Wie Deutschland Fachkräfte abschreckt - und was sich ändern müsste

Access to the comments Kommentare
Von Alexandra Leistner
In Deutschland soll eine Einbürgerung jetzt schon nach 5 bzw. 3 Jahren möglich sein - ist das ein Weg Fachkräfte anzulocken?
In Deutschland soll eine Einbürgerung jetzt schon nach 5 bzw. 3 Jahren möglich sein - ist das ein Weg Fachkräfte anzulocken?   -  Copyright  Markus Spiske on Unsplash

In Deutschland ist eine emotionale Debatte um die Pläne der Regierung, die Einbürgerung zu vereinfachen, entbrannt. Der heftigste Protest gegen das Vorhaben kommt von der Opposition, aber selbst innerhalb der Ampel-Koalition scheint man sich nicht einig: Die FDP kritisierte den Zeitpunkt der Diskussion und will zuerst Forschritte bei der Rückführung von Menschen, die illegal in Deutschland leben, sehen.

Eine Überraschung ist das neue Einbürgerungsgesetz allerdings nicht, auf Seite 94 des von SPD, Grünen und FDP Ende 2021 unterzeichneten Koalitionsvertrages unterschrieben sie: "Eine Einbürgerung soll in der Regel nach fünf Jahren möglich sein, bei besonderen Integrationsleistungen nach drei Jahren."

Und nicht nur die kürzere Vorlaufzeit für das Beantragen einer deutschen Staatsbürgerschaft, auch dass die Regierung die Mehrstaatigkeit erleichtern will, stößt bei der CDU/CSU sowie bei AfD auf Protest. 

"Kommen Sie in der Lebensrealität in Deutschland an"

Die Beauftrage der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Reem Alabali-Radovan, verurteilte im Bundestag bei der Debatte zu den Plänen der Regierung an diesem Dienstag, die Rhetorik der CDU/CSU bei dem Thema. Aussagen, dass eine schnellere Einbürgerung etwa mit dem "Verramschen des deutschen Passes" gleichzusetzen seien, stellten eine Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt dar: "Das ist ein Schlag ins Gesicht der rund 22 Mio. Menschen mit Einwanderungsgeschichte", so Alabali-Radovoan.

Unter lauten Zwischenrufen aus den Reihen der anderen Fraktionen sagte die CSU-Politikerin Andrea Lindholz im Bundestag, die Pläne für eine vereinfachte Einbürgerung würden den Zusammenhalt in der Gesellschaft schwächen. "Einbürgerung sollte das erfolgreiche Ende einer Integration sein und nicht am Anfang stehen", so Lindholz.

Ihre Fraktion vertritt die Meinung, dass Menschen in Deutschland beim Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft ihre andere Staatszugehörigkeit aufgeben müssen. Eine Ausnahme solle es für EU-Bürger:innen geben, da man mit ihnen "Werte und Rechtsordnung teilt".

Mahmut Özdemir (SPD) Parlamentarischer Staatssekretär des Innern und für Heimat sprach dagegen von einem "Paradigmenwechsel", der längst "überfällig sei". Deutschland habe große Missstände beim Thema Einbürgerung - auch im Vergleich zu Nachbarländern wie etwa Frankreich.

Künftig, so Özdemir, werde ein Kind, das in Deutschland geboren wird, und von dem mindestens ein Elternteil seit 5 Jahren rechtmäßig in Deutschland lebt, automatisch die deutsche Staatsangehörigkeit bekommen.

Auch die Lebensleistung von Gastarbeitern solle anerkannt werden, wie neben Özdemir auch seine Parteikollegin Gülistan Yüksel sagte: "Gastarbeiter haben Deutschland zum Wohlstand verholfen, wir wollen endlich ihre Lebensleistung wertschätzen und anerkennen."

Für sie sollen Einbürgerungstest wegfallen und es soll Erleichterungen bezüglich der Anforderungen beim Sprachtest geben.

Deutschland braucht Fachkräfte - aber steht sich selbst im Weg

Einig sind sich alle Fraktionen über den dringenden Bedarf Deutschlands an Fachkräften.

Thorsten Frei (CDU/CSU) sagte am Dienstag im Bundestag, dass dabei allerdings nicht eine schnelle Einbürgerung die Priorität sei, sondern vielmehr die Wartezeit bei Konsularabteilungen verkürzt und die Anerkennung von Berufsabschlüssen verbessert werden müssten.

Das Thema Einbürgerung sei in diesem Zusammenhang sehr wichtig, so FDP-Politiker Konstantin Kuhle, nach den Energiekosten sei der Fachkräftemangel die zweitgrößte Sorge von Unternehmen in Deutschland.

Das weiß auch Karrierecoach und Arbeitsmarktexperte Chris Pyak: "Ganz viele Unternehmen klagen, dass die Gewinne und Umsätze nicht realisieren können, weil sie nicht die Leute haben, um die Aufträge auszuführen", so Pyak, der auf Twitter seine Sicht auf das Thema Einbürgerung schilderte und dafür viel Zustimmung erhielt, gegenüber Euronews.

