Nur 'TikTok-Krieger'? Welche Rolle Kämpfer aus Tschechenien in der Ukraine spielen

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Von Joshua Askew
Neue Mitglieder des tschetschenischen Freiwilligenbataillons von Dschochar Dudajew nehmen am 27. August 2022 in der Region Kiew an einem Training teil.
Neue Mitglieder des tschetschenischen Freiwilligenbataillons von Dschochar Dudajew nehmen am 27. August 2022 in der Region Kiew an einem Training teil.   -   Copyright  GENYA SAVILOV/AFP

Tschetschenen gehören zu den wenigen ethnischen Gruppen, die auf beiden Seiten des Krieges in der Ukraine kämpfen.

Zu denjenigen, die an der Seite der ukrainischen Truppen kämpfen, gehören die ältesten und schärfsten Feinde des russischen Präsidenten Wladimir Putin - Veteranen der Kriege in ihrem Heimatland und von Moskau gesuchte Separatisten. Einige sind seit Beginn des Krieges im Jahr 2014 auf der Seite Kiews.

Gleichzeitig hat Russland kremltreue Tschetschenen eingesetzt, um abtrünnige Soldaten zu disziplinieren und Berichten zufolge sogar hinzurichten. Sie sollen zudem Zivilisten in der Ukraine einschüchtern.

Aber was machen Tschetschenen in der Ukraine? Warum sind sie dort? Und welche Auswirkungen hat ihre Präsenz auf dem Schlachtfeld - und darüber hinaus?

Warum kämpfen tschetschenische Soldaten in der Ukraine für Russland?

Tschetschenien ist ein unruhiger Teil Südrusslands in der Region Kaukasus. Nach der Auflösung der UdSSR im Jahr 1991 versuchte die überwiegend muslimische Bevölkerung, sich abzuspalten und einen eigenen Staat zu gründen. Dies führte in den 90er Jahren zu zwei schrecklichen Kriegen, die damit endeten, dass Moskau die Kontrolle über Tschetschenien übernahm.

Die Tschetschenen, die heute für Russland in der Ukraine im Einsatz sind, sind Experten zufolge diejenigen, die sich mit Moskau verbündet haben, um den Aufstand ihres eigenen Volkes während des zweiten Tschetschenienkriegs von 1999 bis 2009 zu brechen.

Seitdem fungieren sie als Sicherheitskräfte der halbautonomen tschetschenischen Republik, die die Bevölkerung eisern im Griff haben. Ihre Aufgabe ist es zudem, separatistische Rebellen sowie einige Islamisten zu unterdrücken, die erneut versuchen könnten, Moskau gefährlich zu werden.

"Sie wurden vom russischen Regime vereinnahmt", sagt Jean-Francois Ratelle , Assistenzprofessor an der Universität Ottawa und Spezialist für den Tschetschenienkonflikt. "Sie haben Waffen, Arbeitsplätze und Milliarden von Dollar vom Staat erhalten".

Die tschetschenischen Männer, die unter russischer Flagge kämpfen, sind als Kadyrovtsy oder Kadyrovites bekannt, nach dem Vater des Führers der tschetschenischen Republik, Ramsan Kadyrov, der oft als "Putins tollwütiger Hund" bezeichnet wird.

Ramsan hat das Amt von seinem Vater Achmad Kadyrow geerbt, einem Verräter, der während des ersten Tschetschenienkriegs den Dschihad gegen Moskau ausgerufen hatte.

Zum Zeitpunkt des zweiten Tschetschenienkonflikts im Jahr 1999 waren sowohl Achmad als auch Ramsan, der als persönlicher Fahrer und Leibwächter seines Vaters diente, auf die russische Seite übergelaufen.

Seitdem wird die Miliz vom russischen Inlandsgeheimdienst FSB unterstützt.

"Sie sind so etwas wie seine persönliche Armee", sagte Harold Chambers , ein Analyst für den Nordkaukasus, gegenüber Euronews. Ein wichtiger Grund für ihre Anwesenheit in der Ukraine sei, dass Kadyrow - ein entschiedener Befürworter des Krieges - sich beim russischen Präsidenten beliebt machen wolle.

Im Oktober behauptete Kadyrow, er habe seine drei Söhne im Teenageralter in die Ukraine geschickt, um an der Front an der Seite russischer Streitkräfte zu kämpfen.

