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Datenschutz, Fremdenhass, Grenzen: Das andere Leben in Europa nach 9/11

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Von Marta Rodriguez Martinez  & Alexandra Leistner, Alice Tidey, Tarima Marques Nistal
Ein Flugzeug über dem Pentagon in Washington. AP Archiv
Ein Flugzeug über dem Pentagon in Washington. AP Archiv   -   Copyright  AP Photo

Am 11. September vor zwanzig Jahren wussten viele Europäerinnen und Europäer, dass die Welt sich zu verändern würde. Ob in Madrid, Paris, Rom oder London, die meisten Menschen saßen vor den Fernsehern und verfolgten das globale traumatische Ereignis, das den Beginn des 21. Jahrhunderts markierte: den Angriff auf die Zwillingstürme im Herzen von New York, dem Zentrum des Kapitalismus, der heutige "Ground Zero".

Unabhängig davon, dass das, was sie auf ihren Bildschirmen sahen, auf einem anderen Kontinent und viele Meilen von ihrem Zuhause entfernt stattfand, zweifelten an diesem Tag nur wenige daran, dass der Einsturz dieser beiden Wolkenkratzer in irgendeiner Weise Auswirkungen auf ihr Leben haben würde.

Und so war es auch: vom Urlaub mit dem Flugzeug bis zum Abrufen sozialer Netzwerke auf dem Handy. Euronews sprach mit internationalen Politikexperten, um herauszufinden, welchen Einfluss der 11. September auf das Leben der Europäerinnen und Europäer gehabt hat.

Reisen: Warteschlangen an Flughäfen

Die erste unmittelbarste und greifbarste Veränderung für die Bürgerinnen und Bürger auf der ganzen Welt, einschließlich der Menschen in Europa, fand auf den Flughäfen statt. Nur wenige können sich noch daran erinnern, wie es war zu fliegen, ohne in einer langen Schlange an der Sicherheitskontrolle warten zu müssen. Aber vor zwanzig Jahren war das Einsteigen in ein Flugzeug im Vergleich zu heute ein regelrechter Spaziergang.

Die Auswirkungen von 9/11 auf die Luftfahrt waren sofort spürbar. Nur zwei Monate nach dem schlimmsten Terroranschlag auf US-amerikanischem Boden unterzeichnete der damalige Präsident George W. Bush ein Gesetz zur Gründung der Transportation Security Administration. Die staatliche Behörde zur Kontrolle von Flughäfen, die an die Stelle der Privatunternehmen treten sollte, wurde von den Fluggesellschaften mit der Sicherheitskontrolle beauftragt.

Damit begann eine lange Reihe von Sicherheitsmaßnahmen an Flughäfen in aller Welt. Fluggäste durften nicht mehr als 100 Milliliter Flüssigkeit mit ins Flugzeug nehmen, mussten oft Gepäckkontrollen zulassen und ihre persönlichen Gegenstände durchsuchen lassen oder ihre Gürtel abnehmen, um durch einen Ganzkörperscanner geschleust zu werden.

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Schlange stehen bei Grenzkontrollen und Sicherheitschecks: Viele kennen es nicht anders.AP Photo

Nachdem der Brite Richard Reid Ende 2001 versucht hatte, einen Flug von Paris nach Miami mit einer in seinem Schuh versteckten Bombe zum Absturz zu bringen, mussten Passagiere bei Sicherheitskontrollen in vielen Fällen auch die Schuhe ausziehen.

Das ist aber nur ein kleiner oberflächlicher Teil dessen, was der 11. September für den internationalen Personenverkehr und die Grenzen bedeutete.

Migrationspolitik und Fremdenfeindlichkeit

Der Forscher Alejandro Velez hat zum Thema "Auswirkungen und Folgen des 11. Septembers: eine ethisch-politische Perspektive" an der Universität Pompeu Fabra promoviert. Er fand heraus, dass die Auswirkungen des 11. September zuerst in der Einwanderungs- und Asylpolitik zu spüren waren. Die Anschläge auf das World Trade Center führten zu einer Kriminalisierung von Zugezogenen, insbesondere aus arabischen und muslimischen Ländern.

