Drogenkrieg von Marseille: Warum sterben Kinder und Jugendliche im Kugelhagel?

Drogenkrieg von Marseille: Warum sterben Kinder und Jugendliche im Kugelhagel?
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Von Hans von der BrelieEva Kandoul
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49 Menschen wurden im vergangenen Jahr bei Schießereien zwischen rivalisierenden Drogen-Banden in Marseille getötet - und das Morden geht weiter. Gerät die Situation in der französischen Hafenstadt außer Kontrolle?

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Die blutigen Bandenkriege zwischen rivalisierenden Drogenkartellen im Süden Frankreichs finden kein Ende. 49 Menschen wurden allein im vergangenen Jahr (2023) in Marseille ermordet. Zum Einsatz kommen Killerkommandos und Kriegswaffen vom Typ Kalaschnikow. Die Menschen in den Vorstädten sind verzweifelt. Eine Recherche für Euronews-Witness in Marseille, von unserem MoJo-Reporter-Team Hans von der Brelie und Eva Kandoul.

Das Todeskommando hielt Rayanne für einen Schmieresteher

Schießereien gab es in der Hafenstadt Marseille auch schon früher. Bandenkriminalität ist hier ebenfalls nichts Neues, ebenso wenig wie Rachemorde und „Territorial-Konflikte“, welche Gangster-Gruppe welches Stadtviertel „beherrscht“. Doch so schlimm wie im vergangenen Jahr 2023 war es noch nie: 49 Tote im Drogenkrieg! Weit über 100 zum Teil schwer Verletzte! Kalaschnikow-Kugeln, die Hauswände durchschlagen und gänzlich Unbeteiligte töten.

Wir machen uns auf den Weg zum Friedhof Saint-Pierre. Der größte Friedhof von Marseille ist fast so etwas wie eine Stadt in der Stadt. Die Dämmerung hat schon begonnen, tintenblaues Restlicht liegt über den Reihen des muslimischen Gräberviertels.

Laetitia Linon hat mich hierher bestellt. Nach einem langen Arbeitstag als Putzfrau besucht sie abends oft noch das Grab ihres Neffen Rayanne. Der Junge war 14, als die Killer kamen. Es war eine tragische Verwechslung. Das Todeskommando hielt Rayanne und seinen Kumpel für zwei Schmieresteher einer rivalisierenden Drogenbande.

Laetitia Linon
Laetitia LinonEuronews

Laetitia hält kurz inne am gepflegten Grab ihres Neffen, betet. Ein kleines, rotes Spielzeug-Mofa steht auf dem weißen Stein. Rayanne liebte alles, was mit motorisierten Zweirädern zusammenhängt, sah sich im Fernsehen Motorradrennen an, war großer Fan eines italienischen Rennfahrers. Manchmal nahm ihn sein Vater mit zu Kart-Ausflügen in die Umgebung, oder er bastelte mit einem Sozialarbeiter zusammen an Motoren herum.

Rayanne kannte sich aus mit Moped- und Motorrad-Modellen, mit technischen Details. Vielleicht wäre er einmal ein guter Mechaniker geworden, oder ein Werkstattbesitzer. Oder vielleicht sogar Rennfahrer mit einem Frankreich- oder Europa-Titel? Zerstörte Träume, nichts davon ist mehr möglich, Rayanne ist tot.

„Ein Bub aus Marseille kann heute im Kugelhagel sterben, so wie in einem Drogen-Land wie Mexiko."

„Allein auf diesem Teil des Friedhofs liegen sieben Kinder und Jugendliche begraben, die in jüngster Zeit bei Schießereien getötet wurden“, sagt Laetitia und zeigt mit müder Geste über das Gräberfeld von Saint-Pierre. Ein bitteres Lächeln hat sich über ihr Gesicht gelegt: „Man lernt sich kennen, hier auf dem Friedhof. Sobald man das Alter auf den Gräbern liest, spricht man sich an: ‘Ah, er war 14, wie ist er denn gestorben?‘, werde ich gefragt. Wenn ich dann sage ‚Schießerei!‘, kommt dann oft die Antwort: ‚Ah, mein Sohn auch!‘ - Und so entsteht eine Verbindung zwischen uns, den Hinterbliebenen und Friedhofsbesuchern, auch wenn es eine traurige ist.“

Der Ausdruck auf Laetitias Zügen ändert sich, das bitter-ironische Lächeln ist einem harten, kalten Zorn gewichen: „Ein Bub aus Marseille kann heute im Kugelhagel sterben, so wie in einem Drogen-Land wie Mexiko, auch wenn wir hier in Frankreich sind.“ Dann berichtet sie von jenem August-Tag 2021, dem Tag, an dem für sie und ihre Familie die Welt zusammenbrach.

Rayanne
RayanneEuronews

„Rayanne war rausgegangen, um seiner Mutter eine Flasche Saft zu kaufen. Dann kam plötzlich ein Motorrad um die Ecke, der Typ hatte eine Kalaschnikow. Der Freund von Rayanne hat eine Kugel ins Bein bekommen und konnte unter eine Garage kriechen. Rayanne starb vor der Garage, er hat es nicht geschafft. Er hat eine Salve mit fünf Kugeln aus der Kalaschnikow in den Brustkorb bekommen. Klar, dass er das nicht überlebt hat.“

Der Abend senkt sich schnell, im Dämmerdunkel der blauen Stunde leuchten warmgelb einige irdene Grablichter. „Diese Monster haben ihn wohl für einen Schmieresteher der Drogengang gehalten. Sie haben zwei Kinder im Trainingsanzug gesehen und einfach sofort drauflos geballert“, nimmt Laetitia den Erzählfaden wieder auf.

„Ich musste den Rest der Familie informieren, Rayannes Mutter, also meine Schwester. Rufen Sie mal ihre Schwester auf ihrer Schicht im Krankenhaus an, um ihr zu sagen: ‘Man hat auf Dein Kind geschossen.‘ Gibt es überhaupt Worte für sowas?“

"Zwei, drei Tage später dealen die einfach weiter, während mein Neffe in der Leichenhalle liegt."

Laetitia legt eine Pause ein. Dann fährt sie fort: „Die ganze Nacht über musste ich mich übergeben. Und als ich um 8 Uhr morgens unten am Viertel ankam, das Erste, was ich gesehen habe, war die Blutlache.“ Niemand hatte das Blut ihres Neffen aufgewischt. Das klebrige Rostrot löste erneut einen Schock bei ihr aus.

Die Friedhofswärter machen uns darauf aufmerksam, dass nun geschlossen wird. Wir bringen Laetitia zurück in ihr Wohnviertel. Doch bevor wir uns verabschieden, setzen wir uns noch kurz auf die leere Terrasse einer kleinen Kneipe. Wir spüren, Laetitia will reden, reden, reden. Die Last der Erinnerung liegt schwer auf ihr.

