Türkei stoppt letztes geplantes Kohlekraftwerk nach Protesten – doch neue Anlage bereits angekündigt.
Umweltaktivistinnen und -aktivisten in Türkiye sprechen von einem „Sieg für die Bevölkerung“. Ein Gericht hat die geplante Erweiterung des größten Kohlekraftwerks des Landes gestoppt.
Bewohnerinnen und Bewohner der Region unterstützten Greenpeace Türkiye im Kampf gegen den Bau von zwei weiteren Blöcken im Wärmekraftwerk Afşin-Elbistan A in der südöstlichen Provinz Kahramanmaraş.
In ihrer Klage verwiesen sie auf mögliche Folgen der Erweiterung für die Gesundheit der Menschen, landwirtschaftliche Flächen, Wasserressourcen und lokale Ökosysteme.
In der vergangenen Woche, am 8. Juli, hob das Gericht die Ende 2024 erteilte Umweltverträglichkeitsprüfung (EIA) für das Projekt auf. Es kam zu dem Schluss, dass „die möglichen negativen Umweltauswirkungen des Projekts nicht auf ein akzeptables Niveau begrenzt werden können“.
„Seit Jahren kämpfen wir für saubere Luft, fruchtbare Böden und die Zukunft unserer Kinder. Diese Gerichtsentscheidung ist ein Sieg für die Menschen in Afşin und Elbistan“, sagt Mehmet Dalkanat von der Plattform für Leben und Naturschutz Afşin-Elbistan, die gemeinsam mit Greenpeace gekämpft hat.
„Jetzt ist es Zeit, die Schließung aller bestehenden Kohlekraftwerke über einen gerechten Übergangsprozess durchzusetzen, der Menschen und Natur schützt.“
Türkiye: Kann das Land seine Kohleabhängigkeit beenden?
Die Erweiterung des Kraftwerks Afşin-Elbistan um 688 Megawatt war eines von nur zwei aktiven Kohlekraftwerksprojekten in Türkiye. 2015 lagen noch Pläne für 95 Blöcke mit zusammen 57,5 Gigawatt vor. Mit der jetzigen Entscheidung steigt die Stornierungsquote der Kohleprojekte im Land auf 97 Prozent – weltweit einmalig.
Dennoch hat das Land bis heute keinen nationalen Kohleausstiegsplan. Das zweite Projekt in der Pipeline – eine Erweiterung des Kohlekraftwerks Cenal um 1.050 Megawatt, das derzeit 1.320 Megawatt Leistung hat – wurde erst im Juni vorgestellt. Und das, obwohl Türkiye im November gemeinsam mit anderen Staaten die UN-Klimakonferenz COP31 ausrichten soll.
„Eine Ausweitung der Kohlekraft ist mit der Ausrichtung des weltweit größten Klimagipfels unvereinbar und vermittelt den Eindruck, dass Klimaschutz nicht ernst genommen wird“, kritisiert die Kampagnenorganisation Beyond Fossil Fuels.
Kohle spielt im türkischen Strommix weiterhin eine zentrale Rolle und steht für fast ein Drittel der Stromerzeugung.
Der Kohlepark des Landes mit einer installierten Leistung von 20,5 Gigawatt ist im Schnitt 24 Jahre alt. Für kein Kraftwerk gibt es bekannte Stilllegungsdaten, warnt CAN Europe in seinem Bericht „Boom and Bust Coal 2026 (Quelle auf Englisch)“.
Türkiye erzeugt mehr aus Kohle gespeiste Terawattstunden als jedes andere europäische Land, und die Produktion hat ihren Höhepunkt noch nicht erreicht, heißt es weiter. Staatliche Förderpolitik hält die Branche künstlich am Leben, unter anderem über ein im vergangenen September angekündigtes Vergütungssystem, das Kohlekraftwerken bis 2030 feste Abnahmepreise zusichert.
Kohleprojekt in Türkiye „nicht im öffentlichen Interesse“
Die Erweiterung in Afşin-Elbistan lag das ganze Jahr 2025 wegen laufender Klagen auf Eis. Im vergangenen September legte ein vom Gericht eingesetztes Expertengremium einen Bericht zu den negativen Folgen des Projekts vor und kam zu dem Schluss, dass es nicht im öffentlichen Interesse liegt.
Die Fachleute bemängelten fehlende Prüfungen, veraltete Angaben zu Bergbaulizenzen und nicht untersuchte kumulative Auswirkungen auf das Grundwasser. Zudem seien die Lebensgrundlagen und kulturellen Werte der lokalen Bevölkerung gefährdet.
Vor allem Gesundheitsrisiken für die Allgemeinheit, insbesondere für besonders verletzliche Gruppen, seien unzureichend berücksichtigt worden.
Auch andernorts stehen türkische Kohlekraftwerke in der Kritik: Einige sollen ohne angemessene Filtersysteme betrieben werden, während ineffiziente Anlagen hohe Mengen CO₂ und Luftschadstoffe wie Schwefeldioxid und Feinstaub ausstoßen.
Der Widerstand gegen den Kohlesektor wächst. Umwelt- und Bürgerinitiativen warnen, dass separate Pläne zur Ausweitung des Kohlebergbaus für die Versorgung des Südwestens Olivenhaine, Wohngebiete und Kulturstätten gefährden könnten.
Erneuerbare Energien: Chance auf bessere Zukunft für Türkiye?
Wenn Subventionen von der Kohle in saubere Energien und die Modernisierung der Netze umgelenkt würden, ließe sich die Versorgungs- und Arbeitsplatzsicherheit in kohleabhängigen Regionen besser sichern, argumentiert CAN Europe.
Da Finanzierung und Fördermittel für Kohle zurückgehen, verschwinden immer mehr Arbeitsplätze in der Branche. Zugleich steigen die Kosten für die Stromerzeugung aus Kohle.
Erneuerbare Energien werden dagegen Schritt für Schritt günstiger: Nach Angaben von CAN Europe sind die Kosten für Solarstrom in Türkiye in den vergangenen zehn Jahren um 69 Prozent gesunken, für Windstrom um 40 Prozent.
Ein im Mai 2025 veröffentlichter Bericht von Greenpeace Türkiye kommt zu dem Ergebnis, dass Investitionen in erneuerbare Energien allein in der Region Afşin-Elbistan Tausende neue Arbeitsplätze schaffen könnten.
Laut dem Energieministerium hat Türkiye bereits rund ein Drittel seines Ziels erreicht: Bis 2035 soll die Kapazität erneuerbarer Energien auf 120 Gigawatt steigen.
„An diesem entscheidenden Punkt kann Türkiye seine Rolle als COP-Gastgeber und -Präsidentschaft nutzen, um einen klaren Pfad für die Energiewende zu definieren“, sagt CAN Europe. Dieser müsse die bestehenden Ziele für erneuerbare Energien erfüllen, von Verschmutzung betroffene Gemeinden unterstützen und die Beschäftigten in eine kohlefreie Zukunft führen.