Auch vor 9/11 galt die Einwanderung als ein Sicherheitsproblem. Aber der Anschlag in New York war "ein perfekter Vorwand für die Verstärkung dieser Art von Politik, die wahllos angewendet wurde", wie Velez gegenüber Euronews erklärte.

Auf politischer Ebene begann man, die Einwanderung nicht mehr als humanitäres Problem, sondern als Sicherheitsproblem zu begreifen", erklärt Velez und nennt ein Beispiel dafür, wie sich dies im politischen Leben Europas niederschlug:

"Wenn man sich alle Projekte von Frontex (der Europäischen Agentur für die Grenz- und Küstenwache) genau anschaut, gibt es sehr viele, bei denen es darum geht, Technologie einzusetzen, um Migration zu verhindern, sowohl über das Mittelmeer als auch durch die Wälder, die Länder wie Bosnien, Ungarn oder die Grenze zur Türkei trennen."

Diese Politik wurde durch das Feindstrafrecht inspiriert, so der Forscher, d.h. dadurch, dass der andere a priori als Bedrohung angesehen wird.

"Es gibt viele Untersuchungen, die zeigen, dass die Menschen Einwanderung im Allgemeinen als eine Gefahr für ihre Kultur oder ihre wirtschaftliche Situation wahrnehmen. Und natürlich kann sich eine Bedrohung auch auf Sicherheitsfragen beziehen, bei denen sie um ihr Leben oder ihre Gesellschaft fürchten", erklärt Marc Helbling, Professor für politische Soziologie an der Universität Bamberg und Mitautor des Buches "Terrorismus und Migration: Ein Überblick", gegenüber Euronews.

"Und das führt dann zu mehr Vorurteilen und negativen Einstellungen gegenüber Einwanderern", fügt er hinzu.

"Es ist ein heftiges Gefühl, wegen seiner Herkunft nicht zur Arbeit gehen zu können"

Die Geschichte von Saki Ahadi, der in Afghanistan geboren wurde und seit seinen Teenagerjahren in Deutschland lebt, ist ein Beispiel dafür, wie sich diese Einstellungen auf das Leben von Migrantengemeinschaften in Europa übertragen haben.

Mit 19 Jahren arbeitete er als Auszubildender bei einer Firma, die am Münchner Flughafen tätig war. "Ich hatte noch keinen deutschen Pass, und als ich meinen afghanischen Pass vorlegte, warf das viele Fragen und Ängste auf".

Mehrere Wochen lang wurden seine Unterlagen und sein Hintergrund geprüft: "Es ist ein ziemlich heftiges Gefühl, wenn man wegen seiner Herkunft nicht zur Arbeit gehen kann", sagt er im Interview mit Euronews.

Einige Jahre später wollte er mit seinem Bruder und einem Freund eine Reise nach London machen, die Stadt besichtigen und einen Sprachkurs machen. Sie reichten bei der Botschaft einen Antrag auf ein Visum ein, der für ihn innerhalb weniger Tage genehmigt wurde. Sein Bruder und sein Freund, ebenfalls afghanischer Herkunft, wurden dagegen per Brief zu einem Gespräch in die Botschaft in Düsseldorf eingeladen. Dort wurden ihnen in einer Art Verhör etwa 70 Fragen gestellt, die meisten davon im Zusammenhang mit terroristischen Gruppen. "Kennen Sie Organisation X, haben Sie Kontakte zu Organisation Y?" Dann kam die Entscheidung: Antrag auf Visum abgelehnt.

"Sie sind eine potenzielle Gefahr", wurde den beiden jungen Männern in der britischen Botschaft zur Begründung gesagt. "Also bin ich allein geflogen", erinnert sich Ahadi. "Das war sehr traurig."