Wut, Unverständnis und die Forderung „etwas zu tun“ sind mittlerweile Teil von Laetitia. Die resolute Frau hat einen starken Charakter, sie versteckt sich und ihre Trauer nicht. Laetitia fordert, dass die Justiz „endlich ernsthaft ermitteln“ soll. Zusammen mit anderen Hinterbliebenen organisierte sie einen Trauermarsch: Die kleine Menge trug weiße Särge quer durch Marseille.

Das Grab von Rayanne.
Das Grab von Rayanne.Euronews

Die Wut der Bevölkerung hat dazu geführt, dass die Regierung nun frankreichweit neue Richter einstellt. Die Polizei in Marseille wurde massiv aufgestockt. Nicht genug, glaubt Laetitia. Denn die Drogendealer sind immer noch da, überall, in jedem Viertel der Stadt.

Laetitia Linon: „Warum ist Rayanne tot, obwohl er nichts mit der ganzen Sache zu tun hatte? Warum sind die Dealer noch da? Zwei, drei Tage später dealen die einfach weiter, während mein Neffe in der Leichenhalle liegt. Ich konnte das einfach nicht verstehen. Und ich spürte Hass in mir. Das kann man gar nicht beschreiben, das kommt von ganz tief drin."

Nach der Ermordung Rayannes hatte sich im Viertel schnell herumgesprochen, dass es „den Falschen erwischt“ hatte. Die eigentlich im Visier des konkurrierenden Drogen-Klans stehenden Kleindealer bekamen es mit der Angst zu tun: „Die hatten Panik, bereiteten sich darauf vor, dass die Killer wiederkämen.“ Systematisch wurden die zwei Zu- und Abfahrten ins Wohnviertel verbarrikadiert. Die Dealer verstärkten ihre „Wachposten“, zwangen alle Anwohner, nur noch einen bestimmten, von ihnen scharf überwachten Zufahrtsweg zu benutzen – dieselbe Stelle, an der zuvor Rayanne erschossen worden war!

Die Schmieresteher und Kleindealer sind selber noch Kinder

„Unmöglich, ich konnte das einfach nicht“, berichtet Laetitia, die sich mit den Kleindealern von Angesicht zu Angesicht anlegte. „Am liebsten hätte ich die über den Haufen gefahren“, sagt sie heute. Sie bestand darauf, eine andere Ausfahrt zu nehmen. Jeden Tag an dem Tatort, der Hinrichtungsstätte Rayannes vorbeizufahren, „das brachte ich psychologisch gesehen nicht über mich“, sagt sie. 

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Laetitia weiter: „Ich habe die Eckensteher angeschrien, denen gesagt, dass sie hätten sterben sollen, nicht mein Neffe.“ Dann wurde ihr auf einmal klar, dass die Schmieresteher und Kleindealer Kinder waren, nur wenig älter als ihr toter Rayanne. „Die Mutter gewann wieder die Oberhand in mir“, erinnert sie sich. Einer der Eckensteher brach in Tränen aus.

Doch wenige Tage später eskalierte der Konflikt erneut. Die Dealer hatten die Eckensteher ausgetauscht, für „solideren Nachschub“ gesorgt. Laetitia wurde bedroht. „Ich habe dann den Bürgermeister des 14. Stadtbezirks angerufen, habe ihm freundlich erklärt, dass das schlecht ausgehen wird, weil einer (der Dealer) aus Nigeria mich mit der Machete bedroht hat. Er hat mir gesagt, dass er mich töten werde, dass ihm eh alles egal sei, da er keine Papiere habe.“ Laetitia weiter: „Die Großen aus dem Lebensmittelladen sind gekommen und haben ihn zurückgehalten, als er mit dem Messer auf mich loswollte.“

Laetitia wurde unter Polizeischutz gestellt. Wenig später zog sie weg aus dem Drogen-Viertel. Laetitias Kinder leiden bis heute unter dem Tod ihres Cousins: „Es ist etwas kaputt gegangen, durch den Tod von Rayanne. Das habe ich im Blick meiner Kinder gesehen. Früher lag da nur Unbeschwertheit und Unschuld in ihrem Blick. Seit jenem Tag ist das vorbei. Für immer...“

DZ Mafia und der Yoda-Klan kämpfen um Verkaufsgebiete

Auch im 15. Bezirk schlugen die Killerkommandos mehrmals zu. Der Bandenkrieg eskaliert seit Februar 2023. „DZ Mafia“ und der „Yoda“-Klan, zwei der größten Drogen-Kartelle von Marseille, kämpfen um die Kontrolle ertragsreicher Stadtviertel. Hinzu kommt eine Art Privatfehde zwischen den beiden Gangsterbossen. Ausgetragen wird dies vor den Plattenbauten der Armenviertel, auf Parkplätzen von Schnellimbissketten, in der Nähe von Schulen, in ruhigen Wohngegenden, in Dealervierteln, rund um die Uhr, zu jeder Tages- und Nachtzeit, überall und immer.

Ich bin mit Amine Kessaci verabredet. Sein älterer Bruder hatte Verbindungen in die Drogenszene – und wurde grausam ermordet. Amine glaubt an Bildung, Wille, Anstrengung und Verdienst. Und er hat sich herausgekämpft aus seinem Milieu, studiert heute Jura, ist politisch engagiert - und er hat einen Verein gegründet, „Conscience“, also „Gewissen“. Denn Amine glaubt auch an Solidarität, an Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

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Zusammen mit Anwälten und einer Psychologin betreut er Angehörige von Gewaltopfern. Oft wird er bereits wenige Minuten nach einer Schießerei angerufen, eine halbe Stunde später ist er vor Ort, tröstet, rät, hilft.

Amine Kessaci
Amine KessaciEuronews

EURONEWS: W__arum sind wir bei 49 Toten (im Jahr) angelangt? Warum sterben so viele Menschen im Kugelhagel der Killerkommandos?

AMINE KESSACI:

"Man hat die Netzwerke und Strukturen der Kleindealer in den Vorstadt-Vierteln immer größer und mächtiger werden lassen. Hinzu kommt, dass manche Stadtviertel derart isoliert sind, dass daraus Elendsviertel wurden. Die Leute hier wollen arbeiten. Und die einzige Arbeit, die ihnen möglich und in Reichweite erscheint, ist der Drogenhandel im Viertel."

Drogenhandel vor der Schule

EURONEWS: Und wer ist schuld? Fehlt es an Polizeimaßnahmen? Oder wird nicht genug gegen das soziale Elend getan? Wer trägt die Verantwortung?

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AMINE KESSACI:

"Sobald man aus dem Haus geht, ist das Erste, was man sieht, der Drogendeal überall. Sobald man aus der Schule kommt, ist das Erste, was man sieht, der Drogenhandel an jeder Ecke."

EURONEWS: Was sollte nun getan werden?

