden getroffen, der geimpft worden sei, "und wir von den Organisationen, die die Leute vor Ort besuchen, auch nicht".

Fehlende Krankenversicherungskarte oder Steuernummer: ein Drittel der italienischen Roma stammt aus dem ehemaligen Jugoslawien, und viele haben noch Papiere aus der Zeit von Staatschef Tito, weiß Stasolla zu berichten. Also haben sie weder eine Krankenversicherung noch eine Steuernummer. "Da sie diese nicht haben, können sie nicht auf die Buchungssysteme für Impfstoffe zugreifen", sagt Marco Paggi, Anwalt bei der Associazione Studi Giuridici Immigrazione (Asgi).

In Deutschland, so Zeljko Jovanovic, Direktor des Open Society Roma Initiatives Office, gegenüber Euronews, "gibt es viel mehr Roma als die offiziell angegebenen 150.000. Aber sie haben Angst vor einer Zählung. Sie wissen, dass es in Europa das Prinzip der Freizügigkeit gibt, und deshalb melden sie sich nicht bei den örtlichen Behörden."

"Viele leben ausgegrenzt, werden nicht berücksichtigt oder sind nicht dokumentiert. Dafür gibt es viele Gründe, darunter: endemischer Rassismus, schulische Ausgrenzung, negative Darstellung in den Medien und physische Gewalt, die sie seit Jahrhunderten erfahren", so Jovanovic weiter.

In Griechenland haben mehr als 50.000 Menschen - die meisten von ihnen ohne Sozialversicherungsnummer (AMKA) - keinen Zugang zum öffentlichen Gesundheitssystem und werden deswegen nicht geimpft werden können. Viele von ihnen sind Roma. Kostas Paiteris, Präsident der Union der griechischen Roma-Vermittler, forderte einen speziellen Plan, um die griechischen Roma zu erreichen, die noch immer "unsichtbar" sind. Insgesamt, so schätzt die EU, gibt es über 230.000 Roma in Griechenland.

Alphabetisierung und digitale Fähigkeiten: Eine weitere Barriere, die Roma-Gemeinschaften daran hindert, sich für die Impfkampagne anzumelden, ist laut Stasolla die Technologie.

"In den Lagern haben die Menschen nicht immer Mobiltelefone, die eine Internetverbindung ermöglichen. Viele sind Analphabeten, der Online-Zugang ist für Personen, die nicht über technologische Hilfsmittel verfügen oder nicht lesen können, komplex."

Junges Alter. Das Durchschnittsalter der Roma-Bevölkerung ist sehr niedrig. 55 Prozent der Roma in Italien sind minderjährig, und die Lebenserwartung ist im Allgemeinen 10 Jahre niedriger als die der übrigen Bevölkerung. "Ältere Menschen haben bei Impfkampagnen Vorrang, und das führt dazu, dass eine generell jüngere Bevölkerung nicht in die Prioritätskategorien fällt", führt Zeljko Jovanovic aus.

Es sei unmöglich zu sagen, wie viele dieser jungen Menschen gefährdet sind, sagt Stasolla mit Blick auf Italien. "Schwierig zu bestimmen. Einige haben keine Dokumente, und manchmal werden sie nur in den schwersten Fällen und über Notaufnahmen erreicht. Es gibt keine Zahlen oder Daten darüber, wie viele gefährdete Menschen es in den Roma-Gemeinschaften gibt".

Irreguläre Roma-Camps befinden sich oft an abgelegenen und isolierten Orten. Wenn in Regionen eine Abriegelung oder eine rote Zone verhängt wird, haben selbst gemeinnützige Organisationen Schwierigkeiten, zu ihnen zu gelangen.

Zeljko Jovanovic weist darauf hin, dass in zu vielen Roma-Gemeinschaften "Menschen in ungeregelten, überfüllten Räumen leben, in denen Isolation unmöglich ist. Nicht nur das: die räumliche Ausgrenzung, außerhalb des Netzes der öffentlichen Verkehrsmittel, macht es für Roma viel schwieriger, Masken und Desinfektionsmittel zu bekommen oder die örtlichen Gesundheitszentren zu erreichen".

