Vom Protest zur Revolution: Welche Rolle der Zustand der Revolutionsgarden spielt

Eine Frau nimmt am Freiheitsmarsch für den Iran und die Ukraine in Köln teil, 7.11.2022
Eine Frau nimmt am Freiheitsmarsch für den Iran und die Ukraine in Köln teil, 7.11.2022 Copyright Marius Becker/AP via dpa
Von Saeid Jafari
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Wie ist die Stimmung bei den Revolutionsgarden? Iran-Experte und Politikwissenschaftler Eric Hooglund glaubt, dass davon die Zukunft der Proteste abhängt.

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Ihr Mut und ihre Ausdauer beeindrucken Menschen rund um die Welt: Die Proteste gegen das Regime und für Selbstbestimmung im Iran dauern seit mehr als 50 Tagen an. Immer wieder kommt die Frage auf: Wohin wird das führen? Wie groß sind die Chancen der Demonstrant:innen auf eine grundlegende Veränderung des Systems?

Sicher ist, dem Regime der Islamischen Republik ist es bisher nicht gelungen, die Proteste, die in zahlreichen Städten des Landes stattfinden, zu ersticken. Eine Seltenheit seit Bestehen der Islamischen Republik. 

Der US-Politikwissenschaftler Eric Hooglund, der die Revolution im Jahr 1979 miterlebte, verfolgt die Entwicklungen im Iran heute auch in seiner Rolle als Chefredakteur der Middle East Review an der Lund Universität in Schweden. Im Gespräch mit der persischen Redaktion von Euronews hob er die Unterschiede zu der Revolution 1979 hervor. 

Eine besondere Rolle misst er den Revolutionsgarden zu; es komme darauf an, wie sie sich in Zukunft verhalten, um die Protesten in eine Revolution zu verwandeln.

Die Dynamik der Proteste nach dem Tod von Jina Mahsa Amini, die durch die iranische Sittenpolizei ums Leben kam, sei "beispiellos", so Hooglund. Auch wenn die Sicherheitsbeamten mit Gewalt gegen die Demonstrant:innen vorgingen, sei es unwahrscheinlich, dass auch die Zivilistinnen und Zivilisten sich bewaffneten. Der friedliche Protest sei auch schon in der Vergangenheit erfolgreich gewesen: Er selbst sei überrascht gewesen von der Antwort der Zivilbevölkerung auf das blutige Niederschlagen der Proteste im Spetember 1978 mit einem landesweiten Streik.

Die derzeitigen Proteste seien Ausdruck einer tief sitzenden Frustration über die derzeitige Regierung im Iran.

Besonderes Augenmerk liege jetzt auf dem Verhalten der Revolutionsgarden. Von außen sehe es so aus, als seien sie dem Regime treu, so Hooglund. Allerdings sei das schwer zu beurteilen aus dem Ausland.

In den Jahren 1978-79 schlossen sich die Streitkräfte den Demonstrant:innen an. Je zufriedener diese heute mit ihren Privilegien, ihrer Bezahlung seien, und je besser ihr Gemütszustand, desto wahrscheinlicher würden sie die Befehle des Regimes und das gewaltvolle Unterdrücken der Proteste aufrechterhalten.

"Keine meiner iranischen Kollegen, die mit den Demonstrant:innen sympathisieren, konnte mich bisher davon überzeugen, dass sie die Absichten der Sicherheitskräfte verstehen, wenn die Proteste weitergehen."

Auch ohne eine breite Revolution, die er bisher nicht beobachten könne, sei ein Sturz des Regimes möglich, glaubt Hooglund. "Wenn die Proteste des Volkes über längere Zeit anhalten und die Sicherheitskräfte des Staates demoralisieren, kann ein Regime gestürzt werden." Die Herausforderung sei es, eine Lösung für danach zu finden. 

Das Interview führte Saeid Jafari, aufgeschrieben von__Alexandra Leistner.

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