AMINE KESSACI:

"Ich denke, zuallererst sollte man die Stadtteilpolizei (lokale, vor Ort stationierte Polizeieinheiten in jedem Viertel; Anmerkung der Redaktion) wieder einführen, damit die Republik (der Staat) wieder Fuß fassen kann in unseren Vierteln. Man sollte zudem über die Legalisierung von Cannabis diskutieren, denn angesichts des Drogenkrieges haben wir verloren, es ist zu spät, da kann man nichts mehr machen. Und: man sollte ernsthaft die Schulbezirke völlig neu einteilen."

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Wer hat versagt?

EURONEWS: Welches ist das wichtigste Argument?

AMINE KESSACI:

"Insbesondere muss man Jugendliche, die sich vom Ausbildungs- und Arbeitsmarkt meilenweit entfernt haben, zurück in Arbeit, zurück in die Ausbildung bringen. Ein Teil unserer (Vereins-) Arbeit besteht darin, täglich bei Unternehmen anzufragen. Ich bitte sie darum, Jugendliche aus unseren Vierteln einzustellen."

EURONEWS: Was ich nicht verstehe, ist, warum sowohl die Opfer wie auch die Killer, oft beide, derart jung sind. Haben hier die Eltern versagt, oder woran liegt es?

AMINE KESSACI:

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"Kein Elternteil will, dass sein Kind ins Drogenmilieu abgleitet, das ist klar. Andererseits gibt es aber auch Eltern, die sich nicht mehr zurechtfinden, die um Hilfe bitten. Das Problem heutzutage: Die Sozialarbeiter machen keine direkten Hausbesuche mehr bei den Eltern, die Erzieher auch nicht. Es gibt heute einfach keine Strukturen mehr, die sich der Frage annehmen, wie man Eltern helfen kann, deren Kinder möglicherweise aufs schiefe Gleis geraten könnten."

Mein Bruder wurde verbrannt im Kofferraum eines Autos gefunden.

EURONEWS: Und wie ist die extreme Brutalität zu erklären, die totale Verrohung?

AMINE KESSACI:

"Diese Mörder sind jünger und jünger, also machen sie ihre 'Arbeit' - wenn man das Arbeit nennen kann - schlecht. Es gibt junge Opfer, die verbrannt werden, die man verkohlt wiederfindet. Mein Bruder wurde verbrannt im Kofferraum eines Autos gefunden. Mittlerweile ist ein Niveau der Barbarei erreicht, wie niemals je zuvor."

EURONEWS: Was hat das gemacht mit Dir, der Verlust Deines großen Bruders?

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AMINE KESSACI:

"Wer eine ihm nahe stehende Person verliert, der fühlt sich kaputt, zerbrochen. Jeder hat seine eigene Art, mit der Trauer fertig zu werden. Ich habe versucht das zu verarbeiten, indem ich mir gesagt habe, dass ich kämpfen werde für eine bessere Zukunft, für mich selbst und für die anderen Jugendlichen, die hier leben. Die Wut ist verschwunden. Geblieben ist Traurigkeit. Wer tötet sollte verstehen, dass er nicht nur einen Menschen tötet, sondern damit auch eine Familie zerstört. Die hinterbliebene Mutter ist am Boden, es gibt ein kleines Mädchen, dass niemals seinen Vater kennenlernen wird."

EURONEWS: Gibt es etwas, dass Dir Mut macht, Hoffnung gibt?

AMINE KESSACI: 

"Ich glaube wirklich daran, dass die Justiz eine Schlüsselrolle spielt."

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Gefängnis oder Tod

EURONEWS: Dein Schlusswort?

AMINE KESSACI: 

"Die gesamte Stadtteilpolitik muss von vorne aufgerollt werden. Und das Erziehungssystem, die Schulpolitik ebenfalls. Man muss sich das wirklich mal vor Augen führen: 8-jährige Kinder wachsen damit auf, dass vor ihren Augen, in ihrem Stadtviertel, um 14 Uhr vor ihrer Schule Menschen ermordet werden, das wird fast schon zu einer Banalität. Hier sind auch die Mütter gefragt, sie müssen ihren Kindern klarmachen: Wer seinen Fuß in einen Drogenring setzt, für den gibt es ab da nur noch zwei Auswege, Gefängnis oder Tod. Multimillionär wird man nicht."

Schwarzmarktpreise für Waffen um 40 Prozent gesunken

Auch im zentral gelegenen 14. Stadtbezirk von Marseille wird mittlerweile geschossen. Das Viertel Les Chutes-Lavie galt bislang als eher ruhig. Nun werden hier Fassaden von Wohnhäusern durchsiebt. Im Putz sind die Einschusslöcher zu sehen. Zwei Menschen wurden hier mit Kalaschnikows ermordet.

An der Straßenecke zwischen Kneipe und Tabakwarengeschäft hängt ein Blumenstrauß neben dem Mülleimer. Ein älterer Mann mit Hund kommt aus dem Haus, will aber nicht mit uns reden. Verständlich – wieder einmal habe er nachts kaum schlafen können, sagt er nur kurz. Die Erinnerung an die Schüsse raube ihm den Schlaf.

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Die Gangster profitieren von Sonderangeboten für Schusswaffen im Darknet. Seit dem russischen Krieg gegen die Ukraine sind die Schwarzmarktpreise laut Polizei um 40 Prozent gesunken. Das Gros der Waffen stammt zwar noch aus dem Balkankrieg. Aber neulich beschlagnahmte die Polizei auch ein Gewehr aus dem 3D-Drucker.

Verabredung mit Eddy Sid. Der Polizist kennt sich aus im Drogenkrieg von Marseille. Als Sprecher einer Polizeigewerkschaft kann er offen mit uns reden – im Gegensatz zu der Polizeidirektion von Marseille, die mehrere offizielle Interviewanfragen abschlägig beschied.

Eddy Sid
Eddy SidEuronews

EURONEWS: Ist die Situation in Marseille außer Kontrolle?

EDDY SID:

"Nein, glücklicherweise haben wir wieder alles im Griff. Was man von der Polizei in Marseille lernen kann, ist, dass die Strategie der ständigen Belästigung, das permanente Beharken der Dealer-Szene funktioniert. Das Einzige, was heute noch funktionieren kann, ist, das Territorium mit einem Raster zu überziehen, also die verstärkte Dauer-Präsenz der Polizei vor Ort. Nur diese ‘Trommelfeuer-Strategie‘, wie wir es nennen, wirkt bei den Drogenhändlern."

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"Aber das ist ein Abnutzungskrieg! Wir führen einen Abnutzungskrieg!"

EURONEWS: Was macht der Staat? Was machen Sie? Nennen Sie uns ein paar Zahlen!

EDDY SID:

"Man muss wissen, dass wir in Marseille jeden Tag fünf bis zehn Dealer-Treffs kontrollieren und auflösen."

EURONEWS: Jeden Tag?

EDDY SID:

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"Jeden Tag!"

EURONEWS: Wieviel Geld wird im Drogenhandel in den Vorstädten umgesetzt?

