Eilmeldung
Dieser Inhalt ist in Ihrer Region nicht verfügbar

Leben in Deutschland nach 9/11: "Der afghanische Pass machte ihnen Angst"

Access to the comments Kommentare
Von Alexandra Leistner
Reisende am Münchner Flughafen. Seine Arbeit hier als Azubi im Jahr 2001 konnte Rafi für einige Wochen nicht ausüben. Der Grund? Sein afghanischer Pass.
Reisende am Münchner Flughafen. Seine Arbeit hier als Azubi im Jahr 2001 konnte Rafi für einige Wochen nicht ausüben. Der Grund? Sein afghanischer Pass.   -   Copyright  Matthias Schrader/AP
Schriftgrösse Aa Aa

Rafi war 19 Jahre alt und lebte nach einer Kindheit auf der Flucht aus Afghanistan in Deutschland als 9/11 die Welt erschütterte. Damals war er bei einem Unternehmen als Auszubildender angestellt, das am Münchner Flughafen tätig war. "Ich hatte noch keinen deutschen Pass und als ich meinen afghanischen Pass vorgelegt habe, warf das zahlreiche Fragen auf. Der afghanische Pass machte ihnen Angst."

Mehrere Wochen lang wurden seine Unterlagen und sein Hintergrund geprüft. Dann erteilte ihm der Bauherr des Projekts am Flughafen die Genehmigung. "Das ist schon ein komisches Gefühl, aufgrund seiner Herkunft nicht zur Arbeit gehen zu können".

Einige Jahre später wollte er mit seinem Bruder und einem Freund für zwei Wochen nach London fahren, um dort einen Sprachkurs zu machen und die Stadt kennenzulernen. Sie stellten bei der Botschaft einen Visums-Antrag, der ihm in wenigen Tagen genehmigt wurde. Sein Bruder und sein Kumpel, ebenfalls afghanischer Herkunft, wurden dagegen mit einem Brief in die Botschaft nach Düsseldorf zu einem Gespräch eingeladen.

Aus einer Sprachreise wird ein Verhör über Terrororganisationen

Dort wurden ihnen in einer Art Verhör etwa 70 Fragen gestellt, die meisten in Zusammenhang mit Terrorgruppierungen. "Kennen Sie die Organisation X, haben sie Kontakte zur Organisation Y", mehrere Stunden dauerte das Interview. Dann kam die Entscheidung für das Visum: Antrag abgelehnt. "Von ihnen geht eine Gefahr aus", wurde den beiden jungen Männern zur Begründung in der britischen Botschaft gesagt. "Ich bin dann allein geflogen", erinnert sich Rafi. "Das war schon wirklich schade, denn wir hatten uns alle auf die gemeinsame Reise gefreut".

Einige Jahre später will Rafi zum Abschluss seines Masterstudiums in die USA reisen, dort hat er eine Praktikumsstelle bekommen. Aber anders als andere Visums-Beantragende musste er aufgrund seiner Herkunft einen absolut lückenlosen Lebenslauf vorlegen. Jedes Land, in das er gereist ist und in dem er sich aufgehalten hat, musste aufgelistet werden. Garnicht so einfach, wenn man als Kind mit seinen Eltern vor dem Regime in Kabul geflohen ist und sich in den verschiedensten Ländern als Flüchtling aufgehalten hat, erklärt er.

Auch viele Fragen musste er beantworten in dem Prozedere. Darunter die Frage, ob er an eine Terrororganisation Geld überweist. "Zu diesem Zeitpunkt gab es in München gerade eine neue afghanische Moschee, die für Exilafghanen Geld sammelte. Ich überwies ihnen monatlich 10 Euro."

Er empfindet es als Dilemma, hat Angst, dass man ihm diese Spenden anders auslegt. Letztendlich entscheidet er sich, es anzugeben. Eine Bekannte gibt ihm den Rat, sie glaubt, dass die Behörden von den Spenden wissen, aber testen wollen, ob er ehrlich ist. "Nach rund 7 Wochen wurde ich dann in die Botschaft eingeladen und man genehmigte mir das Visum. 7 Wochen Bangen für 5 Monate Praktikum. Das war schon eine Zitterpartie."

Auch heute noch, etwa wenn er für seinen Beruf in die USA oder andere Länder reist, spürt Rafi immer ein Zögern wenn die Augen bei der Passkontrolle auf den Geburtsort Kabul fallen. Ihm ist bewusst, dass er es aufgrund seiner Herkunft oft schwieriger hat, als viele andere. "Ich nehme das meistens mit Humor, anders geht es auch nicht, sonst wird man verbittert."