Tschetschenen auf dem Schlachtfeld - Kanonenfutter?

Bereits in den ersten Tagen des Krieges, der am 24. Februar 2022 begann, strömten Tausende von tschetschenischen Fußsoldaten in die Ukraine.

Die Schätzungen über ihre Zahl schwanken, aber man geht davon aus, dass derzeit etwa 9.000 Tschetschenen auf russischer Seite kämpfen, mehr als 21.000 sollen den Konflikt bereits durchlaufen haben.

In ihrer Heimat bekämpfen sie Aufstände und auch in der Ostukraine waren sie bei Kämpfen in den Städten Mariupol, Sewjerodonetsk und im angrenzenden Donbas beteiligt.

Ratelle sieht ihre Rolle auf dem Schlachtfeld skeptisch, er verglich sie mit einer 'Wegwerf-Privatarmee'.

"Das sind keine Elitetruppen", sagte er. "Es ist immer leichter, einen Tschetschenen in einem Krieg zu töten als einen ethnischen Russen". Die Tschechenen "wurden eine Zeit lang wie Kanonenfutter behandelt".

Putins im September angekündigte "Teilmobilisierung" von 300.000 Soldaten betraf unverhältnismäßig stark ethnische Minderheiten oder Migranten aus Zentralasien, von denen viele aus verarmten Gemeinschaften stammen.

Soldaten aus mehrheitlich muslimischen Regionen Russlands wie Dagestan sind nach Angaben des russischen Dienstes der BBC zehnmal so häufig gestorben wie Soldaten aus Moskau.

Die genaue Zahl der tschetschenischen Kriegstoten ist zwar nicht bekannt, Chambers aber spricht von "schweren Verlusten". Die allgemeinen Opferzahlen auf beiden Seiten des Konflikts sind generell schwer unabhängig zu beurteilen.

Dennoch spielen tschetschenische Kämpfer in dem Krieg eine wichtige Rolle und erledigen oft die Drecksarbeit für Moskau.

Berichten zufolge werden Tschetschenen eingesetzt, um unzufriedene russische Soldaten zu disziplinieren und sogar Deserteure und solche, die versuchen, zur ukrainischen Seite überzulaufen, hinzurichten.

"Sie erhalten Missionen, bei denen man gegen die Kriegsgesetze verstoßen kann", sagte Ratelle gegenüber Euronews. "Sie neigen dazu, sich eher wie Kriminelle als wie Soldaten zu verhalten."

Tschetschenische Fußsoldaten seien bekanntermaßen in Folterungen und Plünderungen verwickelt und hätten sich während der elfmonatigen Invasion zeitweise sogar mit der russischen Armee angelegt.

Die Kreml-Propaganda von den "Elitekämpfern"

Der Einsatz der brutalen und kampferprobten Tschetschenen in der Ukraine war auch ein Versuch der psychologischen Kriegsführung, um der ukrainischen Bevölkerung Angst einzujagen.

Sie wurden in den ersten Tagen des Krieges auf Kiew losgelassen, als Russland darauf drängte, die Hauptstadt einzunehmen und die Ukraine einzunehmen.

"Es wurde viel Propaganda betrieben", so Ratelle. "Russland hat versucht, die Vorstellung zu verbreiten, dass es sich um Elitekämpfer handelt, die die Ukraine zerstören wollen".

Sie sind vielmehr bekannt als Instagram-Kämpfer denn als zerstörerische Spezialeinheiten.

Aber dieser "Propaganda-Effekt" war meist hohl, sagte er Euronews. Die Lüge sei dann verschwunden, nachdem der erste Angriff auf Kiew ins Stocken geriet und im Frühjahr letztendlich zusammenbrach.

"Sie sind vielmehr bekannt als Instagram-Kämpfer denn als zerstörerische Spezialeinheiten. Sie sind besser in den sozialen Medien als im Kampf."

Ob Instagram, TikTok oder Telegram: Klicks, Likes und Follower haben manchmal einen tödlichen Preis.

"Weil sie so viel in den sozialen Medien posten", so Chambers, habe es "absolut schreckliche operative Sicherheitsprobleme" gegeben, die es den ukrainischen Streitkräften ermöglichten, russische Stützpunkte zu lokalisieren und zu bombardieren, wobei ihre Truppen getötet wurden.