EDDY SID:

"Die mit dem Drogenhandel erzielten Umsätze sind enorm: In Marseille erwirtschaftet ein gut gehender Dealer-Treff zwischen 25 und 90.000 Euro, jeden Tag. Es ist wie bei Dante in der Hölle, was da auf dem Spiel steht. Und genau deshalb braucht man eine verstärkte Polizeipräsenz, vor Ort."

EURONEWS: Aber was nützt das alles? Sind die Dealer denn am nächsten Tag nicht gleich wieder da, an derselben Stelle?

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EDDY SID: 

"Klar kommen die wieder. Aber das ist ein Abnutzungskrieg! Wir führen einen Abnutzungskrieg!"

Zum Abschluss des Gesprächs fordert Sid, dass der Staat – obwohl er bereits ganze Hundertschaften zusätzlicher Polizisten für Marseille abgestellt hat – auch in den kommenden zwei, drei Jahren den Personalausbau vorantreibt. Und, das ist Sid wichtig, es solle nicht erneut auf irgendwelche Übergangslösungen gesetzt werden, es sollten feste Stellen geschaffen werden.

„Opération place nette“ - „Operation Sauberer Platz“

Seit Herbst 2023 hat das Innenministerium die Polizei-Einsätze gegen Drogendealer überall in Frankreich massiv verstärkt: „Opération place nette“ nennt sich das, „Operation Sauberer Platz“. Ganze Viertel werden abgeriegelt. Polizisten mit Spürhunden durchkämmen Keller und Treppenhäuser. 

Pro Woche gibt es zehn derartige Großaktionen. Reicht das? Bringt das was? Die Debatte läuft, und die Expertenmeinungen gehen auseinander. Einige Stimmen fordern, die begrenzten Finanz- und Personalkapazitäten eher auf die Jagd nach den Hintermännern zu konzentrieren. Andere meinen, die Vor-Ort-Aktionen müssten ausgebaut werden. Vermutlich liegt die Antwort auf das beste Rezept in einem soliden Sowohl-Als-Auch.

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Zurück nach Marseille: Auch der gutbürgerliche 6. Bezirk hat ein Drogenproblem, nur ist es hier weniger augenfällig. Denn viele Dealer steigen derzeit um auf Moped-Direktservice mit Lieferung an die Haustüre. Auch die Beschaffungskriminalität nehme zu, sagt Steve. Der Hausmeister und seine Freundin Magali fühlen sich nicht mehr sicher in Marseille. 

Die Video-Überwachungskameras des von ihm betreuten Gebäudekomplexes zeigen regelmäßig Einbruchversuche über die Terasseneingänge. In der Nachbarschaft gab es neulich einen Überfall: Die Gangster fesselten zwei Teenager in der Wohnung ihrer Eltern, nahmen ihnen die Handys ab. Drogenabhängige werden immer hemmungsloser, sagt Steve, um an Geld oder Wertgegenstände zu kommen.

Steve und Magali
Steve und MagaliEuronews

Auf dem Heimweg mit dem Bus wurde Magali unlängst selbst direkte Augenzeugin eines Gewaltverbrechens. Nach einem anstrengen Arbeitstag in der Kita kam der Bus plötzlich in einem Stau zu stehen. “Ich drehe meinen Kopf zur Scheibe, um zu sehen, was da los ist“, erzählt Magali. „Ich habe ein Auto gesehen, das in eine Bushaltestelle gerast war, der Fahrer am Steuer hatte eine Kugel im Kopf. Die Person war auf der Stelle tot. Das sind Bilder, die ich wohl nie vergessen werde.“

Ihre beste Freundin war zu diesem Zeitpunkt in einer Bäckerei neben der Bushaltestelle und hatte einen direkten Blick auf den Ablauf des Geschehens. Der „übliche“ modus operandi, à la Marseille: ein schwarz vermummter Motorradfahrer, eine Kalaschnikow, die Schüsse, die Flucht.

Ihr Freund Steve ist zunehmend besorgt, auch ganz direkt um seine persönliche Sicherheit und die seiner Freundin: „Ich denke, dass sich die Dinge seit den 90er Jahren beschleunigt haben, ab da wurde es immer schlimmer in Marseille, weil halt niemand was dagegen unternommen hat. Du bist nie in Sicherheit, egal um was es geht.“

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Steve wuchs im 13. Bezirk, der heute als Dealer-Hochburg gilt, auf. Als er dort neulich einen alten Freund aus Jugendtagen besuchen wollte, stoppte ihn ein Schmieresteher im Auftrag der Drogendealer am Eingang der Hochhaussiedlung.

Personenkontrolle durch den Schmieresteher der Drogendealer

EURONEWS: Kontrollieren die Eckensteher der Drogenmafia wirklich jeden, der das Viertel betritt?

STEVE:

"Ja, klar. Ich war selbst total überrascht. Der war da, um alle Ein- und Ausgänge des Plattenbaus zu überwachen. Der kannte mich nicht vom Sehen, dachte vermutlich, dass ich ein Zivilfahnder der Polizei bin oder so etwas. Jedenfalls ist er auf mich zugegangen, hat mich ausgefragt wer ich bin, zu wem ich will und warum. Dann wollte er meinen Ausweis sehen!"

EURONEWS: Und? Was hast Du gemacht?

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STEVE:

"Ich habe auf der Stelle meinen Kumpel im Wohnblock angerufen. Der hat sich überhaupt nicht gewundert. Das ist dort Alltag."

EURONEWS: Du hast dem Ganoven am Eingang also Deinen Personalausweis überlassen?

STEVE:

"Nein, ich habe ihn angeschwindelt, ihm gesagt, dass ich den nicht dabei hätte. Wer weiß, was der damit macht, vielleicht kopiert er den Perso oder dreht ein krummes Ding damit. Ersatzweise habe ich ihm dann meine Krankenversicherungskarte gegeben."

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EURONEWS: Dann hat er Dich durchgelassen?

STEVE:

"Dann hat er mich durchgelassen und gesagt, dass er die Karte erstmal behält. Wenn ich dann wieder gehe, wolle er mir sie zurückgeben, was er später dann auch getan hat."

EURONEWS: Eine Personenkontrolle durch den Schmieresteher der Drogendealer also?

STEVE:

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"Ja, genau. Das ist alles völlig irre."

Rekrutierung frankreichweit über Telegram

Kundenwerbung für illegale Drogendeals und die Anwerbung von Eckenstehern (den „guetteurs“), Drogen-Lageristen (den „nourrices“) und Kleindealern läuft übers Internet. In der Drogenszene allgemein beliebt und vielfach genutzt ist Telegram. Mit professionell gemachten Clips und Kleinanzeigen wirbt die Drogen-Mafia dort frankreichweit um Mitarbeiter für Marseille, aufgeschlüsselt nach Stadtvierteln und Bandenterritorien: Schmieresteher bekommen 150, Kleindealer 300 Euro pro Tag. 