Pyak, der nach einer kontroversen Aussage Christian Lindners zum Thema Migration im Jahr 2018 aus der FDP austrat und seit mehr als 10 Jahren als Karrierecoach seine Kund:innen auf dem deutschen Arbeitsmarkt begleitet, begrüßt die geplanten Lockerungen beim Einbürgerungsgesetz.

Allerdings sieht er auch grossen Nachholbedarf bei den Unternehmen in Deutschland: Nur die wenigsten stellten Anzeigen auf Englisch ein, zwar sei das nach der Covid-Pandemie von einem Prozent auf vier gestiegen - immer noch eine extrem geringe Anzahl.

Wir übersetzen ungewohnt oder ungewöhnlich immer mit gefährlich. Und das geht so weit, dass wenn du anders bist, das erst mal gefährlich ist. Und da lassen wir besser die Finger von.
Chris Pyak
Karriercoach und Arbeitsmarktexperte

Viele Personaler:innen fordern zudem, dass Kandidaten fließend Deutsch sprechen - auch wenn dies im Arbeitsalltag zum Beispiel als Datenanalyst oder Software Developer nicht zwingend erforderlich sei.

Immer wieder erlebe er es, dass Bewerberinnen und Bewerber von Eliteuniversitäten in Deutschland abgelehnt werden. So wurde einer Oxford-Absolventin gesagt, man könne "ihren Bildungsabschluss nicht bewerten“.

In einem anderen Fall wurde ein hoch qualifizierter Franzose bei einer Stelle abgelehnt worden, weil er kein Deutsch sprach. Der Job erforderte allerdings vor allem den Austausch mit Unternehmen in Frankreich - auf französisch. 

Stellenanzeigen auf Englisch, Einbürgerung, Mehrstaatigkeit

Auf die Frage woher diese Ablehnung in deutschen Personalabteilungen komme, sagte Pyak: "Wir übersetzen ungewohnt oder ungewöhnlich immer mit gefährlich. Und das geht so weit, dass wenn du anders bist, das erst mal gefährlich ist. Und da lassen wir besser die Finger von. Das geht so weit, dass anders auch bedeutet Wenn du viel besser ist als das, was wir kennen, dann lassen wir lieber die Finger davon".

Was wollen wir denn eigentlich erreichen? Wir wollen Menschen zu uns bringen, die einen Beitrag leisten. Dann ist doch eigentlich völlig egal, warum sie gekommen sind.
Chris Pyak
Arbeitsmarktexperte

So ein "risikoscheues" Verhalten könne sich Deutschland schon lange nicht mehr leisten, so der Karrierecoach. Es sei falsch zu denken, dass Deutschland ein besonders attraktives Land für Fachkräfte aus dem Ausland sei. "Die Leute gehen dahin, wo sie eine gute Zukunft für sich sehen. Die sitzen nicht da und hoffen, dass Deutschland sie irgendwann mal annimmt".

Deutschland könne sich an Ländern wie etwa Portugal ein Beispiel nehmen. Dort sei es möglich mit Touristenvisum einzureisen und sich anschließend auf dem Arbeitsmarkt zu beweisen. "Wenn man sich fragt Ja, was wollen wir denn eigentlich erreichen? Wir wollen Menschen zu uns bringen, die einen Beitrag leisten. Dann ist doch eigentlich völlig egal, warum sie gekommen sind, ob die als Flüchtlinge gekommen sind, für ihren Ehemann gekommen sind, oder ob sie für einen Job gekommen sind."

Neben Stellenanzeigen und Einstellungsverfahren auf Englisch, sieht Pyak einen wichtigen Pfeiler beim Anwerben von Fachkräften in einer schnelleren und vereinfachten Einbürgerung sowie in der Mehrstaatigkeit. Menschen, die nach Deutschland zum Arbeiten kommen wollen wissen, dass sie Bürger:in dieses Staates werden können, "ohne sich zu zerreißen, ohne dass man seine Identität kastrieren muss".

Offiziellen Zahlen zufolge behalten bereits heute mehr als 69 Prozent der Menschen, die in Deutschland eingebürgert werden, ihre andere Staatsangehörigkeit.

Auch die Möglichkeit, seine Eltern bringen zu können, sei für viele Fachkräfte, die überlegen, nach Deutschland zu kommen wichtig. Sei es um mit Kindern zu helfen, oder sich um die Eltern zu kümmern.

Deutschen Unternehmen empfiehlt Pyak einen "Realitätscheck". Wenn sie die riesigen Lücken füllen wollen, die sich in den kommenden Jahren verschärfen werden, dann ginge das nur durch mehr Flexibilität für Arbeitnehmer:innen, wie etwa 100 Prozent Homeoffice oder das gezielte Anwerben von Stellen für englischsprachige Kandidat:innen.

Pyak weiß: "Nicht mehr die Unternehmen, sondern die Arbeitnehmer sitzen am längeren Hebel".