Lateinamerikas Märkte, voran Chile, Peru und Argentinien, liegen bei Renditen weltweit vorn. Höhere Rohstoffpreise, schwacher Dollar, politische Impulse, Reformen treiben.
Lateinamerikanische Finanzwerte zählen Anfang 2026 weltweit zu den Top-Performern. Dahinter steckt eine seltene Kombination aus positiven politischen Impulsen, hohen Rohstoffpreisen und neuer Nachfrage nach Schwellenländern.
Aktien und Währungen der Region liegen deutlich vor den entwickelten Märkten. Damit enden mehrere Jahre relativer Schwäche.
Der Stimmungsumschwung folgt auf eine Reihe eng getakteter Ereignisse.
Ein anhaltender Rohstoffboom, vor allem bei Industrie- und Edelmetallen, verbessert die Perspektiven für die exportorientierten Volkswirtschaften Südamerikas.
Die Folgen der jüngsten Festnahme von Venezuelas Präsident Nicolás Maduro durch die USA sind noch nicht absehbar. Manche Anleger deuten den Sturz dennoch als positives Signal. Einige hoffen, dass dadurch geopolitische Extremrisiken sinken, die der Region seit Langem anhängen.
Zusätzlichen Schwung brachte die Ankündigung des EU-Mercosur-Handelsabkommens. Sie weckte die Hoffnung auf eine stärkere Handelsverflechtung zwischen Europa und Lateinamerika, auch wenn es weiter Zweifel an der vollständigen Umsetzung gibt.
Auch das globale Umfeld spielt eine zentrale Rolle. Große Investmentbanken wie Bank of America und AllianceBernstein erwarten für 2026 einen schwächeren US-Dollar. Das erhöht die Attraktivität von Anlagen in Schwellenländern.
Historisch fallen Dollar-Schwächephasen oft mit starken Jahren für Schwellenländer zusammen. Kapital fließt dann dorthin, wo die Renditen höher sind.
Besonders profitieren Länder mit hoher Metallabhängigkeit. Chile und Peru, wichtige Produzenten von Kupfer, Silber und Gold, verbuchen kräftige Zusatzgewinne durch die Metallrally.
Chile, der weltweit größte Kupferexporteur, lieferte 2024 laut ITC Trade Map 14,9 Millionen Tonnen des Metalls aus.
Lateinamerika glänzt unter den globalen Top-Märkten
Zahlen von CountryETFTracker zeigen: Fünf lateinamerikanische Länder gehören in den vergangenen drei Monaten zu den zehn weltweit am besten laufenden Aktienmärkten.
Chilenische Aktien liegen seit Mitte Oktober um 36,6 Prozent vorn. Über ETFs ist Chile damit der weltweit am besten investierbare Aktienmarkt. Gleichzeitig hat der chilenische Peso in den vergangenen zwei Monaten um mehr als acht Prozent zugelegt. Das spiegelt bessere Handelsbedingungen und neue Zuflüsse in Portfolios wider.
Auch Argentinien sticht heraus: Seit Oktober sind die Aktienmärkte um 27,45 Prozent gestiegen. Anleger reagieren positiv auf die Liberalisierungsreformen von Präsident Javier Milei, der im Dezember 2023 sein Amt antrat.
Der Internationale Währungsfonds bescheinigte der Regierung Milei im jüngsten Regional Economic Outlook ein „ambitioniertes Paket marktorientierter Reformen“. Ziel sind höhere Produktivität, weniger Bürokratie und tragfähige Staatsfinanzen.
Der IWF betonte, bei konsequenter Umsetzung könnten die Reformen mittelfristig deutliche Gewinne bringen. Sie öffnen Argentiniens Wirtschaft und stärken das Vertrauen der Investoren. Trotz allem waren die Sparmaßnahmen bei ihrer Ankündigung in der Bevölkerung äußerst unpopulär. In Argentinien kam es zu Protesten.