Manchmal gibt es Risikoaufschläge für "Problemviertel", in denen die Polizei häufiger kontrolliert - oder in denen es neulich zu Schießereien mit der Konkurrenz-Gang kam. Die verschlüsselten Kommunikationswege von Telegram machen eine Überwachung durch die Polizei schwer.

"Stellenanzeige" des Yoda-Klan auf Telegram
"Stellenanzeige" des Yoda-Klan auf TelegramEuronews

Die Hochhaussiedlung “Les Marronniers” im 14. Stadtbezirk gilt als einer DER Drogen-„Hotspots“ von Marseille. Mohamed wohnt gleich um die Ecke. Der Sozialarbeiter kennt hier jeden – und jeder kennt ihn. 

Er ist einer der wenigen, der wirklich mit allen ins Gespräch kommt, mit den Kleinganoven genauso wie mit besorgten Eltern, Nachbarn, Ordnungskräften, Beamten, mit gefährdeten Jugendlichen wie mit zornigen Älteren – und bei einem Marseille-Besuch von Frankreichs Präsident Macron hat Mohamed es sogar geschafft, mit Macron zu reden, zwar nur zwei Minuten – aber immerhin, Macron hörte zu.

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Wenn Mohamed mit Eckenstehern und Dealern redet, dann versucht er, sie zum Ausstieg aus dem blutigen Geschäft zu bewegen. Als Mohamed mit Macron sprach, forderte er eine bessere Verwendung der vielen Subventions-Millionen. Es hilft ja nichts, so die Sichtweise vieler hier im Viertel, dass der Staat einfach nur Geld ausschüttet – es sollte auch konkret dort ankommen, wo es benötigt wird. Sprich: in Ausbildungsprogrammen, Nachbarschaftszentren, in der Sozial- und Jugendarbeit. 

Gezielte Förderung statt Gießkannenprinzip, eine Idee von Mohamed, die Macron gut fand. Wie auch Mohameds Forderung, das Schulsystem zu reformieren – so dass wirklich jeder, auch Jugendliche mit weniger Begabung für Mathe, einen Weg ins Berufsleben findet.

Mohamed nimmt uns mit ins Viertel. Filmen in “_Les Marronniers_” geht nur vormittags. Später, bis tief in die Nacht, regiert hier die Drogenmafia. Am Eingang des Viertels steht ein Plattenbau mit ausgebrannter Etage, in der nackten Fassadenfront thront ein Plastikstuhl über der Kreuzung – ein perfekter Aussichtspunkt für den Wachposten der Dealer. 

Wachposten der Drogendealer in der Hochhaussiedlung “Les Marronniers” im 14. Stadtbezirk
Wachposten der Drogendealer in der Hochhaussiedlung “Les Marronniers” im 14. StadtbezirkEuronews

Unten auf der Kreuzung liegt noch eine alte Matratze, überall auf dem Asphalt und in der Nähe sind Brandspuren kleiner Lagerfeuer zu sehen, auch leere Bonbon-Tüten – klar, die Nächte sind kalt und lang, das Warten auf Kunden versüßen sich die meist jugendlichen Kleinganoven mit Zuckerkram.

EURONEWS: Mohammed, kannst Du uns kurz erklären, was hier abgeht?

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MOHAMED BENMEDDOUR:

"Das ist einer der beiden Zugänge zum Viertel, hier liegt oft Sperrmüll rum…"

EURONEWS: Um so den Zugang zu kontrollieren?

MOHAMED BENMEDDOUR:

"Genau, um den Fahrzeugfluss zu kontrollieren. Die Autos müssen Slalom fahren. Wenn die Ordnungskräfte kommen, müssen sie (ihr Polizeiauto) abbremsen. - Und wenn Du einen Feind hast, also jemanden aus einer konkurrierenden Drogenbande, der mit dem Auto kommt, um zu schießen, dann können die nicht sofort schießen, die müssen langsamer fahren und man hat Zeit, die zu entdecken."

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Wir gehen um den Block herum. Hinter dem Plattenbau ist ein Parkplatz, auch hier sind Brandspuren am Boden zu sehen, ein verkohlter Baumstumpf, ein zerbrochener Spiegel, Müll und Mauern. Mit roter Schrift sind dort meterhoch Zahlen aufgelistet. Denn die Dealer haben feste Verkaufsstellen eingerichtet, oft sind es Eingangshallen oder Parkplätze. Bis zu 900 Kunden kommen an so einem gut gehenden informellen Drogen-Shop vorbei - pro Tag! Gut, an durchschnittlichen Tagen sind es weniger, aber der Fluss der süchtigen Kunden reißt selten ab.

Sozielarbeiter Mohamed Benmeddour
Sozielarbeiter Mohamed BenmeddourEuronews

EURONEWS: Die Zahlen da an der Mauer, was ist das?

MOHAMED BENMEDDOUR:

Das sind die Geschäftstarife.

EURONEWS: Die Preisliste der Drogen?

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MOHAMED BENMEDDOUR:

Steht alles da: Shit gibt’s für 50 Euro, mâche für 20, mâche ist Kokain. Je nach Menge. Auch 100 Gramm sind im Angebot, ganze Cannabis-Tafeln. Alle Preise gut im Überblick! Der Kunde kommt an und hat alle Preise aufgelistet wie in einem Restaurant.

Preisliste für Drogen an einer Mauer
Preisliste für Drogen an einer MauerEuronews

Mohamed ist nicht nur auf die Dealer wütend und auf die Politik, sondern auch auf die Kunden. Schließlich sind es die Süchtigen, die Drogenkonsumenten, die das Rad aus Mord und Totschlag am Laufen halten.

Seitdem die Drogengangs sich gegenseitig umbringen, mangelt es an in Marseille zunehmend an lokalen Ortskräften. Um dem „Fachkräftemangel“ der Drogenvertriebsbranche beizukommen, rekrutieren die Kartelle zunehmend von außerhalb. Das bestätigt auch die Polizei. Bei Festnahmen stoßen die Beamten immer häufiger auf Kleindealer aus Lyon, Paris, Lille, Avignon, Dijon…

Der verschuldeten Mutter helfen

Vermutlich rettete Mohamed einem der Schmieresteher das Leben. Er kaufte dem Jugendlichen eine Zugkarte zurück in seine Heimatstadt Sarcelles bei Paris. Aus Mitleid. Wenig später wurde hier geschossen. Das war kurz vor dem Besuch des Staatspräsidenten in Marseille. Doch bevor er den jungen Mann in den Zug setzte, nahm Mohamed ein kurzes Interview mit ihm auf, im Treppenhaus des Plattenbaus. Er zeigt uns die Aufnahme.

