So viele Tote wie seit Jahrzehnten nicht. Experten schlagen Alarm – die Gewalt erinnert an das Chaos der Islamischen Revolution von 1979.
Mindestens 2.571 Menschen sind bei den anhaltenden Protesten im Iran ums Leben gekommen. Das berichtete am Mittwoch eine in den USA ansässige Menschenrechtsorganisation, nachdem die Behörden nach tagelangen landesweiten Strom- und Internetausfällen die Kommunikation teilweise wiederhergestellt hatten.
Nach Angaben der Human Rights Activists News Agency (HRANA) wurden 2.403 Demonstranten sowie 147 regierungsnahe Personen getötet. Unter den Opfern befinden sich zwölf Kinder und neun Zivilisten, die nicht an den Protesten beteiligt waren. Zudem sollen mehr als 18.100 Menschen festgenommen worden sein.
Analysten zufolge übersteigt die Zahl der Todesopfer die aller bisherigen Unruhen im Iran seit Jahrzehnten und erinnert an das Chaos während der Islamischen Revolution von 1979.
Das iranische Staatsfernsehen räumte am Dienstag erstmals Todesopfer ein und zitierte einen Beamten, der erklärte, das Land habe „viele Märtyrer“ zu beklagen.
US-Präsident Donald Trump rief die Demonstranten unterdessen zur Fortsetzung der Proteste auf. „Iranische Patrioten, protestiert weiter – übernehmt eure Einrichtungen“, schrieb er auf Truth Social. Er habe alle Treffen mit iranischen Vertretern abgesagt, bis das „sinnlose Töten von Demonstranten“ aufhöre. „Hilfe ist auf dem Weg“, so Trump weiter.
Vor Journalisten erklärte Trump am Dienstagabend, seine Regierung warte auf verlässliche Opferzahlen, bevor sie „entsprechend“ reagiere. Die Aussagen fielen vor dem Hintergrund von Spekulationen, ob er seine Drohungen einer militärischen Intervention umsetzen könnte.
Ali Laridschani, Sekretär des Obersten Nationalen Sicherheitsrates des Iran, machte Trump sowie den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu für die Toten verantwortlich. „Wir nennen die Hauptmörder des iranischen Volkes: erstens Trump, zweitens Netanjahu“, sagte Laridschani.
Skylar Thompson von HRANA erklärte, die Zahl der Todesopfer sei innerhalb von nur zwei Wochen viermal so hoch wie bei den Mahsa-Amini-Protesten im Jahr 2022. „Wir sind entsetzt, glauben aber, dass diese Zahlen noch konservativ sind“, sagte Thompson und warnte vor weiter steigenden Opferzahlen.
Iran streckt die Hand aus – die Welt kann kaum eingreifen
Die Beobachtung der Proteste aus dem Ausland blieb schwierig, da die iranischen Behörden eine mehrtägige Internetsperre verhängt hatten.
Augenzeugen in Teheran berichteten am Dienstag telefonisch von einem massiven Sicherheitsaufgebot, verbrannten Regierungsgebäuden, zerstörten Geldautomaten und nahezu menschenleeren Straßen. Mehrere Einwohner kontaktierten das AP-Büro in Dubai, Rückrufe waren jedoch nicht möglich.
Der SMS-Verkehr blieb unterbrochen. Laut Informationen von Euronews konnten Internetnutzer im Iran lediglich auf staatlich genehmigte Webseiten zugreifen, nicht jedoch auf ausländische Angebote. Aktivisten berichteten am Mittwoch, dass Starlink im Iran einen kostenlosen Dienst bereitstelle.
Die Proteste hatten Ende Dezember 2024 begonnen, ausgelöst durch die dramatische wirtschaftliche Lage. Nachdem der iranische Rial eingebrochen war und zeitweise mit über 1,4 Millionen pro US-Dollar gehandelt wurde, weiteten sich die Demonstrationen rasch zu einer grundlegenden Herausforderung des theokratischen Systems aus.
Der Iran wurde in den vergangenen Jahren wiederholt von Unruhen erschüttert. Besonders die Proteste nach dem Tod der 22-jährigen Mahsa Amini im Jahr 2022, die nach ihrer Festnahme wegen angeblicher Verstöße gegen die Hidschab-Vorschriften in Polizeigewahrsam gestorben war, hielten monatelang an und forderten Hunderte Todesopfer.