Dieser Inhalt ist in Ihrer Region nicht verfügbar

Fehler über Fehler: Verliert Wladimir Putin die Unterstützung innerhalb Russlands?

Access to the comments Kommentare
Von Euronews
Zeremonie nach der Annexion vier ukrainischer Gebiete durch den russischen Präsidenten am 30.09.2022
Zeremonie nach der Annexion vier ukrainischer Gebiete durch den russischen Präsidenten am 30.09.2022   -   Copyright  Maksim Blinov/Sputnik via AP   -  

Der Rückzug aus Lyman und aus der Region Charkiw deuten Experten zufolge auf eine Schwächung Russlands hin. Ukrainische Truppen konnten mehrere russische Stellungen durchbrechen und Truppen aus strategisch wichtigen Orten zurückdrängen. 

Öffentlich eingeräumt hat der Kreml zudem Fehler bei der Teilmobilisierung, diese will Putin "korrigieren", wie er bei einer Sitzung des nationalen Sicherheitsrates in der vergangenen Woche versprach. Zahlreiche Reservisten hatten sich beschwert, trotz chronischer Krankheiten oder anderer Ausschlusskriterien Einberufungsbescheide erhalten zu haben.

Die Rückschläge bleiben natürlich auch in Russland nicht unbemerkt. Das US-Institue for the Study of War (ISW) spricht in einem neuen Bericht von "dramatischen" Folgen für die Wahrnehmung der russischen Regierung im Inland: "Die russischen Niederlagen im Gebiet Charkiw und in Lyman sowie das Versäumnis des Kremls, eine Teilmobilisierung wirksam und fair durchzuführen, verändern den russischen Informationsraum grundlegend."

Wie die Verfasser des Berichts schreiben, gibt es sowohl Kreml-Mitarbeiter als auch Militärblogger, die die Versäumnisse auf eine mangelnde Ausstattung russischer Streitkräfte im nördlichen Donbass zurückführen. Gleichzeitig würden die zuvor genannten Personen mangelnde Transparenz im Kriegsverlauf beklagen.

Sogar die Annexion der vier ukrainischen Gebiete, die Putin am Freitag feierlich in Moskau in Szene setzte, wird von einigen in Russland wohl kritisiert. Gäste in einer Diskussion im russischen TV bezweifelten am Wochenende zudem, dass Russland in der Lage ist, diese vier Gebiete vollständig zu kontrollieren.

Alles unter Kontrolle (?): Die Rolle von Bloggern und TV-Gästen

Wie das ISW analysiert, war die Kommunikationsstrategie innerhalb Russlands bisher ein Schlüssel zur öffentlichen Unterstützung des vom Kreml "Sonderoperation" genannten Kriegs in der Ukraine. Doch auch diejenigen, die bisher die Propaganda der russischen Regierung verbreiteten, zeigten sich jetzt öffentlich enttäuscht und kritisch bezüglich der Strategie des Kremls.

Seit der Invasion Ende Feburar, so das ISW, habe sich der Kreml mit generellen Erfolgs-Statements begnügt: Details zu Militäroperationen wurden nicht öffentlich diskutiert. "Das russische Verteidigungsministerium hat sich stets darauf konzentriert, den russischen Erfolg in der Ukraine mit vagen optimistischen Aussagen zu übertreiben, während es die Darstellung spezifischer Details der militärischen Kampagne unterließ". 

Auch Milblogger (Militärblogger) und Journalist:innen seien seit Beginn des Krieges angewiesen worden, keine Details zu militärischen Erfolgen und Misserfolgen zu veröffentlichen. Die Informationen könnten dem Westen dazu dienen, Informationsdienste zu unterlaufen und den "hybriden Krieg" zu gewinnen.

Das habe sich mit dem Rückzug aus Charkiw und der anschließenden Teilmobilmachung geändert. 

Wie das ISW erklärt, beruht Putin's Propagandamaschine hauptsächlich auf der Wiederholung der Kreml-Version im Internet und im TV. Anders als zu Sowjet-Zeiten, gebe es viel weniger Zensur im heutigen Russland: Russinnen und Russen können das Internet frei nutzen, auch der Versuch die Kommunikationsplattform Telegram zu kontrollieren, war nicht erfolgreich. Zwar habe Putin die Plattformen, auf denen die Bevölkerung kommunzieren darf, reduziert. Zensiert werde dort aber bisher nicht.

Die neue öffentliche Kritik sei daher "gewagt" und "sehr ungewöhnlich": "Sie hat den Ton und den Tenor einiger Milblogger-Kritiken an Russlands Leistung im Krieg über die offiziellen Kreml-Kanäle zum ersten Mal in die Haushalte der Durchschnittsrussen gebracht."

Mikhail Metzel/Sputnik
Tschetscheniens Machthaber Ramsan Kadyrow beider Zeremonie in Moskau zur Annexion von 4 ukrainischen Gebieten nach sogenannten "Referenden" über eine Zugehörigkeit zu RusslandMikhail Metzel/Sputnik

Auch die Unterstützung einiger Vertrauter für Putin scheint zu bröckeln: Am Wochenende forderte der Präsident der russischen Teilrepublik Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, erneut drastischere Maßnahmen, darunter der Einsatz von "Atomwaffen geringer Stärke". Auch der Chef der Wagner-Gruppe, Jewgeni Prigoschin, kritisierte die russische Militärführung.

Wie das ISW zudem erfahren haben will, macht Putin viele Entscheidungen, die normalerweise von Generälen vor Ort entschieden würden, selbst. Auch den Rückzug aus Lyman habe er höchstpersönlich angeordnet.

Gegenüber dem US-Sender CNN sagte Andrej Kortunow, der den vom Kreml unterstützten Russischen Rat für Internationale Angelegenheiten in Moskau leitet, Putin wolle "die ganze Sache" so schnell wie möglich beenden.

Journalist Nic Robertson schreibt in einer Analyse mit dem Titel 'Putin steht mit dem Rücken zur Wand und die Uhr tickt immer lauter', dass die Ausreise hunderttausender junger Russen als Gegenreaktion auf die Teilmobilisierung, ein Zeichen dafür sei, "dass Putin sein sagenhaftes Gespür für die Stimmung in Russland verliert."

"Es bleibt abzuwarten, wie viel Putin dulden wird und was passiert, wenn er versucht, die Milblogger und ihre Kritik, zunehmend an seinen eigenen Entscheidungen, die er vorerst in Russland hat zirkulieren lassen, zu unterbinden", analysiert das ISW.