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Auf der Tonspur des mehrminütigen Clips ist die Stimme Mohameds zu erkennen: „Ich entdecke Dich hier beim Schmiere stehen, hinter meiner Wohnung. Ich frage mich, was ein junger Typ aus dem Departement 95 hier zu suchen hat?“

Die Antwort des recht kleinlauten Nachwuchsganoven: „Ich bin halt nach Marseille runtergefahren, um an Kohle zu kommen, wie alle jungen Leute. Wir geben gerne Geld aus, wir möchten unsere Bedürfnisse befriedigen. Ich mache das nicht, um den Leuten Angst einzujagen. Wir machen das, um uns irgendwie durchzuschlagen.“

Erneut die nachfragende Stimme Mohameds: „Aber wieso machst Du das?“ - Darauf der Kleindealer: „Ich war mittellos. Bei mir gibt es manchmal einen Monat lang nichts Richtiges zu essen. Ich versuche, meiner Mutter zu helfen, die lebt ganz allein, ohne Ehemann.“ Dann kommen Details aus dem Familienleben: „Als meine Mutter daheim im Dorf war, hat sie meinem Bruder Geld für die Miete geschickt, ich war damals im Gefängnis, ich war nicht da. Und mein Bruder hat die ganze Kohle mit seiner Freundin auf den Champs-Elysees verjubelt, der hat das ganze Geld aus dem Fenster geschmissen. Meine Mutter hatte dann anschließend Riesenschulden, derzeit versucht sie, das irgendwie zurückzuzahlen. Und ich versuche halt zu helfen, wie ich kann.“

Druckverband als Rettung

Der junge Mann kehrte unversehrt zurück nach Hause, nach Sarcelles. Ob ihm das „Abenteuer Marseille“ als Schock und Lehre gedient hat? Mohamed hat er es versprochen, als moralische Gegenleistung für die Rückfahrkarte. Er wolle nun anderswie versuchen, Geld zu verdienen, vielleicht in einem Restaurant oder Imbiss.

Auf Mohameds Gesicht legt sich ein undefinierbarer Ausdruck, sein Blick scheint sich irgendwie zu verlieren, er taucht ein in seine Erinnerungen. Zu viel hat er hier im Viertel gehört, gesehen, erlebt. Wir gehen eine kleine Treppe hinunter auf den Vorplatz eines Hintereingangs, gleich neben dem „Drogen-Menue“ an der Parkplatzmauer. Einige Bewohner des Plattenbaus kommen und gehen. Mohamed starrt kurz auf den kahlen Boden. Hier lag die 17jährige Sarah.

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Mohamed erzählt mit leiser Stimme: „Das war im Juni 2023. Sarah hing hier mit ihren Freunden ‘rum, als ein Auto ankam und anhielt. Es stiegen vermummte Typen aus, bewaffnet. Die haben begonnen mit der Kalaschnikow zu schießen. Ich war zu Hause, habe das gehört und sofort verstanden, was los ist. Ich bin runtergelaufen, habe mir mein Moped geschnappt und eine Runde um den Block gedreht. Als ich auf der anderen Seite, hier am Eingang ankam, habe ich Sarah auf dem Boden entdeckt, noch bei Bewusstsein, das Bein fast abgetrennt (durch die großkalibrigen Einschüsse). Die Jungs aus dem Viertel haben einen Druckverband gelegt, um sie zu retten.“

Sterben für eine Handvoll Euro

Mohamed macht eine kurze Pause. Dann taucht er wieder ein, in den Fluss seiner Erinnerung: „Sie hatte den Blick eines Menschen, der beinahe im Sterben liegt. Ich hatte Angst, dass sie nicht mehr aufwacht. Heutzutage kann man wegen einer Banalität sterben, wegen einer Nichtigkeit, für eine Handvoll Euro. Das Leben hat für diese jungen Leute nicht die geringste Bedeutung mehr.“

Wir verlassen das Viertel. Mohamed will uns noch eine andere Ecke im Norden Marseilles zeigen, « La Paternelle ». Ich wundere mich, denn als wir ankommen, atmet das in hellen, warmen Farben gehaltene, hübsche Wohnviertel Ruhe, Frieden, ja Gemütlichkeit. Keine Plattenbauten stehen hier, sondern viele niedrige Wohnpavillons, gesäumt von kleinen Terrassen, Sitzbänken, Plätzen. Frei herumlaufende Hühner und streunende Katzen spielen ihr übliches Katz-und-Huhn-Spiel. Ein Hahn kräht. Idylle pur! Und doch war hier bis vor kurzem einer der einträglichsten, einer der gefährlichsten Dealer-Treffs Frankreichs.

Warum ausgerechnet hier?

Die Killer der Drogen-Clans DZ Mafia und Yoda kämpften um die Kontrolle des „Bilderbuchviertels“. Fünf Menschen wurden hier im vergangenen Jahr (2023) ermordet. Warum flammte der Bandenkrieg ausgerechnet hier so heftig auf? Mohamed zeigt auf den Kreisverkehr unterhalb des Pavillon-Viertels. Wer von der Autobahn abbog, konnte bislang sofort über den Verkehrskreisel in das verwinkelte Straßen- und Platzlabyrinth von „La Paternelle“ einfahren, wurde von gleich mehreren Deal-Stopps sofort bedient und konnte nach wenigen Minuten wieder auf der Autobahn sein, auf dem Rückweg nach Avignon, Lyon oder sonstwohin. Die verkehrstechnische Perfektanbindung gereichte „La Paternelle“ zum Fluch, das Viertel wurde von den Drogenbossen zum „Drive-In“ für Schnell-Deals umfunktioniert.

Erneut greift Mohamed in sein inneres Horrorkabinett blutiger Erinnerungen, berichtet von jenem Abend, als er hier vorbeikam. Wie so oft, sah er eine Gruppe Kleindealer und Eckensteher um eines der üblichen Müllfeuer lungern, auf Drogen-Kunden wartend. „Ihr riskiert hier Eurer Leben“, warnte er die Jung-Ganoven, „hier herrscht Krieg, irgendwann werdet ihr hier abgeballert.“ 

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Eine ganze Generation verreckt in Blut und Kotze

Mohamed bot den Kleinkriminellen an, ihnen beim Ausstieg aus dem Milieu zu helfen, vielleicht einen Job in der Kinobranche zu verschaffen. Mohamed hatte zum damaligen Zeitpunkt Kontakte zu dem Produzenten einer erfolgreichen Serienproduktion, gesucht wurden Statisten. Vielleicht wäre das eine Tür gewesen, raus aus den Drogendeals, rein in eine andere Welt. Die Jungs dankten artig und versprachen, sich das bei Gelegenheit mal durch den Kopf gehen zu lassen. Doch die Killer waren schneller.

„Am nächsten Tag habe ich dann gehört, dass es wieder zu einer Schießerei gekommen war, genau dort unten in La Paternelle. Einer der Jungs, mit denen ich am Vorabend noch gesprochen hatte, war tot“, sagt Mohamed mit tonloser Stimme. „Komisches Gefühl irgendwie“, wundert er sich noch immer. Er hat es satt, man sieht es ihm an, die dauernde Spannung und Gewalt, die Schreie und Schüsse, die Toten, den ganzen Deal- und Drogendreck, die Verelendung, das Abgleiten einer ganzen Generation in sinnlose Gewalt, das Verrecken in Blut und Kotze.

