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Kinder gegen Covid-19 impfen? Impfung vs Infektion - das sagen Expert:innen

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Von Kirsten Ripper  & Euronews  mit Ärzteblatt
Jakob (5) wird in einem Airbus A300 gegen Covid-19 geimpft
Jakob (5) wird in einem Airbus A300 gegen Covid-19 geimpft   -   Copyright  Martin Meissner/Copyright 2022 The Associated Press. All rights reserved.

Werden Kinder erneut in der Corona-Krise vernachlässigt? Was ist gefährlicher für die Kleinen: eine Ansteckung mit SARS-CoV-2 oder eine Impfung? Und sollten Kinder vor allem gegen Covid-19 geimpft werden, um die vulnerablen Gruppen der Gesellschaft zu schützen?

Dr. Jana Schroeder, Chefärztin am Institut für Krankenhaushygiene und Mikrobiologie in Rheine, erklärt gegenüber Euronews "der relevanteste und auch objektivierbarste Grund zum Impfen von Kindern ist die Vermeidung des PIMS Syndroms". PIMS steht für "Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome", das auch als "Multisystem Inflammatory Syndrome in Children (MIS-C) bezeichnet wird. Es ist ein schweres Entzündungssyndrom, das mehrere Wochen nach der Ansteckung mit dem Coronavirus bei Kindern auftreten kann, auch wenn sie nur sehr milde oder kaum Symptome von Covid-19 hatten. In Deutschland waren seit Beginn der Pandemie mehr als 660 Kinder von PIMS betroffen, doch die Dunkelziffer ist wohl viel höher.

Im Gespräch mit SPECTRUM sagt Johannes Tück, Pädiatrischer Immunologe am Unispital Zürich, dass etwa die Hälfte der an PIMS erkrankten Kinder auf die Intensivstation müssen. "Die meisten erholen sich komplett, aber einige können längerfristig Probleme haben." Tück erklärt, dass vor allem die Folgen auf das Herz im späteren Leben noch unklar seien.

Untersuchungen aus den USA und aus Frankreich zeigen, dass die Impfung gegen Covid-19 Kinder tatsächlich vor PIMS schützt.

Angesichts der weiterhin sehr hohen Infektionszahlen von Kindern in Deutschland fordern Medizinerinnen und Mediziner verschiedener Fachrichtungen in einem Offenen Brief: "Maßnahmen des Infektionsschutzes und des Kinderschutzes müssen jetzt zusammen gedacht und umgesetzt werden, um Kinder, Jugendliche und Familien bestmöglich zu schützen." Dabei geht es auch um den Schutz vor PIMS.

Und weiter schreiben die Mitunterzeichnenden um Julian Schmitz, Professor für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie: "Die Impfungen von Kindern sollten effizient durchgeführt, niederschwellig angeboten und im Sinne einer Impfkampagne beworben werden. Dabei könnte durch Impfungen an Schulen eine große Zahl an Kindern ein Impfangebot bekommen."

Weniger als 20 Prozent der Kinder 12 Jahren in Deutschland geimpft

Doch in Deutschland sind nur weniger als 20 Prozent der Kinder unter 12 Jahren gegen Covid-19 geimpft.

Laut einer vom Ärzteblatt zitierten Umfrage glauben Eltern, die nicht gegen Covid-19 geimpft sind, weitaus häufiger als geimpfte Eltern, dass die natürliche Immunisierung durch die Ansteckung mit einem Krankheitserreger für ihr Kind sicherer sei als durch eine Impfung. Bei den Nicht-Geimpften Eltern sind es 42 Prozent, bei den Geimpften nur 16 Prozent.

Nachdem die europäische Arzneimittelagentur EMA die Impfungen mit BioNTech/Pfizer für Kinder zugelassen hatte, gab die Ständige Impfkommission (STIKO) in Berlin keine generelle Empfehlung ab, sondern sah "nach sorgfältiger Analyse der verfügbaren Daten – auch aus der aktuellen vierten Infektionswelle – nach Ansicht der STIKO derzeit für Kinder ohne Vorerkrankungen im Alter von 5 – 11 Jahren nur ein geringes Risiko für eine schwere COVID-19-Erkrankung, Hospitalisierung und Intensivbehandlung. Nach abschließender Risiko-Nutzen-Abwägung hat die STIKO daher zum jetzigen Zeitpunkt entschieden, vorerst lediglich eine Indikationsimpfempfehlung und keine allgemeine COVID-19-Impfempfehlung für 5- bis 11-Jährige auszusprechen."