Einige Jahre später wollte Saki Ahadi für ein Praktikum zum Abschluss seines Masters in die USA reisen. Anders als andere Personen, die ein Visum beantragen, musste er aufgrund seiner Herkunft einen absolut lückenlosen Lebenslauf vorlegen. Jedes Land, in das er gereist und in dem er sich aufgehalten hat, musste aufgelistet werden. Gar nicht so einfach, wenn man als Kind mit seinen Eltern vor dem Regime in Kabul geflohen ist und sich in den verschiedensten Ländern als Flüchtling aufgehalten hat, das nachzuweisen.

Auch viele Fragen musste er in dem Prozedere beantworten, darunter die, ob er an eine Terrorganisation Geld überweist. "Zu diesem Zeitpunkt gab es in München gerade eine neue afghanische Moschee, die für Exilafghanen Geld sammelte. Ich überwies ihnen monatlich 10 Euro." Er empfindet das als ein Dilemma, hat Angst, dass man ihm diese Spenden ankreidet. Letztendlich entscheidet er sich, die Spenden anzugeben, eine Bekannte gibt ihm den Rat, sie glaubt, dass die Behörden von den Spenden wissen, aber testen wollen, ob er ehrlich ist. "Nach rund 7 Wochen wurde ich dann in die Botschaft eingeladen und man genehmigte mir das Visum. 7 Wochen Bangen für 5 Monate Praktikum. Das war schon eine Zitterpartie."

Der Aufstieg der Rechtsextremen

Die Vorstellung vom Anderen als Feind hat den politischen Diskurs auf der ganzen Welt durchdrungen.

Velez weist darauf hin, dass dies von Regierungen wie der des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump, der seine erste politische Kampagne mit dem Versprechen begann, eine Mauer an der Grenze zu Mexiko zu errichten, oder des rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro in Brasilien ausgenutzt wurde.

Martin Meissner/AP
In Deutschland macht die AfD Stimmung gegen Einwanderer und Migranten.Martin Meissner/AP

Aber nicht nur auf dem amerikanischen Kontinent, sondern auch in der europäischen Politik ist die Stigmatisierung der Einwanderung als Kriegswaffe kein Fremdwort: von rechtsextremen Parteien wie der spanischen Vox oder dem französischen Rassemblement National von Marine Le Pen bis hin zu Regierungen wie der von Viktor Orban in Ungarn.

"Wir befinden uns in einer Zeit, in der die Politik des Krieges gegen den Terror mit der Postwahrheit kombiniert wird. Das hat auch Europa erreicht, wo rechtsextreme Parteien diese Angst vor dem Anderen schüren", so Velez.

"Diese Angriffe haben eine starke Wirkung, und sie führen zu Wahlerfolgen rechtsextremer Parteien", sagt Helbling.

Das Ende der Privatsphäre: Es wird mitgelesen und mitgehört

Der 11. September steht in gewisser Weise auch für den Niedergang der Privatsphäre des Einzelnen. Die Grenzen, die die Regierungen damals überschritten haben, werden heute von privaten Unternehmen ausgenutzt, um Daten über ihre potenziellen Kunden zu sammeln.

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Sicherheitskameras der New Yorker Polizei am National September 11 Memorial and Museum. Archiv, 2013.AP Photo

"In gewisser Weise haben die in den USA getroffenen Entscheidungen, insbesondere im Zusammenhang mit dem Patriot Act, das Verhalten aller Länder in Bezug auf Sicherheit und Überwachung bestimmt", erklärt Catarina Frois, Forscherin für Kultur- und Sozialanthropologie am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Lissabon, Portugal, gegenüber Euronews.

Frois sagt, der Überwachungspolitik seien keine Grenzen mehr gesetzt und das Dilemma zwischen den Grenzen der individuellen Freiheit und der Sicherheit als Gemeingut macht ihrer Meinung keinen Sinn: "Uns als Wissenschaftlern sind die Argumente ausgegangen".

"Unter dem Vorwand, uns vor dem Terrorismus zu schützen, begannen sich die Gesetze zu ändern", erklärt Velez. "Zum Beispiel in den USA und in Ländern in Europa, wie in Großbritannien, mit Vorschriften, die es uns erlauben, die Kommunikation abzuhören, nicht nur per Telefon, sondern auch über soziale Netzwerke oder über die Internetseiten, die wir aufrufen."

