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Deutschland hat Energie - aber welche?

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Von Hans von der Brelie
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Raimund Kamm
Raimund Kamm   -   Copyright  euronews
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Energiepolitik, Umwelt- und Klimaschutz sind im Bundestagswahlkampf 2021 entscheidende Faktoren. Die SPD verspricht in ihrem Wahlprogramm, dass der Strom in Deutschland bis 2040 „vollständig aus erneuerbaren Energien, vor allem Wind und Sonne, kommt“ und dass das Land bis 2045 klimaneutral sein wird. Die Union will einen „Energiemix“, der nachhaltig und sicher sein soll und nennt „die Energiegewinnung aus Sonne und Wind genauso wie nachhaltige Biomasse, Wasserkraft und Geothermie im ländlichen Raum“. Und Bündnis 90/Die Grünen versprechen: „Statt auf Kohle, Öl und fossilem Gas wird das Energiesystem auf Sonnen- und Windenergie basieren."

Kamm fordert „Richtungswechsel“

„Wirklich einen Richtungswechsel“, so sagt Raimund Kamm gegenüber euronews, wünsche man sich von der neuen Bundesregierung, betont der Vorsitzende der Landesvertretung Bayern des Bundesverbandes Erneuerbare Energie e.V. „Wir brauchen einen großen Zubau von Photovoltaik, von Windkraft, und wir brauchen auch Speicher und bessere Stromleitungen, sodass wir die Kohlekraftwerke und auch die Gaskraftwerke abschalten können", betont Kamm. Er fordert: „Dafür muss die kommende Bundesregierung die gesetzlichen Rahmenbedingungen schaffen." Sie müsse dafür sorgen, „dass die Flächen ausgewiesen werden und dass die Genehmigungen zügig gehen", betont er.

Mit 2000 neuen Windkraftanlagen in Deutschland pro Jahr würden wir einen entscheidenden Durchbruch schaffen
Raimund Kamm
Vorsitzender der Landesvertretung Bayern des Bundesverbandes Erneuerbare Energie e.V.

Die neue Bundesregierung müsse im Hinterkopf haben, dass „wir Jahr für Jahr 10 000 Megawatt - ein großes Atomkraftwerk hat 1300 Megawatt - das wären also sieben große AKW, soviel Kapazität jedes Jahr zubauen, um wirklich den Strom in Deutschland atomfrei und klimaunschädlich erzeugen zu können", so Kamm. In welcher Größenordnung braucht es folglich deutschlandweit seiner Einschätzung nach Windräder? „Früher wären 10 000 Megawatt 10 000 Windkraftanlagen gewesen. Da wir aber in den letzten zehn Jahren tolle technische Fortschritte hatten, kann man das jetzt nicht mehr mit 10 000, sondern mit 2000 Windkraftanlagen hinkriegen, weil die Leistung so gesteigert wurde. Die Anlagen wurden höher, haben längere Flügel, haben eine größere Leistung – und produzieren vier, fünf, sechsmal so viel im Jahr wie zu früheren Zeiten. Also mit 2000 neuen Windkraftanlagen in Deutschland pro Jahr würden wir einen entscheidenden Durchbruch schaffen", sagt der Landesvorsitzende LEE Bayern.

Bayern streitet über die 10h-Regelung

Ein großes - und umstrittenes - Thema in Bayern ist die 10h-Regelung, die im Freistaat seit 2014 besteht. Diese besagt, so Kamm: „Im Außenbereich von Gemeinden soll normalerweise nicht gebaut werden, man will die Zersiedelung der Landschaft verhindern. Aber es gibt Dinge wie den berühmten Schweinestall oder auch Kraftwerke, die man eigentlich nur im Außenbereich sinnvoll bauen kann. Und dieses Privileg, dass man doch im Außenbereich bauen kann, das ist für Windkraftanlagen aufgehoben worden, wenn sie näher als 10h, das sind bei heutigen Anlagen gut zwei Kilometer, an Wohngebäuden stehen.“

Im Juli kündigte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder an, die Regelung beizubehalten, diese aber verändern zu wollen. Demzufolge soll beim Aufstellen von Windkraftanlagen in gewissen Gebieten, darunter staatlichen Forstflächen, nur noch ein Mindestabstand von 1000 Metern beachtet werden müssen. „Wir haben bis zum Jahr 2014 in Bayern im Jahr rund 140, 150 Windkraftanlagen gebaut, nach 2014 brach das zusammen", sagt Kamm. Jetzt würden im Jahr nur noch fünf oder sechs solcher Anlagen errichtet, sagt er.