Neben Chile und Argentinien verzeichnet Peru Aktiengewinne von rund 27 Prozent. Der peruanische Sol steht gegenüber dem Dollar so hoch wie seit mehr als fünf Jahren nicht mehr.
Andernorts stiegen die Aktien in Kolumbien um etwa 16 Prozent. Brasilien komplettiert die regionale Spitzengruppe mit einem Plus von zwölf Komma neun Prozent.
Zum Vergleich: Der US-Index S&P 500 legte im selben Zeitraum nur um 4,8 Prozent zu. Deutschlands DAX kommt auf rund fünf Prozent. Das unterstreicht die klare relative Überperformance Lateinamerikas.
EU-Mercosur-Abkommen signalisiert strategische Neuausrichtung für Lateinamerika
Das lang erwartete EU-Mercosur-Handelsabkommen, seit mehr als zwei Jahrzehnten in Arbeit, soll am 17. Januar in Paraguay offiziell unterzeichnet werden. Es wäre ein Wendepunkt in den Beziehungen zwischen Europa und Südamerika.
Für die Gründungsmitglieder des Mercosur-Blocks, Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay, ist es das erste große Handelsabkommen mit einem externen Partner. Es öffnet einen bevorzugten Zugang zu einem Markt mit knapp 450 Millionen EU-Verbrauchern.
„Die Billigung des EU-Mercosur-Abkommens ist ein Meilenstein. Nach Bevölkerung entsteht damit die größte Freihandelszone der Welt“, schrieb Ángel Talavera, Leiter Europäische Makroökonomie bei Oxford Economics, in einer Analyse.
Gemeinsam stehen die EU und die Mercosur-Volkswirtschaften für rund ein Viertel der weltweiten Wirtschaftsleistung und etwa 780 Millionen Menschen.
Für Lateinamerikas Märkte reicht die Bedeutung über bessere Agrarzugänge nach Europa hinaus. Das Abkommen soll Zölle und nichttarifäre Hürden bei industriellen Vorleistungen senken. Besonders profitieren Industriestandorte wie Brasilien und Argentinien: geringere Kosten, mehr Wettbewerbsfähigkeit und engere Lieferketten.
Eine Studie von Banco Santander sieht das Potenzial, Handels- und Kapitalströme in Südamerika grundlegend zu verändern. Die EU steht schon heute für fast 370 Milliarden Euro an Direktinvestitionen in Mercosur und für mehr als 125 Milliarden Euro Jahreshandel.
Das brasilianische Institut für angewandte Wirtschaftsforschung erwartet, dass das Abkommen Brasiliens BIP um rund 0,5 Prozentpunkte erhöhen und die Investitionen jährlich um 1,5 Prozentpunkte steigern könnte. Dahinter stehen bessere Exportaussichten und mehr ausländische Direktinvestitionen.
Prognosen des Real Instituto Elcano und der Bank von Spanien deuten darauf hin, dass der Handel zwischen EU und Lateinamerika langfristig um bis zu 70 Prozent wachsen könnte. Der innerregionale Austausch in Lateinamerika könnte um bis zu 40 Prozent zulegen.
Ein Wendepunkt für Lateinamerika?
Die jüngste starke Performance Lateinamerikas an den globalen Finanzmärkten wirkt wie mehr als nur zyklischer Rückenwind.
Steigende Rohstoffpreise, sinkende geopolitische Risiken und ein schwächerer US-Dollar locken nach Jahren der Unterperformance wieder internationale Anleger in die Region.
Zugleich stärken Reformdynamik in Ländern wie Argentinien und neue Handelsbrücken nach Europa das Vertrauen in stabile Politik und langfristiges Wachstumspotenzial.
Probleme bleiben, und viele Vorteile zeigen sich erst mit der Zeit. Doch an den Märkten gilt Lateinamerika zunehmend als Lichtblick unter den Schwellenländern.
Vorerst ist die Mischung aus hohen Renditen, besseren Fundamentaldaten und strategischer Bedeutung im Welthandel für Anleger kaum zu übersehen.