Jetzt wird durchgegriffen

Doch jetzt greift die Polizei durch: Im vergangenen Jahr (2023) wurden in Marseille und der umliegenden Region über 2300 Dealer verhaftet, 107 Sturmgewehre beschlagnahmt, 78 Deal-Punkte „geschlossen“, wie in offiziellen Statistiken und Mitteilungen formuliert wird. Aber was heißt das schon, "einen Deal-Punkt schließen"?

Vor „La Paternelle“ verhindern nun Betonklötze, dass Drogen-Kunden von der Autobahn direkt ins Viertel abbiegen können. Permanente Polizeistreifen, Zivilfahnder und Dauerbeobachtung haben den Dealpunkt abgestellt. Für immer? Oder hat sich das Problem einfach nur verlagert?

Wir versuchen, mit einigen der Anwohnern ins Gespräch zu kommen. Nach wie vor herrscht eine angespannte Stimmung im Viertel, die seit kurzem eingezogene Vorstadt-Idylle scheint trügerisch, die Menschen hier sind auf der Hut, vorsichtig. Ein junger Mann reagiert kurz angebunden: „Ja, ich wohne hier, aber ich kümmere mich einfach nicht um das, was hier vor geht.“ – Ein Auto hält, ein sehnig-stählern wirkender Mann mit kantigem Narbengesicht steigt aus, will wissen wer wir sind, woher wir kommen, was wir hier tun und warum. Er selber räume jeden Morgen Müll weg, wir sollten doch mal "das Treppchen dort hochgehen…“. Was wir dann auch tun.

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Auf einem zentral gelegenen kleinen Platz sind frische Brandspuren zu sehen, einige verkohlte Baguette-Brote und Bonbontüten liegen am Rand des erloschenen Lagerfeuers. Anzeichen dafür, dass die Deals doch wieder aufgenommen wurden?

Verschwindet!

Wir sprechen eine Frau an, sie hat sichtbar Angst, flüstert uns zu, wir sollten besser schnell verschwinden, „hier im Viertel fährt immer noch dieser schwarze SUV rum, die Gangster sind in der Lage, einen noch nicht strafmündigen Teenager anzuheuern, um Euch abzuknallen!“ Ob wir ihr unsere Telefonnummer dalassen können, um später nochmal in Ruhe zu sprechen, unbeobachtet? Die Frau zögert kurz, sagt dann rasch: „Schreibt Eure Nummer auf einen Zettel und lasst den dort drüben auf den Boden fallen, so dass es niemand sieht, ich hebe den dann später auf.“

Einige Tage später klingelt das Telefon. Die Frau ist nicht sehr viel gesprächiger, aber etwas ruhiger nun. Sie bestätigt das Geflüsterte, immer noch werde gedealt, allerdings etwas weiter weg. Sie nennt uns eine Adresse, nur wenige Straßenzüge von La Paternelle entfernt.

Lange Arbeitstage in der Staatsanwaltschaft

Der frisch ins Amt eingesetzte Staatsanwalt von Marseille, Nicolas Bessone, hat lange Arbeitstage. „Bei mir geht es los um 6 Uhr morgens“, begrüßt er uns in seinem Büro, durch das wir durch eine Ultra-Hochsicherheitsschleuse gelangen. Bereits am Eingang des Justizgebäudes gibt es Röntgenkontrollen wie an einem Flughafenterminal. Auf den oberen Etagen dann dicke Metalltüren, Gesichtskontrollen, Gegensprechanlagen, solide Verriegelungsmechanismen. 

Sicherheits-Checks sind hier Routine. Und lebenswichtig. Denn Bessone gilt als eine echte Trumpfkarte unter Strafverfolgern. Politiker, Polizisten, Juristen, die Einwohner in den von Drogendeals geplagten Stadtvierteln, alle sprechen sie mit Respekt von dem Neuankömmling, die Erwartungen an ihn sind hoch. Denn sein Name steht für etwas: Jetzt wird Ernst gemacht!

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Recherchen der vergangenen Jahre haben gezeigt: Das französische Drogengeld fließt nach Dubai, Hongkong, Ungarn, Spanien, Algerien, Marokko und in die Türkei. Manchmal macht es auch einen Schlenker Richtung Benelux-Staaten und Deutschland. Oder es wird in französischen Kebab-Läden gewaschen, in Nagel-Studios, Wettbüros, Spielcasinos, Sicherheitsfirmen und im Baugewerbe.

Dieses Geld tötet

EURONEWS: Sie sprechen von « Drogenterror », warum verwenden Sie diesen Ausdruck?

NICOLAS BESSONE:

"Mit Drogenhandel werden in Frankreich (jährlich) drei Milliarden Euro umgesetzt. Dieses Geld fließt nur so, dieses Geld ermöglicht Korruption, dieses Geld tötet. Ich habe regelmäßig Fälle von Entführungen und von Folter, weil der junge Drogenverkäufer dem Drogenring 20 Euro geklaut hat, um sich ein Sandwich zu kaufen."

EURONEWS: Herr Staatsanwalt: Was macht der Staat?

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NICOLAS BESSONE:

"Bis zu den Köpfen der Drogenringe vordringen, auch im Ausland. Die Geldwäsche-Mechanismen aufdecken, denn man muss das kriminelle Hab und Gut beschlagnahmen, um die Organisation zu schwächen. - Es ist falsch zu sagen, der Staat würde sich nicht über das gesamte Ausmaß des Phänomens im Klaren sein. Der Justizminister hat beispielsweise Stellen für Verbindungs-Richter in Dubai geschaffen, denn man weiß, dass viele unserer Drogenhändler, die, die an der Spitze der Drogenringe stehen, dorthin geflüchtet sind und dort (das Drogengeld) investieren."

Wir sollten uns von Italien inspirieren lassen

EURONEWS: Welche Anregungen bekommen Sie von Ihren Kollegen aus anderen Staaten der Europäischen Union?

NICOLAS BESSONE:

"Nehmen wir beispielsweise Italien. Der Süden Italiens leidet unter der Mafia, die dort eine regelrechte Parallelgesellschaft aufgebaut hat, weshalb dort eine sehr weitreichende Gesetzgebung verabschiedet wurde, sowohl für die Beschlagnahmung kriminellen Hab und Guts wie auch für eine Kronzeugenregelung. Die Lage heute in Frankreich verlangt einen gesetzgeberischen Schock. Wir sollten uns von Italiens Gesetzen inspirieren lassen."

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EURONEWS: Drogenhandel ist nichts Neues, gerade hier in Marseille nicht. Was hat sich verändert?