Sonnenenergie: Photovoltaikpflicht für Neubauten oder nicht?

In Sachen Sonnenenergie brauche es eine Pflicht, Photovoltaikanlagen auf Neubauten anbringen zu müssen, so Kamm. Die bayerische Staatsregierung ist gegen diese Pflicht. Kamm hingegen will, dass für bereits bestehende Dächer Anreize geschaffen werden, diese mit Photovoltaikanlagen zu bestücken. „Aber diese Anreize sind nicht nur finanzielle, sondern diese Anreize müssen auch sein, dass wir die Verwaltungsverfahren vereinfachen", fordert der Landesvorsitzende LEE Bayern. Und er will Freilandanlagen. Kamm: „Draußen auf dem Acker Anlagen zu bauen, das dürfte nicht zu viel sein, aber ich denke, wenn wir ein Prozent unserer Äcker in den kommenden 20 Jahren für die Photovoltaik nutzen, (...) dann würden wir ganz viel erreichen."

Warten sei nicht angesagt, unterstreicht Kamm, sondern: „Wir müssen jetzt die Energiewende schaffen, um unser Klima zu schützen. Wir haben Jahre hinter uns, wo mit Ausreden von der Strompreisbremse der Ausbau von Photovoltaik und Windkraft von der Regierung blockiert wurde", sagt er. Der Freistaat Bayern habe diesbezüglich gute Voraussetzungen, betont Kamm: „Wir haben viel Wasserkraft, wir haben guten Lichtschein, sodass wir Photovoltaikstrom erzeugen können, sogar ein bisschen Geothermie, wir haben Bioenergie. Wir haben zu wenig Windkraft in Bayern – und wenn wir in den 70 Landkreisen, die wir haben in Bayern, jedes Jahr drei Windkraftanlagen bauten, (...) dann wären wir auf dem richtigen Weg, um in Bayern auch innerhalb der nächsten 15 Jahre unseren Strom klimaneutral erzeugen zu können", sagt er.

Weckruf Fukushima

Bis zur Katastrophe von Fukushima habe es noch „das Gegeninteresse, dass wir viel Atomkraft nutzen wollten", gegeben, meint Kamm. „Nach Fukushima hat man erkannt: In einem Industrieland, in einem dicht besiedelten Land geht Atomkraft auf Dauer nicht und wir hier in Deutschland finden ja auch kein Endlager für den Atommüll", sagt der Vorsitzende der Landesvertretung Bayern des Bundesverbandes Erneuerbare Energie e.V. Welche Rolle spielten und spielen Kohle sowie Gas? Die Kohleindustrie habe erneuerbare Energieformen lange Zeit aufhalten wollen, meint Kamm. „Und sie hatte großen Lobbyeinfluss, sie hat viele Abgeordnete der Regierungsparteien im Bundestag auf ihrer Seite gehabt", ergänzt er.

Sie haben großen Lobbyeinfluss und sie reden nicht über Erdgas, sondern sie reden über Wasserstoff – aber sie meinen für die nächsten Jahrzehnte Erdgas. Und das ist sehr gefährlich.
Raimund Kamm
Vorsitzender der Landesvertretung Bayern des Bundesverbandes Erneuerbare Energie e.V.

„Steinkohle fördern wir nicht mehr, die importieren wir. Und jetzt im Jahr 2021 sehe ich das Hauptinteresse in der Erdgaswirtschaft", so Kamm. Diese versuche, „den Energiewechsel, die Energiewende aufzuhalten, denn mit jeder Solaranlage, mit jeder Windkraftanlage, die in Betrieb geht, können Erdgaskraftwerke nur noch weniger Strom erzeugen. Sie können weniger verkaufen", sagt Kamm. „Sie haben großen Lobbyeinfluss und sie reden nicht über Erdgas, sondern sie reden über Wasserstoff – aber sie meinen für die nächsten Jahrzehnte Erdgas. Und das ist sehr gefährlich – und diesen Politikern müssen wir – lassen sie es mich hart sagen – auch das Handwerk legen und sagen: Ihr seid Klimaverschmutzer", betont der Landesvorsitzende LEE Bayern.