Im Jahr 2020 zeigt ein Bericht der Slowakischen Akademie der Wissenschaften, wie viele Roma in der Nähe von Giftmülldeponien und überschwemmungsgefährdeten Gebieten leben, ohne Zugang zu sauberem Wasser, Abwasser oder Müllabfuhr. All diese Bedingungen, so der Bericht, haben die Covid-19-Infektion in den betroffenen Gemeinden begünstigt.

Nach Angaben der Europäischen Kommission haben 30 Prozent der Roma-Haushalte in Europa keinen Zugang zu Wasser.

In der bulgarischen Siedlung Sliven gibt es keine asphaltierten Straßen, nur Schmutz und Schlamm. Kein Krankenwagen kann dorthin gelangen, und während des ersten Lockdowns waren die Bewohner von Strom und fließendem Wasser abgeschnitten.

In Ungarn, schreibt Reuters, hat die Regierung 10 Prozent der kleinen Kliniken vor Ort geschlossen - vor allem in Gegenden mit einer hohen Konzentration von Roma - und es sind Allgemeinmediziner, die zu den wichtigsten Impfstoffanbietern des Landes gehören.

Mangelndes Vertrauen in Institutionen. Eine im Januar durchgeführte Umfrage der Universität Pécs, Ungarn, ergab, dass nur 9 Prozent der befragten Roma gegen Corona geimpft werden wollten.

Zsuzsanna Kiss, Roma und Biologin, hat nach Interviews darauf hingewiesen, dass Roma aufgrund jahrzehntelanger Diskriminierung schon lange misstrauisch gegenüber Regierungen und Ärzt:innen sind.

Bei einer Umfrage unter 1.383 Menschen der Roma-Community in Serbien im Januar 2021 gaben 43 Prozent an, sich im Internet über Impfstoffe erkundigt zu haben; 52 Prozent wollten lieber keine Impfung bekommen und 41 Prozent derjenigen, die eine Impfbereitschaft äußerten, gaben an, den russischen Impfstoff Sputnik V (der von Belgrad aus vertrieben wird) zu bevorzugen.

"Die Akzeptanz von Impfkampagnen war schon vor Corona niedrig", betont Jovanovic. "Die Anti-Impfbewegung ist online sehr präsent und wenn man das mit dem Misstrauen der Roma gegenüber Institutionen kombiniert, führt das zu einem sehr negativen Mix."

Vadim Ghirda/Copyright 2019 The Associated Press. All rights reserved.
Ein Junge hält eine Roma-Flagge anlässlich des Tages des Roma-Widerstands in Bukarest, 18.05.2019Vadim Ghirda/Copyright 2019 The Associated Press. All rights reserved.

Was passiert auf europäischer Ebene?

Vor genau 50 Jahren, 1971, wurden eine Flagge, eine Nationalhymne und eine grenzübergreifende Identität für die 12 Millionen Roma und Sinti in Europa geschaffen. Aber auch 2021 "ist das Leben der Roma sieben bis 20 Jahre kürzer als das eines durchschnittlichen europäischen Bürgers", sagt Jovanovic gegenüber Euronews.

Organisationen, die Roma-Communitys unterstützen, konzentrieren ihre Bemühungen darauf, so viele von ihnen wie möglich zur Teilnahme an der nächsten allgemeinen Volkszählung zu bewegen, die 2021 europaweit geplant ist. Im selben Jahr müssen die EU-Mitgliedsstaaten ihre nationalen Strategien zur Inklusion der Roma als Teil des Europäischen Anti-Rassismus-Plans (2020-2025) nach Brüssel schicken.

Jovanovic weist darauf hin, dass seine Mutter in Serbien geimpft worden ist, und auch viele seiner Bekannten und Freunde. Das Gleiche gilt für Rumänien und Nordmazedonien. "Die Bevölkerung in Serbien kann nicht geimpft werden, ohne die Roma zu berücksichtigen", sagt Stevica Nikolić von der Organisation Opre Roma Srbija. "Roma sollten priorisiert werden bei der Teilhabe an und beim Zugang zu Informationen."