"All dies wird in großen Datenbanken gespeichert, um Risikoprofile zu erstellen", fügt er hinzu. "Es ist nicht ungewöhnlich, dass man beim Grenzübertritt nach den Passwörtern seiner sozialen Netzwerke gefragt wird."

Doch das Eindringen in die Privatsphäre der Nutzer geht über die Regierungen hinaus.

Wir geben heute täglich Informationen an große Unternehmen wie Facebook, Apple und Google weiter, "ohne zu wissen, wofür sie verwendet werden" und "ohne dass wir gefoltert werden müssen, wie die Stasi im Kalten Krieg", so Velez. Sie könnten herausfinden, wer unsere besten Freunde sind, unsere politischen Ansichten und sogar unsere Kreditkartennummern.

Und die Überwachung findet nicht nur im Internet statt. Der Einsatz von Videoüberwachungssystemen in Städten ist zum Alltag geworden.

"Großbritannien war einer der Vorreiter bei der Einrichtung großer Videoüberwachungsnetze in Städten", erklärt Velez, "doch die Kriminalität ist nicht zurückgegangen, auch nicht, seit modernere Systeme mit Gesichtserkennung oder Erkennung verdächtiger Bewegungen installiert wurden".

Vielmehr könnten sie zur Unterdrückung eingesetzt werden, wie es China in Hongkong getan hat.

"Wir haben es früher gedacht und denken es auch heute noch: Es ist nicht gerechtfertigt", fügt Catarina Frois hinzu: "Überwachungskameras sind nicht in der Lage, Verbrechen vorherzusehen, weil es kein Überwachungssystem gibt, das die Gedanken der Menschen lesen kann".

Frois vertritt die Auffassung, dass sie über die Verhinderung von Verbrechen hinaus letztlich dazu dienen, die Menschen davon zu überzeugen, dass wir in einem Zustand des Terrors leben.

Und das ist der Grund, warum wir unsere Privatsphäre schützen wollen: um uns sicherer zu fühlen. Nur das Ausmaß eines kollektiven Traumas wie 9/11 könne ein solches Zugeständnis erklären.

Existiert sie wirklich, die Welt nach 9/11?

Alle Expertinnen und Experten sind sich einig, dass der 11. September ein Meilenstein in der Geschichte war.

"Der 11. September hat eine neue Weltordnung geschaffen, und zwar sowohl in Bezug auf das Verständnis von Terrorismus im Allgemeinen als auch in Bezug auf die Anwendung bestimmter Sicherheits- und Überwachungsmaßnahmen. Aber diese Vorrichtungen waren schon seit langem vorhanden. Sie waren bereits vorhanden", sagt Frois.

"An dem Tag, an dem sie die gesamte Kommunikation abhören wollten, war es über Nacht geschehen. Das bedeutet, dass die Geräte bereits vorhanden waren. Die Probleme der Intoleranz, des Rassismus und der Fremdenfeindlichkeit gab es schon vor dem 11. September. Es stellte sich heraus, dass diese Intoleranz nicht mehr nur einseitig war, sondern von der anderen Seite als Kampf, als faktischer Krieg, aufgenommen wurde".

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Helfer suchen in den Trümmern des World Trade Centers nach Überlebenden. 11. September 2001.AP Photo

Am 20. Jahrestag des Anschlags auf das World Trade Center und das Pentagon ist es für den Forscher Alejandro Velez wichtig, über all das nachzudenken, was wir seither verloren haben, und nicht nur darüber, ob wir jetzt mehr leiden müssen, um ein Flugzeug zu besteigen.

"Ich denke, dass die latente Gefahr des Terrorismus, die sich in die Gesellschaft eingenistet hat, schreckliche Dinge wie Folter, gezielte Tötungen, militärische Interventionen gerechtfertigt hat, deren Folgen noch andauern. Und ich denke, wir sollten nicht vergessen, dass der 11. September nur ein Tag war, aber im Irak, in Afghanistan und in Libyen sind die Auswirkungen seit 20 Jahren jeden Tag spürbar."