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Scharia und Drogen: Wer sind die Taliban und was wollen sie für Afghanistan?

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Von Euronews  mit dpa, AP
Taliban ziehen in Ghazni ihre Fahne auf
Taliban ziehen in Ghazni ihre Fahne auf   -   Copyright  Gulabuddin Amiri/Copyright 2021 The Associated Press. All rights reserved.

Was bedeutet der Name "Taliban"?

Das Wort "Taliban" gab es zunächst auf Arabisch sowie Paschtunisch, und es bedeutet "Schüler, Suchende oder Studierende". Doch die Anfang der 90er Jahre gegründete Bewegung, die ihren Ursprung in den Islamschulen in Pakistan hat, führt seit Jahrzehnten eine terroristisch-militärische Kampagne gegen die demokratische Islamische Republik Afghanistan.

Zu den Taliban gehören laut Schätzungen der NATO derzeit etwa 85.000 Kämpfer - so viele wie nie zuvor.

Drogen und Scharia

Finanziert werden die Taliban laut Expert:innen von Saudi-Arabien und vom Drogenhandel. In Afghanistan wird weltweit das meiste Opium angebaut - und die Islamisten verdienen über den Verkauf von Heroin Millionensummen.

Ziel der Taliban ist eine strikte Form des sunnitischen Islam mit strenger Durchsetzung der Scharia, des islamischen Rechts. Dazu gehören öffentliche Hinrichtungen und so gut wie keine Rechte für Frauen, die völlig verschleiert sein und nicht arbeiten sollten. Ob die Taliban in dieser Hinsicht jetzt eine andere Haltung haben, bleibt abzuwarten. Hilfsorganisationen berichten aus Kabul, dass die Mitarbeiterinnen von den Taliban aufgefordert worden sein weiter zu arbeiten.

Wahlen und demokratische Strukturen lehnen die Taliban ab.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter westlicher Armeen und Medien gelten den Taliban als Verräter und fürchten um ihr Leben.

Schon in den 90er Jahren in Afghanistan an der Macht

1994 brachten die Taliban die Stadt Kandahar militärisch unter ihre Kontrolle. 1996 übernahmen sie auch die Hauptstadt Kabul und bildeten das Islamische Emirat Afghanistan (was sie auch jetzt wieder errichten wollen). Die Taliban stürzten damals Präsident Burhanuddin Rabbani, einen der Gründerväter der afghanischen Mudschaheddin, die gegen die sowjetische Besatzung gekämpft hatten.

Bis 1998 kontrollierten die Taliban fast 90 % von Afghanistan. Nur Pakistan, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate erkannten die Regierung der Taliban in Afghanistan an.

Unter ihrer Herrschaft wurden Mörder und Ehebrecher zum Tod verurteilt, Todesstrafen wurden oft sofort und vor Publikum ausgeführt. Wer wegen Diebstahls schuldig befunden wurde, dem wurden zur Strafe die Hände amputiert.

Männer mussten sich Bärte wachsen lassen, und Frauen mussten die traditionelle Ganzkörper-Burka tragen. Zudem verübten die Taliban laut UNO mindestens 15 Massaker an der Zivilbevölkerung zwischen 1995 und 2001 - die Gräueltaten wurden oft zusammen mit Kämpfern der islamistischen Al-Kaida begangen.

Todesdrohungen gegen Frauen, keine Schule für Mädchen, TV und Musik verboten

Fernsehen, Musik und Kino waren verboten. Mädchen durften nur bis zum Alter von zehn Jahren in die Schule gehen. Beobachter:innen meinen, dass es 2021 nicht mehr möglich sein, diese Verbote durchzusetzen.

In einem Interview mit iNews erklärt die erste weibliche Bügermeisterin in Afghanistan, Zarifa Ghafari, dass sie darauf warte, dass die Taliban kommen, um sie zu töten. Und niemand werde ihr und ihrer Familie helfen. Ghafari lebt inzwischen in Kabul, weil sie in der Provinz Maidan Wardak, in der sie seit 2018 Bürgermeisterin war, nicht mehr sicher leben konnte. Es hatte nicht nur Drohungen, sondern auch Anschläge auf ihr Leben gegeben. Der Vater der 27-Jährigen war im vergangenen November erschossen worden.

Trotz internationaler Kritik ließen die Taliban die berühmten Bamiyan-Buddha-Statuen in Zentralafghanistan zerstören. Heute leben in den Gebirgen Menschen in Gesteinshöhlen.

Rahmat Gul/AP
Ort der zerstörten Buddha-Statuen in Bamiyan in AfghanistanRahmat Gul/AP

Ermordung des "Löwen von Pandschir" - Ahmad Schah Massoud 2001

Der wichtigste Name des Widerstands gegen die Taliban war der Mudschaheddin-Anführer Ahmad Schah Massoud, der auch der "Löwe von Pandschir" genannt wurde. In seiner Heimat, dem Pandschir-Tal, hatte Massoud - in Zusammenarbeit mit lokalen Stammesältesten - gegen die sowjetischen Besatzungstruppen gekämpft.

Im Frühjahr 2001 war Massoud im Europäischen Parlament in Brüssel zu Gast und bat die internationale Gemeinschaft um Hilfe für Afghanistan. Er kritisierte die Taliban und Al-Kaida - auch für deren "sehr falsche Interpretation des Islam".

Am 9. September 2001 wurde Massoud von zwei als Journalisten verkleideten Männern in Takha in Afghanistan durch eine Bombe ermordet.

Christophe Archambault/Copyright 2021 The Associated Press. All rights reserved
Gedenktafel für Massoud in Paris - Ex-Präsident Karzai und ein Sohn Massouds mit Bürgermeisterin HidalgoChristophe Archambault/Copyright 2021 The Associated Press. All rights reserved

Die Anschläge vom 11. September 2001

Zwei Tage nach der Ermordung Massouds verübte die mit den Taliban verbündete Al-Kaida die Anschläge gegen das World Trade Center in New York und gegen das Pentagon bei Washington. Fast 3.000 Menschen kamen dabei ums Leben.

Die Terrororganisation Al-Kaida mit ihrem Anführer Osama ben Laden, die von den US-Behörden für die Anschläge verantwortlich gemacht wurden, agierten von durch die Taliban kontrollierten Gebieten aus. Der Staatschef des Emirats der Taliban war der 1960 geborene Mullah Omar, er lehnte die Auslieferung von Osama ben Laden ab.

Ab dem 7. Oktober 2001 griff eine Allianz der NATO unter Führung der USA die Stellungen der Taliban in Afghanistan an. Nach der Eroberung setzte der Westen im Dezember 2001 Übergangsregierung von Hamid Karzai ein. Gleichzeitig wurde die Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe (International Security Assistance Force, ISAF) ins Land geschickt. Sie sollte helfen, das Land aufzubauen und die afghanische Armee auszubilden.

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Osama ben Laden wurde bei einem US-Einsatz 2011 in Pakistan ermordetMazhar Ali Khan/Copyright 2016 The Associated Press. All rights reserved. This material may not be published, broadcast, rewritten or redistribu

Im April 2021 hatte Joe Biden den Rückzug der US-Truppen aus Afghanistan bis zum 11. September angekündigt. Die schnelle Machtergreifung durch die Taliban gilt auch als eine diplomatische Niederlage des US-Präsidenten.