Prof. Dr. Philipp Henneke von der Uniklinik Freiburg sprach Ende 2021 von der Diskrepanz zwischen Inzidenzen und Krankheitslast und erklärte: "Es gibt für das einzelne zu impfende Kind wenig zu gewinnen durch den Impfstoff und deswegen muss dieser Impfstoff wirklich über jeden Zweifel erhaben sein, was die Sicherheit angeht".

Die US-Gesundheitsbehörde CDC veröffentlichte Ende Dezember 2021 Daten, die aufzeigen, dass das Risiko einer Herzmuskelentzündung nach einer Impfung gegen Covid-19 bei Kindern zwischen 5 und 11 Jahren deutlich geringer ist als bei Jugendlichen. In den USA hatte die Impfkampagne für Kinder viel früher begonnen als in Europa.

In Österreich hatte Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein gleich nach der Zulassung durch die EMA Ende November 2021 gesagt, es sei wichtig, Kinder impfen zu lassen – nicht nur, weil auch sie schwere Krankheitsverläufe haben können, sondern zudem wegen der Gefahr durch "Long Covid".

Der Kinder- und Jugendpsychologe Julian Schmitz meint: "Hätten wir letzten Herbst eine STIKO-Empfehlung für Kinder ab 5 gehabt, sowie eine starke und niedrigschwellige Impfkampagne, würden Kinder und Familien jetzt wahrscheinlich mehr Normalität zurück bekommen."

Die Virologin Isabella Eckerle von der Uniklinik Genf schreibt jetzt in einem Gastbeitrag für den Berliner Tagesspiegel: "Auch wenn das individuelle Risiko von Omikron im Vergleich zu Delta auch für Kinder geringer ist, hat Sars-Cov-2 immer noch eine Krankheitslast, die in der Größenordnung anderer, impfpräventabler Kinderkrankheiten liegt."

Und auch Eckerle warnt vor Long Covid: "Gerade weil viele Aspekte von Covid-19 noch nicht verstanden sind, sollte man weiterhin das Vorsorgeprinzip gelten lassen. Machen wir uns nichts vor: Sars-Cov-2 ist immer noch ein erst relativ kurz bekanntes Virus und noch weit davon entfernt, sich bei den harmlosen Erkältungsviren einzuordnen. Das Krankheitsbild Long-Covid ist noch nicht ausreichend erforscht, kann aber gerade deswegen nicht einfach ignoriert werden. Noch unbekannte Langzeitfolgen sind noch nicht auszuschließen."

Immunologe Onur Boyman von der Uniklinik Zürich vergleicht in SPECTRUM die Impfung von Kindern mit der Ansteckung mit Covid-19: "Ist es sicherer, sich mit einer natürlichen Infektion einer nicht einschätzbaren Virusdosis auszusetzen oder sich einer klar definierten Dosis eines Impfstoffs auszusetzen? Das Nutzen-Nebenwirkungsprofil bei einer Impfung ist sehr positiv. Die Impfung bei Kindern ist durchaus sinnvoll."

Und auch die Frage, ob PIMS - also die schlimme Erkrankung von Kindern - auch nach einer Impfung auftreten kann, versucht inzwischen eine Studie aus den USA zu beantworten. Und Zwei-Drittel der trotz Impfung gegen Covid-19 an PIMS erkrankten Kinder hatten sich zuvor mit dem Coronavirus infiziert, wie auch Dr. Georg Hillebrand aus Itzehoe zusammenfasst.

Eine Infektion mit der Omikron-Variante des Coronavirus bedeutet laut einer im New England Journal of Medicine veröffentlichten Studie - besonders bei einem milden Verlauf eine geringere Immunisierung und nicht unbedingt einen Schutz vor anderen Varianten von SARS-CoV-2.

Deshalb warnt auch Gesundheitsminister Karl Lauterbach weiter von möglichen neuen Wellen im Herbst.

Schon in den vergangenen beiden Jahren gab es zum Schulanfang nach den eher entspannten Sommerferien die Angst vor Ansteckungen in den Klassenräumen.

Chefärztin Jana Schroeder hat ihre Analyse Impfung vs Infektion in einem Schaubild deutlich gemacht.

Weitere Quellen • SPECTRUM, Tagesspiegel