NICOLAS BESSONE:

"Wenn es früher im traditionellen (Drogen-) Milieu von Marseille zu Auseinandersetzungen kam, dann wurde jeweils der Kopf der konkurrierenden Bande ins Visier genommen. Es wurden erfahrene Killerkommandos eingesetzt, die jeweils ihre Vorkehrungen getroffen haben. Heute geht es um etwas anderes, es geht den Drogenterroristen darum, ein gesamtes Stadtviertel einzuschüchtern, die Wohnblocks, wo sich der Drogenhandel (der konkurrierenden Bande) abspielt, soll terrorisiert werden mit dem Ziel, dort die Kontrolle zu übernehmen."

Wie bei Terror-Anschlägen

EURONEWS: Sowohl Opfer wie Täter sind viel jünger als früher. Stimmt das?

NICOLAS BESSONE:

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"Heute wird nicht gezögert, junge Kleindealer großflächig unter Kalaschnikow-Beschuss zu nehmen, also Beteiligte, die innerhalb der (Drogenmafia-) Organisation keinerlei Bedeutung haben. Die Gewaltorgien führen dazu, dass es quasi blindlings zu Zufalls-Opfern kommt. In gewisser Weise ähnelt das Terror-Anschlägen."

EURONEWS: Seit kurzem setzt das Innenministerium auf verstärkte Polizeipräsenz vor Ort, auf Razzien im Rahmen der Operation „Place Nette“ (Sauberer Platz). Reicht das? Was muss, was kann getan werden, die Tentakel dieser um sich greifenden Drogenmafia zu beschneiden?

NICOLAS BESSONE:

"Diese 'Place-Nette'-Razzien bringen durchaus was. Aber man kann sich natürlich nicht alleine darauf beschränken. Die Untersuchungsrichter müssen die Auftraggeber finden. (…) Bei uns in Marseille arbeiten wir Hand in Hand mit Finanzinspektoren. Mein Ziel ist es, bei jeder Untersuchung eines Drogenhandels sofort auch eine Geldwäsche-Untersuchung in die Wege zu leiten."

Ist das Töten nun vorbei?

EURONEWS: In Marseille tobt ein Bandenkrieg, die beiden großen Drogenringe, DZ Mafia und Yoda, schicken sich wechselseitig Killerkommandos, nicht nur hier in Marseille, auch in anderen Städten – neulich sogar in Spanien. Die Justiz konnte in diesem Zusammenhang 138 Verhaftungen vornehmen. Ist damit der Drogenkrieg beendet, ist das große Töten nun vorbei?

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NICOLAS BESSONE:

"Ich hoffe, dass diese Verhaftungen den Druck im Kessel senken, dass es nun weniger Drogenmorde geben wird. Andererseits sollte man nicht vergessen, dass Marseille nicht die deutschsprachige Schweiz ist… Auch vor dem jetzigen Drogenkrieg (zwischen DZ Mafia und Yoda) wurde im Marseiller Drogenmilieu gemordet, seit einem Jahrzehnt sind wir bei durchschnittlich 20 bis 30 Toten im Jahr, um die Kontrolle über gewisse Territorien zu erlangen. – Marseille ist eine Hafenstadt am Mittelmeer, es gibt hier organisierte Kriminalität. Ich denke, wir sollten das Problem in seiner Globalität angehen."

EURONEWS: Das heißt?

NICOLAS BESSONE:

"Nun, es braucht Repression und eine konsequente Strafverfolgung, doch im Raum steht auch ein echtes soziales Problem. Klar, wenn man mir den großen (Juristen-) Hammer in die Hand drückt, habe ich kein Problem damit, juristisch fest zuzuschlagen, das ist mein Auftrag. Doch man darf nicht vergessen, dass 20 bis 30 Prozent des Großraums Marseille vom überall durchsickernden Drogengeld lebt, schlecht lebt, das ist quasi das Konzept der 'mala vita' in Italien. Wenn man das Problem nicht auch von seiner sozialen Dimension her angeht, dann können weder die Polizei, noch die Justiz das Problem aus der Welt schaffen."

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Justiz zu lasch?

EURONEWS: Wir wurden im Laufe unserer Recherche mehrfach angesprochen von Menschen, die meinten, die Justiz sei zu lasch. Anders gefragt: Was nützt es, tägliche Razzien durchzuführen, wenn am kommenden Tag alle Beteiligten wieder auf freiem Fuß sind, ganz einfach deshalb, weil viele Eckensteher und Kleindealer minderjährig, also noch nicht strafmündig sind?

NICOLAS BESSONE:

"Das ist viel zu verkürzt gedacht. Im Gefängnis Baumettes von Marseille haben wir eine Belegungsrate von 185 Prozent! Auch das ist eine gesellschaftliche Entscheidung. Und wenn Sie sich mal in einen Prozess der siebten Strafverfolgungskammer setzten, dann werden Sie feststellen, dass die dort verhängten Gefängnisstrafen oft zweistellig sind (also länger als zehn Jahre Gefängnis)! Und auch Minderjährige können, wenn sie Wiederholungstäter werden, in eine Strafanstalt von Marseille gesteckt werden. Die Frage stellt sich allerdings, welche Gesellschaft wir wollen. Wollen wir in einer Gesellschaft leben, in der 12- und 13jährige ins Gefängnis kommen? Ich bin mir nicht sicher, ob dies das Problem lösen wird."

EURONEWS: Was tun?

NICOLAS BESSONE:

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"Der Staat stellt der Justiz in Marseille die erforderlichen Mittel zur Verfügung, um dem Phänomen beizukommen. Einige aussagekräftigen Zahlen: Als ich das erste Mal hier in Marseille arbeitete, gab es 35 Richter. Mittlerweile sind wir 56. Damals gab es 17 spezialisierte Untersuchungsrichter, heute sind es 27. Seit einem Jahrzehnt wird massiv eingestellt. Das gilt übrigens auch für die Kriminalpolizei in Marseille. Allerdings existiert nach wie vor das Problem, ausreichend viele Ermittler bei Polizei und Gendarmerie auf investigative Ermittlungen ansetzen zu können, ganz einfach deshalb, weil die Zahl der Ermittlungen enorm hoch ist."

Drogenkunden mitverantwortlich für Gewalt und Verbrechen

EURONEWS: Es gibt zwei Seiten. Da sind einerseits die Drogenhändler. Doch andererseits wird das ganze Geschäft ja durch die Konsumenten am Laufen gehalten, oder?

NICOLAS BESSONE:

"Ja. In diesem Land (Frankreich) ist der Drogenkonsum ein echtes gesellschaftliches Problem. Warum wirft das Drogengeschäft derart beträchtliche Summen ab? Weil die Konsumenten sehr viel Geld für den Kauf von Drogen ausgeben. Nehmen Sie einen 16jährigen aus privilegiertem Elternhaus, der sich seinen Hasch im Viertel „La Paternelle“ kauft. Alle Welt sollte sich darüber völlig im Klaren sein, dass dieser 16jährige (Drogenkunde) zumindest indirekt mitverantwortlich ist für den durch einen Auftragsmord getöteten 16jährigen (Drogendealer), einen Mitmenschen."

Weitere Quellen • Schnitt: Stephane Petit, Tonmischung: Matthieu Ducheine

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