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"Marathon"-Arbeitstage: Spanien verhängt Geldstrafen gegen "Big Four"

Im Jahr 2021 erwirtschafteten die "Big Four" 2,5 Milliarden Euro im Geschäftsjahr
Im Jahr 2021 erwirtschafteten die "Big Four" 2,5 Milliarden Euro im Geschäftsjahr Copyright Canva
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Von Laura Llach
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
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Dieser Artikel wurde im Original veröffentlicht auf Englisch

Mitarbeiter der vier großen Beratungsunternehmen Spaniens arbeiteten bis zu 16 Stunden am Tag. Die Konzerne hatten kein Stundenregister geführt. Nun wurden die Firmen zu hohen Geldstrafen verurteilt.

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Ein Jahr, nachdem das spanische Arbeitsministerium mit der Untersuchung der Arbeitspraktiken und -bedingungen bei den so genannten "Big Four" - Deloitte, PwC, EY und KPMG - begonnen hat, hat die Behörde beschlossen, eine Geldstrafe in Höhe von mindestens 1,4 Millionen Euro zu verhängen.

Es wurde untersucht, ob die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tatsächlich länger arbeiteten als in ihren Aufzeichnungen angegeben. In einigen Fällen beklagten sich Angestellte der großen Vier darüber, dass sie bis zu 16 Stunden pro Tag auf der Arbeit verbringen würden. Alle vier Unternehmen wurden um eine Stellungnahme gebeten.

Spanischen Medienberichten zufolge sei die Untersuchung nicht einfach gewesen, denn die Beratungsunternehmen hatten kein Stundenregister geführt, das seit der Gesetzesänderung in Spanien im Jahr 2019 für alle Unternehmen vorgeschrieben ist. Dieser angebliche Mangel an Rechenschaftspflicht machte es leicht, dass "Marathon-Arbeitstage" zur Norm wurden, sagte Sergio Padilla, ein ehemaliger Mitarbeiter der Beratungsfirma PricewaterhouseCoopers (PwC) in Madrid, gegenüber Euronews.

Arbeitszeit von 9 Uhr bis 21 Uhr

Wie seine Kolleg:innen arbeitete Padilla, dessen Name zum Schutz seiner Person geändert wurde, zwölf Stunden am Tag: von 9 Uhr morgens bis 21 Uhr abends. Dies erschien ihm völlig normal, da all seine Kolleginnen und Kollegen in der Beratungsfirma in der gleichen Situation waren. Nach der Arbeit hatte er kaum Freizeit, er ging nach Hause, um zu schlafen, bevor er wieder ins Büro zurückkehrte. Er hatte nicht einmal Zeit einzukaufen, stattdessen konsumierte er hauptsächlich Fast Food.

Während seiner zweijährigen Tätigkeit in dem Unternehmen wurde Padilla nach eigenen Angaben immer "verbitterter", bis er schließlich beschloss, das Unternehmen freiwillig zu verlassen und in seine Heimatstadt zurückzuziehen.

Paul White/AP
Ein Mann schaut im Geschäftsviertel von Madrid auf sein Mobiltelefon (Symbolbild)Paul White/AP

Rekordgewinne, aber schlechtere Arbeitsbedingungen

Die Büros der "Big Four" wurden im November 2022 durchsucht, nachdem das spanische Arbeitsministerium unter der Leitung von Ministerin Yolanda Díaz die Untersuchung von Amts wegen eingeleitet hatte, ohne dass eine Beschwerde eingereicht worden war. "Die Inspektoren entdeckten über die Presse oder die sozialen Medien Praktiken, von denen sie annahmen, dass sie außerhalb des Geltungsbereichs des Arbeitsrechts liegen könnten, und wurden aktiv", so Quellen aus dem Ministerium gegenüber Euronews.

Das Ministerium sammelte Informationen und Dokumente darüber, wie diese Unternehmen die Arbeitszeiten ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter überwachten und außerdem, ob Überstunden bezahlt oder ausgeglichen wurden.

Laut Raúl de la Torre, von der spanischen Gewerkschaft Comisiones Obreras, gibt es in der spanischen Beratungsbranche eine große Ermüdung der Belegschaft. "Vor einigen Monaten wollten die Arbeitgeber in den Arbeitsvertrag aufnehmen, dass wir von Montag bis Samstag bis zu zwölf Stunden pro Tag arbeiten müssen, und zwar ohne jeden zusätzlichen Ausgleich. Wir starteten eine Kampagne in den sozialen Medien, die zum ersten Streik in diesem Sektor führte."

De la Torre behauptet, dass sich die Arbeitsbedingungen seit 2008 nur verschlechtert haben, während die Unternehmen Rekordgewinne melden. Nach Angaben der Zeitung Expansión haben die "Big Four" im Jahr 2021 eine Summe von 2,5 Milliarden Euro verdient. "Die maximale Dauer des Arbeitstages wird nicht eingehalten, die gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten werden nicht eingehalten, und die Bezahlung wird von Tag zu Tag schlechter", so de la Torre. "Wir haben Kopien der Verträge in der Branche, es gibt Leute, die in Madrid arbeiten und 14.000 Euro im Jahr verdienen".

Nach monatelangen Verhandlungen und Streiks wurde eine Einigung erzielt, nach der Beschäftigte mit Hochschulabschluss, die bisher 14.100 Euro brutto im Jahr erhielten, künftig bis zu 15.300 Euro verdienen werden.

Außerdem einigten sie sich darauf, dass Arbeitnehmer:innen mit drei Jahren Berufserfahrung nicht weniger als 17.100 Euro erhalten sollen.

Paul White/AP
Bürogebäude in MadridPaul White/AP

Opfer bringen auf einem instabilen Arbeitsmarkt

Obwohl sich die Erwartungen der Arbeitnehmer:innen in Bezug auf Sozialleistungen und Arbeitsbedingungen in den vergangenen Jahren geändert haben, erklärt Padilla darauf, dass sogenannte Marathonarbeitstage bei den "Big Four" zur Norm geworden seien. "Im Jahr 2008, als die Krise ausbrach, gab es vier Leute, die sich um eine Stelle bewarben. Es hat sich in den Köpfen der Leute festgesetzt, dass wir für den Job sehr dankbar sein müssen", so der Gewerkschaftssprecher.

Hinzu kommt, dass viele der Neueinstellungen bei den großen Beratungsfirmen frischgebackene Hochschulabsolvent:innen sind. Laut dem jüngsten Bericht des spanischen Verbands der Beratungsunternehmen waren 29 Prozent der neuen Verträge, die diese Unternehmen im Jahr 2021 abschlossen, für frischgebackene Hochschulabsolventen vorgesehen, die noch keine Berufserfahrung hatten. Junge Menschen sehen dieses Opfer als eine Möglichkeit, ihre Karriere voranzutreiben.

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