Ein Posting von einem von Kadyrows Söhnen auf Telegram während seiner Reise in die Ukraine (siehe Posting unten) soll Kiew laut Chambers Monate später zu einem Raketenangriff verholfen haben.

Wer sind die Tschetschenen, die für die Ukraine kämpfen? Und warum sind sie dort?

Russland ist jedoch nicht die einzige Seite, die Tschetschenen auf dem Schlachtfeld einsetzt.

Zwar ist ihre Zahl mit schätzungsweise 200 Kämpfern wesentlich geringer, doch Analysten zufolge haben sich Tschetschenen auch den ukrainischen Streitkräften angeschlossen. In Gefechten können sie unter anderem anderen Tschetschenen auf russischer Seite gegenüberstehen.

"Man hat es mit einem Schmelztiegel verschiedener Menschen und Ideologien zu tun", so Ratelle. "Es gibt die antirussischen Tschetschenen, Veteranen der Tschetschenienkriege und Exilanten aus Westeuropa und der Türkei.

Viele von ihnen zogen in die Ukraine, um Russland zu bekämpfen, als Moskau 2014 illegal die Krim annektierte - was die Feindseligkeiten auslöste.

Musa Sadulayev/AP
Ramsan Kadyrow in einer Gruppe tschetschenischer Soldaten im März 2022 in Grosny, Russland.Musa Sadulayev/AP

"Sie nehmen den Kampf gegen Russland als etwas Transnationales wahr", so Ratelle. "Sie glauben, dass ein imperialistisches Russland in den 1990er Jahren in Tschetschenien genauso agierte wie jetzt in der Ukraine."

Russlands militärischer Feldzug in Tschetschenien in den 1990er Jahren war durch ein unvorstellbares Ausmaß an Tod und Zerstörung, unerbittliche Bombardierungen ziviler Gebiete und fast tägliche Berichte über Kriegsgräuel gekennzeichnet, die nach Ansicht von Experten eine "unheimliche" Ähnlichkeit mit der Ukraine aufweisen.

Der Sieg über Russland hat für die tschetschenischen Kämpfer ein politisches Ziel, das untrennbar mit dem Schicksal ihres Heimatlandes verbunden ist.

"Der erste Schritt in ihren Köpfen ist es, Russland zu besiegen und die Kontrolle über Tschetschenien wieder zurückzuerobern", erklärt Chambers.

"Sie wollen Tschetschenien von der russischen Herrschaft befreien".

"Ein paar Dutzend" radikale Islamisten

Ein kleiner Teil derjenigen, die für die Ukraine kämpfen, stammt aus radikalen dschihadistischen Gruppen, die an der Seite des sogenannten Islamischen Staates in Syrien gekämpft haben.

"Wir sprechen von maximal ein paar Dutzend", sagte Ratelle. "Die Ukraine war eine Zeit lang ein sicherer Hafen für viele [tschetschenische Islamisten]."

Auf die Frage von Euronews, ob es möglich sei, dass vom Westen gelieferte Waffen in die Hände radikaler dschihadistischer Gruppen gelangen könnten, sagten beide Experten, sie könnten diese Möglichkeit nicht ausschließen, schätzten das Risiko aber als gering ein.

"Es gibt keine Beweise dafür, dass Waffen aus der Ukraine herausgelangt sind. Die britische und die US-amerikanische Regierung verfolgen die Waffen", sagte Ratelle.

"Das ist kein Grund, die Unterstützung für die Ukraine einzustellen".

Der Westen hat der Ukraine seit Ausbruch des Krieges neben Panzern und Kleinwaffen auch hochentwickelte Flugabwehr- und Panzerabwehrwaffen im Wert von mehreren Milliarden Euro geliefert.

Bei einem Großteil dieser Waffen handelt es sich um schweres Material, das nicht ohne Weiteres verlagert werden kann, oder um Einwegwaffen, die im Laufe des Konflikts wahrscheinlich aufgebraucht werden.

"Russland hat in den sozialen Medien immer wieder darauf hingewiesen, dass [die Ukraine und der Westen] in Zukunft alle möglichen terroristischen Organisationen und andere Gruppen unterstützen werden. Aber bisher sind diese Meldungen als Fehlinformation einzustufen."