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Holocaust-Überlebende Elvira (87): "Belagerung Mariupols war schlimmer"

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Von Euronews  mit Radio Free Europe/Radio Liberty
Die 87-jährige Elvira Borts und ihr Mann während ihrer Evakuierung aus Mariupol
Die 87-jährige Elvira Borts und ihr Mann während ihrer Evakuierung aus Mariupol   -   Copyright  Screenshot Twitter Radio Free Europe/Liberty Radio

Die 87-jährige Elvira Borts hat den Holocaust überlebt und die Belagerung von Leningrad durch die Nazis im Zweiten Weltkrieg. Kürzlich haben sie und ihr Mann es aus Mariupol raus geschafft. Wochenlang haben sie die Bombardierung und Belagerung der Stadt durch die russischen Truppen durchgestanden. Jetzt sind die beiden in der Hauptstadt Kiew untergebracht. 

Dem internationalen und unabhängigen "Radio Free Europe/Radio Liberty" sagte Elvira Borts, dass das, was sie während der Wochen in Mariupol erlebt habe, schlimmer war, als die Belagerung durch die Nazis 1941 bis 1944 von Leningrad.

Als sie Ende Februar hörte, dass russische Truppen den Einmarschbefehl bekommen haben, habe sie sofort Angst bekommen, erzählt die Jüdin in dem mehr als 5 Minuten langen Interview. Obwohl es hieß, dass Zivilisten sich keine Sorgen zu machen bräuchten angesichts punktgenauer Schläge gegen militäre Ziele. 

"Zivilisten waren das Hauptziel"

Als die Belagerung begann, war es wie damals in Leningrad, nur schlimmer, sagt Elvira Borts. Es habe sich sich angefühlt, als ob sie 48 Stunden am Tag bombardiert worden wären. Denn die Tage würden sich während der Bombardements doppelt so lang anfühlen, so Borts. "Es gibt ein Zischen, dann eine Explosion, dann fliegen überall Splitter herum."

"Das russische Militär kannte seine Aufgabe: Zivilisten waren das Hauptziel", sagt Elvira Borts. In der Innenstadt von Mariupol saß ein Mann auf einer der Bänke am Prymorskiy Boulevard. Sein Gesicht war von einer Granate zerfetzt, erinnert sich Borts. "Sein Körper saß dort tagelang." 

Ihre Gedanken seien bei den letzten Verteidigern im Asow-Stahlwerk, die dort mit vielen Zivilisten ausharren, umzingelt von russischen Truppen.

Sie habe keine Kinder oder Enkel, sagt Elvira Borts in den Video, weil sich ihr Körper während des Holocaust nicht richtig hätte entwickeln können. Wegen des Zweiten Weltkriegs habe sie die Möglichkeit verloren, eigene Kinder zu haben.

Sie sei Geologin und Ingenieurin geworden und wäre an der Planung und Konstruktion des modernen Mariupols beteiligt gewesen, viele neue Gebäude waren entstanden. "Jetzt sind sie alle zerstört", sagt sie. Die beeindruckendste Straße in Mariupol sei für sie der Prymorskiy Boulevard, "eine schöne Straße mit Sitzbänken", sagt sie ein wenig stolz. 

Screenshot Twitter Radio Free Europe/Liberty Radio
Elvira BortsScreenshot Twitter Radio Free Europe/Liberty Radio

Viele Freunde und Bekannte habe sie bereits im Zweiten Weltkrieg verloren. In Mariupol sind 38 Menschen mit dem selben Nachnamen, Borts, begraben. Sie wurden getötet, weil die jüdisch waren, sagt sie. 

Putin habe mal gesagt, dass man die Gesetze und Traditionen anderer Länder respektieren müsse. Und was haben Sie jetzt getan? Es ist so viel Blut an ihren Händen, dass Gott Ihnen nie vergeben wird"

Herr Putin, denken Sie nach und stoppen sie dieses Massaker.
Elvira Borts

"Wir sind Zeugen der Massenvernichtung von Zivilisten durch Russland geworden. Wir dürfen nicht Schweigen, sonst machen wir uns zu Komplizen. Herr Putin denken Sie nach und stoppen sie dieses Massaker", sagt Elvira Borts zum Schluss.    

In einem weiteren Tweet teilt "Radio Free Europe/Radio Liberty" mit, dass die Geschichte über die 87-Jährige aus Mariupol der letzte Beitrag von der Journalistin Vira Hyrych war, bevor sie am 28. April bei einem russischen Raketenangriff auf ihr Wohnhaus in Kiew getötet wurde.

Screenshot Twitter Radio Free Europe/Liberty Radio
Tweet zum Tod der Journalistin Vira HyrychScreenshot Twitter Radio Free Europe/Liberty Radio

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