In Spanien, erzählt José Heredia, Präsident der Vereinigung Camelamos gegenüber Euronews, "haben wir keine Fälle von mangelndem Zugang zu Impfungen festgestellt. Es gibt keine bürokratischen Hindernisse, von denen wir wissen", so Heredia, die eine Impfung der Roma verhinderten.

"Es gibt keine gezielten Impfkampagnen, weder für spanische Roma-Communitys noch für Roma-Lager", so Heredia weiter. "Spanische Roma-Bürger nutzen das reguläre öffentliche Gesundheitssystem wie der Rest der Bevölkerung. Wir machen uns Sorgen über die Gesundheitsversorgung und den Impffortschritt in den Roma-Lagern, wo es fast keine Informationen über die Auswirkungen der Pandemie gibt."

In der Slowakei liegt der Schwerpunkt auf einem integrativen Ansatz, und im neuen elfstufigen Impfplan werden die Roma nicht als separate Gruppe behandelt (im ursprünglichen Plan wurden sie zusammen mit Obdachlosen und Asylbewerbern erwähnt).

In Rumänien und Bulgarien wurden Roma-Gesundheitsmediatoren als "unverzichtbares Gesundheitspersonal" eingestuft.

Einige Länder, wie Großbritannien, führen offensive Impfkampagnen durch, um gefährdete Bevölkerungsgruppen so weit wie möglich abzudecken. Zweisprachige Hausärzt:innen in Großbritannien, die in den Roma-Communitys Vertrauen genießen, haben Videos in mehreren Sprachen aufgenommen, um möglichst viele Menschen zur Impfung zu bewegen. Auch Allgemeinmediziner:innen unterstützen diese Kampagne.

In der Tschechischen Republik drängt Jan Dužda, regionaler Koordinator des Programms "Effective Health Support" (für das Nationale Institut für öffentliche Gesundheit), auf eine Informationskampagne über gezielte Impfungen für Roma. In ganz Europa drängen gemeinnützige Organisationen ihre Regierungen, derartige Kampagnen ins Leben zu rufen, um gegen Fehlinformationen vorzugehen und die Herdenimmunisierung voranzutreiben.

Besuche von Ärzt:innen in Roma-Siedlungen, Informationsveranstaltungen, Print-Materialien in Romani-Sprachen, die Schulung von Roma-Ärzt:innen: All dies sind Strategien, die zur Sensibilisierung beitragen, damit die Angehörigen der Roma-Minderheit eine bessere Entscheidung bezüglich einer Corona-Impfung treffen können.

Unter diesem Gesichtspunkt bewege sich in Italien nichts, prangert Stasolla an: "Aufklärungskampagnen? Nicht, dass ich wüsste. Niemand hat sich mit uns in Verbindung gesetzt, die neue Regierung hat nichts unternommen."

Ein Dutzend italienischer Verbände, darunter Asgi, Caritas, Emergency, Ärzte ohne Grenzen, haben sich dem Table on Immigration and Health (Tis) angeschlossen, um die Regierung um ein aktives Engagement in dieser Frage zu bitten. "Wir haben im Februar an das Gesundheitsministerium geschrieben, aber wir haben bisher keine Antwort erhalten", so Asgis Anwalt Paggi. "Aus rein rechtlicher Sicht ist es eine unbestreitbare und gesetzlich anerkannte Tatsache: alle irregulären Einwanderer haben das Recht, von Präventions-, Behandlungs- und Impfkampagnen zu profitieren."

Paggi erzählt, wie ein Roma, der sich ohne Erlaubnis und ohne Papiere in Italien aufhielt, eine Steuernummer erhielt, nur weil die Nummer aufgrund einer Geldstrafe wegen Bettelns automatisch generiert wurde.

"Die Befürchtung, dass auch illegale Einwanderer Zugang zu dem Impfstoff haben könnten, hat politische Folgen, die man sich leicht vorstellen kann, auch wenn es nicht um den Schutz illegaler Einwanderer, sondern um die Gemeinschaft geht", meint Paggi.